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Die Verjüngung der Welt.

Ein sonderbares Zusammentreffen fügt es, daß in diesem Frühjahr, in den Monaten April, Mai und Juni, mehrere große europäische Mächte ihre parla­mentarische Negierungsbasis durch Wahlen erneuern. In Deutschland ist der Wahltermin noch nicht festgelegt, dürfte aber in die letzte Woche des Mai oder in den Anfang des Juni fallen. In Frankreich wird ungefähr zu gleicher Zeit oder etwas früher gewählt werden, und soeben hat ein italienisches königliches Dekret die alte Kammer aufgelöst und die Neuwahlen für den 6. April ausgeschrieben. In Spanien kehrt man nach nur kurzer Militär-Diktatur zum Parlamen-- tarismus zurück, und die Wahlen dort finden im Früh­jahr statt. England hat sein . parlamentarisches Kabinett auf Grund der Dezemberwahlen schon gc» wccl)sclt, und in Rußland vollzieht sich mit dem Tode Lenins eine Wandlung mehr des persönlichen Ein­flusses als der politischen Tribüne, eine Wandlung, deren Wege man noch nicht kennt, die aber jedenfalls das bolsä>ewiki'sche Reich immer zielbewusster aus dellen Experimentierstadium in die Epoche einer praktischen Diplomatie und Politik überführen wird.

Ist es wirklich nur ein Zufall, daß alle diese Wahlen zu sa ni men treffen, oder ist in allen Völkern das Bedürfnis lebendig, die Grundlagen, die mehr oder weniger unmittelbar nach dem Kriege, alio auf einer anormalen politischen Weise in Europa gelegt worden sind, aufzufrischen und jetzt eine Politik cinzuleiten, welche sich nicht mehr mit den durch den Krieg auf­gewühlten Gefühlen und Leidenschaften, sondern mit dem realen Jnterelle und den Erfahrungen der letzten fünf Jahre beschäftigen soll? Es spricht zweifelsohne mancherlei für diese tröstliche Hoffnung: In England ist sicherlich in den letzten beiden Jahren ein solcher Stinvmungsumschwung eingetreten, daß sich die Par­teien, die am meisten von Kriegserinnerungen zehrten, die Konservativen, nicht länger halten konnten, und daß die Regierungsgeschäfte in die Hände der Parteien übergingen, die sich gleich nach dem Kriege zu Wort­führerinnen der Völkerversöhnung mit allen politischen und wirtschaftlichen Konseguenzen machten. Die Er­folge der englischen Arbeiterpartei sind ein absolut gültiger Wertmesser dafür, wie sich die Seele Europas trotz mancher äußeret Momente, die dagegen sprechen könnten, gervandelt hat. Auf dem Kontinent aller, dings sprechen gowille Anzeichen dagegen, da sich dort die nationalistische Bewegung m den letzten Monaten gegen den Parlamentarismus aufbäumts. Aber in Deutschland ist diese Bewegung ohne innere Kraft und nur genährt worden durch die verzweifelte Lage der Bevölkerung. Man kann heute schon sagen, daß eine grundsätzliche Wendung der deutschen Politik zur Reaktion, die im Spätjahr fall unabwendbar schien, ausgelchloffen ist, wenn die Führer und Parteien, welchen der Schutz der Verfassung obliegt. ifire Pflicht tun. In Italien hatte die Diktatur Muffolini nie den Ebarakter einer allgemeinen politischen Reaktion, sondern den einer innerpolit-schen Zusammenfaffung lebendiger Kräfte auf rein italienffcher Basis. In der auswärtigen Politik und in den internationalen Bc- ziehungen aber bat Muffolini gezeigt, daß er durchaus bereit ist, dem .Zeitgeist der Versöhnlichkeit Rechnung zu tragen. Die Herstellung eines langfristigen Friedens mit Südslamien und die Mederanknüvsung der Beziehungen mit Griechensgnd sind daftir die besten Beweise. Problematisch ist die Laoe lediglich in Frank­reich. wo auch heute noch starke Kräfte am Werke sind, die Vereinigung aller nationalillffchen Elemente in der Kammer zu erhalten. Propheneinngen darüber anzustellen, ob es der radikal sozialistischen Partei und der übrigen Linken in Frankreich gelingen wird, den Moe national zu sprengen, ist zu früh, weil eine politische Spekulation auf ein solches Ereignis zu schweren Irrtümern, namentlich für die deutsche Politik, führen müßte.

In der Stimmung der deutschen Öffentlichkeit spürt man allerdings von einem Vöskerfrübling sehr wenig. Abgesehen von dem sozial warmherzigen und politisch aufrichtigen Appell des früheren Reichskanzlers Dr. Wirth an die demokratischen Wählsrmaffen des Zentrums, der überall einen starken Nachhall ge­funden und auf der Reichskonferenz des Zentrums in Berlin zu einem vollen Sieg der demokratischen ver- faffungstreuen Richtung geführt hat, ist vorläufig noch alles im tiefen Winterschlaf begriffen. Aber es be­ginnt doch langsam zu tauen: Der Ausnahmezustand, der jode politische Betätigung einschnürt und erstickt, wird wohl in der allernächsten Zeit aufgehoben wer­den, und es ist zu hoffen, daß sich mach d-r Aburteilung der bäuerischen Landesverräter Hitler, Ludendorsf und Genossen die Lage in Bayern so klärt. Mit auch dort

Nr. 23.

Montag, 28. Januar 1924.

72. Jahrgang.

die Zustände abgestellt werden können, die der Regie­rung Knillina selbst zum Ärgernis geworden sind. Die Einberufung des Reichstages ist noch unsicher, sie wird sich, wahrscheinlich auch die des Auswärtigen Aus- fckMffes, zunächst noch etwas verzögern, aber nur aus dem praktischen un/b durchaus einsichtigem Grunde, weil in wenigen Tagen die beiden Ausschüsse der Rcpara- tionskommission in Berlin erwartet werden, wodurch mft den enffcheidenden Stellen Verhandlungen über die Reparationsfroge notwendig werden, welche durch parlamentarische Debatten nicht gestört werden sollen. Mit aller Energie mühten aber Versuche abgewehrt werden, den Reichstag länger, als es im nationalen Interesse geboten ist. auszufchalten. Die Erfahrungen, welche wir in der Periode des Ermächtigungsgesetzes gemacht haben, zeigen, daß ein moderner Staat die Tribüne des Parlaments braucht, und dah seine Be­seitigung zur politischen Jntereffenlosigkeit, zu bürger­licher KräHwinkelei und zur Herrschaft von Cliquen führt' __________________

• M der Reise der kaMMim-MMe r-ch Berlin.

Paris, 28. Jan. (Eig. Dvahtbericht.) Die Leiden Sachverständigenausschüsse rüsten sich zu ihrer Reise nach Berlin. Heute abend verläßr der Ausschuh Dawes Paris, am Dienstag wird auch der zweite Ausschuß nach Berlin abreisen. Die bel­gischen Mitglieder des zweiten Sachvcrstän- digenausschuffes halten sich zurzeit in Brüssel auf und werden von dort aus die Reise nach Berlin an« treten. Die Sachverständigen stehen nach dem ,,Rew Por. Herold" auf dem Standpunkt, daß eine gün­stige Lösung des Reparationsproblems unter Zugrundelegung sämtlicher Einnahmequellen Deutschlands gefunden werden könne. Die Einnahmen des Ruhrgebiets sollen indeffen in erster Linie zur Be­zahlung der Reparationen herangezogen werden.

Berlin, 28. Jan. (Eig. Dvahtbericht.) Der e r st e Sachverständigenausschuß, der heute abend in Paris abreist, wird morgen hier eintreffen. Der Zweite Ausschuß verläßt Paris morgen abend und trifft Mittwoch früh in Berlin ein. Beide Aus­schüsse werden mft ihren Mitgliedern. Sekretären und ihrem Hiffspersonal eine ziemlich große Zalck von Köpfen umfaffen. Man spricht von ungefähr 100 Per­sonen. die gemeintarm in einem großen Berliner ftotel untergebracht werden sollen. Besondere Arbeits- rälune werden der Kommission in einem Reichsgebäude »ur Verfügung gestellt werden. Die ganzen Vor­bereitungen lasten darauf schließsen, daß die Arbeit der Kommffsion von der bisherigen Behand­lung der Finanz- und Reparationsfrage ab weich en wird.

Die Enquete fiter die Eisenbahnen.

Paris, 27. Jan. Wie der „New York Herold" be­richtet, bezieht sich die Enquete, die das Sach- oerftänbigenfomitee über die deutschen Eisen­bahnen veranstaltet hat, auch auf die Ein­nahmen aus den Ruhreisenbahnen, die als Bestandteil der Einnahmen des Reiches betrachtet werden. Es fei jedoch möglich, daß ein Teil der Ein­nahmen, namentlich die aus dem Ruhrgebiet, aus­schließlich für Reparationszahlungen Verwendung fin­den könnten.

Macdonald und Mac Kenn«.

Pari«, 27. Jan. Wie aus London berichtet wirb, wird Macdonald mit Mac Senn», dem Vor­sitzenden des zweiten SachMerständigenausschuffes, der sich zur Zeit in London aufhält, vor desten Abreise nach Berlin verhandeln. Rach derselben Meldung ver­sichert man in politischen Kreisen, Macdonald und Mac Kenna seien hinsichtlich der zu verfolgenden Politik, namentlich, was die beiden Sachverständigen- ausjchüste anbcträfe, vollkommen einig.

Die Absichten der englischen Regierung.

London, 28. Jan. (Eig. Drahtbericht.s Der diplo­matische Berichterstatter des „Daily Telegraph" schreibt, es sei wenig wahrscheinlich, daß die englische Regierung ihren Reparationsplan bekannt geben werde, bevor sie im Besitz der Berichte der Sach- Verständigenkomitees sei. Diese Berichte dürften aber kaum vor einem Monat fertiggestellt fein. Dagegen werde die Regierung wahrscheinlich versuchen, in der Frage derdeutschen Ernährungsanleihe in den Bereinigten Staaten sobald als mögfich eine Lösung herbeizuführen. i

M toglfSe WkimlMn in Boris.

Pans, 27. ^>an. Ministerpräsibent Poincar < bette dkvte nackimittak von 3 bis 5 Ubr mit dem belgischen Autzen- nunister s a i p a r verhandelt, der um 1 Ubr mittag» in Pans angekommen war.

.Die ohne vorherige Ankündigung ersolate Reife Sasvars nach Pans bat wie der Äorreiponbent des Jtemps1' be-

'n Drüükl lebhafte Aufmerksamkeit et= rc9‘.-. Von tm allgemeinen aut unterrichteter Seite wird erklärt? Poincars und Safpar werden über Vermal- t u n g s f r a g e n . die das Ruhrgebiet betreffen, sprechen, namentlich über ben Ertrag der Pfänder. SßabrfSeinliti würben auch andere Detailfvagen geprüft werden und es lei anzunehmen. daß Soinar mit Poincarö auch über die all seme > ne diplomatiiche Lage ivrewen werde. Wie der „Etoile Bclge" mitteilt, hatte Macdonald geltern. nachmittag mit dem belgischen Botschafter in London eine ziemlich lange Unterredung. Diese Unterredung habe, wie es icheine, die englische Politik gegenüber den Alliiee- ffn. insoeionoere gegenüber Belgien zum Gegenstand ge- habt. Gestern, am bäten Abend, sei der Bericht über diese Unterredung >n Brussel einoctraffcn. und zwar fei das zeit- -l(rr Deschlufe des Ministers Safpar zufammense-

faffen RÄ nach Paris zu begeben. Wie der Brüsseler Ve- r chbistatter des „Journal des Döbats" meldet, erklärt man in politischen Kreisen, die Unterredung Iaspars mit Po-ncarö habe sich auf die Arbeiten der Sachoer- st a i: d i g e n a u s f ch ü s fe erstreckt und Jaspar habe Poin- carö einige Aiifklärnngen über die technischen Studien der belgischen Delegierten gegeben.

®«is. 27. San. Der Unterredung, die beute nach­mittag zwilchen dem Ministerpräsidenten Poincart und dem belgischen Avtzenminister Ja spar ftattaefunben bat. haben keine Mitarbeiter von beiden Ministerien teilge- nommen. Nack Beendigung der Unterredung ist der Presse keine Mitteilung »ugeaangen. Auch über ben Meinungs­austausch selbst werden amtlicherseits keine Mitteilungen gemacht. Der diplomatische Redakteur der baoasagentur ?'s"sbt versichern zu können, dah die Verhandlungen sich bauvlsach ich auf das Reparationsproblem be­zogen. besonders auf die Frage der Verwaltung des Ruhr-- gebietes Der Ertrag der Pfänder fei im einzelnen geprüft Afchen. die Lase sei günstig. Ein Nettoertrag von einer Milliarde Franken im Sabre könne schon jetzt als wahr­scheinlich angenommen werden. Im übrigen wird ein offt« oiefles KommuniauS veröffentlicht werden. Die beide» Min-ster batten auch bie französisch - belgischen Beziehungen erörtert, wie sie sich nach der Bildung der englischen Arbeiterregung gestalteten. Es scheine nicht, dah im Augenblick eine Neuorientierung der britischen Sinken« wl-tik zu erwarten fei. Minister Jaspar wolle, wie in Vergangenheit, io auch jetzt alles versuchen, nm eine ubenbrurfuTig der englisch-französischen Gegensätze herbei,n- fuhren. Die. Verhandlungen batten sich aus die Tätigkeit der Eachreritandigenausschüsie und auf das Studium bet belgisch-technischen Pläne bezogen. Schliefelich fei bie Lage in ber Pfalz ^sprachen worden. Es scheine, daß man in Vans nicht mehr darauf bestehe, die Verordnungen der separatistischen 'Kenterung anerkennen zu wollen. Dagegen werde man sich weigern, die ausgewiesenen Beamten, die sich feindselig gegen die Besatzungsmächte verbalten hätten, wi^cr.zuzulassen. Sm Laufe der Verhandlungen sei kein endgültiger Entschlafe gefaxt worden. Man wisse mir. dass man französischerfeits die Ansichten teile, die ber Veitikter der belgischen Regierung heute nachmittag ent« wickel, habe Minister Safnar hat heute mit dem belgischen Sackiw rständigen in den beiden Ausschüssen verhandelt. Er wird die Rückreise nach Brüssel morgen vormittag antreten.

Parts, 28. San. (Ein. Drahtbericht.) Die Zusaminen- rnnft Safpars mit Poincar« wird sowohl von belgischer wie von französischer Seite mit Geheimnissen umgeben. Smmerhin wird versichert, dah Ialvar auf besonderen Wunsch Poincarös aus Brüssel her- beigeellt war. Die Ausfprackre zwischen den beiden Staats­männern erscheint, wie aus vielen Vresseäusieningen ber- vorgeht. von geradezu entscheBdender Wichtigkeit gewesen zu sein. Frankreich Und Belgien haben nämlich von NarnSav Macdonald Aufschlüsse über bie Wünsche und Absichten der englischen Arbeiterpartei erhalten. Mit ein« schneidenden Veränderungen in ber diplo­matischen Lage auf Grund der aktiven Politik Macdonalds dürste bereits innerhalb der nächsten 14 Tage zu rechnen lein. PcincorS und Safpar haben es unter d'efen Umstän­den für richtig gehalten, eine gemeinsame Stellungnahme zn "»rabioden, ohne daß inideffen gestern definitive Be­schlüsse gefaxt worden sind.

Paris, 28. San. (Eig. Drahtbericht.) Die geftngc Unterredung zwischen PoincarS und Safpar dauerte zwei Stunden Jaspar war von seinem Kabinettsches begleitet. Auf französischer Seite wohnte der Unterredung kein Be­amter oder Divlomat bei. Wie die Zeitungen berichten, wurde besonders über die Ruhr gesprochen. Jaspar wird beute vormittag wieder nach Brussel zurück- kebren.

tfber den Inhalt der geftriaen Unterredung gibt das ..Echo de Paris" einige Ausschlüsse. Pertinax erkennt an. dah den Besprechungen grobe Bedeutung «Kommt Man habe sich davon Rechnung abgelegt, bafc Mac­donald früher ober Später zur Revarationsftage Stellung nehmen werde und daß dies in einer Art geschehen könne, bie leider die Möglichkeit eines heftigen Zu­la m m e n ft o fe « s nicht ausschliefee. der vielleicht $um gänzlichen Bruch fuhren könnte. Unter diesem Umständen xmfifeten Paris und Brussel vorsichtig vorgehen. Ci« mühten versuchen das Wesentliche auftecht zu erhalten und das Nebensächliche auwigeben. In der Pfalzfrage werde Frankreich nicht darauf bestehen, die Anerkennung der autonomen Regierung zn verlangen und auch die Rati- f*lie-ung ihrer bisher veröffentlichen Verordnungen ver­werfen. Es werde sich aber der Rückkehr der ausgewiesenen Beamten widenetzen die nach ihrer Rückkehr nur eines Herd des R-manchegedankens wären. Was die Verwal­tung der Dsalz anbelange. So bähe Safpar es nicht ver­mocht. von London die Zustimmung für die Regelung diese, Frage durch die RHeinlandkominission zu erlangen Aus Prinzip mugten aber Schritte unternommen werdet» m