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6 Ausgaben.
Wöchentlich
Ollfdctflrul»: Srantfurt 1.TO. Nr. 7405.
Berliner Abteilung der Wiesbadener lagblaltr: Berlin-Wilmersdorf, Laubacherstratze 35, Fernsprecher: Rhein,au 2186.
Mittwoch, 23. Januar 1924.
72. Jahrgang.
Nr. 19
Lenin t
Lenin
als einen Sriligen
Son 8 Ubr morgen, bi. 6 Uhr oben bi, nüber Sonntags. P.stlchedtonto: Frankfurt «. TO. St. 7415.
Eine Sitzung des Reichskabinetts.
Berlin. 23. Ian. In der aestrinen Sitzung des ReiÄskabine 1 i s erstattete der Reichssinanzminister Dr. P u t h e r über b:c gevlante dritte neue Sieuernotverord- nung BeriÄt Beschlüsse wurden nickt nefc6t. Die Beratungen werden fortgeiefet. Weiter berichtete der deutsche G-schäftsträger in Paris Batlchaftsrat v. Soes.ch. über seine Besprechungen mit dem französischen Mrnlstervrast- benten.
Von den beiden starken Sausen, di« bisher das neue Rußland getragen haben, Centn und Tronin, ist die eine geborsten. Mit Wladimir Ilijtsch Uljanow, dem unter dem Namen Lenin in der ganzen Welt bekannten Führer der russischen Bolschewiken, sinkt der erste und größte Staatsmann Eowsetrußlands ins Grab' ein Mann von größter revolutionärer Energie, von eiserner Schwungkraft des Willens, mit starker Staatsmanni'cher Begabung, der Führer — fa man darf wohl sagen der Schöpfer des neuen Rußlands und mit gewissen Einschränkungen auch sein Herrscher. Also eine historische Persönlichkeit, an deren Grabe sich mehr noch als an dem sonst eines Staatsmanns die Frage erhebt: Was hat er gewollt und was hat er erreicht?
Zwar ist es ihm nicht an der Wiege gesungen morden, daß er einst der Führer seines Volkes sein werde, und wohl auch seine kühnsten Träume haben sich nicht dazu verstiegen. Wohl aber hat er sich von früher Jugend auf in nihilistischem Sinne betätigt und sich der Gruppe der Revolutionäre angeschlossen, um Rußland aus den Fesseln des Zaren- und Knutentnms zu be- sr-icn. Aber mich ihm wäre vielleicht früher oder später nicht dasselbe Schicksal erspart geblieben, das seinen älteren Bruder ans denselben Gründen im Jahre 1889 traf, und er hätte wie jener am Galgen geendigt. Zn der Tat ist ihm, dem Sohne eines Gymnafial-
rellWtnialhlM der 3nteraIL HeinlanDMissm.
Bon der Interalliierten RbeinlandkommistionaeM uns nackstebende amtliche Bekanntmachung inr Peronent» lidiuna auf Grund der Derordnuna 97 Art. 15 iu:
Bekanntmachung.
Die Kobe Interalliierte Rbeinlandkommillion bat beschlossen, datz sämtliche, im besetzten Gebiet verkehrende Lastautos, obne Unterschied der Nationalität des Besitzer«, mit einem Autospiegel versehen sein müssey.
Wiesbaden, den 22. Januar 1924.
Cercle de Wiesbaden-VUle. Le D616eu6 de la H. C. I. T. Ä.
direktors in Simbirsk, dem typischen Vertreter jener „Reuen Generation", jener revolutionären akademischen russischen Jugend, die Rußlands klastischer Schrift- stcller Iwan Turgenjew in seinem allo letilelten Roman so packend schildert, im Jahre 1897 eine zweijährige Verschickung nach Sibirien nicht erspart geblieben, aus der er sich jedoch durch Flucht zu retten ver- mochte. Vom Auslande aus verfolgte rr mit glühender Propaganda feine Ideen weiter, sammelte eine Reihe von Gesinnungsgenossen um sich und sein Blatt „Iskr»' sDer Funke) und wußte seine Erzeugnisie nach Rußland einzuschmuggeln. Vorzeitig, schon während der ersten rusiischen Revolution, tauchte er wieder in der Heimat auf, mußte aber 1907 abermals flüchten und setzte weitere 10 Jahre hindurch von der Schweiz aus se' in Kampf gegen den Zarismus fort. Der Weltkrieg endlich ließ seine Ziele reifen und schuf ihm die Möglichkeit zur endgültigen Rückkehr in dje Heimat. Um die Märzmitte ‘1917 hatte der Sozialrevolutionär Kerenski die Macht -'n sich gerissen. Man versperrte Centn n Seeweg zur Rückkehr, um Kerenski vor Iln- annehi' lichkeiten zu bewahren. Da wandte sich Ccnin an die deutsche Regierung, die sich damals in der Zeit der höchsten Kriegsnot — Amerika war just in den Krieg eingetreten — von seiner Heimkehr allerlei versprach. Der Kanzler v. Bethmann-Hovweg und die Oberste Heeresleitung waren einverstanden, und Lenin wurde in einem plombierten Gepäckwagen durch das Reichsgebiet und das besetzte Polen hindurch nach Rußland geschmirgelt. Mit seiner gayzenEnergie ging er sofort ans Werk und nach einem mißlungenen Versuch im Zulj gelang es ihm am 7. Rovem'ber. durch eine zweite Revolution die Herrfchergewalt an sich zu reißen. Lenin trat an die Sritze des „Rates der Volkskommissare", und nun begann durch Jahre hindurch eine entsetzlich blutige Verfolgung aller Andersgesinnten. In furchtbarer Erinnerung steht noch der Scheinprozeß gegen die Sozialrevolutionäre und der sogenannten Katholikenvrozrß, die beide Entrüstungsproteste in der ganzen Kulturwelt auslösten So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß Lenin selbst Ende^ Awgust 1918 fast einem Attentat zum Opfer fiel: die Schüsie eines jungen Mädchens verwundeten ihn schwer am Arm und Rucken.
Auf den Trümmern des Zarentums flatterte das kommunistische Banner. Auf wirtschaftlichem Gebiete setzte ein unsinniges Rationalisierungs- und Sozialisierungstreiben ein, das in diesem schätzereichsten «Lande der Welt die Quellen der Volkswohlfahrt vollständig verschüttete und die rusiische Dolkswirtichaft an den Bettelstab brachte. Die „Rote Armee" verschlang Un- fuinmen anGeld- und Nahrungsmitteln.schwereHungers- nöte setzten ein; der Wirtschaftsverkehr der ganzen Welt wurde durch das kommunistische Erveriment in ungeahnter Weise mit zerrüttet, und das Vorhanden- sein des kommunistischen Brandherdes in dem großen Ostreich bedeutete jahrelang eine schwere Bedrohung des inneren und äußeren Friedens, vor allem für Deutschland, aber auch für alle übrigen Länder des Westens. Es dauerte geraume Zeit, bis diese Revo- tinn mich nur einigermaßen in eine Evolution einmündete. Zu Beginn des Jahres 1920 mußten Lenin und Trotzkn offiziell den Bankerott des Bolschewismus und seine Liquidierung eingestehen. Langsam wurden die Soldatenräte und das System der Betriebsräte abgeschafft An die Stelle der letzteren trat die Zwangs, rekrutierung der Arbeiter und Handwerker mit eiserner Disziplin. Die Rationalisierung der Betriebe wurde abgebaut und der Gedanke des Freihanvess auf gegriffen. Die wirtschaftliche Unfähigkeit des Bolschewismus zwang ibn zu weiten Konzesiionen an die Ausländer, und schließlich wurde das ganze kommunistische Programm als undurchführbar aufaegeben. Lenin selbst erklärte in einer zweistündigen Rede im Oktober 1,921, es sei ein Irrtum gewesen, zu glauben, daß der Besitz auf kommunistischer Grundlage aufgeteilt und die Massen in kommunistischem Sinne erzogen werden könnten, und der Allrusiische Kongreß gab seinen Segen zu diesem Eingeständnis des wirtschaftlichen Zusammenbruches durch den Kommunismus. Lenins neuer Reformismus ging so weit, daß et erklärte, nicht die Zerstörung des alten Mirtschaftstypus. des kleinen Unternehmertums, des Kapitalismus, sondern die Wiederbelebung des Handels, der Kleinwirtschaft, des Kapitalismus sei jetzt das Ziel. Auch unter den Parteiführern, „die sich für Administratoren basten", aber leistungsunfäbiq waren, wurde scharfe Musterung gestalten. Kurz, Lenin, der ein offenes Auge für das Notwendige hatte, riß ent- fchlosien "das Ruder des innerpolitischen Wirtsckafts- kttrses herum und erkannte in gewisser Beschränkung
Moskau, 22. Ian. (Ruff. Telegraphenagentur.l Am* A. Januar, 6 Uhr 30 Min., ist Lenin in Gorki bei Moskau gestorben. Das ärztliche Bulletin lautet: tum 21. Januar trat im Gesundheitszustand Lenins eine plötzliche Verschlimmerung ein. Um 5 Uhr abends trat Bewußtlosigkeit ein und allgemeine Entkräftigung. Um 6 Uhr 15 Min. gab Centn unter den Erscheinungen der Paralyse des Atmungszentrums seinen Geist auf.
In dem RegierungskommuniquS über den Tod Lenins heißt es:
Nichts deutete auf das Nahen des Todes bin. In der letzten Zeit war im Eesundheitszustand Lenins eine bedeutende Besserung eingetreten und alles schien darauf hinzudeuten, daß sich seine Gesundheit auch weiterhin bessern werde. Ganz unerwartet Met gestern, am 21. Januar, eine schroffeVerschlim'nerung ein und ein paar Stunden später verschied Lenin. Der in Moskau tagende Allruffische Rätekongreß und der in den nächsten Togen zu eröffnende Kongreß der Sowjetunion werden die nötigen Entscheidungen treffen, um die weitere ununterbrochene Arbeit der Sowjetregierung zu sichern. Das Hm'cheiden Lenins bedeutet den schwersten Schlag, der die arbeitenden Klaffen der Bevölkerung der Sowjetunion seit der Eroberung der Macht durch die Arbeiter und Bauern Rußlands getroffen hat und der jeden Arbeiter und Bauer nicht nur unserer Republik, sondern auch aller Länder schwer erschüttern wird. Die breitesten Masten der werktätigen Sorojetreaictuna werden das Werk Lenins weitersühren und den von ihm gewiesenen Weg beischreiten. Die Sowjetmacht steht auf dem Posten und überwacht die Eroberungen der proletarischen Union. Die Leiche wird sofort aus Gorki nachMoskau übergeführt werden und bis zu der am Samstag stattfindenden Beerdigung im Gewerkschaftshause aufgebahrt worden. Der ganzen Bevölkerung wird der Zugang zur Bahre freigestellt sein:
S i n o j e w bat einen Aufruf des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale an alle Sektionen erlassen. in dem es heißt:
Am 21. Januar ist Lenin unerwartet unter Erscheinungen der Paralyse des Atmungszentrums ge- storben. Die Leichenbestattung findet Samstag, 26. Januar, statt. Die Kommunistische Internationale hat ihren Führer und Lehrer verloren. Das internationale Proletariat hat den größten Verlust seit dem Tode Karl Marx erlitten. Hut ab vor dem frischen Grabe des großen Meisters. Die Anbeiter- klaffe und das internationale Proletariat weiß, was es in der Person Lenins verloren bat. Die Kommunistische Internationale und die Sowjets werden die Reihen zusammenschließen für die Arbeit im Geiste besten, was Lenin vermacht hat.
Moskau, 23. Ian. (Eig. DrahtberichtZ Die M i t- teilung vom Tode Lenins traf gestern während einer Sitzung des Räteköngreffes ein, wo Kalinin sie erschüttert bekannt gab. Der Tod kam ganz unerwartet. Die Delegierten weinten. Die Sitzung wurde zum Zeichen der Trauer sofort aufgehoben.
Unitigenoreife: Ortrirbe «meinen 200 TOültarbert TO., Sinan t-Un letflen 280 TOiHinrben TO., Bult barfett». »In jeigen 300TOittiarben TO., mi»w.Anzeigen300 Milliarden TO., irtl.Retlamen 600 TOilliarben TO. austo. Reklamen 90# TOiliiaroen 1". für bie etnfoaltiqe Stelonelteile. — Rlle Zeilenpreiie Hub freibleibend: Er. böhungen mit leiert. TOirtuitg ebne be on'ere Mitteilung. ffilr bi” Aufnehme non Anzeigen an bejtmm- ten Tagen u. Plätzen wird keine Eewähr übernommen. — Schluß der An teigen- Annahme: 10 Uhr »ernt.
t twweile: In, 2 erlog rbgrhelt: 1200Milliarden M., m den «»»gabeflellen:»«MiMarden TO., durch bie Träger m» Hau» gebracht 1300 Milliarden M., rem 14. — 26 Januar. — Lezugdl'estellnngen nehmen an: der Rerlog, bie thi»gabeb.ellen, bie Träger und alle Paftanfialten. — 3n ssä len höherer Gewalt, betriebe ft örungen ober Streik» haben bie Bezieher leinen Anspruch auf Lieferung be» Klette» ober auf Rückzahlung be» Bezugspreis«». »ooaoooeeiaoaooaaeiooooM<!ii»o»aMtioa»waB»Boooa3oi«
praktisch wieder das Recht des Privateigentums und der privaten Betätigung im Wirtschafts- und Erwerbsleben an. Zweifellos hat ihn dabei auch ein außenpolitischer Gesichtspunkt geleitet, nämlich das Streben nach der Anerkennung Sowjetruhlands durch die anderen Staaten, für das sich schon in Genua die diplomatischen Vertreter Rußlands vergeblich bemüht hatten. Seit Anfang des Jahres 1922 hatte sich Lenin infolge eines Herzleidens, das jetzt zu seinem Tode geführt hat, fast gänzlich von der Staatsleitung zurückgezogen!
Ter Kampf um das Erbs.
Berlin, 23. Jan. fDrahtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Man mag tu Lenin sieben, wie man will, man wird anerkennen müssen, datz mit ihm. den schwere Krankheit nun schon fast ein Jahr dem volitischen Leben sern- biclt. ein Mann dahingeganaen ist. der das Schicksal seiner Landes und damit zugleich auch
das Schicksal Eurovas
ai'fs siärllte beeinflußt bat. Von dem. was er gewollt, ist freilich fast nichts verwirklicht worden. Er selbst hat einmal gegenüber ähnlichen Vorwürfen ausgeführt: „Eine Weltrevolvtion kann nicht ohne Dersorechungen gemacht werden, gleichgültig, ob man sie erfüllt oder nicht. Wer das nicht versteht, begreift überhaupt nicht, wie eine Revolution gemacht werden muh.“ Gewiß, aber selbst Lenin wird es sich, als er am Ende des Weltkrieges dem Bolfa»e- wismus in Rußland rum Siege verhalf, nicht habe träumen lasten, datz das kommunistische Erveriment derart kläglich scheitern würde, wie es in der Tat geschehen ist. Wieder hielt der Kapitalismus in Rutzland leinen Einzug, zu Hilfe gerufen. nachdem keinerlei Mittel mehr vorhanden waren, um das kommunistische Erveriment sortzusetzen. Der Übet« gang zur „Rep (Neue Wirtscha'tsvolitik) bedeutet
die offizielle Bankerottcrklürung der früheren Lehren, und auch Lenins anderes Unternehmen scheiterte.. Mit Hilfe der .3 Internationale suchte er die Weltrevoluturn in allen Ländern vorzubereiten und erlebte auch hier ein Fiasko, ja. er mutzte leben, wie der Faszismus in Italien siegreich sein Hauot erhob. Trotzdem wäre nichts verkehrter, als diesen Mann zu unterschätzen, der. wie einst Peter der Grebe, den Mut batte: den gärenden Teig des russischen Volkes zu durckkneten. Man mutz und man kann ihn mit besonderem Matzstab messen. Er war
die treibende Kraft der Revolution.
Die rote Armee ist der Idee nach seine Schöpfung. Die blutige brutale Anwendung des roten Terrors bat er und niemand anders befohlen und später gehemmt. Und doch soll er eine feinbesaitete Seele gehabt haben. Die besten Impulse der Freundschaft und Humanität sind ihm nicht fremd, schreibt Marim Gorki von ihm. und an einer al leren Stelle van Gorki beitzt ee über Lenin: „Mir Meint datz das individuell Menschliche ibn fast gar »echt intet« efiiert. er denkt nur an Parteien. Masten. Staaten, und hier verfügt er über Gaben des. Hellsehers des Denkers und Experimentators. Sein persönliches Leben ist derart, datz ran in einer Epoche überwiegend religiöser Stimnuineen
betrachtet hätte." 1 . .
Wie der Tod Lenins sich im Sowietteich auswirken vlrd. ist schwer zu lagen. Die Meinungen der besten Sachkenner gehen in diesem Punkt weit auseinander. Die Tab s.rcho. datz Lenin eigentlich schon ein Jahr lang an der Politik keinen ider doch keinen entscheidenden Anteil mehr nahm — man lprach von ihm nicht mit Unrecht als von einem lebenden Lticknam — spricht gegen die Annahme, datz nun blutige Kämpsc in Rutzland ansbrechen werden. Andererseits ist aber auch bekannt, datz innerhalb der Kommunistischen Partei Rutzlands sehr grobe Meinungsverschiedenheiten bestehen. Der Kampf, der hier ausgefochten wird, und der zunächst zur Ä ,,,, , ,,
Kaltstellung Trotzkns
als des Führers der Opposition führte, geht im Grunde ge. nrmmen um das Erbe Lenins. Ob es Sinowrew oder Kamenew oder cb es Trotzkn gelingen wird, sich durch- ruietzen, oder ob ein anderer Mann auffteiot. um das Steuer >05 Staaisschistes Rutzland in die Hand zu nehmen, darüber kann beute keine Prophezeiung gewagt werden. Georg Porcff laut in seinem Werk ..Unter dem Eowietstern von Lenin: „Er bat Rutzland umgevflügt: das ist lein Werk, niemand macht es ihm nach, und ebenso, wie die Arbeit d 's Pfluges tiir den Acker fruchtbringend ist. so wird sich da-- nie da gewesene Zerstörungswerk eines Lenin für Rutzland als fruchtbar erweisen." Wie und in welcher Formt daraus wird freilich erst die Geschickte die Antwort erteilen!
