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Nr. 17.

Montag, 21. Januar 1924.

72. Jahrgang.

Die Ueberbrückung derMainlinie?

Die Begegnung, welche der Reichskanzler mit dem bayerischen Ministerpräsidenten in Homburg v. d. H. hatte, ist innerpolitisch von der allergrößten Bedeutung und dürfte auch ihre außenpolitischen Folgen nach der Richtung hin haben, daß sie das Ausland, welches immer noch glaubt, auf die Uneinigkeit der deutschen Stämme allzu sehr bauen zu können, darüber belehrt, daß die Notgemeinschaft des deutschen Volkes doch noch widerstandsfähiger ist als gewisse dunkle Treibe­reien. Zunächst^wird es sich bei den Besprechungen natürlich um dieMvenkschrift der bayerischen Regierung betreffs Revision der Weimarer Verfasiung g-chan- delt haben. Die Richtlinien, welche über die Be­handlung dieser Denkschrift im Schohe der Regie­rung vereinbart wurden, sind getragen von dem Leit­motiv, das der Behandlung des > ganzen Fragen­komplexes zugrunde liegen dürfte: Eine Erledigung des vordringlich Notwendigen, eine Klärung des Wün­schenswerten. Die Erörterungen, welche der Veröffent­lichung der.bayerischen Denkschrift in der ganzen Presie gefolgt sind, dürften die bayerische Regierung dahin be­lehrt haben, daß sie bei allem Wien Willen und unter Würdigung der Tatsache, dah sie nur das Beste Deutschlands gewollt habe, diesen schweren Fragen­komplex doch allzu sehr von dem bayerischen Stand­punkt aus behandelt hat und dah desien Aufrollung ge-> rade in dieser Zeit zum wenigsten nicht erwünscht sein konnte. Auch jene Kresse, welche der Meinung sein mochten, aus der Aufrollung der Frage der Revision der Weimarer Verfasiung und aus der Ablehnung einer sie befriedigenden Antwort eine billige Wahlparole herleiten zu können, werden sich inzwischen überzeugt haben, dah das deutsche Volk von der Bedeutung und Wichtigkeit der bevorstehenden Wahlen eine andere Auffassung hat als jene, welche mehr oder minder rom parteiegoistischen Standpunkt geleitet ist. Es gehört keine Prophetengabe dazu, um voraussagen zu können, dah ein Teil der bayerischen Forderungen schon in der allernächsten Zeit seine Erledigung findet. Es fehlt je­doch die Zeit, um die Revision der Weimarer Ver­fasiung als solche, insbesondere soweit sie einen Umbau der bestehenden Form betrifft, im jetzigen Augenblick zu erledigen. Aus der anderen Seite aber darf nicht übersehen werden, dah gegenwärtig die ganze avhen- politische Entwicklung im Fluh ist und dah eine Neu­gestaltung im Werden ist. Viel schwieriger ist es, ein­mal begangene Fehler durch nachherige Korrekturen wieder gut zu machen, als von Anfang an ein völlig Neues zu schaffen. Die Weimarer Verfasiung als selche hat sich ohne allen Zweifel als tragfähiges Fundament erwiesen und gerade in Bayern sollte man nicht ver­kennen, dah die Festigkeit der Entwicklung zu einem großen Teile doch auf das Verdienst der Weimarer Verfasiung kommt. An den Grundfesten rütteln, heiht aber, den ganzen Bau gefährden, ein Beginnen, das um so folgenschwerer ist, als man ohne Mühe kein neues Fundament schaffen kann.und als es heute viel schwieriger feilt dürfte, die Werkleute zu einem Neubau zu vereinen. Es zeigt sich eben, dah es ein Fehler war, dah man nicht dem preußischen Derfasiungsentwurf fol­gend, etwas ganz Neues schuf, sondern allzu sehr an dem Althergebrachten klebte, daß man nicht im besten Sinne des Wertes eine Revolutionstat vollbrachte. Das Versäumte nachzuholen, ist nicht zu spät. Den Zeitpunkt hierfür klug zu wählen, — vor allem unter Berücksichtigung ähnlicher Strömungen in anderen Lan- desteilen — wird Sache einer weitschauenden Politik fein. Hierüber eine Verständigung zu erzielen, dürfte keine Schwierigkeiten bieten, wenn man auf bayerischer Seite nicht.^übersieht, dah das Wohlergehen des Gan­zen über allem steht, und wenn man sich von dem allzu tief eingewurzelten Vorurteil frei macht, daß Bayern allein der berufene Retter Deutschlands <ci.

Neben den Verhandlungen über die bayerische Denkschrift war das Schicksal der Pfalz Gegenstand der Beratung zwischen den beiden Staatsmännern und ge­rade dieser Ve'hvndlu'-aspunkt dürfte genug der Be- rührungsinteresien zwischen Bayern und dem Reiche er- aeben baden. Wenn bei seinem Besuche in der Pfalz dem englischen Vertreter erklärt wurde, die Pfalz werde eine bäuerische Monarchie nicht ertragen, son­dern nur in diesem Fall ihre eigenen Wege gehen, so ist das zugleich ein Fingerzeig für jene überhitzten Köpfe, welche in unverständlicher Kurzsichtigkeit gerade jetzt eine Frage zur Lösung bringen wollen, die weder vor­dringlich noch nützlich ist.

Zusammenfaffend kann wohl gesagt werden, daß gerade im jetzigen Augenblick genug,der Berührungs­punkte bestanden haben, um die Differenzen, die noch zwischen dem Reiche und Bayern vorhanden waren, zu beseitigen. Wenn man auf der einen Seite den guten Willen nicht verkennt, so muß man sich auf der ande­

ren Seite auch mit der Tatsache abfinden, daß die erste Voraussetzung für eine Gesundung und für den, Wie­deraufbau Deutschlands, ein einiges Deutschland ist und dah zu diesem schweren Werke alle in gleichem Maße, nicht ein einzelnesLand besonders befähigt oder berufen ist. Die Mainlinie hat sich schon oft genug bindernd wirklichen deutschen Belangen in den Weg gestellt. Es war die schwierige, aber um so dankenswertere Auf­gabe des Reichskanzlers in Zusammenarbeit mit dem bäuerischen Vertreter' diese Mainlinie derart fest zu überbrücken, dah sie sich tragfähig erweist. Dabei war zu berücksichtigen, daß es nicht auf die Form ankommt, sondern auf den Geist, der alle deutschen Stämme in diesen Zeiten gemeinsamer Not beseelen und leiten muh! ______________

Dis Sack vsrständigsnausslstü Ye.

. Paris, 20. Jan. über die gestrigen offiziösen Der- httnhiunqen zwisck>en den Mitgliedern des Sackventanoigen- ausfchusies will die ..Chicago Tribüne“ erfahren baden, vag die Sachverständigen als Grundlage ihrer Beratungen die log. technischen Studien oer Belgier be­nutzen. die bekanntlich seinerzeit einem Unterausschutz der Rer-arationskommiüion zugewiesen worden waren. Es „habe sich nun heransgestellt. datz angesichts der völligen Berande- iung der Währungsverdältnisie in DeurschianS die belgi­schen Bi rschläge einer u m f a s! e n d e n, R e v i s i o n be­dürften. Tic Sachverständigen hätten die Anregung, aus den deutschen Eisenbahnen, gewissen lefetrikben Werken, aus der Tabak- und Alkoholsteuer und anderen Quellen zu sckövfen versucht die für die Begleichung der ^Reparationen Verwendung finden könnten. . ■. ,

..Journal des Debats" lagt wie verlautet, sei die Fort­setzung der Arbeiten in Berlin in einem möglichst naben Zeitpunkt in Aussicht genommen. Dies mürbe did Revision der brlgücken Pläne erfordern. Das Sach"erständigen- Icmitce soll nach dem Blatt weiterhin der Auffassung sein, datz e;ne Ausländsanleihe und zwar in Höhe von 1 Milliarde Goibmark, genügen würde die deutsche Wah­rung endgültig zu stabilisieren. _ ,

Rach Ansicht der amerikanischen Sachverständigen schreiten, wie die „Chicago Tribüne“ zu willen glaubt, die Aiteiten zu langsam fort. Dem „New Bork Öeralö* zu fr lge wird vielfach erwartet, datz die Beivrechungen mit Dr. Schacht zu der Frage führen werben, wie die beiden Sachverständigcnausschiille in der Aufstellung ihres him- tigcn Arbeilsoroqramms vorgehen werden. PoincarS bade keinen Zweifel darüber gelallen dah er den französi­schen Sachverständigen gewisse Instruktionen er- teilt habe. Im Gegensatz zu den Amerikanern seien also die fronzösischen Sachverständigen nicht unabhängig von ihrer Regierung, deren erste Forderung darin bestehe dah der gröbere Teil jeder internationalen Anleihe zur Stabi- lillcirng der deutschen Währung für die Reparationszah­lungen unib nicht für die beabsichtigte neue deutsche Noten bank Verwendung finden mülle, und de-en zweite Forderung sei. dah die von den Franzosen und Belgiern zurzeit aus* pirbtr Kontrolle der Robinbu strie als vollen­dete Tatsache bingenommen werden miille. wobei mir die militärische Besetzung so bald als möglich eingeschränkt werden soll.

Zusammentritt des zweiten Ausschusses.

Daris. 21. Jam (Eig. DrahGericht) Heute früh 11 Uhr wird sich der zw e i t e ,S a ch v e rst ä nd i gen­au s s ch u H der Revarationskommillion. der sich mit der s'"f pü'i'Ng der ideutschen Auslandsguthaben He-> fallen soll im Hotel Astoria zu seiner feierlichen Eröffnung veisammeln. „ „ , _

Paris, 19. Jan. Nach dem „New Park Serald wird der zweite Sachverständigenausschuh, der am Mining seine Arbeiten aiifnimmt. ebenfalls den Reicks- bankrräsidenten Dr. Schacht zur Mitarbeit beranziehen, sobald dessen Anwesenheit im ersten Komitee nicht mehr erso derlich ist. \ v ,

Paris, 19. Jan. Der von den amerikanischen Sach­verständigen für das zweite K o m i t e e Zbeutfcke Aus­landsguthaben) beiacort)trete amerikanische Finanzsachver­ständige Leonhard An re ist gestern in Paris eingetroffen. Die beiden Komitees werden nach dem „New Dorf Herald“. wenn sämtliche Hauvibelegierte in Paris eingetroffen sind, annähernd dreihig Personen umfasien. di« ameri­kanische Delegation allein 7. Sir Robert Kindersleu wild nach dem „New Pork Herald den englischen Handels- cttncbe in Berlin. Finlayson. der seinerzeit für Robert Brndbury für die Revarationskommillion beigeordnet war. zur Mitarbeit erhalten.

Dr. Schacht in Paris.

Paris, 21. Jan. (Eig. Drabibencht.) Reichsbank- präfföent Dr. Schacht hatte am Sonntag mehrere Be­sprechungen mit den Delegierten der Kriegslastenkom- misfion. Er überreichte den Mitgliedern des Sachverftön- digcnlomitees Dokumente, vor allem Statistiken. Der frühere Staatssekretär Dr. Bergmann wird erst heute in Paris eintreffen. In den Kreisen des Sachverständigenkomitees erklärt man. dah die Anhörung Dr. Schachts nur der An­fang der Unterfudiunq über die deutsche Finanzlage fei1 da das Komitee sich in einigen Tagen nach Berlin begeben wird.

Zusammenstellung von Material.

Berlin, 2t. Jan. (Eig. Drahtbericht.) In den für all­gemeine volkswiilschaftliche und finanzielle Fragen zustän­digen Reichsministerien ist man eitrig beschäftigt Mate­rial für die Untersuchungen des Sachverständigenaus- schusies rusammenzuftellen. Es handelt sich hierbei nicht nur um die bis auf den heutigen Stand geführten, be­kannten Statistiken, sondern um besonderes Material übet den augenblicklichen wirtschaftlichen Stand DeutschlanDs. Man rechnet damit, dah der Sachverständigenausschuh noch in bleiern Monat nach Berlin kommt.

MW M» MW WS KkW«.

as. Berlin, 21. Ian. (Drahtmeldnug unserer Ber­liner Abteilung.) Heute mitten wird der erste Sach- verständigenansschuß der Reparationskommis- sion den deutschen Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht anhören und ihm eine Reihe von Fragen vorlege», deren Beantwortung für die weitere Entwicklung der Reparationsfrage möglicherweise entscheidend werden kann. Vor allem wird es sich um die Frage der end­gültigen

Stabilisierung der deutschen Währung

handeln, da, wie bekannt ist, die Rentenmark nur eine Zwischenlösung ist. Dr. Schacht hat auch inzwischen be­reits in England und Holland über die Frage der Schaf­fung einer deutschen Goldnotenbank ver­handelt, die nicht ohne fremde Kredite ins Leben ge­rufen werden kann. Wenn die „Chicago Tribüne“ -rich­tig unterrichtet ist, so scheint auch der Sachverständigen­ausschuß ähnlicher Anschauung zu sein, da er, wie das Blatt zu berichten weiß, die Ansicht vertritt, daß Deutschland

eine Ausländsanleihe in Höhe von einer Gold- milliarde

zur endgültigen Stabilisierung seiner Währung ge­währt werden müsie. Man wird allerdillgs gut tun, die in den Pariser amerikanischen Blättern und,auch anderswo auftauchenden Meldungen über die Ansich­ten der Sachverständigen mit einiger Skepsis aufzu­nehmen. Die Sachverständigen haben sich bekanntlich verpflichtet, der Presie keine Mitteilungen zu machen und es ist daher bei Meldungen, die nicht offiziell rom Ausschuß ausgegeben werden, schwer festzustellen, ob sie nicht nur der Phantasie eines übereifrigen Reporters entspringen. Im übrigen hat der

Reichsaußenminister Dr. Stresemann

am Samstag in einer Rede vor der ausländischen Presie erneut betont, Deutschland habe alles Fntereffe daran, daß die Beratungen der Sachverständigen zu einem Ergebnis führen und daß die Reichsregierung alles tun werde, ganz besonders auch dann, wenn die Sachverständigen in Berlin ihre Arbeit fortzusetzen be­absichtigen, um die Beratungen der Kommission zu er­leichtern.

Die Verhandlungen der Sachverständigen lasten in Deutschland begreiflicherweise das Intereste für

die Borgänge in England

etwas zurücktreten. Dort wird heute nacht das Schick- fal des Kabinetts Baldwin endgültig entschiede». Übet den Ausgang der Abstimmung können Zweifel nifyt mehr bestehen Man wird aber^nicht fayen können, daß der Ai: s b r u ch des Lo k o m o t i v f ü h r e r st r e i k s Macdonalds Stellung befestigt habe. Schon wird dar­auf hingewiesen, daß der Ausbruch dieses Streiks eine ernste moralische Niederlag eder Arbeiter- ( Partei bedeutet. In der Tat muß es ja auch wie Ironie erscheinen, wenn in dem Augenblick, in dem Macdonald, auf den Arbeiterpartei und Liberale große Hoffnung setzen, sich anschickt, die Regierung zu übernehmen, durch einen sehr kleinen Teil der Arbeiter­schaft dem englischen Wirtschaftsleben ein ühwerer Schlag versetzt wird und wie es scheinen will, recht mut­willig. Wie nämlich der Gewerkschafter Brailsford im „New York Leader" hervorhebt, sollen die Löhtze der Lokomotivführer und Heizer wegen bei zwar lang­sam aber stetig nbnebmenk'en Teuerung in England herabgesetzt werden. Alle großen Eisenbahnerorganj«- sationen haben nun den Schiedsspruch des Lohnamtes angenommen. Nur der kleine Verhalte der Lokomotiv-- fübrer und Heizer hat ihn abgelehnt, obwohl nur 3% » Prozent feiner Mitglieder, nämlich die Führer und Heizer der Cchnellzugslokomotiven, von der Benach­teiligung betroffen werden. Dabei dürften nach dem abgelebnten Schiedsspruch im ungünstigsten Falle sechs Pfund Sterling, also etwa 120 Goldmark, wöchentlich als Mindestlohn bezahlt werden, das ist mehr als das Ge­halt' eines höheren deutschen Beamten bei wesentlich billigerer Lebenshaltung. Alle übrigen englischen Ge­werkschaften verurteilen denn auch den Streik der Loko­motivführer unto sind erbittert, daß gerade in dem Augenblick des Regierungsantritts Macdonalds die Lokomotivführer der Regierung diesen Schlag versetzen. Die Mitglieder aller anderen Gruppen der Eisenbahner brandmarken die Lokomotivführer, die sich an bem Streik beteiligen, als Verräter. Jedenfalls ist dfeser Streik eine feltfame Morgengabe für die neue Re­gierung! ___________

Generalkonsul Cliwes nach London e&flcreift

Paris, 21. Jan. Nack einer Havasmelbung aus Koblenz ist der Generalkonsul Cliwes zur Bericht- eiltattuna nach London abäexeift-