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Samstag, 13. Januar 1924.

Wiesbadener Tagblatt.

9lt. 16. Seite 19.

'Unterhaltung6 Beilage beö QVießßabener 'Zagßfattä.

ihr

be- die und

Die antike penbule*

Don Sog» Lerch (Hamburg).

Kalt war's in dem Grübchen bei Mutter Kamven. recht ungemütlich. Man tcufeie nicht recht, wo man mit leinen Fichen bleiben lallte. um fie ein wenig warm zu halten — noch, wie man feine Hände gebrauchen könnte. bamit_ bte, Finger nicht steil würden. Mutter Kamven rieb die Hande dann und wann ineinander. Das konnte Re ausgiebig tun. denn sie kalte Zeit dazu, viel Zeit.

Nicht wissend, wo sie die fehlende, ihr io lehr notige Wärme bernebmen sollte schlorrte sie noch einmal an den Cfen. um. wenn alles nichts helfen wollte, wenigstens zu- Auieben. ob noch ein wenig Glut auf dem Roste liege. — Als sie, nur von ihrer Einbildung erwärmt — denn vom Feuer war im Öfen nichts mehr zu leben —. »urüdgeng an ihren Fensterplatz, bemerkte sie. daß es irfron wieder anfing, dunkel »u werben. Die grauen, spitzgiebligeic Häuser mit ihren zahlreichen, dicht aneinander gereihten Fenstern ter- düsterten beit engen Hof immer mehr, während die kleine, hier in Erscheinung tretende dreikantige Fläche des Himmels bald in einem immer intensiveren Rot erstrahlte. Drunten, auf dem Hofplatz, spielten noch einige Kinder. Doch auch von dort ward es immer stiller. . . . Di« Leute aus bet Nachbarschaft, die heute no.chmiitag von ihrer Arbeitsstelle nach Hauie kamen, guckten kaum auf. Mürrisch, rote der verflollene Tag. waren auch ihre Gesichter — diese Gesichter bet Arbeit und bet Lebensenttäuschungen . ..

Kommode tickte unentwegt weiter. . . .

Mutter Kämpen forderte alle Besuchet zum Vlerbrn auf. Vielleicht ward es ihr bann ein wenig warmer. ... Der erste setzte sich neben sie auf den abgeschabten Plusch- seslel. Dann wies sie auf das Solzbänklein zu tdrrii Fühen: denn es waren auch Kinber unter den Ankömm­lingen. Alles aber waren Gestalten, die schon längst nicht mehr Wirklichkeit waren, die nur ein altes mit einem Rest von Verstand sich zufriedengebendes Menschengel,im in b:e Wirklichkeit zutückrtef: die aus den Gräbern und aus den iel-gen blauen Fernen tarnen. ... feier feierten [te eine Alil-rstebung. . . . Und wie die antike Ubr nicht schweigen wollte so nahm auch der Besuch kein Ende. Immer tarnen neue Gestalten herein: die allen Kapitäne von den, Segel­schiffen die Quartiersleute. die Steuerleute uub die Ste­wards. ftc alle tarnen herein in bte dunkle Stube.- und die Alw am Fenster bekam schon Angst, dafe sie nicht alle Dia« fänben$ >,Qnn in j,er deinen Stube, vollkommen Nacht geworden war. auch nicht mehr das kleinste, rote Fünkchen aus dem Dien schaute — und der Himmel fast ebenso bunter und so nichtssagend war wie die rußgeschwärzten Mauern des winkligen Hofes, da stand Mutter Kämpen von ihrem «IN am Fenster auf. Sie war nun nicht mehr in ihrem schäbigen, geflickten, buntbarchenen Unterrock, in der rot- farierten Nackijacke und um diese notdürftig zu verdecken mit einem Umfchlagetuch versehen sondern hatte letzt ein perlenoraues Kleid an und an ihrem lugenblichen Busen nickten die ersten Blumen des Fruolings, kleine eben erst aufgefckostene Knofven. die noch den herben Geruch bet harten Wintererde an stch zu tragen schienen. - In jugendlicher Elastizität bewegte sie stch unter ihren Gasten.

Da plötzlich als sie mit den Gestalten ihrer Traume und ihrer Phantasie in der besten Unterhaltung war. mutzte sie. raub wie Die Wirklichkeit den Traumen gegenüber nun einmal erscheint den Ruf böten: . mi.

„Mudder! Mudder! Mok doch mol be Dor. ooen! Wie lang soll ick denn kloppen? — Du hest die woll mflaten/ — Du stoppst jcrooll?" , ... ..

Unmittelbar nach diesem Rufe klopfte es heftig an die Tür Es war nun alles Wirklichkeit... Richt em kleines von einem Wunder war an bleiern Geräusch. Und doch er- ichstm Mutter Kamven noch alles io traumhaft, w lehr un­wahrscheinlich.. .Aber io kann dock nur ein Mann klopfen, und zwar einer, der in Erregung ist einer, der was wiw. und vielleicht sogar nichts Gutes. Mit einem Male gab, ein Rumoren auch in ber dunklen Stube. Diesmal wutzte man nicht recht, was das zu bedeuten batte. Die Glutauge i im Ofen strahlten plötzlich wieder auf unt> bann, horte man auch wieder die Kinder drunten auf dem Hofe lärmen. -Ute Nacht schien vorbei zu fein. . . - Die Träume waren ver- flagen. . . . Es schien wieder bell werden zu wollen.

Die alle Kämpen schlorrte langsam an die Dur.

Sn einer solchen Stunde nun. da jedes Ding nur dafür ba zu sein scheint, uns an den Gedanken von der Abwen­dung vom Leben zu erinnern, ward Mutter Kamven die Kavitänswstwe. aui ihrem Saal da hinten „Am iSicfiboU“ immer ein wenig bel’febenb Sie dachte bann an bie Ver­gangenheit ... an ihre Jugend... Sie batte sehr viel mit biircbflcmacbt — im Guten sowohl wie im Bösen — ehe ste hier hinten, im feufe Nr. 20 gelandet war. um von ihren Leoenssahrten auszuruben und bie „böie“ Welt von der Hohe ihrer kleinen Sahlbude herab zu betrackte'i. — Ein paar Pelargonien auf Der Fensterbank guckten sie bei dieser, ihrer täglichen Beschäftigung immer an. Die kleinen, trauten Elutauaen fern im Ofen schielten auck zu ihr her­über. D-e antike Pendule aui der ÄommoDe. noch so ein Erbstück aus ihrer alten und guten Zeit und jetzt von behütet, wie man etwa ein lebendes Wesen, ein Kind matt und beschützt, ging mit zierlichem Ticktack durch Stunde, durch diese einsame Stunde der Dämmerung be- Geber «en ... ,

Mutter Kämpen brauchte nur auf bas buntbebilberte Ziffernblatt der alten Ubr zu schauen, brauchte sich nur von dem monotonen Ticktack ein wenig einroienem und etnlullen in lasten, bann kamen fie schon herein, bie schemenhaften Gestalten ihrer Jugend. „ ,

Sic blieb am Fenster im letzten Lickte des Abendrotes Rhen und liest bie Mahner und Sprecher aus ber Ver­gangenheit fcheulos an sich herankommen. . . . Sie g.io ihnen in ber Phantasie bie Hand unb begrüfete ste alle in der bevoteften Weife. — Ihr fror ...ste zitterte ein wenig. Ihr spärliches weihes Haar glänzte in bem erfterbenben Lichte des Winlertages. ... Die Luft in bem Zirnmercken war dick unb schwül. Es wurde immer dunkler um sie. Die Gegenstände in bei Stube verloren immer mehr ihre Ge­stalt die Umriste verwischten fick: dann setzten fick bie Möbel gar in Bewegung, tanzten unb führten einen Reigen auf Schatten zeichneten stch ab. Man raubte nicht, woher Re kamen — noch wenn ste verschwanben. warum es so war. — Und wenn es noch vor einem Augenblick lauter Phonta- nebiloet gewesen waren, bie. wie burch den feinen Schlag der antiken Pendule angelockt, in dieser Stube lebendig wurden Bilder, die wie aus dem Nichts kamen und schnell roteber verschwanden, so. als ob es ihnen bei der alten Kamven zum längeren Verweilen zu kalt sei. — nun waren ste schon aus einem festeren Material verfertigt — nun fingen fie sckon an zu reden vom vergangenen Gluck und von versunkenen Sternen. . . . Die Feierabenbvfeifen bet Fabriken unb ber Werften tönten herein in bie stille Stube, unb der frohe Lärm ber spielenden Kinder wollte auch noch immer kein Ende nehmen. Unb die antike Pendule auf der

Murrend tat ste es. Eine Weile bauerte es noch, bis ste bie Tür geöffnet hatte, ba sie den StiüM in der Dunkel­heit nicht finden unb, als ste ibn dennoch entdeckt hatte, ihn nur mit einiger Mühe ins Schlost hineinbekommen konnte. Auch fragte ste vorher noch einmal fast rote im Traume: „Wokeen is denn bor°"

Na. nu mok doch (een Dinger. Mubder. un lot mi rinn war die Antwort. „ t

..Ab so. du büst bat. Hannes! meinte bann die alte Kamven — und liest den Wartenden eintreten. Vorwuns- voll blickte ste ihn an. „ „ , ,

Zuvörderst hatte es den Anschein, als ob ber Besucher in ber Tür stehen bleiben wollte. Dann ging er aber, wie Dienlich einen Entschlich fassend, in die Stube unb stieg dabei bie Alte fast zur Seite.

„Heft nick 'n hüten Geld Mudder? fragte er heftig — und blickte stch suchend in bem armseligen Raume um. „Ick heff mien' letzte feiiei noch nick kreeden . sagte er wieder — und stocherte mit den Händen in den leeren Hosentaschen herum „Wenn dar feen Secheev mehr sünd. wat bün ick denn noch as Hetzer wert?" „ _ . ,

„D. mien Söhn!“ jammerte die Alte. „Dat harr Willem noch beieben müht. De harr sick je woll be feoor ut en Kovv reten. Nu willst du all wedder Geld von mi hebben. un ick heff siilben nicks. Weet jo nick mol. wie ick be Wach lang- kamen fall mit bat hätten Panschen. . . /

Da. ohne ein Wert zu verlieren, ganz sv. wie. wenn alles in Ordnung unb »u Reckt wäre, nahm er nach einigem Besinnen, und als er nichts Besseres mehr in d'esern Winkel ber Armut zu finben schien, die antike Pendule von der Kommode ...

Die Mutter wollte ihn daran bindern. Mit ausge­breiteten Slimen stellte ste sick vor ihrem Besitztum auf. — „Mien ohle Klock > Nee. nee. nick mien oble Klock! jammerte sie immer wieder. Dock Hannes stieb die krei­schende und lamenliecenbe Alte ein wenig unsanft beiseite.

..Wat brukft du noch io ’ne Klock", sagte er. — Dann beguckte er die Uhr ein paarmal — unb lächelte em wenig. Vielleicht — für. ein paar Tage würde es noch einmal la’-gen Die Alimente muhten angefhafft werden, da half ihm kein Gott von. Die Seern lief ihm ia die Tur ein. Er konnte das nicht mehr länger mit ansehen. Dann sagte er: „Nu is bat schon god. Mudder. So bald kumm ick,n.u nick wedder. Denn von dir s jo dock nicks mehr to holn. Dann war er braufeen. Mit ber Uhr. — — —

Mutter Kamven erschien es. als fei biefes mit dem letzten Besuch genau so traumhaft unb fo unwirklich vor stch gegangen, wie es in den Dämmerungsträumen vom Gluck gewesen war. Sie stand nun mitten in der dunklen Stube, ein wenig gebückt, die bleichen Hande vor rico auf eine Stuhllehne gelegt, ganz hilflos, ganz verzweifelt ohne auch nur das Geringste von einem Glauben an das Gute in der Welt in fick zu tragen. Mit knochigen, spitzen Fingern zog ste das Taschentuch ans ihrem faltenreichen Flanellunterrock hervor, starrte mit wästrigen Augen entgeiitert auf die St.Ue wo die antike Pendute. ihr liebstes Sluck Erinne­rung gestanden batte — und machte bann ein paar schritte ber Tür zu. als ob sie ihren Sohn noch einmal wieder zu­rückrufen wollte. ,, . r, .. ,

Menn be nu man oloh wegblieben wull' stotterte sie in einem ganz trostlosen Tone. ..He fiept mi noch mien letztes Stück ut en Hus rut! Nülicks erst mieneni oblen Mahagonifoeegel un nu gor be Klock, ob. be gobe Klock! öe lett mi hier noch twülcken de kahlen Wann uv en Fogthöön. trüch de Jung!"

Und während et das Praline

führte.

Der Sckmerz des Hundes steht hoher im Kurs.

Ich hätte nun darüber Nachdenken müllen, ob die Welt, bie mit ihrem Mitgefühl allo schaltet. .Werturteile aus» forschen wäll. Nickt nur sentimentale, sondern a-iick sacklicke. Denn eine echte, reinrassige Zwergbulldoo.ge kostet heute Milliarden, wahrend man noch ment gehört bat. bah für Motorradfahrer (ohne Radi besonders höbe Preise geboten werben. Aber — der ANta-g und seine Pflicht entzoaen mich derlei lästerlichen Erwägungen. . . Ri-BL

Die kleine Bulldogge.

Am der obersten der Stufen, bie dem Seitenbau der Münckener Residenz gewillermafeen eine respektvolle Distanz zur Strafee schäften, stand ein tle-nes. weihes Bulldogg- Hündcken jener seltenen ausländischen Ralle, die in dielen Fahren bie grohe Hunde mode ist. Es schaute bekümmert um sick und wippte mit dem rechten Vorderfiifecken. das es sich nicht traute, auf den Boden zu stellen. Seine Augen schauten mit Blicken beleidigter Trauer auf die Umstehenden, bie es voll lebhaften Interesses betrachteten. Und immer wieder muhte die Begleiterin des kleinen Hunde fürsten, ein motti- 9cs Sungfräulein. den Hergang der schrecklichen Geschickte erzählen. ...... ~ .. .. .

Irn Kreis umstanden bie mttleibigcn Zuhörer bte kleine Gvuooe. Eine ältere Tarne aus bem Voll holte eine Pralind aus der Taicke hervor, säuberte es mit dem Tuch zuvor von Staub unb Stcffaier und schob es dem Patienten in den Mund. „Überhaupt", taste ste dabei unb wies mit ber Linken drohend auf den Platz, den Radler und Motor- fahrer umfausten, „i .tags alleweil: Deh gebeert st nct bafe b Motor'-Hanswurfckten so schnell über b Strafen fabrn. be narreten Bazi de . . . Und a Akensch „ babns no tunteri alleroei. So kimmts eben, da« s grofete Unglick vafstert. Arms feasckekl. arms . . . luats wed. bei Fuallevl. . Solcher gemeiner Lump . . . Der gfiörat ja ins Zuchthaus

eingsoerrt." , . . ..

Es war, als hätte ber Hund verstanden, wie man bte» fen Fall beurteilte: den Schnauferlfahrer. der ibn angefob­ren als er hastig ben Stranenbamim über enterte, einen Laternenofabl zu erreichen. Und während er das Vralin« zerbih. schaute er noch viel, viel vorwurfsvoller auf bte Menge, bie ihm huldigte. . . , .

Unb auf unb davon!" Tagte einer. Er meinte den motor-fahrenden Missetäter. ..Den wann i derwifckrot. den bauet i gl ei io zsamm. bah er nimmer auf b Futz finden tat.

Als ich das hörte wurde ich nachdenklich. Da das Mäd­chen den Sund nun auf den Arm genommen batte und ibn behutsam von bannen trug, fo bestand auch für mich fein Grund mehr, stehen zu bleiben, und fo ging ick davon und hatte Muhe zu etroelcken Meditationen. „Würde . allo meditierte ick. ..würde der streitbare Verteidiger ber Hunde­reck te bem flüchtigen Motovrabler bestraft und nach seinen Drohungen mit ihm verfahren haben, bann läge allo jetzt der Übeltäter aus den Stufen ber Residenz. Ob alsdann — nun Meiisckenberz. bekenne! — ob alsdann Tick auch Leute Haben würden, den ..3ufammengeba.uten" mit einem ber jetzt ach fo kostbaren VraNites SU erteckzen?"

Unterer Zeit bat stch eine gewisse Wurstigkeit dem menschlichen Leid gegenüber eingestellt. Vielleicht, dafe die libervroduktion dieses „Artikels zu seiner Unterschätzung

Die Brillenschlange.

Von Bieter Klages.

Ich habe eine geradezu schäbige Angst vor Schlangen. Woher das kommt, weih ich nicht. Ick bade nie.etwas mit Schlangen zu tun gehabt. Irgendwie hat lick bte Angst in mir festgesetzt, unb es gibt Zeiten, in benen ste »um Grauen sich steigert, zu einer lächerlichen, nervenscbuttelnden Kinder- furent Dann decke ich abends obwohl mein Haus an der deutschen Nordseeküste steht, behutsam die Bettkihen auf. werde aber meistens damit nicht fertig,, weil, scheußliches Entsetzen im Nacken kribbelt: jetzt, gerade jetzt, könne unterm Bettgestell eine Natter bervorschiehen unb mich am Bein fallen. Ich trete, selbst ein wenig verwundert über den merkwürdigen Zustand, einen Schritt zurück, bucke mich und schaue unters Bett. Da liegt ein Staubflockchen. vielleicht euch ein alter Hausschuh. Doch schon blitzen neue Gebauten auf: bie Balkontür, bie geöffnete Balkontür, durch bie man aus dem Schlafzimmer auf bie ©artenoeranba unb über die Treppe hinab in ben Garten gelangen kann. Ick springe auf, reifee bie Tür zu. Gibt es benn im Garten Schlangen? Bewahre. Nur vierzehn Hühner und ba. Selbst nach dieser Prozedur, bie — ick weife es — leber auch rur einigermaßen nüchtern benfenbe 3ufchauer nut jauch= äerbem Snottgeldchter beantworten wurde, fühle ich mich nie ganz sicher. Neulich Iah ich vor., dem Schlafengehen einen Film. Der spielte auf einer wüsten Insel, die ver­mutlich im Müggelsee zu suchen ist. Dem alten Einsiedler kroch langiam, langsam eine Schlange über bie feanb wäh­lend er nichtsahnend im Grase fafe. Erschrecktes vochfahren. starre Augen. Der Mann saugt die Bitzwunde — vom. Betz bette man nichts gesehen. Nutzloses Beginnen. Zweimal, dreimal dreht er stick im Kreise, fällt, zuckt: bann ist es au5. Ein Quintaner muhte willen, bah diese Sckcange eine Blind- sckleicke war. Unb dock habe ich bie ganze lange Nacht mit offenen Augen im Bette gekrampft gelegen, glaubte im Dunkel zwei tückische grüne Sichter zu erspähem. glaubte ein Rascheln zu hören, unb bas war auf der Bettdecke, unb der Schweife lief mir am Körper herunter, als hätte, ich ein Liter heifeen Fliedertees getrunken. Ich wagte es nicht, Lichi zu machen. Der tonarrenbe Wecker erst befreite mich.

Ganz seltsam ist es. bafe trotz dieser Hasenangst. bas einzige naturwissenschaftliche Interesse, bas ich aufbrtnge, den Schlangen gilt. Ick weiche ihnen nicht aus; ich suche sie. Ich hin wie ein Vogel, der — hops, hops — tn bas geöffnete Sckkmgenmaul hineinsvringt. Im Zoologischen Garten finde ick mich geroife schon nach zehn Minuten tn dem müssigen Statt, wo hinter Glasscheiben unb Draht- gitter die ekelhaften scheckigen Leiber sich winden, ^m Mufeum glotze ich stundenlang, mit einem Grauen, bas fast bie Kehle zuschnürt, auf bie, spiritusgefüllten Gläser; ick male mir aus. wie es fein würde, wenn rener EiitzaHn. ber ba aus fchwabbeliger Malle droht, in meiner feanb sich ver finge. Ich weife tausend Schlangengeschichten und erzähle ste stets von neuem. Streift mir bann jemand ben armcl zurück fo gewahrt er eine ©änfebaut. Unsagbar pemvoll ist meine Angst vor ben Schlangen- aber ick muh immer roieber hin zu ihnen.....

Glaubt man mir nach dem Gesagten, bafe ick eines Morgens, beim Überfliegen der Zeitung, von Beben durck- roüblt wurde, als ick nämlich las. aus der Menagerie So- unDfo fei in der vergangenen Nackt eine grohe Brillen- fchlange entwichen, man wisse nickt wohin, unb die Ein­wohner möchten sick in acht nehmen, denn bas Vieh sei noch im Besitz seiner giftigen Zähne. Nur ein paar hundert Meter von meiner Wohnung, auf einem freien Platz, hatte diese Menagerie ihre Zelte errichtet. Ich fckloh sofort die Balkontür und alle Fenster, gab strenge Anweisung dah ber Hund in den Garten gesperrt würde, nahm ben Browning aus dem Schreibtifck und ging ins Geschäft.^ Die Häuser der Strafen die ick parieren muhte, haben sämtlich kleine Vergärten. Ich hielt mich an ber Kante des Bürgersteiges, lugte scharf durch bie Gitter der Gärtchen, hatte bie Hand in der Tafrfie des Mantels um bie Waffe geballt. Es er* eignete sich aber nichts. Die Kollegen im Bureau lachten mich aus und meinten. Menageriewärter unb Polizei hätten die Schlange sicher längst wieder eingefangen In mir keimte ein kleiner Mifemut. Sollte ich vor diesen Leuten komische Figur machen? Das wäre....

Ich vergrub mich allo in meine Papiere, konzentrierte mick energisch auf die Arbeit. So kam es, dah ber Ge­danke an die entwichene Brillenschlange, ber selbstredend dann und wann aufzuckte, allmählich bie Farbe akademischer Erwägung annahm. Ich gelangte zur gewohnten Atttags- sicherheit. verzehrte um Mittag im gegenüberliegenden Restaurant mit Appetit ein Kalbskotelett. Als, ich aber nack Bureaufckluh den Mantel anzog und in die Tasche griff um bie Handschuhe herauszuholen, strick es kalt über meine Finger: ber Browning. Im Nu war das Entsetzen wieder ba. Draufeen hämmerte es. Ich pfiff einem Taxa= neter. warf mich in ben Wagen unb fuhr nach Hause.

Meine Haushälterin, bie mir bie Tür öffnete fragte, ob mir nicht wohl fei. Ick antwortete nicht. Segle buch alle Zimmer, versickerte mich, dah bie Fenster geschlossen waren, und wurde grob, als die Dame darauf autmcrtiam machte, ber Hund im Garten habe wahrscheinlich kelnFrellen mehr, ick möchte ihr doch erlauben, einen Teller mit Brei hinaus,ufetzen. Meine Angst milchte nck letzt mi Arger. Ich wollte nicht ängstlich sein konnte aber gegen mich selbst nichts ausrichten. Das Abendbrot wurde sckweieend ein­genommen. Ick ah wenig. Ein Buck, das ick zu leien ver­suchte flog bald in die Ecke. Unruhig ging ick in der Stube auf unb ab. blieb am Fenster stehen schlug den, Vorhang zurück. Pechfcksvarze Nackt lag. vor ben Scheiben. Da beulte ber Hund im ©arten. Mir fuhr dieses Heulen durch Mark unb Dein, hoch ich bezwang mich, lief wieder auf unb ab Der Hund» schwieg. Dann plötzlich fing er wütend zu bitten an heulte, bettle unb hörte nickt auf. Die Haus­hälterin kam und bat nochmals um Fressen für bas Tier. Der Arger in mit schrumpfte zusammen. Eine Tür sollte geöffnet werden. Dickes Grauen prefete Hals unbSchultern.

Der Köter ocHfübrte einen Mordsrcrdau. Ick ging in bie Kammer und knipste das Licht an. Das konnte ia die -ronze Nackt nicht so roeitergehen. unb es war sckon ziemlich fpät Meine feanb lag am Griff ber Balkontür. Sollte ick aufmachen? Der Köter bläkte, was bas Zeug hielt. In Teufels Namen benn! Ich stohe die Tür auf unb rufe. Aber ber Hund kommt nicht. Er winselt, unb ich höre, wie er unten herum tappt. Die Haushälterin hatte die kleine Gilterklapve am Gnbe der Stufen, bie ben Hühnern Den Zutritt jur Treppe unb zur Veranda versperrt, gelcklollen. Weiber! Es blieb nichts übrig, als bie Treppe binabzu- geben Wenn ich beute zurückbenke. so frage ich mich: Warum hast du bie Dame selber nicht binuntergeschickf> In itr.em Augenblick aber fand ich au einer Überlegung gar feine Zeit. Das dicke Grauen umhalste mich. Es hetzte in mir- rasch, rasch, du muht ia doch! Und ick stürzte hinaus. Vielleicht war auch ein Rest von MannesbewutzÜett»