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Samstag, 12. Januar 1924.

Wiesbadener Taablatt.

Nr. 10. Seite 19.

'Unterhaltung6 Beilage betf QUiedßabener ^agßlattd.

Ccdeswanderer.

Eon Änut) StasmaHen.

Deutsch von Julia Koppel.

Als der erste Tagesschimmer sich am Himmel zeigt, machen wir Halt und schlagen unser Lager aus. Das Tageslicht ist noch Io schwach bah es uns nicht den weiten Fernblick gewährt, den wir zur Reil« nölig haben, und die wenigen Dämmerstunden sind zu kurz für eine Tagesreilc: darum wählen wir in dieser Zeil die Nacht zur Fahrt, tncrn der Mcnd hoch am Himmel steht und über dem Eis und die Hindernisse,, die wir vermeiden müssen, leuchtet.

Wir sind die ganze Nacht gefahren, und ihre Einförmig­keit ha! uns schläfrig gemacht. Wir haben Io lange auf nnkren Schlitten gesessen, bah unsere Glieder wie Blei ge­worden sind, und darum ist etwas Unwirkliches in der lärmenden Munterkeit, mit der wir einander zu wecken verlachen.

Gewaltige Sckneeblöcke werden aus den feftgefrorenen Schneewehen geschnitten und bald erheben sich hohe Sckutz- mauctn auf dem Eis Wir haben keine 3eit. Schneehütten , zu bauen, bei dem schönen Reisewetter müssen wir uns mit einem kurzen Schlaf begnügen.

Klein« behagliche Herdstellen werden gebaut, Moes und Terf mit Tran übergossen und bald leuchten rauchende Fackeln über dem geschäftigen Lager. Wir bereiten unsere Mahlzeit in einem Meer von Licht, das den armseligen Tag um uns her zu einem dunklen Schlund macht. Die Schlitten werden abgeladen und vors Feuer geschoben. langhaarige Nenntierbäute darüber gebreitet und, beauem auf die warmen Häute hingestreckt, genießen wir die Wärme, die uns ins Gesicht schlägt und sorgsam durch unsere Pelze strömt. Ach. dieses herrliche Auftauen van der Mablz'ü und dem Schlaf ist Lohn für die lange, anstrengende Reise! Wie eine mächtige Feuersbrunst werfen die Fackeln ihren Schein zu den Sternen hinauf, die im Tagesschimmer er­blassen. während mir auf unseren Schlitten liegen und mit halbgeschlossenen Augen auf den ersten warmen Traut warten, der uns aus unserer Schläfrigkeit befreien und unsere Zungen lösen soll.

Da hören wir plötzlich ein scharfes Gebell von einem der cutzeisten Hunde und im selben Augenblick sind unsere hundert Hunde auf den Beinen und kläffen aufrer sich vor Erregung. Die groben Eisfclien rings umher schleudern bas Echo des Gebells durch die brütende Stille, wo der gewaltige Lbar von Felsen zu Felsen eilt und zu einem Chaos von Lauten wird. Wir springen auf. ergreifen unsere Büchsen und stürzen auf bas Eis hinaus, mit dem Ruf: ..Bär! Bär!"

Den dem starken Licht der Feuer geblendet, foähen wir übers Eis. jedoch ohne etwas zu entdecken. Das Gekläff her Hunde hört nicht auf. Vor Aufregung zitternd, schnuppern sie in den Wind, den Schwanz zwischen den Beinen, und ihre ganze Art gibt uns zu verstehen, daß sie von etwas ttnaewöbn.lichem Fährte haben, etwas was fie nicht kennen: denn in ihrem Bellen ist eine Angst, eine furchtgemischte Hitzigkeit, die unheimlich auf uns wirkt.

Wir starren durch die Dunkelheit, ohne etwas zu leben, und fühlen uns alle von der mystischen Stimmung ergriffen, die über dem Ungewöhnlichen ist. das uns bevorstehi. Denn darüber finb wir uns klar, hab Hunde bei der Fährte eines Bären nicht so bellen. Alle sind wobldressierte Därenbunde. die Firfi non der Dunkelheit nicht irreführen lassen und bei bet Witterung ihres Todfeindes unzweideutig ihrer Kamosfreude und ihrem herausfordernden Mut Luft machen würden.

Wir stehen zweifelnd, was wir tun sollen, bis einer von uns auf den Gedanken kommt, die Stränge des äubcrflen Hundes durchzuschneiden. Kaum fühlt er sich frei, als er urüfend durch die Luft fchnuvoert. und bann, bi: Schnauze ganz unten auf dem Eise, mit solcher Schnellig­keit daoonraft. bab wir bm in dem schwachen Lickt kaum zu folgen rermöflcn. Wir untersuchen bie Richtung und entdecken plötzlich alle auf einmal zu unserem groben Staunen zwei mächtige schwarze Ungeheuer, bas eine fast doppelt so grob wie bas andere, die ganz langsam auf uns zugekrochen kommen. Hin und wieder richtet sich bas größte halb auf bem Eise auf. so bab es wie eine Klippe in bie Hohe ragt, und wir hören wie es merkwürdige Laute, tiefes Grunzen unb pfeifende Flötentöne ausstöbt. Der Hund hält sich in gehöriger Entfernung, aus vollem Halse bellend.

Es fällt mir schwer, bas grenzenlose Staunen zu be­schreiben bas uns, allesamt ergriff. Was war es für ein Tier? Standen wir einem her Fabelwesen gegenüber, von denen die Eskimo!o.gen so voll sind, oder —? Denn es war uns unmöglich die Umrisse des Tieres in der Dunkelheit zu unterscheiden, bas einz'ge. das wir deutlich sehen konnten, waren die Augen, die rund waren und wie Feuer leuchteten, unb wenn es sich aufrichtete, wurde der ganze Körper von dem merkwürdigen Kopf beherrscht. Dieses schwarze Unge­heuer war Abenteuer. Märchen unb Zauberei!

Wäbrenb wir wie festgenagelt auf der Stelle standen, sprachlos, nach Luft schnappend, schossen uns die merkwür­digsten Gedanken durch den Kopf! Das einzige schwarze Wild das wir hier oben hatten, war ja der Moschusockfe: so aber würde er nie Vorwärtskriechen, und was sollte er übi'ge-.s hier drauben in der Melvillebncht. in dieser Eis- wiiste. Die Tiere waren ungefähr 300 Meier von uns ent­fernt aber es war uns unmöglich zu schieben, da wir in der Dunkelheit nicht ordentlich zielen konnten. Darum schnitten wir ein Gespann los. und es war ein merkwürdiger Anblick, als bie vielen Hunde in wildem Lauf davonstoben, und bann plötzlich ein kleines Stück vor ben merkwürdigen Ticen Halt machten, aufgeregt und gleichzeitig schreckerfüllt klcnfend. Sie bildeten einen Kreis um bie Tiere, wie sie cs bei Bären zu tun pflegen, wäbrenb wir so schnell wie wir nur konnten herbeieilten. um bas Rätsel zu lösen. In dem Augenblick, als wir die Hunde erreichten, richtete das gröbte Tier sich auf, indem es mit zwei merkwürdigen rlcfienförmigen Vorderbeinen um fick schlug und den runden Kopf, aus dem ein paar gewaltige weihe Stobäähne durch die Dunkelheit leuchteten, wild nach hinten warf.

Da stieben wir einen lauten Ruf der Verwunderung aus denn im selben Augenblick erkannten mir ein beliebtes W Id ven den offenen Gewässern des Sommers, cs war ein gewa’tiges Walroßweibcken mit seinem einjährigen Jungen!

Wahrscheinlich war es vor mehreren Tagen weit drauben auf dem Meer aus dem warmen Wasser gekrochen, um fick auf bem Eis auszuruhen, als aber bas Meer wäh­rend feines Schlafes ?ua-froren war und es beim Erwachen nur das frische, reifaeibe Eis um sich her gesehen hatte, war es auf dem Weg zur Tiefe fehlgegangen und hatte statt die Richtung zum Meer den Weg zum Land einge­schlagen wo bas Eis dicker und dicker wurde und das schwere Packeis der Mutter und ihrem Jungen den Weg versverrte

Und hier lag sie nun. verkommen und verhungert,, mit abgesützteu Floste« unb zerfleischte« Bug. bereit, ihr

Junges bis zum Aubersten zn verteidigen. Mit jedem Aukiall. den Re gegen uns machte, 'chienen ihre Kräfte, die einst unermeblich unb unhezw'nglich gewesen waren, uuszuehbe'n: aber stets begann fie wieder kampfbereit, wäh- ie,:b bas er>chöofte Junge kaum noch die Kräfte batte, fick zu der Mutter zu fchleooen. um fick hinter ihrem muskel- ge'oannten Rücken zu decken.

Da feuerten mir. unb zwei grobe leblose Körper tau­melten aufs Eis. bas in weitem Umkreis von ihrem rinnen­den Blut rot gefärbt würbe. Die beiden Todeswanberer batten Ruhe geiunben.

Sie hatten sich buchstäblich auf tagelanger Wanderung durch bas harte scharfe Eis aufgerieben. Trotz der dicken £>aut waren Bug und Flossen blutig, und ihren Sveck batten sie ganz verbraucht

Xßir Jäger aber freuten uns über den Reichtum an Sutter für unsere vielen Hunde, der To plötzlich in der unMbeit zu uns gekommen war. Während der Jagd trat der kurze Tag bereits in Nacht iibergegangen. und bei den kalten Strahlen des Mondes schleppten wir unseren Fleischvorrat zum Lager, wo das flammende Herdfeuer unb ein stärkendes Mahl uns erwarteten.

Um uns her aber leuchtete bie grobe, weiße Volar nacht.

5m Zauberhain der Circe.

Don Walter o. Nummrl.

Der Ruhm der großen Zauberin Circe, der Enkelin des Okeanus, bat fick durch die Jahrhunderte irifcb gehalten. Und von ihr. ‘bet „altlestamen tätlichen Erzbeze". wie sie ein popu­lärer ländlicher Kanzelredner des IS. Jahrhunderts genannt bat. von ihr, die des Odysseus Gefäbrten in Schwein« ver­wandelt, mehr aber noch von ihrem Zaubethain, in dem sie den Odvsteus selbst so lange Zeit in Liebe bei sich behalten, soll hier die Rede sein. Die spätere Sage bat dielen Hain nach bem zwUckren Ostia unb Neapel befrnbiieben Vorge­birge verlegt, bas. ganz wie bie Mär es will, auch früher und in prähistorischer 3eit ein Fellen«!land gewesen sein mag. Denn bis »um Fuß bes Monte Citceo erstrecken sich noch heute bie pontinischen Sümpfe sowie allerhand anderes seuch- tes Gelände.

Auf denn nach der Insel der hehren, schön gelockten Göttin. Vom Rom fülbmäris. Der letzte Teil der Fahrt konnte abschrecken. All die Hütten und kleinen Häufet, die man zu Gelickt betemmt. haben ihre Fenster mit schwarzen Fliegengittern dicht verlchlofsen. Schutz gegen bie Stech­fliegen. beten Bitz die Malaria überträgt. Terratina. bei bem ttrir bas Meer erreichen, ist besser. Das malerisch ge- legen« Nest bat einige antike unb mittelalterliche Erinne­rungen. Weniger Ickön ist mein Hotel. Der verlangte Tee wird verweigert: ..Das ist bes Landes nickt der Brauch." Dann Kafiee, caff6 lalle. „Wird schwer zu bekhaffen lein!".. Dafür weist mir die Mitin mit erheblichem Stolz einen versckrwiegenen Ort. beteuert ständig, baß er auf bas modernste eingerichtet sei. Aber auch er hatte leine Schwie­rigkeiten. da dort stänibig der Installateur oder Der Maurer fid) zu icha fft n ma-hen.

Din Wagen bringt mich am nächsten Morgen nach San Felice, bas sich an ben Süd dang des Monte Circen anlebnt. Hier steht vor dem Dorf unb wohl zur Erinnerung an des Odnifeus unglückliche Gefährten ein brauner Cchweinekofen neben bem anderen, jeder ganz genau in bet Form der niede­ren Reisighütten erbaut, wie fie auch bie Hirten und Kolo­nisten bet Maeckia, des Buschlandes, fick für ihre persönliche Unterkunft errichten, ein kleines Dörfchen für fick, aber eben nur von Schweinen bewohnt. Die guten Leute des Berg­nestes San Felice wissen auch sonst Wunders viel zu lagen von der heute noch nicht erloschenen Zauberkraft der Circe. Sie wirkt tatsächlich noch heute. Der Führer, ben ich hier nahm, gleich Odnll-us. bem Wanderer, ebenfalls ursprüng­lich ein Ortsfremder, erfuhr dies schmerzlich am eigenen Leib. Dieser btarc und erztüchtige Ma-nn. ausgedienter italienifkher Unteroffizier, verzehrt in San Felice, tiefem schönen Ort des Glücks, zufrieden und bescheiden leine kleine Militärpenfion. erweist stch nebenbei allen vom Zufallsrvind hergewehten Frembin gern nach besten Kräften gefällig. Sliber gegen den Bannstrahl Circes ist auch der Gute nicht gefeit. Er wirb non dem argen Pfeil der Göttin getroffen, während er hock über dem in südlicher Bläue strahlenden Meer auf schmalem, schwindligen FeNenpfoD vor mit her= schreitet, wankt und schwankt, strauchelt, stürzt röchelitd zu Baden, erfreulich,erweik nicht in die Tiefe, sondern an eine Felsplatte bin. Da liegt er nun starr und leblos. Tot? Ich beuge mich über ibn, lauf die auf Atem und Herzschlag, warte eine Weile, wie nun das Zauberkunststück der bösen Circe seinen Fortgang nehmen werde, harre auf die weiteren Cnt- wicklungsstadien der Metamonvbofe in das rupnige Borsten­tier. Da aber nichts mehr geschieht, sprech' ich der Lerche einen Grablegen:

..Alle will ich dir nennen, bie furchtbaren Ränke der Circe. Sßeinmus menget sie dir und mischt in die Speise

den Zauber."

Dann gehe ich weiter, der besten Hostn-ung voll, daß mein trefflicher Guida bis zum Abend feinen nicht unerheb­lichen Rausch ausgeschlafen unb seinen Heimweg gefunden haben wirb.

Führerlos, wie ich nun war, bähe ich sicherlich nickt alle verschwiegenen Plätze, an benen Jwselgöttin Circe und der immer zu Abenteuern geneigte Odysseus in Liebe lustwandelt haben, nicht alle Stätten gefunden, die später der Sohn der beiden, Telegonos. sich »ür seine kindlichen Eviele gewählt haben mag. Auch 'ab ich weder den Nesuv noch die Peters- kircke. die man an Haren Tagen von der Höbe des Berges aus erblickt. Aber tonst ward es ein guter Reisetag. Der leise Nebel, der über die See hertrieb, gab dem tiefblau gegen den gelben Fels schlagenden Meer einen unendlich weichen Schimmer, wie ich ihn auch in südlichen Ländern nicht leickt irgendwo geschen habe. In der Ferne zogen drei Segel dahin, kaum mehr sicktbar, kleine, windverwebte Nösenblätter. Vom Osten her strahlten die satten. golMrau» ren Farben time bis über Terracina steil aufsteigenden Monte delle Fate herüber. Rings aber auf Circes stiller und einsamer Sauberinfel Müsste und duftete gs berauschend rings standen Lorbeer und Thuja hoher Akanthus, blauer Rosmarin und Salbei, wogte eine See von weißen Mnrtben rammten feuerrot die Lilien auf. . . Die in der warmen Sonne silbern leuchtenden Znklovenmauern. aus mächtigen Quadern getürmt von Estn und Bn'ch überwuchert, sind wohl die Reste deines strahlenden Palastes o große Zaube­rin Circe. Liegt er heute auch in Schutt, sind deine gezähm­ten Löwen und Wölfe entlaufen. Diener und (Mirbe in die Winde verstreut, schön ist es auch noch in der Wildnis und in ben Trümmern. übeieÄ herrlich in. deinem 3auhcrhatn. Göttin CirceI ....

Carock.

Don Rudolf Lothar.

Soft ungefähr 40 Jahren spiele ich Tarock. Meine Partner behaupten, daß ich es immer noch nickt spielen könne In welcker Stabt ick immer lebte, ob in Wien, in Paris oder in Berlin, die Tarockpartie zählte überall zu den ständigen Einrichtungen meines sonntäglichen Lebens. Aher io gute Freunde meine Partner immer waren, be­schimpft haben sie mich alle. Nun gehört ein Teil dieses Schimpfens au den unvermeidlichen Eigenschcfften sb-ts Tarocklvieles. Man kann vielleicht vollendet Klav'er spielen, aber man kann nicht Tarock so spielen, daß rnait nickt einmal den Zorn seines isiartners erwecken würde. Schließlich kommt es ja beim Tarock, wie bei jedem anderen Solei, das mit verdeckten Blättern gespielt wird, auf eil Erraten ein Kombinieren, ein Mutmaßen an. welche Karten Partner und Gegner in Händen haben, und >m Kombinieren liegt der ganze Reiz des Spiels. Mit Golb- vatcr. der allwissend ist. Tarock spielen, wäre wie ein altes jüdisches Deickickstchen erzählt, gewiß kein Genug.

Daß >ch beim Tarucksv'elen oft zerstreut bin. gebe ick zu: und zwar zerstreut. we;l mich die bunten Blätter we t Weg vom Kartentisch in dunkle, verschleierte Fernen locken. Tos Tarocksviel ist nämlich im Grunde genommen eins hockst geheimnisvolle und mystllcke Angelegenheit. Dir Okkultisten behaupten, daß in ägvvtischen Tempeln das Tarock nickt unbetannt war. und die Ägypter selbst sollen cs von den Priestern des untergeaanaenen Erdteils Atlantis übernommen haben. In allem Ernste wird berichtet, datz die Tafelrunde des Königs Artbus in engen Beziehungen zum Tarock gestanden bat. Es irtieint ziemlich fest zu stehen, bad das Wort Tarock von den altägnotiidten Wörtern Tarnt (dir Befragte) und Tarif! (ick verlange die Antwort) ab* stammt. Das Tarot oder Tarock war alfo ein Orakel, eine kabbalistische fßatiente. Die tiefsten Geheimnisse der Mensch* bet und der Welt sind in den großen und kleinen Arlanen verborgen. Die großen Arlanen (Geheimnisse) sind die 22 Zisterkarten, und die Heinen Arlanen sind die 56 Karten der vier Faib-n. Das Tarocklviel lehrt dasselbe was Die Kabbala ven Eingeweihten verkündet, daß alles in einem und eines in allem ist. In einem jüngst erschienenen Büch* kin über das Tarock non Ernst Kurtzahn (Taüs-Verlag. Leipzig) sagt der Verfasser: ..Für den Kabbalisten ist ein behrai^cker Buchstabe — eine Tarockkarte — ein ganzes llniner'um mit oll seinen komvüz'erten Beziehungen im kleinen, und das Universum bedeutet mit all feinen inein­ander verketteten Lebensabstukungen ein kabbalistifches

Dor Kabbalist kennt drei Ebenen des Daseins, di« er auch drei Welten nennt. Das sind Gatt. Universum und der Mensch Wie der Meillch durck Gott seinen Weg ins Universum findet. ist der Sinn des Tarock und des Tarock- fviels. Leider finb die Okkultisten feine Tarockspieler, und darum ist auch allen der Zusammenhang zwilchen dem Sviel und der alten Bedeutung der Karten unklar geblieben. Diesen Zusammenhang mochte ich nun erklären.

Die einzelnen Tarockkarten waren ursprünglich mit hebeäHeben Buchstaben bezeichnet. Die erste Karte Nr. 1 trug den Buchstaben Alevh. Das ist der Mensch. Wenn man stck den hebräischen Buchstaben vor Augen hält, dann steht man. daß ein Arm des Buchstaben nach oben, ein Aim nach unten zeigt. So wurde aus vielem Buchstaben die Figur des tanzenden Gauklers, der Pagat. Wer nach bet berühmten smaragdenen Tafel des Hermes Tois- megistos bedeutet diese Haltung eine tiefe Weisbeitslehrs, die in die Worte gefaßt werden könnte: Wie oben, fj unten. Di« 20. Tarockkarte heißt: bas jüngste Gericht. Die 21. ist unnumeriert und heißt der Narr. Di« 22. bedeutet die Welt, den Makrokosmus. Nun hat fick im Laufe der Zeit eine Verickieckvng in der Bedeutung ergeben: der Sküs. alfo der Narr des alten Tarock, wurde zur 22. Karts und bie 21. (der Mond) übernahm die Bedeutung von 20 und 22. Der Narr gebt auf den alten Bildern auf einen Abgrund zn und ein Kaier folgt feinen Schriften. Der Natt ist das Sinnbild des Leichtstnns. der Sorglosigkeit, der Torheit, die in allen Menschen steckt. Alle Karten von 1 bis 20 hoben ihre symbolische Bedeutung und verkörpern die Möglichkeiten des menschlichen Unglücks und Glücks, der G'öße der Macht, des Verbrechens und der Gefahr. Durch diese Höben und Tiefen hindurch stickt nun der Mensch, also der Pagat, seinen Weg zu Gott. Schwach, wie er ist. wird er von allen Symbolen „gestochen". Ihn trotzdem zum Sieger über alle Gefahren zu machen, ist die Aufgabe des Kundigen Das rein Menschliche ist der letzte Trumpf. Di« letzte Karts, die siegend auf den Tisch geworfen wird, nach­dem st- allen Gefahren entrann, ist der Pagat.

Die schönen symbolischen Bilder der alten Tarockkartcn finb längst durch banale Darstellungen verdrängt worben. Rur die Bilder von Pagat und Sküs find ziemlich gleich getliel'cn. Meistens trägt der Narr ein kleines ‘,’lbb:Ib des Vagat auf der flachen Hand: die Torheit läßt ben Menschen ta^äen Unb bie Torheit ist die mächtigste Karte im Soick. Sie stickt sogar den „Mond", die Torheit besiegt die Welt, sie ist stärker als alle König« und Ritter der vier Farben, als di- Koster unb die Päpste, die früher auf den Bildern des Spieles eine große Rcll« spielten.

Zur Torheit zählten aber die meisten Erfinder des Orakels auch alle Laster und Sünden, alle Verfehlungen gegen bie Gesetze Gottes. Mephistos Narrenkleid auf alten Darstellungen ist nur ein Hinweis darauf, daß auch per Teufel als Tor der Toren betrachtet wurde. Seine Auf­lehnung gegen Gott war d>e große Torheit, bk alles Un­glück in die Welt gebracht hat. In biekm Sinne ist auch der Sküs der mephistophelische Teilhaber am Spiele. Er ist der ewige Feind, der immer den schwacken Mcnscken be­droht. Auck, das Ta*ocksviel ist nur ein Sinnbild für beit urewigrn Kampf zwischen Himmel urtb Hölle. Die Erde ist die Grenze zwischen dem Reiche Oben und dem Reiche Unten über unserem Haupte wölbt sich der Himmel, unter unseren Füßen gähnt der Abgrund, in dellen Tiefe bas Höllenfruer brennt. Und auf der Grenze zwischen oben und unten, auf der Erde, tanzt der Mensch.

Die Kartenspieler haben die mystischen Symbole des Tarock längst vergessen wenn sie sie je gekannt haben. Sie sagen triumphierend Usiimo an. ohne su ahnen, daß fie va- mit den endlichen Sieg des Menschlichen über alles Teuf­lische anfünb’.gen. Und wenn fie den Ultimo verlieren, dann ärgern sie Nck über das Peck im Sviel. ohne er­schaudernd zu erschrecken, daß der verlorene Ultimo nichts anbetes bedeutet als die Überwindung des Menschlichen durck die Torbett und ihr (befolge.

So könnte man das Tarock als das „Sviel der Men- scken" bezeichnen, und dasselbe bedeutet auck das £'£>ombre* Sviel. bei dem freilich die Erinnerung an den Ursprung noch weit mehr ncrwiirt worben ist.

Wie aus einer kabbalistischen Pastence ein bloßes llrtrrhaltungslpicl geworben ist ist unbekannt unb uner­forscht. Di« Zigeuner sollen das Tarockspiel in Europa,