Verlag Langgaffe 21
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Dienstag, 9. Mai 1916.
Morgen- Ausgabe.
Nr. 215. . 64. Jahrgang.
Dir Zukunft England;.
Wir und unsere Verösii lösten wevden aus ötelsem Kriege innerlich gestärkt hevvorgeheri. Das ist tlns eine Gewißheit. Wir in Deutschland sind schneller und stärker als je Husammengawachsen, und die Kräfte, die wir in dem ungcheuren Ringen entfalten mußten, werden später in der Arbeit des Friedens fortwirken. Wir können Gleiches auch von Österreich-Ungarn sagen, wo die alten Zwistigkeiten der Nationalitäten zwar gewiß nicht 'chon überwunden sind, doch äber einem G e m e i n g e f ü h I zu Weichen beginnen, das den Staatsgeüanken wieder in seine Rechte einsetzen wird. Bulgarien sodann und die Pforte gehen vertrauensvoll einer reichen Zukunft entgegen. Wie über steht es bei unseren Feinden? Wie wind Frankreich nach dem Kriege ausseihen? Der Blüte seiner Diannhe-it denaudt, unfähig zur Er- uenerung seines geschwächten Körpers? Wie kann Italien sich aus dem Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen wieder in die Nüchternheit einer grausamen Selbsterkenntnis retten? Wie wird Rußland seine schweren Wunden zu heilen vermögen? Verwickelter liegt die Frage nach der Zukunst und an die Zukunft indessen in E n g l a n d. Es gibt auch bei uns Beurteiler, denen das britische Reichsgefüge, seine wirtschaftliche, seine ffnanzielle Macht unerschütterlich zu sein scheint, und wir wollen nicht leugnen, daß sich für diese Auffassung manches sagen ließe. Aber wer tiefer blickt, erkennt die Zeichen beginnender Zersetzung. Man braucht ja die Frage, was mit England werden wird, nicht gleich auf eine letzte scharfe Formel zu bringen, sondern zunächst muß man beobachten, prüfen, EinzeHeiten sammeln. Das geschieht in sehr lerreicher Weise in einem schönen Aufsatz .von Professor Hans Delbrück im Maiheft der „Preußischen Jahrbücher". Wir möchten diesen Auffah besonderer Beachtung empfehlen. Viele seiner Richtlinien kann man mit Nutzen dort forffetzen, wo der Verfasser selber sie nicht weiter verfolgt. Für Delbrück bleibt, und gewiß mit Recht, das irische Problem die fchweffte Schicksalsfrage für Großbritannien. Wir haben es ftn Ungewitter des Weltkrieges beinahe vergessen, daß im Sommer 1914 das englische Offizierkorps unzweideutig den Gehorsam aufgekündigt hatte: wir wollen uns jetzt wieder daran erinnern, :vas es somit heißen würde, wenn Irland wirklich die ihm zugesagte Selbständigkeit erhielte. Wie wollen die Liberalen deü Widerstand der Konservativen und der mit ihnen verbündeten Armee dreckten? Wie können die Konservativen, wenn sie ans Rnder gelangen, mit 'der alsdann irischen Obstruktion fertig wenden? Und nun die allgemeine Wehrpflicht! Sie ist ja mit Müh und Not durchgesetzt worden, aber die Umwälzung, die dem englischen Geiste damit zugemutet wind, ist so gewaltig, daß das bloße Gesetz und sogar seine, ftn Kriege freilich notdürftig durchzuisiührende Ausführung noch nichts für die spätere Stellung des Volkes zu diesem Ereignis bedeuten, das eine grundsätzliche Abkehr von jahrhundertalten Überlieferungen idarftellt. Schließlich ist jedes Volk ein Kind seiner Geschichte, seiner Vergangenheit und kann sich von ihr so wenig losreißen wie ein Mann von seiner Jugeird. .Kann Irland aus der Wehrpflicht herausgelassen weriden? Wahrscheinlich wird es nötig sein, aber was für ein Staat ist das dann, der solche beschämenden Unter- schiede machen muß? Und wie soll man es mit den englischen Staatsangehörigen in den Kolonien halten? Die Kolonien werden sich weigern, die Wehrpflicht auf sich zu nehmen, wollte man aber jeden Auswanderer .davon befreien. so würde das ganze Massen von Widerstrebenden aus dem Lande treiben. Mas die Stellung der Kolonien zum Muttevlan.de selbst betrifft, ü, erkennt Delbrück an, daß der Krieg dem Zusammen- halt des Weltreichs ein glänzendes Zeugnis aus- gestellt hat. Die Großmut Englands gegen die VurenrepubIiken hat sich wunderbar lbewährt. Alle Tvchterländer und sogar die Burenländer kämpfen aus freien Stücken für .das Hauptland. Delbrück glaubt nun freilich, daß die Kolonien, die sich so große Lasten anfgeladen haben, gerade dadurch zu der Frage werden gedrängt werden, ob die Interessen denn wirklich lo unbedingt überoinstimmten, daß man die Leitung der internationalen Politik wie bisher einfach der Mehrheit des Londoner Parlaments ' armer- trauen könne. Mit anderen Worten, der Verfasser rechnet mit der Möglichkeit einer Lockerung. Dieser Meinung sind wir unsererseits nicht, wir erwarten vielmehr, daß der imperialistische Gedanke, der Mutterland und Kolonien auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpfen 'oll, gerade durch die Erfahrungen des Krieges neue Kraft gewonnen hat und die Kolonien nur noch enger als zuvor an Großbritannien fessÄn wird. Denn sie geben nicht bloß, sie empfangen auch, vor allem Sicherheit nach
außen, ohne idaß sie wesentliche Einbußen ihres in gewissen Grenzen verbürgten Selbftüestiminungsrechts zu befürchten brauchten. Allerdings schiebt sich da besonders das japanische Problem störend in den Wog. Ist Australien aus Furcht vor Japan geneigt, sich aufs engste an England anzuschni.legen, so könnte in Zukunft doch wohl auch die Frage austauchen, ob man in London nicht aus Rücksichten der europäischen Politik Gründe hat, den japanischen Wünschen in bezug auf die freie Auswanderung nach Australien willfährig zu sein. Und dieselbe Forderung stellen die Inder in bezug auf Südafriftr, wo also derselbe tiefe Interessengegensatz zwischen Weihen und Asiaten hervortreten und die sehr schwierrgeEntscheidung der britischen Regierung erfordern könnte. Indessen man lose das bei Delbrück selbst nach, es verlohnt sich Wohl. In England weiß -man vielleicht besser als bei uns in manchen Kroisen, wie vieles auf dem Spiele steht. Aus einer Art von Verzweiflung heraus schrieb jüngst ein großes Londoner Blatt: „Der Krieg war zuerst eine Frage der Ehre, und setzt ist er ein K a m p s u m Z Dasein geworden. Wenn wir Deutschland nicht schlagen, schlägt es n n s." Nun, England wird uns nicht schlagen.
Die deutsch-amerllamsche Krijis.
Die ersten Beratungen im amerikanischen Kabinett.
Ungünstiger malende Berichte über London!
Br. Stockholm, 8. Mai. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) „Stockholm Tidningen" melden aus London: „United
Preß" berichtet aus Washington: Das Kabinett hat zwei Stunden lang über die deutsche Note in der von den Zeitungen ausgegebenen Form diskutiert. Wilson nahestenhende Personen in offiziellen Stellungen deuten an, daß Wilson nach dem Durchlesen der von der Preffe wiedergegebenen Note Deutschlands Antwort nicht befriedigend gefunden hat. Finanzmänner drücken die Meinung aus, daß ein Bruch unvermeidlich sei, falls Wilson an seiner Forderung f e st h a l t e, was er wahrscheinlich tun werde.
Der günstige Eindruck in der Türkei.
W. T.-B. Konstantinopcl, 8. Mai. (Nichtamtlich.) Die Mütter hoben den festen uüd würdigen Toi: und die logische Beweisführung der deutschen Note an Amerika hervor und drücken die Überzeugung aus, daß die Note in Amerika einen guten Eindruck machen und Verwicklungen verhüten werde.
Das durchaus schiefe Urteil eines schweizerischen Blattes.
W. T.-B. Bern, 8. Mai. (Nichtamtlich.) Die „Berner Tagwacht" schreibt zur deutschen Note: Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die deutsche Antwort die Regierung Wilsons befriedigen wird und die Bedingung-n, an die Deutschland feine Zugeständnisse knüpft, Erfüllung finden. Die wenig verhüllte Fvrnr, in welcher die Note Amerika vorwirst, daß es seit langem für England offiziell und inoffiziell Partei genommen und die Neutralitäts-Pflichten groblichst verletzt hat, ist kaum dazu angetan, die Regierung Wilsons für die deutschen Bedingungen günstiger zu stimmen. Der recht energische und selbstbewußte Ton der deutschen Note sowie die ausdrückliche Bemerkung, daß dies das äußerste Zugeständnis sei, läßt denn auch darauf schließen, daß man in Deutschland nicht gewillt ist, vor Nordamerika weiter zurückzuweichen, vielmehr allen Ernstes mit der Möglichkeit oder sogar der Wahrscheinlichkeit eines völligen Bruches zwischen den beiden Staaten rechnet. (Das Berner Blatt hat fo gründlich, wie nur möglich, mit seinem ungünstigen Urteil daneben gehauen. Das beweist die ganze bisherige Ausnahme der Note, die wirklich ein diplomatisches Meisterstück war, im Ausland. Schriftl.)
Neue Wutausbrüche der englischen Presse.
W. T.-B. London, 8. Mai. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) „Daily Chronicle" schreibt in einem Leitartikel: Der Zweck der langen Salbaderei der deutschen Note ist. einfach Zeit zu gewinnen. Was sie den Neveinigten «Äiaaten anbietet, geschieht zu Bedingungen, die sie wertlos machen. Es ist Kar, daß die Antwort, die die deutsche Note auf die amerikanische gibt, überhaupt keine Antwort ist.
„Daily News" schreibt: Die wesentliche Tatsache ist, daß die deutsche Note den bestimmten Forderungen Amerikas in jedem Standpunkt entweder ausweicht oder ihnen, mit einem Zugeständnis begegnet, das durch die hinzugesügten Bedingungen so entwertet ist, daß es nahezu einer direkten Ablehnung gleichkommt. Die deutsche Note ist «in non Iiossumus Die amerikanische Note sagte vorher, daß ein non possrunus den Abbruch der diplomatischen Beziehungen hevboiführen müsse, und der Albbvuch öer diplomatischen Beziehungen werde sich nicht lange von dem Kriegszustände unterscheiden lassen.
Die „Morning Post" schreibt: Der Versuch der deutschen Note, die Regierungen Amerikas und Englands ansein- anderzühetzen, ist deutlich genug. Es ist ebenso klar, daß Deutschland es a b l e h n t, die kategorischen Forderungen der amerikanischen Regierung anzunehmen. Selbst der Vorschlag, den Deuffchland bedingungsweise macht, entspricht weder dem Völkerrecht noch den amerikanischen Forderungen, denn Deutschland behält sich das Recht vor, Handelsschisse zu ver
senken, wenn sie fliehen oder Widerstand leisten. Die boshaften Anklagen und wüsten Angriffe gegen England seien so unverschämt, daß sie die Intelligenz der Amerikaner beleidigen, denn tatsächlich habe England nach 22 Kriegsnionaten noch nicht einmal von seinen vollen maritimen Rechten nach dem Völkervecht Gebrauch gemacht. Deutschland scheine zu verlangen, daß seine Handelsflotte die Meere tote in Fviedenszeiten benützen dürfte und daß jede Erbeutung eines deutschen Handelsschiffes Deutschland die Freiheit geben sollte, seine Unterseebootsräuberei wieder aufzunehmen. Die Vereinigten Staaten würden also höslichst aufgefvrdert, ihr ganzes eigenes Seekviegsrech't wufzugeben, und außerdem Frankreich, England und Rußland herauszu- iordern. Hier steht die Ehre der Bereinigten Staaten auf dem Spiel. Die Nichterfüllung der Forderungen des Präsidenten muß weittragende Folgen haben. Sie würden Amerika seiner moralischen Rechte berauben und seinen Anspruch, die schwächeren Neutralen zu vertreten, ad absurdum führen. Aber Deutschland ist nicht damit zufrieden, Bedingungen aufzustellen, die es vielleicht nicht einmal halten würde, sondern es droht Amerika, wenn die Vereini'gten Staaten die deutschen Bedingungen nicht annehme, so behalte sich Deutschland die vollständige Freiheit der Entschließung vor. Die Absicht der wilden Drohung ist offenbar, den Bereinigten Staaten die Verantwortung für den Mbruch der diplomatischen Beziehungen aufzubürden.
Befriedigung im Vatikan.
Br. Luga»», 8. Mai. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Don maßgebender Seite erfährt der Berichterstatter der „Voss. Ztg.", daß man im Vatikan von dem Text der Antwortnote an Amerika sehr befriedigt ist. Man findet, daß das Entgegenkommen Deutschlands groß ist und hofft, daß die friedlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern erhalten, die befürchtete Ausdehnung und Verlängerung des Weltkrieges vermieden wird.
Oer Krieg gegen England.
Die Möglichkeit einer englischen Flottenaktion.
Ein Marinesachmann schreibt in „Evening Standard and St. James Gazette" vom 39. April: Uber die Bedeutung des Angriffs auf Lowestoft läßt sich derselbe folgendermaßen aus: „Biele Engländer werden sich in den letzten Tagen die Frage vorgelegt haben, ob diese andauernde Regsamkeit unserer Feinde zu Wasser, in der Lust und auf dem Lande ein Zeichen von Stärke oder Schwäche ist. Die Beantwortung dürfte ihnen um so schwerer fallen, wenn sie sich vergegenwärtigen, was alles ihnen in letzter Zeit mündlich und schriftlich über die totale militärische, finanzielle und wirtschaftliche Erschöpfung Deutschlands vorgesetzt worden ist. Eins steht jedenfalls fest, daß, wenn ein rasches, kräftiges Zuschlägen bei jeder sich bietenden Gelegenheit den andauernden Besitz von stets bereiter Initiative, männlichem Selbstvertrauen und Siegeswillen beweist, daß dann Deutschland diese Eigenschaften in hohem Maße besitzt, das erfahren wir täglich aus unseren Zeitungen. Während der leytvergangenen Woche hatten wir Flugzeug- und Zeppelin-, lll-Boot- und Kreuzerangrifse, Versuche Massen zu landen und einen beinahe erfolgreichen Versuch, den Bürger- krieg in Irland zu entfesseln.
Äuf allen Fronten Europas sahen wir erneute Tätigkeit, aber auch hier ging die Initiative stets vom Feinde ans, nnd die Verbandstruppen hatten sich mit der ungeduldig ertragenen Rolle des passiven Widerstandes zu begnügen. Auch die Türken gingen zur Ossensive am Tigris über, übersielen östlich des Sues- kanals die englischen Vorstellungen und warfen sich, angeführt von deutschen Offizieren, den siegreichen Rüsten in Anatolien entgegen.
In O st a f r i k a setzt allerdings General Smuts die Verfolgung energisch fort. Im allgemeinen aber muß gesagt werden, daß sich die Berbandstruppen nur rühren, wenn sie angegriffen werden. Dann geht es wie in einem Wespennest zu.
Das mag alles strategisch sehr wichtig sein. Wer aber die Augen offen hält, spürt, daß das Volk anfängt, sich einiger- maßen zu beunruhigen; es blickt dabei besonders ans die Flotte, die bis jetzt wenig Gelegenheit hatte, sich zu betätigen, und fragt sich, wie. es der deutschen Flotte möglich ist, durch die Nordsee zu kommen und unsere Küstenstädte zu bombardieren, ohne daß ihr Nahen bemerkt wird. Das und die Geschicklichkeit der Deutschen, ungehindert zu kommen nnd zu geben, b e - darf einer Erklärung.
Die Nordsee ist ungefähr 200 000 Geviertmeilen groß, und an- genommen, daß 2000 Patrouillenboote Dienst tun, hat jedes Boot 100 Geviertmeilen zu bewachen; vorausgesetzt, was natürlich un> möglich ist, daß alle gleichzeitig draußen sind. Es wird also immer unbewachte Strecken geben und Zeppeline können weithin aufklären. Dann kommt der Angriff. Sich wieder in Sicherheit bringen, ist nachher eine Sache der Bewachung, der Entfernung und der Schnelligkeit. Besonders letztere ist eine der wichtigsten Faktoren des modernen Seekrieges, und wir dürfen annehnien, daß die Deutschen für ihre Überfälle nur ihre raschesten, mindestens 25 Meilen lausenden Schiffe herausbringen.
Natürlich kann die englische Flotte das gleiche tun. Die Frage ist nur, ob sie es tun soll. Die prachtvollen Operationen Sir Reginald Bacons an der belgischen Küste, die am 24. April von neuen, ausgenommen wurden, mögen dem Fragenden einen Wink geben, wie man sich die Sache zu denken hat.
Voraussicht, Initiative und die nötigen Hilfsmittel, letztere mit besonderer Berücksichtigung für ihre Zwecke (Monitor« mit Steil- feuergeschützen?), sind, was wir dank der Tätigkeit Lord Fishers reichlich besitzen. Das Weitere muß den höheren Stellen überlasten werden. Wenn der günstig-Zeitpunkt kommt, wird sich zeigen, daß niemand mehr als der britische Seemann der Politik des passiven Widerstandes müde ist."
