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Nr. 1.

Mittwoch, 2. Januar 1924.

72. Jahrgang.

Bor lMm IriklNII!IHn,8W?ll.

as. Berlin, 2. Jan. (DraHtmeldung unserer Berliner Abteilung.) Der Neujahrstag hat die üblichen diplo- matifchen Empfänge gebracht, deren Reden Dei der erforderlichen vorsichtigen Fassung besondere poli­tische Bedeutung nicht beanspruchen können. Von deut­scher Seite ist aber nochmals nachdrücklich betont wor« den, daß Deutschlands Wunsch ist

ruhiges Arbeiten und friedliches Leben im Kreise der Völker.

Die Preffebetrachtungen zum Jahreswechsel waren im übrigen diesmal, wie es im -Zeichen der sogenannten Kenesungskrise nicht weiter verwunderlich ist, den Wirt- schastsfragen gewidmet. Ganz allgemein werden die Aussichten dabei ein wenig hoffnungsvoller beurteilt 'ttfö noch vor einem Jahr. Wenn aber auch eine An- za-dl günstiger Momente für die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Wiederbelebung der deutschen Wirt­schaft sprechen, wie etwa die Verlängerung der AM beitszeit, das Vertrauen zur Rentenmark und dM Herabsetzung der Kohlenpreise, so verkennt man doch andererseits nicht, dast dem immer noch di», g r o tz e Zahl der Arbeitslosen, die Zoll­erschwerungen des Auslandes und die noch immer ungelöste Reparationsfrage gegen- ühersieDn, so daß nur

ein allmiih. scher Ausgleich und eine schrittweise d Besserung

zu erwarten ifu

In politischer Hinsicht neigt man eher einem starken Skeptizismus da man nicht verkennt, daß das neue Ja.,r von bemalten unvermindert dessen ganzes Erbe an inneren Eerhhren und äußeren Bedrohungen über­nimmt.

»Festigung ctm Innern und Bcrstandigung nach autzen"

erhofft denn auch der Reichskanzler von dem neuen Jahre. Diese Verständigung aber scheint im Augenblick nbch immer sehr schwierig. Die französische und die belgische Antwort auf die deutsche Roten liegen im Augenblick noch nicht vor, aber an die englische Jndis- /kretion knüpft sich eine Presiefehde zwischen dem amt­lichen französischen und deye amtlichen deutschen T-lle- graphenbiireau, die der Verständigung kaum dienen dürfte. Die zu erstrebende Festigung im Innern wird nicht gerade gefördert, wenn schon jetzt _

der Wahlkampf mit allen Mitteln eröffnet

wird, wie es derVorwärts" tut, dessen tägliche An­griffe gegen die^ Regierung ja bereits dem gleichen Zweck dienten.' Das sozialdemokratische Organ be­grübt das ncue> Jahr als Wahljahr und veröffentlicht einen ersten Wahlaufruf der Partei, der heftig gegen die Regierung Cuno polemisiert und der dann feststem, dah auch die fozialiftenreine bürgerliche Regierung Mari eine Bedrohung für die arbeitenden Massen sei. Weiter fördert das Blatt dir Auf­hebung des Ausnahmezustandes und zeigt sich von der jetzt'vorgenommenen Abänderung nicht be­friedigt. Dazu sei noch bemerkt, dass die neue Verord­nung über den Belagerungszustand noch kurz vor Weih­nachten formuliert wurde, also vor der Besprechung der Soz'oldemokraten mit dem Kanzler. JnRegierungs- kreisen erhofft man von der neuen Verordnung eine gewisse innerpolitische Entspa r n u n g. Die Haltung desVorwärts" und der soziasdemokratj- sche Wahlaufruf lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass das neue Jahr auch innerpolitisch' schwere Kämpfe bringen wird?

Um die Aufhebung des Ausnahmezustandes.

Berlin, 2. Jan. Wie derLokalanzeiger" airs , parlamentarischen Kreisen erfahren haben xwrll, werden die Verordnungen der Reichsregierung über die Ab­änderung ire s Ausnahmezustandes in linksgerichteten politischen Kreisen als nicht aus­reichend angesehen. Vertreter der VSPD. hätten deshalb gestern mit Mitgliedern der bürgerlichen Koa- litionsvarteien Fühlung genommen, inwieweit im bürgerlichen Lager für eine restlose Beseitigung des Ausnahmezustandes Neigung vorhanden wäre. Die ^"Lialdemokratische Partei sei für eine sof rtige '."beruf u ng des Reichstags eingetrere,'.. n ^^bürgerlicher Seite sei mgn indessen der Meinung, dahMchan aus außenpolitischen Ciründen eine reftUie Ausübung des Ausnahmezustandes gegenwärtig nicht nützlich wäre.

Einberufung des 15er-Ausfchusse».

Berlin, 1. 'Jan. (Eig. Drahtb-richtz) Der 15et» Ausschuss des Reichstags ist zum Donnerstag, den <j. ^anuar, einberufen worden. Er soll zu der 3. SteuernotverorLnulig Stellung nehmen.

ütr «5'iimier m die oeiMi toleie.

.... Düsseldorf, 1. Jan. Reichskanzler Marr ver- osfsntlicht in der ZeitungDer Mittag" folgenden Reujahrsgrutz an die Rheinländer und Westfalen:

»Ich benutze an derJ ahreswende gern die mit von der Schriftleitung desMittag" gebotene Gelegenheit, um meinen lieben Landsleuten am Mein und an der Ruhr meine herzlichsten Grüsse und innigsten Wünschefür einebessereZukunftzu über­mitteln. Bin ich doch einer der Ihren und fühle mit ^hnen die ganze Schwere der Leiden, die Sie haben erdulden müssen und die Sie täglich weiter mit schier übermenschlicher Kraft erdulden. Um so grösser ist aber auch meine Genugtuung darüber, daß ich den Schwestern und Brüdern im bosetztenGebiet versichern kann: Ihr seid nicht allein! Ein Rückblick auf das vergangene Jahr erfüllt fast jedes Herz im deutschen Vaterland mitAiefem Mitgefühl für Eure t Röte und mit tiefem Dan k für Sure Treue. Hat der Beginn des alten Jahres uns gleich den schwersten Schlag versetzt mit dem militärischen Ein­marsch in das Ruhrgebiet, so wünschen wir alle um dem neuen Jahre innigst, dass es fine recht bald den An fang friedlicher Entwicklung bringen möge. Allerdings können wir das Heil nicht nur von aussen her erwarten. Das deutsche Volk selbst wird um de" Frieden und um die Befreiung ringen und dafür schwerste Opfer auf sich nehmen müssen. Bauend auf das Vertrauen des Volkes, ist die Reichsregierung entschlossen, alle Kräfte zur Erreichung dieses Zieles gufzu bieten, auch wenn sie dabei oft der Stimme des Herzens kein Gehör schen­ken darf, sondern zu harten Massnah'uen gieren muss. So wird das neue Jabr von dem deutschen Volk mehr an Mühen und Opfern fordern, als es Wan Frieden bringen wird. Doch all das werden wir still, opferfreudig, hoffnungsvoll und zuversichtlich ertragen, wenn uns immer das grosse Ziel vor Augen schwebt: Das einigeReich, v da s freie Vaterland! Möge den Rhein­ländern das frobe Temperament, den Westfalen die unbeugsame Zähigkeit die Mühen des neuen Jahres leicht machen. gez. Mar x.'

N vjllhrsbetrachtunf ei.

Berlin. 31. Drz. D'e ..Germania" veröffentlicht das Geleitwort des Reichskanzlers zum neuen Jahr, in dem e« be'bt' Die deutsche Reniervna hat zu Ende de; Jahres 1923 den Weg der Verständigung beschritten, sie wird ibn auch im Sabre tP'-4 w-nte-gehen. unbeachtet der nqtberntile die sich ihr entgegenstellen. Obwohl aus tausend Wunden blutend, lot das deutsche Doll doch nitn den Mut verloren. Es hofft immer noch, weil es selbst schrllkt und Werte erzenot. «n die freie Arbeit eintreten v.t tonnen in der Reihe aller Nationen die bestrebt sind. b!c Wunden des Irenes und der' Nachkriegszeit zu beiten. Wir sind dankbar für jedes .strichen nm Wohlwollen, dankbar auch für jede willige Hitfsbere'.tl'baft der Welt, sei Re mrt= schafN-ch eder politisch gedacht. Deutschland hat den Willen zur Mitarbeit und mib ihn durch die Tat beweisen, wenn seine Hönde von den Fesseln befreit lein werden.

Die . stest" enthält einen Ausblick in das neue Jahr, in dem Re'chsminister des Äi'ssern Dr. Stresemann n n. laat: ..^n die Stelle der Scheinblüte der deutichm Wirtschaft, die das Ausland immer zu einer wirklich groben 5ßrvfperität steinneln wollte ist heute die völlige deut- l die Armut getreten Es ist klar, das- wir Leistungen nach aussen in dieser Situation nicht zu übernehmen cer- mögen. Gs ist weiter klar bah wir einer internatio­nalen An * eih,e bedürfen die uns dje Möglichkeit gibt, für unsere Lebensmittelne''forgung dass Nötige herbei,u- k-chutfen. N"tere Wöbr'-no zu stabilisteren. um so den Grund SU legen für eine zukünktige wirkliche deutsche Wi-ts-hofts- vroln-rität. Dazu ist nötig eine steil ruhiger Entwicklung, die Starrheit der Grenzen, die Wiederherstellung der deut­schen Souveränität, kurz die Geltendmachung der Rechte aus dem Versailler Vertrat, leitens Deutschlands und ihre Anerkennung durch die Sionatarstaaton des Vertrags Deutschland ohne Rhein und Ruhr ist nicht das Deutschland das überhaupt Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag zu übernehmen vermöchte.

Stresemann in Lngano.

Lugano, 1 Jan. (Gig. Drahtbericht.) Reichs- aiitzenminister Dr. Stresemann hält sich mir fehlet Gattin zurzeit in Lugano auf, wo er im Palasthotcl wohnt. Ein Mailänder Blatt wollte wissen, dass er in Lugano eine Konferenz mit dem französisclien Finaiiz- mini|tet d e Lasteyrie haben werde. Von unten richtetet Seite wird dies entschieden in Abrede gestellt. Dr. Stresemann, der mehrere Wochen krank gewesen ist, verbringt in Lugano einen Erholungsurlaub und wird dort keine politische Begegnurig haben.

Diplomatischer Empfang bei Millerand.

Paris,- 1. Jan. (Eih. Drahtbericht.) Präsident M j lll e r a n d hat heute im Elysote die diplomatischen VertMer empfangen und ihre Glückwünsche durch üjer, Mittelung des päpstlichen Nuntius entgegengeewuuurn.

kn tetosetiiphui] Mm lMMWEi.

Berlin. 2. Jan. Beim Reichspräsidenten fand am Neufahrstag der übliche EmpfoMg des diplo» ma tischen Korps statt, zu dem sich die Botschafter, dis Geiandten sämtlicher in Deutschland vertretenen fremden Machte emgefunben hatten und bei dem auch der Reichs­kanzler zugegen war.

Als Vertreter des diplomatischen Korps hielt

w ®I5gr. Nuntius Paccelli

folgende Ansprache:

»Das soeben verflossene Jahr sst nicht ohne schwere Schmerzen und Leiden für die Menschheit dahingegangen. Aber besonders an diesem Tage, den man gewöhnlich mit irrende und Fröhlichkeit feiert, richten sich unsere Blicke mit einer um so innigeren Teilnahme aller auf gewisse Kreise und Klassen des Volkes, in dessen Mitte wir leben. Das sind die werktätigen Stände, ebenso wie die Geistes-, aiheiler, das ist der Mittelstand, das sind Kranke Greise. Frauen und Kinder, denen ort das Allernotwendigste zum leben fehlt Wir säenden den edlen Herzen unseren Beifall, die sich bemühten, ein so erschütterndes Elend zu lindern und wir wünschen immer glühender, das, alle Nation, n/ich jener gesunden und ruhigen Wohlfahrt er­freuen mfgen die auf Gerechtigkeit, auf Arbeit und auf brüderlicher Liebe beruht."

* , Der Reichspräsident

erwiderte ihm mit folgenden Worten:

.Herr Nuntius, meine Herren' Es ist mit ein« gen# besondere Freude, wieder aus Ihrem Munde die Glück- wünlche entgegenzunehmen, die Sie mir und dem deut­schen Volke aus Anlass des heutigen Tages im Namen des diolomatilchen Korps auszusprechen die Güte hatten. Es »st bei Beginn des neuen Jahres der sehnlichste Wunsch des deutschen Volkes in seinem harten und dulden­den Ringen um (ein Leben und leine Zukunft, dass auch ihm bald dos hohe Gut ruhiger Arbeit und eines fried­lichen Lebens im Kreise der Völker beschieden sei. Mit der Hossnun.g. dass der von JhiIn so warmen Herzens gewürdigte 1

Geist der wahren Menschlichkeit

im neuen Jahr sich weiter ausbreiten und immer mehr Wr.izel schlagen möge, verbinde ich. Herr Nuntius meine Hxrren die Bitte. Ihren Staatsoberhäuptern. Regierungen und Völkern meine herzlichsten und aufrichtigsten Wünsche für ein glückliches und friedliches neues Jahr zu über« nlltteln."

Der Reichspräsident begrühte alsdann die diplomati­schen Vertreter und tauschte in persönlichen Einzelgelorächen mit ihnen Neuiahrswünsche aus. Im Anschluss daran empfing der Reichspräsident den Reichskanzler, die Reichs­minister und die Staatssekretäre. Hierbei hielt

der Reichskanzler

folgende Ansprache:

..Herr Präsident! Namens der hier verfammelten Minister und --taatssekretöre des Reiches habe ich b:e Ehre, dem Herrn Reichspräsidenten die herzlichsten Glück­wünsche zum neuen Jahr su entbieten. Die edlen Eigen­schaften d-s deutschen Voltes, die in der Zeit der Not be­sonders hell zutage treten, lassen uns die Hoffnung schöpfen dass es uns trotz aller entgeaenstebender Hinder­nisse möglich sein wird, das deutsche Volk und Vaterland

einer besseren Zukunft entgegenzuführen.

Eine Regierung, fest in sich vereint und entschlossen, für das gemeinsame Ziel das deutsche Vaterland zu retten, ihre Krait und Slnftrene,ungen einzusetzen, wird in ein­mütigem Zusammenw'rken mit Ihnen. Herr Reichspräsi­dent ein- Gewähr dafür bieten, dass das Jahr 1924 ein erfolgreiches sein wird für den Wiederausstiea unseres Volkes und Reiches.

Der Reichspräsident erwiderte darauf:

..Die Glückwünsche, die Sie mir zum neuen Jahr «is- zusprcchen so freundlich waren, erwidere ich Ihnen aufs herzlcchste. Mit lebhafter Genugtuung nehme ich Ihre , von grossem vaterländischen Vflichtgesühl getragene Ver­silberung der selbstlosen und verantwortungsbewussten Arbeit im Dienste des deutschen Volkes enteeeen. Die Reichsregierung muhte

zu tief einschneidenden Massnahmen

greifen, zu Massnahmen, die den einzelnen schwer treffen, aber doch notwendig sind, um die Lebensfähigkeit des Landes zu erhalten Bei allen Anstrengungen des Reiches ist dem schlimmsten Elend aber nur zu steuern wenn ieder einzelne nach besten Kräften mithilft. Mit Defrie- d'gung kann man feststellen, dass bei uns, wie im Aus­land. sich v-ele menschenfreundliche Herzen und Hände regen. Aber doch sind Ihrer viele, die un­berührt von der Not des Volkes ahieits stehen. An sie r-chtet sich unter dringender Appell zur Menschen- pflicht. Auch die Zukunft wird von uns allen

schwere Opfer

fordern, wenn wir unsere Eristenz erhalten und sichern wollen. Zur Erreichung dieses Zieles ist mehr denn je, gerade heute, der Wille des ganzen deutschen Volkes zur Zusammengehörigkeit notwendig. Richt io bim Widerstreit der Interessen und Ideen, nicht in einer Betonung der bestehenden Gegensätze liegt der Weg zur Zillunft unseres Volkes, sondern ick Hervorheben des Gemeinschaftlichen und im Wirken #ut Volkszugehörigkeit, die unser aller Schicksalsgemeinschaft ist Dass dieser Wille und d eser Geist zur Gammlum das deutsche Volk em neuen Jahr mehr als bisher leiten möge, ist mein herzlichster Wunsch am heutigen Tage. Hierzu nach besten Kräften bewtragen, das ist die auf« richt'ge Bitte, die ich an Sie. meine Herren, richte."

Hierauf empfing der Reichspräsident den Reichstags« Präsidenten L o be und den .Vizepräsidenten R iessee. welche -hm die E l u ck w u n I ch e des Reichstags über­mittelten und die Hoffnung aussJrachen dass das neue Jahr durch Erleichterung der aussenpolitischen Lage sowie du-ch eine innere Sanierung dem deuts-chen Volke segensreich werden möge. Der Reichspräsident erwiderte die Wünsche