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fe=a Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, g

Nr- 107.

Sonntag. 7. Mai.

1916.

IL Fortsetzung.)

D!e Geschichte einer $rau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von Hans Becker (Wiesbaden).

lNachdruck verboten.)

An: anderen Morgen war Vera schon früh auf.

Als sie am Abend mit Sergei bas Haus verlassen, waren sie vor der ersten Etage -der Einwohnerin be­gegnet, die Sergei gegrüßt hatte.

„Warum fassen Sie sich nicht bei mir sehen, Sergei Alexandrowitsch?' hatte sie den Bruder gefragt, und als dieser seine Schivaster vorgestellt, auch Vera ausgefor­dert, sie doch Au besuchen.

_ „Aber ich muß eilen, es ist schon spät — ich hoffe Sie also bald bei mir zu sehen — vielleicht übermorgen — Sie wissen, Sergei Alexandrowitsch, Freitag wird bei mir stets musiziert."

Unterwegs hatte ihr der Bruder erzählt: Bald mach ihrer Heirat sei die Dame, die ihn e¥>en an gesprochen, in die erste Etage gezogen. „Sie gibt Klavierkonzerte, bei ihr verkehrt eine sehr angenehme «Gesellschaft, Künstler und «Musikfreunde, ich Lin durch Zufall be­kannt geworden, da hat es sich so gemacht, «daß sie mich eingeladen. Sie ist «verheiratet, doch der Mann — «man findet sich da nicht durch. Er soll svüher Marineoffizier gewesen sein — hast du bemerkt, wie er um seine Frau bemüht war, als er sie zum Wagen begleitet, nicht wie ein zärtlicher Gheinann, mehr wie ein Diener, ohne Hut oder Mütze «war er mit herausgekommen, öffnete die Wagentür, «hob sie herein, legte ihr Kleid und Man- tel zurecht — auch bei ihnen iin Hause kam er mir ge­drückt vor, zeigte sich scheu — und dann sie, wie sie mrit ihm spricht: es wird wohl bürge .dauern, leg' dich schlafen — «dabei hatte sie ihnr noch effvas leise gesagt, ich kann mir denken, um )vas es sich handelt. Der Mann soll ein Trinker sein — wenn er ohne ihre Aufsicht ist, alles, «was ihm in die Hände koiuml, trinken, «der Hams- kirecht hat davon erzählt, es sollen schon ein und das andere Mail Szenen vorgekommen sein. Ich bedaure die Frau, sie ist trotz ihrer dreißig .Jahre noch eine schöne Erscheinung — du hast gesehen, prachtvolle Figur, kleidet sich sehr gut und ist eine liebenswürdige Wirtin. Komm Freitag mit herunter, das «lenkt ab, bringt «dich auf andere Gedanken."

In der Nacht, «während sie schlaflos gelegen rrnd ge- dcrcht, immer wieder gedacht und Merlegt, .wie sie sich ihr Leben gestalten könnte, war ihr die Klavierkünst- lcvin eingefallen, eine Idee in ihr aufgetancht, ihr Wialinspiel.

Die letzten Jahre seit ihrer Heirat hatte sie es fast aufgegebsn gehabt, die Violine hier zurnckgelassen, irgendwo mutzte sie aufbewahrt sein. Wenn nur die Mutter schon auftvachte, damit sie sie fragen könnte. Er- muttgendes lag in dem Gedanken, daß sie doch etwas verstand, .was sich vielleicht verwenden «ließ. Sie hatte früher gut gespielt, schon als Kind, als der Vater noch lebte, als noch Gäste im Hanse verkehrten. Man hatte ihr .manches Lob gesagt, auch ihr Lehrer: Wenn sie fleißig sei, könne sie es zu etwas bringen.

Mit des Vaters Tode, in der Zeit «der .Sorgen konnte «der Lehrer nicht mehr bezahlt werden, so war sie ganz auf sich angewiesen gewesm, da war ihr die Lust

geschwunden. Mer jetzt konnte es ihr vielleicht «weiter helfen. Sie wollte gleich .heute rhren alten Lehrer auf- fuchein — wenn sie nur erst <hte Violine wwelder Hütte.

Darin plötzlul) der Gedanke, daß sie kein Geld hätte, um den Lehrer zu bezahlen, das entmutigte sie wieder, bewirkte, «daß sie die ganze Sache für phantastisch an- sah: Was würde sie denn auch erreichen? Eine Künst­lerin würde sie nicht werden — oder vielleicht doch, wenn sie fleißig «wäre.

Vorher war sie «doch so überzeugt gewesen, «daß sich Mpas erreichen ließe, der Einfall hatte ihre ganze Stlimirrung verwandelt, wie ein erfrffchendes Bad ge­wirkt, und nun wollte sie schon wieder verzagen. «Sie sah zum Bette «der «Mutter hin — die schlief noch rrchig

— also sie mußte noch warten.

Leise kleidete sich Vera an und ging ins Neben­zimmer. Sergei war schon fort, sein leeres Teeglas stand «jitif «dem Tische, daneben ein Deller mit Weißbrot, auf «der Tischdecke umhergestreute Brotkrumen.

,■ sErte sie — seufzend dachte sie an ihre Häus- lichkert «der letzten Jahre. Sie nahm -das Glas und trug es rn die Küche, die Krümel hatte sie vorher vom Tische gewischt, ließ sich von «der Magd Tee bringen und saß nun «da und grMelte weiter.

Einen Versuch wollte sie auf alle Fälle machen, erst einmal für sich, .dann zu dem Lchver hingehen — dazu brauchte sie ja doch kein Geld, sie wollte mir hören was er nieinte.

Mechanisch betrachtete sie ihre Finger, ob die noch geschmeidig genug wären, .da fielen ihr die Ringe ein, die sie noch besaß, die «man ihr nicht von den Händen batte reißen können. Die li«ehen sich wohl zii «Gelde machen, sie «wollte Sergei fragen, auch von ihren Pelzen konnte sie verkaufen, sie brauchte ja jetzt nicht mehr alle

— vielleicht reichte das. Wieder kani «das frühere Ge- fühl «des Muts über sie, sie konnte die Zeit nicht er- warten, daß sie ihre Violine in Händen hielt.

Aber die Mutter schlief noch immer. Unruhig ging Vera int Zimmer hin und her, ab und zu von neuem ihre Hände betvachend. Die waren noch so schlank und geschmeidig wie früher — sie ließ die Finger «bcr linken Hand spielen, als ob sie die Saiten einer Violine b»- ruhrte, dann mußte sie plötzlich vor sich hinlächeln: Was wurde Sergei zu -ihrer Idee sagen — gestern ans dem Spaziergänge hatte er nrit ihr von der Zukunft ge­sprochen, allerlei Vorschläge gemacht, ob sie nicht fran- zösischen Unterricht erteilen wollte — sie spräche doch so gut Französisch — oder Übersetzungen machen «oder — sie hatte wohl bemerkt, wie schwer es ihm geworden, ihr das zu «sagen, er wußte ja. daß sie das nicht konnte, oft genug hatte sie ihn: erklärt, daß sie seine Geduld be­wundere, wie er sich «mit Schülern abplagte — wie eine Ungeheuerlichkeit wsar es ihr erschienen, wenn sie «sich als Lehrerin «dachte — eine einfache Unmöglichkeit. Nun hatte sie sich falbst etwas herausgefunden, was ihr Geld und Ruhm bringen konnte. So weit war sie schon wie­der in ihren Gedanken.