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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, !■ —--■ ■ i

nt. 106.

Samstag» 6. Mai.

1916 .

Oie Geschichte einer Zrau.

Roman aus dem russischen Großstadtleben.

Von Hans Becker (Wiesbaden).

lNachdruck verboten.)

Ohne daß Frau Vera darauf geachtet, war «Me -frühe Dämmerung des Wintertages «heraufgezogen, kaum konnte sie noch ihr Gesicht in dem Spiegel, vor dem sie stand, erkennen.

t «Seufzend liefe sie die Arme sinken, achtlos ihr reiches, dunkles Haar, «das sie gelost hatte, herabfallen, trat zum Fenster und sah über «die schneebadeckten Dächer nach «denn schwindenden, letzten Widerschein der gesunkenen Sonne, «den der tiefherabhängende «gm«ue Himmel noch fest-zuhalten strebte.

Aber sie nahm «das Bild vor sich Caitint «wahr, ihre großen, grauen Augen träumten «darüber hinweg, ihre Gedanken weilten noch immer in der Welt, in der sie gelebt.

Ein Frösteln ging durch ihren Körper. Was sollte werden, wie würde sich ihre Zukunft gestalten? Vorher war ihr jode Überlegung genommen, alles war so schnell gegangen, erst hier, in ihrem früheren Zuhause, hatte das Deirkeir angefangen.

, Ihr „Zuhause" — drei enge Räume, in denen sie mit Mutter und Bruder von der knappen Witwen­pension der Mutter gelobt, bis sie durch ihre Heirat dar­aus erlöst wurde.

Mit welch glänzenden Verhältnissen hatte sie ihr bis­heriges Heim vertauscht, um mit einem Schlage von neuom in die elende Misere dieses kärglichen Daseins xurückgeworfen zu werden. F«ast schlaflos hatte sie die «drei Nächte, die sie nun wieder hier weilte, verbracht, immer nur von Gedanken gequält, Gedanken, «die sie nun auch am Tage nicht verließen.

Dabei fühlte sie sich so matt und zerschlagen, daß über alloni der Wnnlsch stand: „Wenn ich doch sterben

könnte, es zu Ende wäre oder wenigstens krank «werden, rocht krank, um endlich die Pein dieses Denkens loszu- wevden."

Aus den dunklen Schatten der letzten Wochen kehrte immer wieder die Erinnerung zurück, das Bild -ihres Mannes trat ihr vor Augen, bis zu dem Lage ihres Bekanntwevdens mit ihm wanderten ihre Gedanken zurück.

Ganz «deutlich tauchte alles in «ihrem Geiste wieder

auf:

An ihrem achtzehnten Geburtstag hatte ihr Bruder, der kurz vorher das Gymnasium beendet und «Student geworden war, -Billetts für die Oper gebracht, ans seinem ersten Verdienst tür die Nachhilfestunden, «die er erteilte: am Abend im Theater hatte «sie ihren Mann kennen gelernt.

Als sie mit dem Bruder nach Beendigung der Vor­stellung aus dem dritten Rang gekommen, unten a«uf der letzten Trippe, die ans «den Lagen ins Vestibül -führt, war ihr ein Handschuh entfallen, ein hinter ihr gehen- «der Herr hatte chn aufgehoben und ihr hingereicht. «Sie «hatte ged«ankt und war nnt dom Bruder weiiergegangen, doch der Herr, wie unabsichtlich, «üben ih'.ren «geblieben. Däbei hatte er ein paar Worte über die Vorstellung ge- sagt — etwas Bedeutungsloses, wohl nur, um ins Ge­

spräch zu kommen. Aber «auch auf der Straße war er «an ihrer «Seite gohli-eben und mit «omsm: „Wir scheinen «den gleichon Weg zu haben, wenn Sie «gestatten" — neben ihnen hergegangen.

Unterwegs Hatte er sich vorgestellt: „Peter Grigvro- witsch Lepeschow" und im Gespräch erwähnt, «daß er «nicht hier in Petersburg wohne, sondern nur auf einige Tage von Moskau «hevübergekommen sei. Auch, daß er Direktor einer Bank sei, erfuhr sie, und «As er sich «vor ihrer Wohnung verabschiedete, hatte er g«ebeten, «ob die Geschwister ihm nicht den nächsten Abend schenken woll­ten: er sei «ganz fremd hier und das Schichal hätte sie «doch nun einmal zusammengeführt.

Sie «hatten zugesagt und «waren am nächsten Abend seine Gäste mn Hotel de l'Europe, wo er «wohnte, den Tag «darauf hatte Lepeschow seinen Besuch gemacht.

«Vera «war erst ganz verzagt «gewesen, als er gokom- «men — sie schämte sich, den vornehmen Fremden in ihrer engen Häuslichkeit zu empfangen, «doch Lepeschow hatte gor nicht ans die Umgebung acht-gegeben, schien nur Interesse «für sie zu haben und «hatte fast eine Stunde mit ihr und der Mutter verplaudert.

„Eine unerlaubt lange Feit für «einen ersten Besuch" -- wie er «sich entschuldigt hatte. Nach einigen Tagen batte er seinen Besuch wiederholt, seine Wreise «aus Petersburg ausgeschoben, dann nach einer Woche sie «ge­fragt, ob sie seine Frau «werden wollte. Vera hatte ein- gew-illigt, sie hatte sich beglückt gefühlt, daß «der reiche, vornehme Mann sie diesem jämmerlichen Loben entriß. Kurze Zeit «darauf hatten sie geheiratet, sie war «mit ihrem Manne nach Moskau übergesiedelt.

Wie eine Fürstin «hatte sie gelebt, bis —

Sie «schloß die Augen, sie wollte «die Bilder gewalt­sam fortscheuchcn, doch wie ein Schwann häßlicher, im- rcbärdiger Insekten drang es auf sie ein nnd ließ sie n'cht. Sie hörte das Surren des Getiers, fühlte «das Stechen, «das in ihr Gehirn «drang — immer wieder trat deutlich «d«ie Stunde in ihr Gedächtnis, als sie ihren «Mann morgens «in seinem Bette tot gesunden.

Grauenvolle Tage «waren gesolgt. Fremde Menschen hatten in ihrem kostbaren Hesin gehaust, man «hatte ihr alles genantmen.

Sie hatte sich unfähia gefühlt, eine Frage zu beant­worten, stumm, tcilnahmlos «hatte sie gesessen und alles um «sich her geschehen lassen.

Dann war ihr Bruder gekommen, um sie mit «sich zu nehmen, erst von ihm erstchr sie, «was geschehen: Ihr Mann «hatte «sich vergiftet — unselige -Spekullatiiorren batten ihn zugrunde gerichtet, er hatte Gelder «der Bank, «deren Direktor er «war, angegriffen — nichts war zu retten, «wie sie ins Hans «gekommen, war sie «wieder her« ansgegangen.

Durch ein Geräusch wurde sie aus ihren Gedanken aufgesiört, ihre Mutter war ins Zimnoer getreten und suchte «auf dom Schreibtisch herum. Dabei war ein Buch zur Erde «gefallen.