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1916.

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, s

■)

Nr. 105.

Freitag. 5. Mai.

(Schluß.)

Erzählung von Gizrlla Gräfin

Da endlich knirschte der Kies unter den Rädern des vorfahrenden Wagens. Bodrog eilte dem alten Haus- arzt entgegen. Mit wenigen Worten schilderte er ihm den Vorgang. Die Gräfin klammerte sich an seinen Arm und zog ihn zur Chaiselongue. „Helfen Sie, helfen Sie rasch! So liegt sie nun schon seit einer Stunde."

Der Arzt legte das Ohr auf die Brust der Kranken und befühlte den Puls. Sich aufrichtend, winkte er «Bodrog, die Gräfin zu entfernen, dann flüsterte er einige Worte der etwas abseits stehenden Rest zu. Bodrog bat die Gräfin, mit ihm für einige Minuten ins Nebenzimmer zu treten. Widerstrebend folgte sie.

Es vergingen bange Augenblicke, durch die offene Tür drang scharfer Äthergeruch. Die Stille Lastete blei­schwer in der Luft. Airs den verstörten blassen «Ge- sichtern lag «das Entsetzen vor einer unausgesprochenen Möglichkeit — der Tod kam ans lautlosen Sohlen ins Zimmer geschlichen. Würde er die Schwelle «des Raumes überschreiten, in welchen, das junge Mädchen lag oder zurückweichen oor den, Manne, der da stand wie aus Stein gemeißelt mit ver'chränkten Armen, den starren Blick auf die Tür gerichtet, aus der der betäubende Äthergeruch drangt Zurückweichen vor der Frau, die mit krampfhast verschlungenen .Händen in siummer Not und Verzweiflung heiße Gebete enrporsandte? Die Stille wurde unerträglich. Jim Zwang dieser unheim- liehen Todesruhe wagte keiner eine Bewegung, einen Laut von sich zu geben. Mit fast übermenschlicher An­strengung löste sich das eine Wort „Bodrog" von «den Lippen der Gräfin. Heiß, flehend, zitternd. Er rührte sich nickst. Sie sah zu üym hinüber und erschrak über den Ausdruck finsterer unbeugsamer Entschlossenheit im Mick der dunklen Augen, die irgend etwas Unsicht­bares, Unwesentliches in Bann zu halten schienen. Er tnar völlig weltentrückt, sein ganzer Wille konzentrierte sich offenbar auf einen Punkt. Die Gräfin sank er- schrocken, wie von einer plötzlichen Schwäche übermannt, in ihrem Stuhl zurück und ihre Lider schlossen sich für lvenige Minuten. Das Blrit sauste in ihren Ohren, die Wände schienen sich in rasendein Kreislauf zu drehen, nur der Mann da inmitten dieses Chaos stand immer rroch unbeweglich.

War er tot? So im Stehen gestorben? Was war geschehen? Diese wirren Gedanken durchquerten den Kopf der Gräfin, als sie, halb betäubt, die Augen wie­der öffnete.

Etelka, um Gottes Willen, Etelka! Die «lag ja da drinnen rmter den Händen des Arztes. Der scharfe, ffistliche Äthergeruch mußte ihr zu Kopf gestiegen sein. Was war mit ihr? Eine Qhnrnacht? Nie in ihrem Leben war sie ohnmächtig geworden. Da krachte ein furchtbarer Tonnerschlag nieder zugleich mit einer Reihe zuckender Mitze, die die schwere Wolkenmasse zerrissen.

Bodrogs verschränkte Arme lösten sich. Langsam strich er -über Augen und Stirne und näherte sich -daun

(Nachdruck verboten.)

KielmanSe,, (Wiesbadens

mit etwas unsicheren Schritten der Gräfin. Auf der Schwelle des Nebenzimmers erschien Dr. Forty. Er zog leise die Tür hinter sich zu.

„Danken Sie Gott, Frau Gräfin, es ist ein Wunder «geschehen? Von der Pforte des Jenseits, vor der Ihre Tochter bereits stand, ist sie wie durch ein Wunder zum Leben zuvückgekehrt. Sie ist gerettet."

Bodrogs mächtiger Körper wankte. Der alte Arzt sprang hinzu rrnd faßte ihn unter.

„Herr Graf, was haben Sie?"

„Nichts ... ein kleiner, monrentainer Schwindel­anfall. Die Gewitterluft und Aufregung ... Es ist schon vorüber", antwortete er ruhig und richtete sich «da­bei hoch aufatmend stramm emvor, seine Brust dehnte sich unter den tiefeu Atemzüge«, mit denen er die Lust einsag.

Ein schwerer Regen löste die Schwüle und ein frischer, belebender Hauch drang durch das offene Fenster. Die Gräfin war nach den ersten Worten des Arztes an das Lager ihrer Tochter geeilt und lag auf den Knien davor. Ihre überreizten Nerven beruhigten sich unter der erlösenden Wohltat eines Tränenstromes. Die strenge, -harte Frau weinte! Die alte Rest faltete die Hände und flüsterte: „Jesses, Maria und Joseph, unsere Frau Gräfin weint, das Hab' ich noch nie ge­sehen." Darm wischte sie ihre alten Augen mit dem: weißen Schürzenzipfel und verließ geräuschlos «das Ge- ünach. Sie hatte den Takt des langjährigen Dienstboten aus vornehmen Haus und erriet immer «den richtigen Augenblick, wann ihre Gegenwart überflüssig war, trotz des innigen Verhältnisses, das sie mit ihrer Herrschaft verband.

Bodrog, der Arzt und die Mutter umstanden das Lager Etelkas. Bodrogs dunkle Augen hefteten sich auf «die geschlossenen der Schläferin, sein Gesicht trug den­selben harten, rätselhaften Ausdruck, als sei er sich seiner Umgebung nicht bewußt, wie -vorhin. Dr. Forty beobachtete ihn scharf, er hielt den Atem an, vor Arrgst, den Bann zu brechen. Da endlich, ganz langsam hoben sich «die schweren Lider und Etelka starrte, ohne ein wei­teres Zeichen von Erkennen oder Bewußtsein, in Bodrogs Antlitz. Langsam trat er nun zurück und ge­folgt von Dr. Forty verließ er das Gemach.

„Herr Graf, ich beuge mich vor Ihrer Macht und kann Ihnen die Versicherung geben, daß «meine Kunst am Ende war. Sie «haben, dank ihrer Willensstärke, di« fliehenden Lebensgeister zurückgerufen, Sie haben einen Teil Ihrer eigenen Lebenskraft hinübergeleitet in den zarten, erschöpften Körper des sterbenden Mädchens. Wir hüben ja oft über dieses Thema diskutiert und durch meinen Widerspruch reizte ich Sie zu immer neuen Auseinandersetzungen. Überzeugen konnten Sie mich ab«er nicht. Ich forderte Beweise, ich wollte mich -erft dann «als besiegt bekennen, wenn ich Augenzeuge eines eklatanten Falles war' Sie sagten immer, als «Salonkünstler Svürden Sie sich nicht produzieren. Die Sache sei zu ernst, um sie als Jux zu betreiben, und

Oie Sonnenuhr.