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Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagdlattr. i »----- ,

Nr. 104.

Donnerstag» 4. Mai.

1916 .

lS. Fortsetzung.)

Die Sonnenuhr.

Erzählung von Gizrlla Gräfin KielmanSeg, (Wiesbaden!,

lNachdruck verboten.)

Etelka stand in eineni einfachen, weihen Batist- fleiö auf ider Terrasse des Ujfalusser Kastells. In den Häüden hielt sie einen Strauß weißer Rosen. Das Wnale feine Gesicht eingerahmt von einem großen Vchutzhut, sie sah sehr jung und zart aus. Langsam stieg sie die wenigen Stufen herab und ging zur Sonnenuhr. In stiller Betrachtung bliekb sie vor all den kreuz und quer qingemsihÄen Namen stehen. Sie legte die Rosen behutsam auf den Stein, kniete Meder und säuberte und ordnete das den Mavmorblock umgebende Blumen- iceet ntit äußerster Sorgfalt. Sie hatte es sich aus>ge- beten, dieses Fleckchen pflegen zu dürfen und tat es mit der größten Gewissenhaftigkeit. Es war führ still rings- um. das Haus lag tot itnd einsam da, mmt verschlossenen Läden, leer und öde. illach getaner Arbeit fetzte sie sich auf eine der Bänke, wo ihre alte mütterliche Freundin so viele Stunden verbracht chatte und gedachte mit Liebe Und Dankbarkeit der Dalhingoschiedenen. Ihre Gedan­ken schweiften weit zurück, zu der Zeit, da sie in kurzen Röckchsn und hangenden Zöpfen mit ihrem Kameraden Mftlos in ausgelassenem Übermut an dersüchen Stelle ruuhertobte. Sie schloß die Augen und träumte sich hin­über in die glücklrche sorglose Kindheit. Ein flüchtiges Lächeln umspielte ihre Lippen, als ihr all die tollen, havinlofen Streiche einsiülen, die sie gemeinsam erdacht und ausgeführt hatten! Die Kirchenglocken im Dorf läuteten zum Ave Maria und riefen sie in die Wirklich­keit zurück. Sie faltete die Hände und betete inbrünstig für den todkranken Freund.

Ern kühler Lnfthauch umwehte ihre heißen Alan gen, die leise heranschleichende Dämmerung breitete ihre geheimnisvollen 'Schleier über 'den verlassenen Hof. Etolöas tränenfeuchte Lider senkten sich und sie schlum­merte ein. Mit lähem Schrecken und klopfendem Her­zen fuhr sie auf, im unklaren Bewußtsein der Gegen- trart ernes Dritton^ Es war ganz ftnster geworden. ..Wer ist da?" rtef sie mit bebenden Lippen. Es blieb totenstill, nur um die Sonnemchr herum begann es bläulich zu flimmern und in fahlem Licht schimmerte der Mavmorblock aus der schwarzen Nacht hervor. Mit einem durchdringendem Schrei tau sie aufgesprungen und flog der Terrasse zu, die Treppen empor und der üben aus dem Hause tretenden Mutter entgegen. Die lte Marie stand hinter ihr und hielt die mitgebrachte Lainpe ihoch.

„Was ist denn? Um Gotteswlllen Kind!" rief die Gräfin, di« taumelnde Gestalt ansifangend.

„Die Sonnenuhr . . . das Zeichen . . . Miklos ist sicher . . . eben . . . gestorben . - -" stammelte Etelka mit angstvsvzervtem, weißem Gesicht- Die Lampe in der Hand der erschrockenen Marie klirrte bedenklich; die Gräfin nahm sie schr ab und stellte sie auf die Rampe, Welche si« umgab.

„Unsinn!" herrschte sie ihre völlig fassungslose Lachter an, „du bist krank, aufgeregt und deine Gedan­ken beschäftigen sich unaufhörlich mit allerhand phan­tastischen Borstellungen. Komnft ins HauS. Marie

ibrängt dir ein Glas Dokayer. Du kannst dich ja kaum ans den Füßen 'hätten."

Das Warme rote Licht der Lainpe durchdrang die Dunkelheit und wirkte entschieden beruhigend. Alles Mystische verflog vor der«behaglichen Helligkeit, die sie verbreitete. Etella saß auf der obersten Treppenstufe, den Kops an eine Säule gelehnt, uud weinte bitterlich. Ihre Mutter ließ sie gewähren, streichelte nur bericht» gend den blonden Scheitel. „Das ist eine Nervenkrisis, weine dich aus, es gibt Erleichterung. Aber es ist un­vernünftig, sich so aufzuregen und beweist nur, daß du noch lange nicht deine frühere Gesundheit wiedererlangt hast."

Gehorsam trank Etclka den Wein, den die ebenfalls ganz verstört ausifehende Marie herbeigeholt hatte, und bald daraus fuhr der Wagen vor, der nizwischen von einem etwas abseits gelegenen Wirtschaftshof zurück- kam, wohin sich Graf Bodrog hatte bringen lassen. — Erschrocken sprang er die Stufen empor, als er die Gruppe gewahr wunde. „Was ist passiert? Ist die Komtesse krank?" frag er hastig. Die Gräfin erklärte ihm in wenigen Worten den Vorgang. Er hörte schweigend zu, trug der alten Marie aus, einen Schal zu holen, und nachdem er >den Damen beim Einsteigen behilflich -war, hüllte er die fröstelnde blasse Etelka ftng- sam in das große weiche Tuch, -das sich mit wohltuender Wanne um ihre Glieder schmiegte. Ein dankbarer Bl'ck belohnte ihn. Er erwiderte den Blick mit einem flüch­tigen, warmen Händedruck, als er der kleinen Hand beim Zui echtlegen der Wagendecke begegnete. Dann setzte er sich aus den Rücksitz und sprach mit der Gräfin über wirrschoftliche Angelegenheiten. Etelka schloß die Augen Der Mond beleuchtete das schniale Gesicht und immer wieder blieben Bodrogs Blicks daran haften. ,S!e ist eingeschlafen," flüsterte er nach einer Weile und 'dann verstummte das Gespräch. Jeder hing seinen Gedanken nach. Etelka führ «nilpor, als der Wagen st instand. „Ist etwas passiert?" frug si? mit noch unklarem Bewußt-

„Was soll denn schon wieder passiert sein? Wir sind angekommen, du hast geschlafen uud hast wohl wieder allerihaüd wirres Zöiig geträumt! Du bist so nervös, daß es.das Beste ist, Resi gibt dir ein paar Tropfen Baldrian zur Beruhigung und bringt dich zu Bett."

„Tlin Sie, was Ihre Mutter Ihnen rät, Komtesse, ich komnie morgen früh herübergeritten uud wünsche Ihnen für heute eine gute Nacht. Ich mutz noch einiges mit der Gräfin besprechen, ehe ich nach Hause fahre." Bodrog brachte sie bis an ihre ZiMmertür, wo die alt« Rest bereit stand, und imit ein paar scherzhafteii Worten empfahl er ihr Etelka treu zu überwachen und wie in der' Kinderzeit bei ihr zu bleiben, bis sie fest einge, schlafen sei.

„Ja, ja, Herr Graf, an mir soll's nicht fahlen, aber unser Komteß ist halt gar so eigensinnig und ins Winkers stellen kann ich sie ja nicht mehr."