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Morgen-Seilage des Wiesbadener Tagblatts, e

Nr. 103.

Mittwoch. 3. Mal.

1916.

(8 Fortsetzung.)

Die Sonnenuhr.

Erzählung von Gizrlla Gräfin «telmansezg (Wi«rbadenj.

(Nachdruck verboten.)

Etelka füllte sich gehorsam den Wünschen ihrer Mutter und resste in Begleitirng von Fräulein Fanny öS. -Miklos schrieb, nachdem die gewohnten Besuche der Gräfin ausblieben, einige Zeilen und 'bat diese um eine Unterredung. Ein reitender Bote brachte die Antwort, 'daß sie rcnpäßlich fei und erst im Laufe der kommenden Woche nach ui-falu fcchreir dürfe. Einige Lage darauf, eis nie Gräfin .das Lokalblatt überflog, blichen ihre Blicke anf der in großer Sperrschrrst gedruckten Ver­lob unasanzeige Miklos von Uifalussys mrd -der Kom­tesse Etelka Zoltan hängen. Das Blatt entfiel ihren .Händen und dunkle Zornes röte färbte ihre Wangen. Sie entfaltete noch rasch einige Wiener und Pester erste

t eitungen, aus allen starrte ihr die auffällig gedruckte nzeige entgegen. Sie klingelte und befahl dein her- heieileNden Diener, sofort einen der Reitknechte zum Grafen Bodrog zu senden, den sie bitten ließ, in drin­gender Angelegenheit so rasch als möglich zu ihr zu kommen.

Die Zeit des Wartens wurde ihr lang. Unruhig

Ö 'ng sie auf und ab, entwarf Briefe, um sie kaum ge- icie&en, wieder zu .zerreißen, zermarterte ihren Kofis, suchte und fand doch keinen Ausweg, wie der Streich, den ihr Miklos gespielt hatte, unschädlich zu machen sei. Pr ei-, viermal war sie auf die Terrasse geeilt, im Wahn, Hufschläge zu hören. Ihre Aufregung und Ungchrrld stiegen von Minute zu Minute. Endlich erschien der so sehnlich Erwartete auf seinem, vom scharfen Ritt mit weihen Schaumflocken bedeckten Rappen vor dem Por­tal. Rach flüchtiger Begrühung hielt ihm die Gräfin stumm die Blatter mit der Anzeige entgegen.

„Was sagen Sie dazu?" Schweigend starrte er auf die vor seinen Augen flimmernden Buchstaben.'

„Ich habe heute früh noch keine Zeitung aufgemacht, «war nicht dazu gekommen." Er sprach langsam, 'mecha­nisch wie ein Mensch, dessen Gedanken anderweitig be­schäftigt sind. Die Gräfin war in einen Stuhl gesun­ken, ihre Finger fuhren ungeduldig über die Tisch­platte.

„Ich bin empört! Anher mir! WaS soll ich tun? Alle Welt liest die Anzeige und der Skandal ist fertig. Ein Dementi meinerseits würde Miklos zur Raserei bringen und uu-übevseybare Folgen nach sich ziehen. Schließlich will ich auch nicht, daß Etölkas Name durch alle Zeitungen geschleift wird."

„Es ist zu gemein von Miklos, zu solchen Mitteln zu greifen", sagte nun auch Bodrog erregt, „und zeigt, 'daß er gefährlicher ist, als ich dachte. Es ist einfach unfaß- bar, wie sich sein Charakter so verändern konnte. Er ist eben krank, schwer nervenkrank", setzte er riochdeuk- ltch unld ruhiger hinzu,, „und daher kaum zur Verant­wortung zu ziehen. Das ist der wunde Punkt in 'der Angelegenheit."

„Das alles ist schr tragisch, mein lieber Freund, aber kehr Mensch kann epvarten, dah ich darum meines Kin- As Zukunft, ihr Lebmsglück opfern soll. Um jaden Preis Muh ein Ende gemacht werden."

„Augenblicklich würde ich entschieden von jedem Ge» wailtakt abvaten. Die Anzeige muß mit Stillschweigen ubergangen werden. Dir näheren Bekannten werden mündlich oder schriftlich aufgeklärt und gebeten, den wahren Sachverhalt weiter zu verbreiten. Fremde, auswärtige iMenschen lesen so lvas, um es im nächsten Augenblick wieder zu vergessen. An Etelka müssen sir sofort ein Telegramm abschicken."

„Mas ist denn das?" frug die Gräfin, aushorchend. Sie war aufgesprungen nnd eilte ans Fenster. „Ein Auto! Und —- gerechter Himmel! •— drin sitzt MikloS I Wie 'hat der Mensch nur das wieder zuwege 'gebracht?" Bodrog 'war bereits hinarrsgeeilt, 4« die letzten Worte Vcvhallten.

' „Nun, was sagst du dazu?" rief chm MMioS aufge­regt entgegen, hinein Verlobung sgeschsirk oder wenig­stens eines 'davon! Hch Hab? noch mehr in dem .Kasten. Da ich noch einige Schwierigkeit mit 'dem Ausstsigen habe, muß ich dich schon bitten, meine Braut von -meinem Besuch zu benachrichtigen. Ich will sie spazierenfahren und mit dem Wagen vertraut machen."

„Die Komtesse ist seit einigen Tagen in Wien", knapp und hart fiel es von Bodrog- Lippen.

„Was?" schrie Miklos. „ohne mir ein Wort davon zu sagen? Ich verbitte mir das ein- für allemal! Mein« Braut !hat auch meine Wünsche zu berücksichtigen, ich verfange, .daß sie sofort hetmkchrt und bitte, mir ihre Adresse amzugeben."

,-Die Komtesse reist mit ihren Freunden, und ich bin außerstande, dir ihren Aufenthaltsort genau anzu- gcbsn. Die Gräfin ist leidend und kann niemand

sehen."

Ein furchtbarer -Wutanfall war die einzige Antwort. Ohne Gruß oder weiter Notiz von Bodrog zu nehnreur, befahl Miklos idem Ehaufseur Kehrt zu machen und so rasch alls möglich zurückzufahren.

„Armer TeufelI" murmelte Bodrog nun doch er­schüttert.

„Eine angenehnre Lage, in .der wir uns befinden. Ich bin ganz krank von all den Aufregungen und -weiß nicht .ein uud riicht aus. Wie wird das enden! Raten Sie, helfen Sie, Bodrog!"

„Wenn ich nur könnte! Aber, wie gesagt, di« Ver­hältnisse sind so heikel und >so zarter Natur, daß es furchtbar schwer ist, einen Ausweg zu finden. Wir wollen Dr. Forty zu Rate ziehen, denn ich kann nur wiederholen, was ich bereits sagte: Ich ihalte Miklos nicht für zurechuungsfähig. Stach meiner 'festen Über- zengurig muß er unter ältlich« Kontrolle gestellt wer- .den. Das ist -das einzige, was augenblicklich hier ge» niacht werden kann."

„Also, in Gottes Rainen, veranlassen Sie 'das Nötige."

Nach diesem Entschluß trennten sie sich: der Graf mußte jedoch vorher noch das feste Versprochen abgeben, sofort zuvückzukckhren, wenn er etwas zu her ich tm haben würde