Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch. 3. Mai 1916.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 205. . 64. Jahrgang.
Oie polnische Frage.
Es ist ,'gianz igut, wenn, wie es neuerdings mehrfach jßescheihgn ist, die polnische Frage in den Vordergrund der Betrachtungen gerückt wird. Freilich fileibt die Aufgabe, dies schwierigste von allen uns gestellten Problemen zu lösen, den Rögierungien der Mittelmächte zur alleinigen Verantwortung überlassen, und wer über diese Dinge inachdenkt und einige Ergebnisse seines Nachdenkens anitteilt, der erhebt nicht entfernt den Anspruch, kann ihn auch niemals erheben, jener Aufgabe vorgreifen zu wollen. Wohl aber 'gehört es zum Wesen iiationaber Mündigikeit, daß man sich selber ein Bild von dem, was später ausgeführt werden sollte, zu machen versucht. Das bedeutet keine Beeinflussung der Sutschkiehungen, die von den leitenden ^Stellen zu 'fassen sind, es bedeutet nur, daß die spätere Lösung uns nicht unvorbereitet treffen soll. Wir müssen irgendwie eine Vorstellung davon zu gewinnen suchen, welche künftigen Formen die zweckmäßigsten sein werden. Die bisherigen Erörterungen haben wohl die gange Größe der zu' Merwrndenden Schwierigkeiten gezeigt, Pe haben uns aber auch uianche Wege gewiesen, auf denen voraugegaugen werden könnte. Vielmehr ist das Ergeibn.iL dies, daß sich wohl Wege darbieten, daß indessen jeder von ihnen leider nur in neue Schwierigkeiten hinvinlsüHrt. Und auch dies zu wissen und deutlich! vor sich zu scheu, ist schon etin Gewinn, sei es auch n«r ein negativer. Wir haben uns der Reihe nach -davon überzeuaen müssen, daß jeder Vorschlag zwar mit iden zur Verfügung sichenden D-achtmitteln -verwirk- licht iwevdeu könnte, daß aber keiner volle Befricdiaung gewähren würde. Im eimzelnen darüber zu sprechen, ist nicht ganz leicht, solange wir im Kriege stehen. An- >deutend jedoch darf Wohl gesagt werden, daß die völlige Selbiständigm achun g von Russisch- Polen den Anreiz zum Hin üb er g reifen über die deutschen und die österreichischen Grenzen verstärken würde; idaß ferner ein selbständiges Polen -bo-n der russischen Politik alsbald zum Stnrmbock gegen die Mttelimächte benutzt werden könnte; daß sodann die Zuteilung der eroberten Gsb-iete zu einer der Mittelmächte jene Möglichkeiten in anderer Form doch auch näherbring-en -würde; daß endlich eine neue Teilung vollends den Keim von Gefahren enthielte. Was bliebe somit übrig? Graf Andrassy, der vor kurzem in der „Franks. Ztg." die verschiedenen Lösungen der polnischen Frage eingehend behandelt und -dabei hat durchblicken lassen, daß ihm die Angliederung von Russisch-Polen an G a l i z i e n als die willkommenste Form -erscheinen würde, hat eine >der Lösungsmöglichkeiten überhaupt nicht behandelt, nämlich diejenige der gemeinsamen Herrschaft der verbündeten Reiche. Den Vorschlag des Kondominiums hat eine mannigfach beachtete Schrift von Grabowsky erörtert, die in deutschen Kreisen an der Donau verschiedentlich Zustimmung gefunden hat und die auch «bei uns eine gewisse Werbekraft zu üben scheint. Zum mindesten hat Grabowsky es erreicht, daß man sich mit seinen Gedanken eingehender zu beschäftigen beginnt. Wir könnein nur sagen: kein Vorschlag dünkt uns
weniger ratsanr als dieser. Wir stimmen >dean Pro-
S or H oetzsch bei, wenn er mit aller Entschiedenheit lärt, daß, wer das Kondominium nach demKriege er- -halten wolle, unmittelbar gegen das Bündnis der Mittelmächte handle. In der Tat kann moii nach allen Erfahrungen, etwa mit Schleswig-Holstein in der Vergangenheit oder mit Albanien in der Gegenwart, zu diesem .Vorschläge nur sagen, daß, wenn jemand einen -Preis auf eine Lösung der polnischen Frage aussetzen wollte, die am stärksten das Verhältnis zwischen uns und Österreich störte, die des Herrn Grabowsky diesen Preis erhalten müßte. Wir scheu mit Genugtuung, idaß diese Auffassung um so mchr Ausdruck findet, je freundlicher einige Zeitungen den Grabowskhschen Vorschlag nach dem ersten Hinsehen behandelt haben. Er ist eine Verlegenheitsauskunst, er kann unmöglich das letzte Wort in dieser Sache sein. Ncch unserer 'Meinung kann die polnische Frage nun aber nur dann befriedigend gelöst werden, wenn idas Verhältnis der Mittelmächte auf eine Grundlage gestellt wirld, von der aus jenes Problem als eine Aufgabe erschiene, die -über den Rahmen eines ,^Kondominiums" darum h i n a u s w ü ch s e, weil eine engere gegenseitige Durchdringung und Verflechtung der lge- meinsamen Interessen einen neuen Organismus herstellte, bei dem ein Nebeneinander der Herrschasts- ausübumg nicht mchr zu verstehen 'wäre. An >dmn Tage, wo wir ein wirkliches, nicht bloß mechanisch aneinander -geschweißtes Mitteleuropa haben werden, an demselben Tage wird die chlmsche Frage nicht nur ben Charakter eines möglichen Spannunqsmoments verlieren, sondern eine geradezu verbindende Klammer Krischen beiden Reichen werden können. Gewiß, indem man solche Gedanken erwägt, muß man sich so- fbrf auch klar darüber sein, daß die Schtwierisberteu Zu
nächst gehäuft statt vermindert werden. Gchäufi darum, weil die Voraussetzung, von der aus die polnisch en Dinge befriedigend zu ordnen wären, eben die Schaffung eines Mitteleuropa, jede bisher uns gestellte Aufgabe an Wichtigkeit wie an Mühsal weit übertrM. Trotzdem müßte gerade di.eser steilste, aber auch in reine und ragende Höhen führende Weg be- schritten werden. Unsere Sehnsucht sollte uns Führerin sein. Wir wollen uns an das Wort 'der Seherin Mpntho im „Faust" halten: „.Den lieb' ich, der Umnögliches begehrt." Und warum schließlich soll das Begehrte unmöglich sein? In und nach diesem Kriege -darf es für uns ein „Unmöglich" eigentlich nicht geben, und selbst Gnttänschungen unserer Hoffnung, die uns bei dem Gedanken an Mitteleuropa zunächst leider wohl- nicht erspart Aeiben werden, dürfen uns nicht mmtlos machen, müssen uns vielmehr dazu anseuevn, den Siegespreis, den wir in idsesem Falle nicht von der Überwindung der Feinde, sondern von dem hochgespannten Willen der verantwortlichen Männer in beiden Reichen erwarten, in 'der Zukunft doch noch zu gewinnen. Jede bisher vorgeschlagene Lösung der polnischen Frage .hat ihre Bedenken; die- jmigie, die uns vorschwebt, würde sich als ein lebendiges Glied in ein G e m e i n s ch a f t s v e r h ä l t- n i s der Mittelmächte einfiigen, mit d-rm verglichen das heutige Bündnis nur erst einen Auftakt und ein Versprechen ldavstellte.
Der Krieg gegen Nutzland.
Rußland zahlt keine Zinsen?
Stockholm, 2. Mai. „Rjetsch" berichtet über die letzte Sitzung der Dum a, die her Budgetberatung gewidmet war. Der Abgeordnete Tschingarew (Kadett) legte in längeren Darlegungen Protest dagegen ein, daß im Etat der Betrag von 190 Millionen Rubel zur Deckung der Zinsen bestimmter Anleihen nicht ausgeführt worden seien. Rußland sei bisher stolz darauf gewesen, daß es seine Schuldverbindlichkeiten ohne Verzögerungen einlösen konnte. Es sei nunmehr beschämend für das große russische Reich, wenn es den Zinsbetrag von 190 Millionen Rubel an einen verbündeten Staat nicht zahlen wolle. Im übrigen führe eine derartige Finanzwirtschaft zum Selbstbetr«g schlimmster Art. Der Führer der Reihten Markow widersprach den Ausführungen Tschingarews. Es sei nicht mehr als recht und billig, wenn Rußland, das bisher die größten Blutopfer in diesem Krieg für die gemeinsame Sache der Alliierten gebracht habe, von den Verbündeten dieses finanzielle Opfer, das e i g e-n t l i ch k e i n s ist, verlange. Die Alliierten wären unbedingt verpflichtet, die russischen Finanzschwierigkeiten zu beheben, denn nur durch die großen Aufwendungen, die Rußland in diesem Krieg gemacht habe, sei es in diese Finanznöte gekommen. Die russische Staatsschuld erreichte am 1. Januar 1916 die Höhe von 18 877 077 386 Rubel. Für Zinsen allein werden im laufenden Jahr 652 778 600 Rubel beansprucht. (Die Meldung läßt also keine Zweifel mehr darüber, daß Rußland die Zahlung der Zinsen für die während des Kriegs bei seinen Verbündeten, in der Hauptsache England, eingegangenen Verpflichtungen eingestellt hat. Schriftl.)
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Medizinischer Kongreg in Warschau.
Interessante Mitteilungen des Feld- sanitatschess Professor Dr. v. Schjerning.
Nr. Berlin, 2. Mai. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Zu der außerordentlichen Tagung des medizinischen Kongresses in Warschau sind, einem Sonderbericht des „B. T." zufolge, aus ganz Deutschland und Österreich- Ungarn zahllose Ärzte nach Warschau geströmt. Generalärzte und Universitätsprofefforen, letztere zum Teil in Felduniform, wohnen den Verhandlungen bei. Zunächst begrüßte General der Infanterie v. B e s e l e r die etwa 1600 Teilnehmer zählende Versammlung. Der Generalstabsarzt der Armee und Feldsanitätschef Profeffor Dr. v. Schjerning begrüßte hierauf die aus ganz Deutschland und den verbündeten Ländern zum Kongreß Gekommenen. Er teilte u. a. mit: Mehr als 24000 Ärzte stehen im Dienst des Heeres, davon zwei Drittel im Feld, ein Drittel in der Heimat. 3000 Ärzte widmen sich der Tätigkeit des Roten Kreuzes. Daneben dienen 400 Ärzte der Zahnheilkunde und 1800 Apotheker sind tätig. Ferner sind 92000 Sanitätsmannschaften und Militärkrankenwärter tätig, außerdem unterstützen uns in der Heimat 72 000 Personen in der freiwilligen Krankenpflege und 22 000 im Etappengebiet, unter denen besonders rühmend 6800 Krankenschwestern hervorgehoben werden. Tausende von Automobilen und Krankenwagen befördern die Verwundeten und Kranken von der Truppe in die Kriegslazarette, van wo sie 238 Lazarettzüge in die Heimat bringen. Tausende von Einrichtungen zur Sterilisierung des Wassers, zur Desinfektion und zum Röntgen sind bei unseren Truppen im Gebrauch. 26000 Felddampf w äscheret en dienen in der Etappe zur Reinigung der Wäsche der Feldlazarette. Hunderte von Einrichtungen zur Bekämpfung von Seuchen
sind getroffen, u. a. auch an der Grenze 18 große Desinfektionsanstalten errichtet, von denen pro Tag 100 000 Mann mit ihren sämtlichen Sachen gereinigt und desinfiziert werden können. Alle diese Einrichtungen können jedoch nichts nützen, wenn nicht der Geist der Vaterlandsliebe und der treuesten Aufopferung, der Geist echter Wissenschaftlichkeit in den Herzen aller unserer Arzte walten würde.
Oie Ereignisse auf dem Balkan,
Griechenland und der vierverband.
Die Frage des Serben-Durchnrarsches vor der Entscheidung.
Nr. Athen, 2. Mai. (E>ig. Dl a-htbericht. Zeus. Mn.) Ans vievvevbaiMicher Quelle verlautet, die Frage des Transports der Serben über griechisches Gebiet werde heute gelöst werÄeu. Die Gesandten der Verbündeten erwarten die 'letzten Anweisungen ihrer Regierungen, um der griechischen Riegie- rung mitWteilien, wann und wo die Landung der Serben stattfindet und wie der Transport geregelt werden soll. So weit diese bezeichnende Ausstreuung. Daraus geht hervor, daß die Landung in W-Griechenland nicht ausgegebeu worden ist. Im allernächster Zeit >viüd nun die Emtstheidmaig fallen. Ihre politischen Folgen für Griechenland sind unabsehbar, wenn die endgültige Kraftprobe nicht, wie es rm-mer noch scheint, in völliger Einmütigkeit Überstunden wer« den sollte. Griechenlands Stunde reifi heran.
Die Weigerung Skukudis ein Erfolg der deutschen Dchlonratie?
Br. Amsterdam, 2. Mai. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der Londoner „Star" greift die englische Regierung wegen der Lage der Verbündeten in Griechenland sehr scharf an und führt aus: Die Nachrichten von dort lauten sehr ernst und unbefriedigend. Die sehr gefährliche Lage in Griechenland sei ein Erfolg der deutschen Mplomatte. Ministerpräsident S k u l u d i s habe erklärt, daß Griechenland die Beförderung der serbischen Truppen mit der Eisenbahn gewaltsam verhindern würde. Es ist schade, sagt das Blatt, daß die serbischen Truppen nicht über See befördert werden können, aber die österreichisch-ungarischen Unterseeboote scheinen ja die Wogen des Agäischen Meeres zu beherrschen. Die einzige Lösung dieser Schwierigkeiten, so meint der „Star", wären einige entscheidende militärische Erfolge ; denn unglücklicherweise ist das englische Ansehen gesunken; und im Osten, fürchten wir, wird es noch mehr sinken. Die Voraussage tat der „Star" am Samstagabend, als die Niederlage von K u t - e l - A'm a r a in England noch nicht bekannt war.
Die Vergewaltigung Griechenlands auf den» Höhepunkt.
Bildung einer Offizier-Abwehrlrga.
W. T.-B. Wien, 2. Mai. (Iffich-tamtlich.) Die Politische Korrespondenz schalt folgende DÜitteilung aus Griechenland: Die !das Selb-stbestimimwugs recht aufs ffi«Me verletze»- den Handluuigen der E-utente, die im der Ammve des Lmmdes von Beginn am schmerzlich empfunden wurden, haben imsütze des Dr ucke s, dem diese. Mächtegruppe auf die ReWermmg in der SlmgeHqgenheÄ des Durchmarsches serbischer Truppen durch Griecheniland Eszuüben suchte, ihren Höhepunkt erreicht. Diese Bewegung führte jetzt zur Bildumg einer Liga unter den OsfiAieoen im Athen, Re sich: die weihgehemdsie morcLsche U,nte«stützmmg der Regie, umg im Widerstand gegen die fortgesetzte Bedrückung des Landes zumr Ziel fetzt. Daß eine solche Geredniguny, deren erste Kumdgebumg. üboigems in einer Versicheriung aufrichtiger Loyalität für den König und die Dynastie bestand, üLerhsupt notwendig wurde, wird hier als eine charaktervolle Erscheinung der abnormem Lage, in die Griechenland durch die Sntemte versetzt wurde, gehalten, und selbst Kreise, die sonst jeglicher politischer Stellungmiichm«, eines Offiziers ablehnend gegenüberstehen, können nicht umhin. die seitens des Mlitärs erfolgte .PundgebWig unter den obwattertdem Umständen gerechtfertigt zu fieiden.
Kundgebilngen des Athener Offizierkorps. — Die Lage sehr ernst.
W. T.-B, Bern, 2. Mch. (Nichtamtlich.) So weit aus dem sipLolichen und vorsichtigen Meldungen der Pariser Blätter zu entmehmon ist, haudelt es sich bei den Kundgebungen des Athener OGizievkovps um spontane nationale Erllävunge« für Thron und Vaterland. „TempS" evzählt, idaß «ine gewisse Zahl von OffiMeven, welche 'die gegenwärtige Loge als gefahrvoll für den öffentlichen Frieden answhen. stchl»e0soM.m«lte, um Maßnahmen dagegen zu beraten. Sie veröffentlichten «me Erklärung, in der sie versichern, entschlossen zu s«in, den König zu schützen. Sie sagen, daß sie nicht davor zurück- schrecken wüchen, die äußersten Maßregeln gegen 'diejenigen zu ergreifen, die sich gegen Thron 'inid Land verschwören. Der König urid der Kriegsnuinister beeinflußtem sie beruhigend, so daß vorgestern die Straßen ganz ruhig woDon. Niemanld kann inldessen bestiimnmt Voraussagen, -welche Wendung die Lage noch nehmen wird. Nach 'der „Hestie" ließ der KriegSmiinifter -den Korpssübrern anemipsehben, di« Offizdere möchten verm-eidem, Grund zu der Annahme zu gckben, daß sie sich im Ausübung ihres Amtes in die auswümkigtzn FtÄgem eiami schon.
