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fe- ■ ! Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. >»-» >

Nr. 102. Dienstag, 2. Mai. 1916.

17. Fortsetzung.)

Die Sonnenuhr.

Erzählung von Gizrlla Gräfin KirlmanSr,, (Wiesbadens

(Nachdruck verboten.)'

Die artzne Frau, aufs tiefste erschüttert, sank auf eine Dank vor der. Sonnenuhr nieder, und ihre umflorten Blicke fielen auf den fri'ch oingemeißeZen Namen der letzten Uihazy. Sie faß lange mit krampfhaft ver- fchlungenen Händen; schwere Atomzüge hoben ihre Brust. Endlich stand sie auf und ging langsam zu dem abseits wartenden Wagen.

„Nach Hause!" befahl sie dem Kutscher.

„Mein armes Kind", dachte sie, „was soll ich tun? Ich bin völlig übernrannt und ratlos. Bodrog muß mit mir überlegen und er soll mir Aufklärung geben. Nun verstehe ich auch den Zusammenbruch und das veränderte Wesen Etelkas. Die furchtbaren Vorwürfe, die sie sich selbst macht, und die sie Tag und Zeitlebens zu

verfolgen drohen-, schweigend trug sie die

schwere Last auf ihren jungen Schultern und nun will sie zur Sühne sich selbst opfern. Sie faßt den Fall falsch auf und vergrößert den Anteil, der sie an dem Unglück trifft ins Unermeßliche. Ich muß, will, und werbe «dahinein Klarheit bringen und Ordnung schaffen."

Etwas von ihrer gewohnten Energie und Ruhe war fhr bei der Fahrt durch die stillen Felder, und kühle Äbsndluft wiedergokommen und als sie vor dom Portal des Schlosses dom sie erwartenden Grafen Bodrog die Hand reichte, merkte man ihr kaum etwas von derüber- sianbenon Aufregung an.

„Ich habe die Komtesse gebeten, mich vorerst allem Mit Ihnen zu lassen, Gräfin, und hoffe, daß Sie mir zustimmen. Sie ist sehr nervös und es ist besser, man läßt ihr etwas .Zelt, sich zu beruhigen."

„Sre haben ganz recht und ich bin führ «froh, daß iSie mich erwartet haben. Ich hatte eben einen sehr peinlichen Auftritt mit Miklos, dessen Erregtheit krank- Haft und unnatürlich zu fein scheint. Sein Gesund­heitszustand emwajfnet einem und man sicht feinen Zornes-, — man kann eher sagen Wutausbrüchen, wiochtlos gegenüber. Die Angst, eine Katastrophe her- beizuiführen, hält eineni in Bann."

„Unter denselben Eindrücken Verkehre ich mit dem armen Menschen und ich habe manche schwere Stunde an seiner Seite durchgemacht. Er -haßt mich seit einiger Zeit, und ich -weiß wirklich nicht, .wie ich mich ihm gegenüber in Zukunft stellen soll unter den obwalten­den Verhältnissen", antwortete Bodrog.

„Ein. Sanatorium für Nervenkranke scheint mir der richtige Ansenthalt für ihn, solange die Erregtheit porhält", meinte die Gräfin. „Er hat mir vor g eholfen, Etelka fei schuld an seinem Unglück und an dem Tod seiner Mutter. Und nun soll sie ihm zur Sühne ihr ganzes Leben opfern! Bitte, erzählen Sie mir nun - rückhaltlos den Hergang, der den Sturz zur Folge hatte, bisher ahnte ich nichts davon."

Bodrog tat wie ihm geheißen und führte auch die Gründe an, die chn veranlaßt hatten, alles zu tun, was fi seiner Macht stand, um den wahren Sachvevhalt ge­heim zll halten, da ja doch nichts zu ändern gewesen

wäre und unnützes Goklatsch die «ganze Sache nur noch verschlimmert halben würde. Besonders in Anbetracht der armen Etelka, die ihren Übermut oder ihre momen­tane, unbedachte Handlungsweise, wie immer man es nennen wolle, schwer genug bezahlt habe. „Miklos hatte ja nicht zu springen brauchen; er ist doch feilt ' Kind mehr! --- —"

„Ich danke Ihnen für Ihre Fürsorge und gute Ab» sicht, lieber Freund, aber vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenigstens inich zu orientieren."

„Kann fein, und bitte rch um Verzeihung ob idieses

ä ehlers. Ich wollte Komtesse Etelka eine schwer« tunde ersparen und nahm auch ihr. das Versprechen ab, zu schweigen. Ich war so eingebildet, mich der Hoffnung hinzngeben, die Sache still^ und geräuschlos, unter Umgehung allen Klatsches, im Sand verlaufen zu lassen. Daß Miklos sein Wort brechen könnte, kam mir nimmer in den Sinn, und -daß er es tat, ist der schwerwiegendste Beweis dafür, daß man ihn für sein« Handlungsweisen nicht verantwortlich machen kann."

„Was wollen wir alber nun tun, .um ihm «die Idee mit der Verlobung resp. Verheiratung aus dem Kopf zu trxiben, und nur Etelka ^zur Vernunft zu-bringen? Das Letztere macht mir die wenigsten Sorgen", be- «merkte dann die Gräfin leichthin.

„Meinen Sie, Gräfin? Ich fürchte, das wird schwerer werden als Sie denken. Der Eharokter der Komtesse hat sich in der Zeit seit dem Unglück fchr ver­ändert. Ich bin ein scharfer Beobachter", fügte Bodrog hinzu.

„Ich will .gleich herüber gehen und mit ihr roden. Warten Sie auf mich. Hier hoben Sie Zeitungen und Zigaretten, ich hoffe rasch zurückzukommen." -Mit diesen in enischiedönem Ton gesprochenen Worten ent­fernte sie sich, Entschlossenheit und Energie im Aus­druck und in jeder Bewegung.

Etelka hatte sich umgezogen und saß in ihrem weißen Batistk-leid am offenen Fenster. Der aus­gehende Mond n-mwob die feine Silhouette des jungen Mädchens mit feinem geheimnisvollen Licht. Als di« Mutter eintvat, fuhr sie erschreckt empor, verließ ihren Platz und ging ihr entgegen, sich in gewohnter Weis« respektvoll liber die Hand bongend, die ihr entgegenge­streckt wurde. „Soll ich die Lampe bestellen?" frug sie.

„Nein, mein Kind, wir können auch so miteinander sprechen", sie legte den Arm liebevoll um die Schulfern -der Tochter und ließ sich mit ihr ans der Ghaifolongiu« nieder.

„Ich komme, um -über Miklos mit «dir zu reden; so­eben erst erfahre ich die Wahrheit über die Umstände, die idas Unglück begleiteten. Es tut mir leid, daß Bodrog, in der allerdings besten Absicht, /dir «das Ver­sprechen vbgenommen hatte, mir «den Sachverhalt vor» zuonthälten. Viäl-leicht hätte durch mein Mitwissen manches für dich erleichtert werden können. Nun läßt'S sich's aber nicht mehr ändern und wir müssen zuseben. tim alles zum Bestgn zu wenden. Von einer Hetrpt