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Der Roman.

Mor-en-8eilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 101.

Sonntag, 30. April.

1916.

(0. Fortsetzung.)

T>n Sonnenuhr.

krzählung von Gizklla Gräfin KtelmanSegg (Wiesbadens

lNachdruck verboten./

Etolka schüttelte iden Kopf, liefe sich oder doch willen- los von Bvdvog in dorr Park führen, wo er auf einer Bank neben ihr Platz nabm und ihr zusprach:Mittos ^ haßt mich, er schiebt mir das ganze Unglück in «die i Schuhe imd dieses Bewußtsein wird mich nimmer froh wenden lassen. Ich wende es mein Libenlang rnit mir herumschleppen."

Bodrog war tief ergriffen über Die Trostlosigkeit t-es jungen Geschöpfes. Beinahe hätte er gewünscht,

Spuren ihres fricheron Trotzes und ihres Äntagonis- mus gegen seine Person wieder erwachen zu sehen, denn diese gänzliche Apatie gegen alles und jedes erschreckte ihn. Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander. Jeder hing seinen Gedanken nach. Bodrog stand auf und bat , EtcÄa zu warten, da er mit dom Verwalter und Miklos Zu sprechen habe. Er wollte später mit ihr zurück­reiten.

Sie sah bald danach) Miklos' Fahrstuhl in einiger 'Entfernung von 'der Bank, wo sie saß. Halt machen. Er kehrte ihr den Rücken zu. Der Diener entfernte sich auf Befehl seines Herrn und sie konnte beobachten, wie er das Buch, welches er auf den Knien liegen 'hatte, auf- ncchm und, nachdem er einige Minuten darin geblättert, Zornig zu Baden schleuderte. Dann legte er iden Kopf zurück und lag still. Etelka war aufgestanden, um das Buch aufruhckben. Als sie näher kam, sah sie, daß er weinte. Träne um Träne rannte über die blaffen, ein- gefallenen Wangen; es war ein trostloser 'herzerschüt­ternder Anblick.

EtelZa war an feine Seite getreten und hatte daS Buch vorsichtig auf seinen Schoß gelegt. Langsam, wie aus schwerem Traun erwachend, hoben sich die Lider und einige Sekunden starrte er verständnislos in idas Gesicht >der einsttgen Freundin, das sich über ihn beugte. Tann führ er wie von einer Natter gebissen emvor. Die Zorn-esalder 'chwoll auf keiner Stirn und das -Buch erfassend, Vmvf er es. abermals wütend, wett von sich, daß die Blatter in Fetzen auseinanderslogen.

Wenn ich es hoben wollte, hatte ich es nicht sortae- warfen!" schrie er sie an.Was spionieren Sie um mich herum?. Ich habe Ihnen schon gesagt, ich brauche kein« Menschen! Ich will meine Ruhe hcchen! Oder ist es für Sie ein besonderer Genuß, sich an meinem Anblick zu weiden? Haben Sie noch nicht genug, was wollen Sie von mir?"

Etolka war totenblaß geworden, sie konnte sich Jbuim aufrecht halten vor Entsetzen und ein namenloses Mit­leid stieg in ihrem Herzen empor. Sie schlang die Arme um die Schultern des Unglücklichen und bettete seinen Kopf an ihre junge Brust.

Miklos, Miklos, sei doch nicht so grausam." Unbe- wirßt war sie in dasDu" der Kinderfcchre verfallen. Ich hin ja so verzweifelt und will alles ttm, um dir dein LoS Zu erleichtern. Laß mich immer bei dir blei- ben. Wir wollen zusammen tragen. Ich werde dich pflegen und für dich sorgen und du sollst schein, es wird poch alles gut."

Nach dem furchtbaren Wutanfall folgte die Er­schöpfung. Miklos lag apathisch in Etolka? Armen und das aschfahle eingesunkene Gesicht war ausdruckslos wie eine Maske. Einige Minuten herrschte Totenstille. Etelka wagte nicht ihre Stellung zu verändern, und sah hiilsüscichend umher. Da aewahrte sie Bodrog, der eili­gem Schrittes den Gartenweg herauskam. Die letzt« Strecke lief er. Mit dam Ausdruck des Schreckens hielt er vor der Gruppe.

Um GottcMriillen was ist geschahen? Ist MikloS unwohl? Hat er einen Anfall?"

Da richtete sich der Kranke mit ungewohnter Energie empor und über sein Gesicht flog ein merkwürdiger Ausdruck von Spott, Triimrph und Schadenfreude.

Ich habe mich socken mit Etelka verlobt", sagte ec kalt,und freue mtiidj, daß du der erste bist, dam ich eS mitteilen kann."

Eine peinliche Pause entstand. Etelka hatte den ' Kopf tief gesenkt, um die .flammende Röte zu verbergen, die ihr in die Mttnaon stieg. Miklos hielt ihre zittern­den Hände fest uiuklammert, so daß sie sich nicht rühre» konnte.

Etelka, Komtesse", frug Bodrog leise,ist das wahr?"

Statt zu antworten, sich sie au? scherren, verschreckten Augen zu ihm empor rrnd legte die Wange an MikloS Haucht. In Miklos' Augen glomm ein unheimliches Feuer, es zuckte und wetterte nm stine L'ppen. Bodrog erkannte, baß er kein Wort mehr sagen durfte und schwieg, ran einen weiteren unberechenbaren Ausfall von des Kranken Seite vorzubeugoir. Mer fein dunk­les Gcficht^ war unheimlich fahl geworden.

Soll ich dich nach Hause schieben?" frug.er, ruhig hinter den Wagon tretend.

,Za, nach der Sonnenuhr", antworte Miklos mit heiserer Stimme. Schweigend legten die drei den Weg Zurück. Miklos hatte EtelkaZ Hand nicht losgelassen und sie ging nkbon 'dmu Fahrstuhl. Bor dom Hause an- gelangt, sahen sie Gräfin Aoltan auf der Terrasse stehen.

Nun, Miklos, das freut mich daß ich Sie draußen k«he", rief sie ihm zu. Bodrog überließ den Wagon einem hcrboieilenbon Diener und ging der Gräfin ent- gegen, um ihr mit «tffdßen Worten mitzuteilen, was sich zugetragen, und sie auf die krankhafte, nervös über- rcttte Stimrmmg Miklos aufmerksam zu machen. Das Gesicht der Gräfin verfinsterte sich, und hastig erwiderte sie, daß sie Etelka den überspannten Unsinn rasch ge­ring amstroi'ben würde, sie sei doch nicht von Sinnen, zu solcher Torheit ihre Einwilligung zu geben, das tväron alberne Kindereien.

.Mräffn, hier sähen Sie ein glückliches Brautpaar, daS um Ihren Sogen bittet." MikloS sprach mit dem ihm zur Gewohnheit gewordenen spöttischem, irritan- ten Ton. Etelka starid stumnc mit gsssnktem Kopf neben ihm. Ihre kalten Finger lagen noch immer in ferner .Hand, die sie wie im Schraitbenstock mnklnmmset hiebt» als wollte er sie fühlen lasten, daß eS kein Entrinnen