i Der Roman, §
Illorgen-Neilage der Wiesbadener Tagblatts, r«.. 1
Nr. 100.
Samstag, 29. April.
1916.
(5. Fortsetzung.)
Die Sonnenuhr.
Erzählung von Gizella Gräfin Kielmankegg (Wiekbaden).
(Nachdruck verboten.)
Die Gräfin und Etelka hatten eigenhändig die^Auf- bahrung her Leickie besorgt, die nun bereits mm Sarg, mit Blumen bedeckt und umgeben, in feierlicher Ruhe dalag. Bodrog mar im Laufe des Nachmittags bei WtiLtos gewesen. Sie hatten eine lange Auseinandersetzung. Miolos war erbittert gegen Etelka, und klagte sie an, die -schuld an allein Unglück zu sein. Er weigerte sich, sie zu sehen. Mit unendlicher Mühe gelang cs Badrag, ihm klar zu machen, daß, wenn er diese, seine Ansicht in -die jüffentlicksteit bringe, er Etelbas Leben zerstöre und ihr eine Last aufbüvde, unter der das arme Kind zulsaiurnenbrechen mürbe. Was geschehen, könne nicht rückgängig gemacht werden und das Unglück noch vergrößern, darin läge weder ein Traft noch eine Genugtuung. Außer ihm und Etelka wisse kein Mensch, was die Ursache des fatalen Sturzes gewesen sei, und er fordere nun Mitlos das Ehrenwort ob, über diesen Punkt zu schweigen. Wenn auch noch jetzt nicht, so würde die Zelt noch kommen, wo er einsehen würde, wie recht er habe.
Was würde Miklos dadurch gewinnen, daß er Etel- kas Zukunft zerstöre und ihr auch noch die Schuld am Sterben der von ihr so innig verehrten Freundin zuschöbe? Die Welt würde sckpbenfrob die Sache auf- greisen und ncmienloser Jammer und Kummer iiber die Familie Zoltan hereinbrechen.
Etelka war bisher der Gedanke noch nicht gekommen, ihren rinüberlegten kindischen Streich in Znsammen- Hang mit dein Tod von Miklos' Mnttec zu bringen, Nach langen! Zureden gelang es Bodrog endlich, das geforderte Derspvochen zu erhalten und mit einem tiefen Ausseufzer der Erleichterung verließ er das Krankenzimmer. Seinerseits aber hatte er Miklos die Versicherung geben n-üssen. daß Etelka erst iwimt bei ihm vor gelassen würde, lvenn er es verlange.
Etelka saß lvartend auf der Terrasse. Sie lief Bodrog entgegen, als sie seiner ansichtig wurde, bestürmte und beschwor ihn, ohne eine Antwort ab- zuwarten, sie zu Miklos zu führen.
Sehr ruhig und bestimmt erklärte er ihr, -baß -davon keine Rede sein könne. Und dann machte er sie noch- nials darauf aufmerksam daß sie über den Dorfall an der Gsarda schwergen sollte, da es auch Miklos Wunsch sei und er keine überflüssigen Klatschereien heranfbe- schwören wolle. Er sei bei einem Sprung gestürzt und damit sei diese Sache abgetan. Daß eine alberne Kiriderei die Ursache war, ginge ja niemanden etwas an, und ändere nichts an den Tatsachen. Er brachte .das alles so ruhig und natürlich vor, -daß Etelka kein Dendacht kam, wellch ernster Hintem-edanke ihn dazu bewog, und auch -sie ihm das Versprechen gab, zu schweigen.
Wochen verstrichen. Gräfin Zoltan pflegte Miklos aufopfernd und -hatte ihni seinen Haushalt in Ordnung gebracht. Die treue alte Ka-mmcrjungser Marie fungierte als Haushälterin und hielt strenges Regiment.
Bodrog ritt täglich herüber, überwachte die Beamten und stand dem unglücklichen Miklos treu zur Seite. Verschiedentlich hatte er versucht, ihn zu belvegen, Etelka zu empfangen, denn Gräfin Zoltan fing an ihr Befremden d-arüber auszuspreehon, daß er sich so hartnäckig »vei-gere, seine Juge-nÄg-espielin zu sehen. Bodrog vensnelste es damit zu entschuldigen, daß es ihm noch zu peinlich sei, sich dem simgen Mädchen in seiner Hilflosigkeit zu zeigen. Die Gräfin schüttelte ungläubig den Kops. ,Da steckt etwas anderes dahinter", dachte sie. „Nun, wie er will, aufidrängen 'oll sich Etelka nicht . .
-Etelka war sehr still und sah auffallend schlecht aus; ihre Mutter sing an besorgt zu werden. „Der Tod unserer alten Freundin ist dem armen Kind doch näher geganaen als ich gedacht hätte, denn bei ihrer Jugend verwischen sich traurige Ereignisse für gewöhnlich schneller. Ich muß irgend etwas mit ihr anfangen, um sie zu zerstreuen", bemerkte sie eines Tages zu Bodrog. ,/Sie ist seit dom Unfall von Miklos nicht mehr -geritten und sonst ^atz sie stundenlang ans ihrem Pferd. Nur zu viel. Jetzt geht sie ins andere Extreme über."
„Ich sehe die Veränderung auch", antwortete Bodrog, ,,-uNd habe darüber n-achgcdacht, wie man ihr helfen könne. Das alte Mittel ist iinmer noch das Beste meine ich. Neue Eindrücke, völliges Herausreißen ans der -gewohnten Lebensweise und Umgebung! Schicken Sie sie fort für ein paar Monate, aber gleich."
„Wie nur einen passenden Vorwand finden?" erwiderte Gräfin Zoltan nachdenklich.
„Ich -meine, es -liegt Grund genug vor, um Dr. v Fovty zu veranlassen, sich dahin auszu-sprechen, dah Komtesse Etelka unbedingt Luftveränderung braucht, um sich zu erholen, da sie entschieden schleckst aussieht und in Gefahr schwebe, ernstlich zu erkranken", schlag Bodrog vor.
„Sie haben recht, uud ich werde Ihren Rat befolgen, muß aber vorher Forty genauen Bescheid geben."
So eingoleitet ging die Sache vortrefflich. Die an unbedingten Gehorsam gewöhnte Etelka setzte nur schwachen Widerstand entgegen. Fräulein Fanny bekam, strenge Verhaltungsmaßregeln und innerhalb weniger Tage traten sie die Reise nach La-ngens-ckstval- bach an, wo Etelka die Kur gebrauchen sollte.
Ungern schied sie und erbat sich u-uter Tränen dar Versprechen, sie über das Befinden von MMos aus dem lausenden zu erhalten.
„Ich begreife -garnicht. daß Etelka io nntrösflich über -den Unfall von Miklos ist! Wenn sie ihren Jugendfreund auch sehr lieb hat, so steht ihr Kmnmer doch in keinem Verhältnis dazu. Das Kind ist beinahe schwer», mutig."
„Sie hat oben ein weiches Herz, ist sehr empfindlich uiflb -empfänglich für alle Eindrücke", lenkte Bodrog ab. „Sie kann über das Entsetzen nicht hinwegk-oinmen, -Augenzeuge -deck Katastrophe gewesen zu fein, und je
