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Mittwoch, 26. 5lpril 1916.
Das „Ultimatum".
Berlin, 24. Apffft-
Es ist zum Schluß ein Streit um Worte, ob Herrn Wilsons Note als ein Ultimatum nach tat Regeln -des biplamatischen Verkehrs anzusehen ist ober nicht. Nach einer Meldung aus Washington soll der Präsident in der gemeinsamen Konferenz der Ausschüsse des Senats und des Repräsenwntenhniffes sogar selbst gesagt haben, die Note sei in Wirklichkeit ein Ultunutunl mit der Einschränkung, daß, obwohl eine augenblickliche Antwort verlangt worden sei, für diese kein Zeitpunkt festgelegt wurde. Jedenfalls muß rnmr sagen, .daß das Reuter- buroau diesmal ausnahmsweise nicht geschwindelt hat, .als es freudestrahlend der Welt verkündete, die neue .amerikanische Note werde den Charakter eines Ultimatums tragen, ©ie. ist in der Tat in Form und Inhalt derart schroff, daß sie sich von einem Ultimatum in nichts unterscheidet, abgesehen eben von ta Befristung. Es hat sogar den Anschein, als ob die Herren Wilson und Lansing sich ganz absichtlich scharfer nnd herausfordernder Wendungen bedient haben, wie sie sonst im diplomatischen Verkehr nicht üblich sind. Wenn es in der Note heißt, der Angriff aus die „Sussex" erscheine „als eines der 'chrecklichsten Beispiele der Unmenschlichkeit ldes Untersevbootskrieges, wie ihn die Kommandanten der deutschen Schiffe führen", und die deutschen Unterseeboote vernichteten „das Leben der Nichtkom- battcmten, Passagiere und Mannschaften unterschiedlos und in einer Weise, die die Regierung der Bereinigten Staaten nur als leichtfertig und jeder Berechtigung entbehrend erachten" könne, so ist das eine Sprache, die Ulan im Weißen Hause zu .Washington direkt aus Wild- West übernommen. zu _ haben scheint. Gerade diese
mrt könnte ja vielleicht zu deni Gedanken verleiten, daß es sich auch bei dieser Note wieder, um einen Bluff landöle, Mer das wäre doch eine Auffassung, die tan Ernst der Lage nicht gerecht würde. Welche Beweggründe auch Herrn Wilson leiten, und so sehr es auf der Hand liegt, daß es sich hier weniger um die Taktik des Präsidenten als um die des Präsidentschaftskandidaten handelt, der mit der Deutschfeindlich- k c i t das Wa y l g e s ch ä f t machen will, so hat er sich doch gerade durch seine starken Worte so festgelegt, daß er kaum noch zurück könnte, selbst rvenn er wollte. Datz ihn ata der Kongreß dazu zwingen könnte oder auch nur bewegen möchte, ist unwahrscheinlich, .denn nach allem, was bekannt geworden ist, hat die Mehrheit im Senat und Kongreß dieser neuen Hemüsforderung Deutschlands zugestimmt.
Eine Herausforderung schroffster Art. .Hatte doch die ^deutsche Note voni' 10. April zum Fall ,-Sussex" erklärt, Laß die deutsche Reicks regierung auf Grund des ihr vorliegenden Materials der Überzeugung sei, daß die Beschädigung der „Sussex" nicht auf einen deutschen Torpgdoschuß zurückzufuhren fft, und die Unionregierunq .war .gleichzeitig gebeten worden, falls ihr weiteres Material zur Klarstellung des Falles zur Verfügung stehe, es der deutschen Regierung mitM- teilen, damit sie auch dieses Material prüfen könne. Trotz dieser Erklärungen und trotz des deutschen Vorschlags, .daß der Fall „Sussex" einer gemischten Unter- suchnngskommisswn auf Grund des Haager Abkommens unterbreitet .werden solle, ninimt sich die Unions- regierung einfach heraus zu .dekretieren! die „Sussex" ist von einem deutschen Torpedo getroffen und ahne Warnung torpediert worden. Die Herren in Washington verraten aber zugleich ihre wahren Absichten, intan sie von dem Fall „Sussex", der ihnen nur eine Handbäbe bieten soll, zu ta allgemeinen Forderung übergeben, die Kaiserliche Regierung möge „unverzüglich ein Äuf- geben. ihrer gegenwärtigen Methoden des Unterste- bootkrieaes gegen Passagier- und Frachtschiffe' erklären und bewirken", widriaenfalls dre Ilnionsregierung „keine andere Wahl haben" könne, als „die diplomatischen Beziehungen zur deutschen Regierirng ganz zu lösen."
Es mag sein, daß Präsident Wilson .wirklich .kerne andere Wahl — zum Präsidenten in Aussicht Hot, als wenn er die deutschen Unterseeboote als Vorspann benutzt. Wer er sollte dock; wenigstens w aufrichtig sein, sich bei seinem Vorgesetzten gegen Deutschland nicht mit dem Deckmantel „der Menschlichkeit und der Rechte neutraler Nationen" zu drapieren. Weshalb vertritt er nicht die Menschlichkeit nnd die Rechte der Neutralen, indem er mit der gleichen Entschiedenheit gegen die e n g Ir s ch e Handelsblockade, welche alle Neutralen schwer trrfft, und gegen /die versuchte Aushungerung Deutschlands Einspruch erhebt, durch die wir erst zu der jetzigen Form des Unterseebootkrieges veraarlaßt und gezwungen wurden? Ist.doch Von seiten der deuffchen Regiernnig erklärt worden, daß dieser Unterseebootkrieg gegen Handelsschiffe eingestellt werden solle, sobald England seine Aushungerungspolitik ausgebe. Die Machthaber in Washington
Morgen - Kusgabe.
sollten also nicht mit der Phrase von Menschenrecht nnd dergleichen hausieren gehen, wo es sich doch für sie nach dem Zeugnis der Hearst-Presse in erster Reihe um idie Interessen der Munitionslreseranten und sonstiger, an .dom Weltkrieg interessierter kapitalistischer: Kreise handelt. Eben des hack liegt der Verdacht nahe, daß Wilson es zum Bruch treiben will. In Deuffch- land betrachtet man die Lage mit de: Ruhe, die uns unser gutes Recht, unsere militärische Stärke zu Lande, zii Wasser und unter Wasser und die Gewißheit verleihen, daß dieser Weltkrieg in Europa entschieden werden.wird.
Die Hoffnungen auf eine friedliche Beilegung des deutsch-aurerikanifchen Konfliktes.
Br. Berlin, 25. April. (Ctg. Drahtbericht. Zens. Bin.) Das „23. T." schreibt: Wenn die Berliner Börse heute schwach war, so ist dies ebenso berechtigt oder unberechtigt wie die Erholung, die die gestrige New Aorker Börse zu verzeichnen hatte. Diese Befestigung der Stimmung in New V o r k ist naturgemäß auf die ja zutreffende Nachricht entstanden, daß in Berlin zwischen der deutschen Regierung und dem Botschafter Gerard Besprechungen stattfinden, daß die deutsche Negierung keinen prinzipiell abwesenden Standpunkt einnimmt, und daß nach Mitteln zur Beseitigung der Spannung gesucht wird. Bei dieser Lage der Dinge braucht die Hoffnung auf Sx günstiges Ergebnis und auf die Erhaltung der deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht aufgegeben zu werden. Aber jede Prophezeiung wäre schon deshalb gewagt, weil cs sehr schwierig ist, sich über die Stimmungen in Washington fortlaufend zu informieren. Eine neue Unterredung zwischen dem Reichskanzler oder dem Staatssekretär des Äußern niit dem amerikanischen Botschafter hatte bis heute nachmittag nicht stattgefunden.
Die Stimmung in Amerika.
Sicherheirsmaßnahmen der Regierung.
Nr. Kopenhagen, 25. April. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Präsident Wilson wird — nach Londoner Blättermeldungen — mit Depeschen und Briefen, die seine Handlung gut heißen, überhäuft. Deutschfreundliche Personen und Friedensfreunde bombardieren ihn dagegen mit Bitten um Auftechterhaltung des Friedens um jeden Preis. Bryan ist nach Washington geeilt, um auf dem Kongreß seinen Einfluß auszuüben, der aber in hohem Grad durch seine Niederlage geschwächt sein soll, die Bryan kürzlich in seinem eigenen Staat Nebraska erlitten hat. Die deutsche Bevölkerung in Amerikä ist ü b e r- aus erbittert. Die wichtigsten öffentlichen und privaten Telegraphenstationen werden streng bewacht, ebenso die Schiffswerften und die Munitionsdepots. „Daily News" erfahren aus Washington, falls es zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten zu einem Bruch kommen sollte, wird die Wahrnehmung der deutschen Interessen in Amerika wahrscheinlich dem schwedischen oder dem spanischen Botschafter in Washington übertragen werden.
Eine arrrrrikanische Friedenskundgebung.
W. T.-B. Berlin, 25. April. (Nichtamtlich. Dvoihtbericht.) De>r Rektor der Berliner Universität erhielt am ersten Osterfeieriag ein Telegramm aus New Dark, das in Übersetzung also lautet: .Mir. Bürger der Bereinigten Staaten Amerikas, und der Vorsitzende .der German ITniversity League of American möchten Gw. DLagmfizenz unseren lebhaften Wunsch aussprechen, daß zwischen Amerika und Deutschland der Friede erhalten bleibe. Ta wir beide Ländler gut kennen, fürchten wir, Deutschland könnte die Botschaft unseres Präsidenten als eine Herausforderung auffassen, was sicherlich nicht beabsichtigt ist. Im Gegenteil, -wir siitd überzeugt, daß die Mehrheit des amerikanischen Volkes die freundschaftlichen Beziehungen aufrecht zu schalten wünschst, die zwischen Ihrem und unserem Lande immer bestanden. Um das Unheil einer falschen Auffassung abzuwenden, bitten wir Sie, diese unsere Ansicht dem deutschen Volke zur Kenntnis zu bringen. Bilhuber. Dr. Boldt. Professor Busse. Hein. Dr. Knaufe. Paaenstecher. Haas. Dr. Schweitzer- Professor Shepihevd. Professor v. Klenze. Dr. v. Mach. Professor Cutting. McMeill. Dr- Schön. Steinhagen."
Englische Pressestirnmen.
Ärger über Bryan.
(Von unserem Sonderberichterstatter.)
F. Rotterdam, 25. April. (Eig. Doahtbericht. Jens. Mn.) In den Washingtoner Meldungen bekundet die Londoner Presse Ärger über das Auftreten B r y a n s und die Grn- brrngiküg des Protestes im Senat, welcher eine sofortige Einigung mit Deutschlarsti für -die Sicherung des Friedens verlangt. Die „Dimes" berichtet: Der Kongreß weche den Wünschen der Friedensfreunde Rechnung tragen, falls Deutschland Entgegenkommen zeige. Auch Wilson wünsche eine Verständigung. Die , Mornina Post" greift die Tokioter Regierung an, die .gerade den jetzigen kritischen Moment benutzt, um die Aufhebung der EinwanderungsbiL in Washington an- bängig zu rnackren. Ausiallend ist, daß die Pariser Depeschen .der Londoner Matter betonen, Franfteichs Kriegslast würde durch den Abbruch der deutsch-amerLantschen Beziehungen
Nr. 193. . 64. Jahrgang.
stark gefördert. „DaAh Chromüle" mriSta ans Washington, der Senat wünsche den Zusammentritt einer Konferenz der Neutralen im Haag zur Klärung des Konfliktes.
Ungarische Preffestimmen.
W. T.-B. Budapest, 2-5. April. (Nichtamtlich.) Die Blätter bezeichnen die amerikanische Note als ein Werk geistiger Verblendung und betonen einmütig die asfenkundige und «inseitige iSellnngnahme Wilsons zugunsten Englands und der Alliierten gegen Deutschland und die Verbündeten. Der „Bester Lloyd" schreibt: Mit Verblüffung wird die Nachwelt aus dieser Urkunde feststellen, daß mitten in einer Weltkrise, derengleichstn die Erde niemals gesehen hat, di« Schicksale der mächtigsten Demokratie des Erdenrundes in die Hände eines Mannes gelegt waren, den der Gedanke des über Äkillionen von Nichtkombabtanten verhängtem Hungertodes nicht empörte, der über angesichts einiger Dutzend — sagen wir zu Unrecht —versenkter Opfer der deutschen Unterseeboote sich sofort auf di« heiligen 23orrechte der Nichtkmnbattamten besann. — „Alkotm a n y" schreibt: Es gibt gar keinen Grund, um von der gerechten Berteidigung unsierer ehelichen Sache zurückzutreten. Wir haben ja schließlich nicht nur gegen Neutrale pseudoneutra>le Verpflichtungen, sondern auch gegen uns selbst uüd unsere Zukunft. — „Budapests Hirlap" schreibt: Die Antiivort der deutschen Regierung wird, wenn hierfür eine Möglichkeit besteht, ganz gewiß Gelegenheik zur Abwehr .des Konfliktes bieten. Sollte aber ein Bruch unvermeidlich fein, so wird Deutsckiland zweifelsohne auch dies mit ruhiger Würde und inr Bewußtsein feiner Kwäfte ertragen. — Das „Pester Journal" sagt: Das Festhaliten an dem Unterseebootkrieg in der energischsten Art, wie er bisher geführt worden ist, ist eine Exisdsnzftage Deutfchilands geworden, eines der Mttel zum sicheren und endgültigen Siege.
Oie Lage im westen.
Englische Seestreitkräfte vor der flandrischen Küste abgewiesen!
W. T.-B. Berlin, 25. April. (Amtlich.) Am 24. April, morgens, erschienen vor der flandrischen Küste zahlreiche englische Streitkräfte, aus Monitoren, Torpedv- bootszcrstorern, größeren und kleinen Dampfern bestehend, welche anscheinend Minen suchten und Bosen zur Bezeichnung von Boinbardementsstellungen aus- lcaten. Drei unserer in Flandern befindlichen Torpedoboote stießen mehrfach gegen die Monitore, Zerstörer und Hilfsfahrzeuge vor, drängten sic zurück und hinderten sie an der Fortführung ihrer Arbeiten. Trotz heftiger Gegenwirkung sind unsere Torpedoboote unbeschädigt geblieben. Die englischen Secstreitkräste haben die flandrische Küste wieder verlassen.
Der Chef des Admiralstabes der Marine.
Die Komödie der Russenlandung in Marseille.
I>. Berlin, 25. April. (Eig. Meldung. Zens. Bln.) Das russische Gastspiel in Frankreich wird von den deuffchen Militärkreisen nicht ernst genommen, zumal es zum Programm der Frühjahrsoftensive gehörte und auch bei uns im voraus bekannt war. Die deutschen Schläge bei Verdun haben zwar die Frühjahrsoffensive gründlich zerstört, aber die französische Regierung wollte doch nicht auf ihren Theater- e f f e k t verzichten, insbesondere gegenüber den Italienern, denen gesagt wird, daß sic sich ein Beispiel an den Russen nehmen, die von so weit herkamen, und auch Hilfstruppen für das geliebte Frankreich entsenden müßten. Militärisch ist natürlich die schwache Russenbrigade bedeutungslos und für die R u s s e n s e l b st eher ein Nachteil. Sie möchten wohl schon nach dem Scheitern ihrer verfrühten Offensivvorstöße gern ihre „auserlesenen" Offiziere, die sich für das entsandte Reklamekorps abschwatzen ließen, wieder haben. Auf die Dauer werden in Frankreich die Vorspiegelung falscher Taffachen die Volksstimmung nicht mehr zu beeinflussen vermögen.
Ein englisches Urteil über Verdun.
Rtztterdam, 22. April. (Zens. Bln.) Die „.Woviring Post" vom 14. id. W. sühnt irr einem Leidarüikel aus: Üta die
Schlacht am der Ddaas hönt man die seltsamsten Dinge. Es gibt Leute, die sagen, daß die Deuffchen etwas versuchen, andere sagen, daß sie gezwungen sind, es zu tun, wieder andere behaupten, daß der General Petain klugerweise den Feind von einer Stellung zur anderen hinzieht, um ihm so viel Benkuffke wie möglich zuzusügen. Wir sind taürlich nickst imstande, darüber «in Urteil abzugeben, aber wir glauben auch nicht, daß der deutsche General stab so dumm fft, mit tan Kopf gegen die Wand zu rennen. Wir glauben vielmehr, daß er. wie überall im Rirrgen, einen Teil seiner ganzen Kraft daran fetzt, anzugreiien oder aber zu verteidigen. Jedenfalls ist es ein verzweifelter »Kampf auf beiden Soften. Der Feind kämpft um einen großen Preis, um die Bezwingung einer großen Festung, die einen wichtigen Vormarschpunkt ins Herz des Landes deckt. Die Frunzofeu, die das genau wissen, setzen ihre gapz-c Kraft in die Verteidigung und kämpfen um jeden Zoll Boden. Sie .gehen nur da zurück, wo sie müssen. Es ist ein Kampf der Ausdauer, der Hilfsmittel und der Reserven, lkmere Mvbündetem Hadem 'Wunder darin getan, die Deutschen zurückzuschlagen wrtd zrr-
