Der Roman.
Morgen.Seilage des Wiesbadener Tagblatts. r - H-~-- «i
Nr. 96.
Sonntag, 23. April.
1916.
ft Fortsetzung.!
Die Sonnenuhr.
Erzählung von Gizella Gräfin KielmanSegg (Wiesbaden).
(NaAdruL verboten.)
«Der Herr Graf ist halt besorgt um Sie", warf Rest Verteidigend «in.
„Ach was besorgt! Ich brauch' seine Fürsorge nicht, ich bann schon auf mich selber achtgSben mit 18 Jahren, wein ich! —> Da gcht's aniders zu, wenn ich mit dem Mklos loszieh! Das heiß ich reiten, das ist nachher ein Vergnügen, der macht keine „Faxen"."
Sie lachte über das ganze Gesicht in Erinnerung «der tollen Streiche, die sie mit dom Jugmdgespiolen ausge- sführt hatte.
„Na — ich werd' mich schon entschädig an für heute", schloß sie mit einem scherzhaften Hieb auf die wohl- gkpalssterten Hüften der kopfschüttelnden Refi.
Im Laufschritt durchmaß sie den langen Korridor, und trat dann ruhig und ganz und gar als wohlerzogene ..Komtesse" auf die Terrasse. Mit einem Handküsse verabschiedete. sie sich von der Mutier, und mit förmlicher Steifheit sich an Badrog wendend, srug sie, ob er ihm Passe, aufzübrechen! — Hastig sprang er auf, denn er war zerstreut und nachdenklich sitzen geblieben.
„Ader, Komtesse, ich bitte Sie, ich habe doch keine
t östirmnungon zu troffen! Ich siehe jederzeit zu Ihrer erfügung."
Etelka eilte voraus und hatte sich bereits vom Reitknecht aufs Pferd heben lassen.
„Verzeihung, ich bin wieder einmal zu spät gekommen", entschuldigte sich der Graf.
„Ich lasse mach am liebsten von Jancsi in den Sattel hchen, der macht das sehr gut", antwortete sie kurz, ohne ihn anzuischen mit ihren Äugeln beschäftigt.
Bodvog ignorierte die kleine Ungezogenheit und ritt ruhig an ihre Seite. Ein scharfer Beobachter hätte
g ' bemerken können, daß ein kaum merkliches Lächeln en Mund umspielte. Es lag sehr viel Ausdruck in nicht >eben kleinen, aber sehr energisch gezeichneten Nd und vorspringenden Kinn. Im ganzen ein un-
8 «mein interessanter Charakterkopf mit schönen Zügen.
)er weiß, was er will, sagte inan sich bei seinem Anblick! Er stand Mitte der Dreißig, machte oder einen älteren Eindruck. Das lag teilweise daran, daß er, in jeder Bewegung ruhig und sicher, von seinen lebhaften Landsleuten eigenartig abstach.
„Wir wollen nach Kisfalud hinüber, die Sajo ist lehr niedrig man kann beguem durchreiten", meinte Etelka, „vielleicht begegnen wir Miklos, der treibt sich ja immer in der Gegend herum, und wenn er mitkommt wird's gleich lustig, der isi bei allem dabei und hat Immer famose Ideen!"
Badrog schwieg. Etelka ärgerte sich darüber, und dachte nach, womit sie ihn Wohl aus der sie ganz und par aus dem Gleichgewicht bringenden Ruhe auf- rütteln könnte.
,/Sollen wir die ganze Zeit im Schritt bleiben?" jfrug sie sich zersinoniös gegen ihn neigend.
„Mer gar nicht, ganz wie Sie tvollen, Komtesse. Hch warte ja nur darauf, daß Sie das Tempo angeben."
. »Mr — also dann IoS!"
Im scharfen Trab ging eS ein« Weile. Es war noch sehr heiß, und Etelkas Wangen färbten sich immer dunkler, sie wollte aber nicht nachgeben, und eingestehen, daß, momentan, Schrittreiten sehr viel angenehmer wäre. Sie war ganz und gar von: Widevspruchsteufel besessen.
„Wenn es Ihnen zu viel tvird, bitte sagen Sie eS mir, wir können ja dann wieder e«r Ihnen bequemeres Tempo einschlagen!"
„Wegen mir ganz gewiß nicht I Ich finde köstlich!"
„Aber Sie sehen erhitzt auS — wollen Sie «Ul* ruhen?"
„Ich? Ich denke gar nicht daran. Mir isi gar nicht heiß." Dabei fühlte sie, daß ihr Haar an der Stirn fsstklebte und ihr ganzes Gesicht wie ein Ballon ausquoll. Sie ärgerte sich wahnsinnig, biß die Lippen aufeinander und trabte weiter. Ich werde ihm schon noch warm machen, dachte sie, nur nicht nachgeben, und trenn mich der Schlag trifft! Daboi schielte sie nach ihm. „Unglaublich, man merkt ihn: nichts an, nicht ein- tuos! rot wird er."
Die Pferde griffen inunter aus! In stummer Verbissenheit ritt Etelka neben ihrem Begleiter.
„Da kommt Miklos", unterbrach sie das Schweigen, und zeigte mit der Reitgerte nach einem kleinen, dunklen Punkt. Zugleich ließ sie ihr Pferd in scharfen Galopp. übergehen. Unbekümmert uni Bodrog, raste sie ihrem jungen Freund entgegen. Bald war er erreich! inrd in atemloser Hast berichtete sie ihni ihren Verdruß.
„Ich will ihn gründlich ärgern, denken Sie sich raisch was aus. Der soll aus feiner pedantischen Rühe gerüttelt werden und soll >mich nicht weiter langweilen mit seiner Hofmeisterei. Ich kann ihn nicht ausst-chen, allen Spaß verdirbt er ei nein. Da schaiien Sie ihn an — wie er pomadig dahergezottelt komnit!"
„Aber, Etelka, wie sehen Sie aus! Wie eine Wilde, und so außer Atem. Es trifft Sie ja noch der Schlag! Sie sind ja pockerlvot!" MikloS lachte, .lachte wie ein ungezogener Junge, seiner Freundin geradeaus ins Gesicht.
Zornbebend riß sie ihren kleinen Rippen herum und ohne ihn eines weiteren Wortes zu würdigen, sauste sie weiter. Miklos ritt langsam Bodrog entgegen.
,-Schlechte Laune, fuchswild die Nein« Komtesse, bin ganz und gar in Ungnade", rodete er MikloS an, der enteilenden Etelka nachblickend.
„ „Man muß sie sich austoben lassen. Nachreiten würde sie nur reizen. Sie wird schon anholten ob« nmkehen, wenn sie merkt, daß wir nicht nachjagen* meinte Miklos. „Ich kenne diese Anfälle bei ihr, nicht beachten ist daS beste Mittel dagegen."
Sie zündeten sich Zigaretten an und blieben ruhig plaudernd am Fleck sichen. Der Abend senkte 1 sam herab. Völlig weltentrückt fühlte man großen Einsamkeit der weiten Fläche.
