In
Der Roman.
[ Msrgen-Seilage der Wiesbadener Tagblatts. l° . -. i -j
nt. 95.
Kreitag» 2t. Kpril.
1916.
Oie Sonnenuhr.
Erzählung von Gizella Gräfin SielmanSegz (Wiesbaden).
!l Nachdruck verboten.^
„Die Komreste wird gleich kommen, gräfliche IGnäden", msldete der alte Prfta, von seiner Mission «urückkahrend, die in der nicht immer leicht zu lösenden Aufgabe bestanden hotte, Komtesse Etelka zu bestellen, daß sie sofort zur Frau Gräfin kommen sollte, weil Besuch «da fei I Komtesse Etelka zu finden taar vorerst ein .Kunststuck", denn sie lvar gewöhnlich überall und nir-
« ends! Im Stall fboi ihrem Reitpferd hieß es. War >ista glücklich dort angelangt, sah er die zievliche Ge- ftiQ-lt bereits in weiter 8«cne, gefolgt von einem Rndel bellender, sie lmtkreisender, großer und kleiner Hunde, oller möglichen und unmöglichen Rassen, nach dom vor der Parkmauer vorbeifließenüen Fluß eilen, um ihren Lieblingen zu einem erfrischenden Bad zu verhelfen, denn die Sonne brannte heiß voin wolkenlosen Angnst- ihimmel.
Der arme Pista eilte pflichtschuldigst nach und «sah, ols er mühsam sein Zrel erreicht, wie sie durch ein kleines Pförtchen in «der Gartenmauer schlüpfte und «mitsamt der Nässenden Rteute verschwand. „Jetzt geht's noch dem Küchengarten", murmelte er vor sich hin.
„Pista, Pista, haben Sie die Komtesse nicht gesehen?" rief chm das „Fräulein" entgegen. — Unter „Fräulein" war einzig und allein die mittelalterliche Dame «gemeint, die der jungen Komtesse als Hüterin und Begleiterin zngeteflt worden war. „Ich suche sie seit einer ihalden Stunde und kann sie nicht erreichen. Graf Godrvg ist da, sie soll gleich herauf kommen. Ich dachte die Komtesse sei im Lurnizimmer. Wer konnte wissen, daß sie der der Hitze hermntabt. — Ich habe mich für ein paar «Minuten hingelegt gehabt, man ist ia ganz kaput", jammerte sie, neben Pisto einheckeuchend.
„Ich glaube die Komtesse ist im Küchengarten", reflektierte Pista, „Die Spaliertvauben fangen an reif zu werden, und da kann fie's nicht äbwarten, und nascht vorweg-"
Inzwischen waren sie glücklich bis znm Gittertor gelangt, daS den Küchengarlen vom Park abschlotz. Pista hielt die Haiid über die Augen und blickte eine Zeitlang forschend umher. Plötzlich grinste er über das «ganze Gesicht und zeigte auf einen weißen Meck in einer entfernten Ecke. Mitten Mmsck-en den Stachelbeersträuchern kauerte sie in der glühenden Sonne, umgeben von den Hunden.
„Na ja, natürlich, nun schlingt sie wieder alles mit Haut und Haar herunter", jammerte das erschöpfte „Fräulein".
,Mchen Sie nur rasch zurück und melden Sie, wir kämen sofort. Ich muß vorher die Komtesse ein wenig in Ordnung bringen, in dem Aufzug kann sie sich nicht «sehen lassen. Die Haare gelöst, kein Hut, kein Schirm, kerne Handschuhe, und das Kleid! Naß und schmutzig pon oben bis unten."
Pista wischte sich dm Schweiß von der Stirn, «und « 0 $ ab! Das Fräulein rief und winkte mit «dem Gonnen- jchrvm: „Etewa, Komtesse, schnell, schnell, Sie sollen so- fetf-teJ&eBJSlfflt MÄon kommen. Besuch ist da!"
Etölka erhob sich und lief quer durch «die Rabatten aus ihr Jräcilein zu! „Bier ist denn da? Der MikloL mit dom neuen Pferd? .Hat er Zuckerln gebracht?"
„Ach was, Miklos, Graf Bodrog sitzt slyon seit einer Stunde oben, und die Maina ist sehr böse, daß Sie wie- >der eimnal spurlos verscljwunden sind. Nachher bekomm ich's wieder", fügte sie hinzu, „ich komme ra auS bem Verdruß gar niiht heraus wegen Ihnen."
Etolkas feines, hübsches Gesicht zeigte einen enttäuschten Ausdruck, als sie hörte, wer da toar! „Ach der", antwortete sie godohnt, Frärcleins Grvsiztheit unbeachtet lassend, „«der soll nur warten, wegen dem werde ich mir nicht die Schwindsucht cm den Hals laufen I Kommen Sie, wir «wollen die schattige Allee herauf-
8 chen. Mir ist sehr heiß", erinnerte sie sich plötzlich >re Schritte verlangsamend.
„Heiß!!? Sie sind blaurot", übertrieb Fräulein Fanny, „und Ihr Haar! So können Sie sich ja gar nicht sehen lassen! Da kann die Rest eine Stunde herumbürstsn, ehe sie das auseinanderbekommt. Daß Sie die Mama nur nicht so erblickt — Sie wissen ja, der „Teint" und das „Haar", das ist ihr Steckenpferd, rmd was Sie damit heute angeiangen haben, das gereicht beiden nicht eben zmn Vorteil."
Als sie aus lder Allee traten, um, wie sie gehofft, durch ein Hinterpförtchen ins HauS zu schlupifen, kam von der Terrasse herunter Graf Bodrog ihnen entgegengeeilt, um sie zu begrüßen. Die Gräfin-Mutter saß vor dem gedeckten ToÄisch mit einer Handarbeit beschäftigt. Sie sah auf rmd ihre Lippen schlossen sich fest «über den tadellosen Weißen Zähnen, während sich di« dichten Angenbrauen zu einer geraden Linie über der ettva? starken, aber schöngeformten Nase vereintem. „Etelka, du gehst sofort aiuf dein Zimmer und bringst dich in Ordnung, aber vciisch", rief sie ihrer Tochter entgcigen. die langsam die Stufen herauf kam, eifrig aber verg-ob- lich bemüht, ihr prachtvolles Haar zu ordnen.
Sie küßte die nicht kleine, aber schöne und gut- gepflegte Hand der Mutter, murinelte etwas recht nn- zusaimmenhängsnd Klingendes von „Hunden, Baden, Hitze, keine Uhr mithobon" und verschwand dann eiligst hinter dom armen Fräulein Fanny, das bescheiden seit- «ab stand und mit dem Grafen Bodrog flüsterte. «Sie war froh, «momentan wenigstens nur einen strengen verwoisenden Blick erhalten zu haben. Der Sturm war also hinausgeschoben, und sie hatte Zeit sich zu wappnen mit geschicktem Ausreden.
„Entschuldigen Sie, lieber Bodrog, daß sich msin« Tochter in dissom Aufzug zeigte", wandte sich Gräfin Zoltcm an ihren Gast. ,Melka rst zeitweilig noch so lkrndisch und unbändig — «daß Fräulein Fanny ober auch gar nicht amt ihr fertig werden kann!"
„Aber ich bitte Sie, Frau Gräfin, ich danke den» glücklichen Zufall, der es mir gestattete, daS entzückend« fei in mich anfzunehmren! Ich Äaube ich habe die Komtesse noch nie jo reizend geschen. Prachtvoll
