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Der Roman, i
Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. »i
Nr. 94.
Donnerstag. 20. Kprtt.
1916.
tSchlub.»
Um Ehre und Leben.
Roman von Paul Plitz.
(Nachdruck verboten.)
Dia ibrül&crt aus i>om Meere ist soeben ein Segelboot umgeschlagen, und der Insasse des Fahrzeugs kämpft mit den Wellen.
Umsonst, er kann sich nicht retten.
Hilferufe ertönen, aber niemand ist in der Nähe.
Mit einem Male blitzt ein Gedanke in Kurt ans.
Sofort wirft er Rock und Stiefel aib und wirft sich ins Meer.
Er ist ein guter Sckstvinmicr, hat sich beim Reginient so manchen Preis geholt, — bas kommt ihm jetzt famos zu statten. Mit wonnigem Mut dringt er vorwärts. Es gilt ja ein Leben zu rettenI
Am Strand wird es jetzt lebhaft. Man ist ausmerk- ifrim geworden, lind Boote werden flott gemocht.
Kurt aber hat schon den Jiingling gerettet: der hält sich nun fest ain Stande seines Bootes, bis eines der anderen Fahrzeuge herangekorimren ist, das ihn jetzt oufnimmt.
In K'urt jubelt alles auf. Er hat etue gute Tat vollbrachtI Er .hat ein junges Menschenleben dem tückischen Meere entrissen!
Dieser Gedanke wirkt wie 'befreiend auf ihn. Diese srohe Stimanung rieselt ihm wie ireues Leben durchs Blut.
Mit kraftvollen Armen teilt er die Wellen, um zu einem der Rettungsboot- zu gelangen. — da plötzlich geht es wie ein elektrischer Schlag durch feinen Körper. Der Atem stockt — die Sinne schwinden — und mit einem Male is't alles zu Ende. Er sinkt in die Liefe. Ein Herzschlag hat ihn erlöst.
Schon waren die Boote in der Nähe. Aber vor ihren Augen, fast in greifbarer Nähe, sank er himlnter.
* * *
/Daheim war man in Sorge und Aufregung.
Besonders 'das Mamachen ängstigte sich halb zu Lode nm ihren Liebling.
Natürlich versuchte Lucie nach Kräften, sie zu trösten und die ganze Sache als einen tollen Streich des Bruders hinzustellen.
Wer Frau Luise ließ sich nicht beruhigen. Sie siihlte daß irgend etwas rricht in -Ordnung tvar und daß sie Grund hatte, sich zu sorgen.
Inzwischen hatte ein Kriminalbeamter iin Bank- hmrse nach Kurt gesucht rrnd da ni>an ihn im Geschäft nicht fand, begab sich der Beamte -in die Privatwohnung
Lucie empfing den Herrn, und als sie hörte, nm was es sich handelte, fuhr sie schreckensbleich zusammen, jedoch beherrschte sie sich sofort und bat darum daß man leise spräche, damit die arme Mama nicht erführe, wenigstens vorerst nicht. Darauf aber konnte der Beamte sich nicht Anlassen. Er hatte Instruktion, die Wohnung zu durchluchen und war sogar mit einem Haftbefehl ausgerüstet.
Und so erfuhr denn das Mamachen alles.
Solange.der Beamte da ivar, hielt sie sich aufrecht, vl« der aber nach erfolglosem Suchen gegangen war, sank sie zusammen.
Jetzt wagte mich Lucie nicht nwhr, ihr Trost zuzu
sprechen: weinend saß sie an ihrem Lager und starrt« fassungslos vor sich hin.
Mn Stachmitlag kam Jansen.
„Um Gottes willen! Wie hat das alles nur geschehen können!" jammerte Frau Luise.
„Wußten Sie denn nicht, was im Gange lvar? -Konnten Sie ihn denn nickst warnen. Sie waren doch sonst immer sein guter Engel, warum Hahlen Sie ihn denn jetzt Ml Stich gelassen?"
. „Gnädige Frau, auch ich bin genau so überrascht und überrumpelt wie Sie", verteidigte sich 'der junge Mann mit taktvoller Stirnim«. „Erst heilte früh erfuhr ich. was geschehen war irnd wie es geschehen war. Di« K vüminailpolizei hatte übrigens schon seit einiger Zeit ein aufmerksames Auge auf die Gräfin aus Rußland gerichtet. Man fand bisher nur keinen Grund, gegen sie einzttschveiten. Jetzt aber hat nian bereits die Spur der Flüchtlinge: sie sollen sich nach .der Riviera gewandt haben."
„Und mlser Junge mit ihr! So wird man sie akse verhaften. O Gott, das überlebe ich nicht!"
Laut aufschluchzend sailk dre alte Frau zusaiumen.
, Diskret zog sich Jensen zurück. Lucie begleitete ihn hrnaus.
„Verlassen Sie ims nicht in dieser schweren Zeit", bat sie, „komnnen Sie wieder, sobald Sie etwas Näheres erfahren halben."
Wie gerne versprach er es.
Und nun kamen bange böse Lage: viel schlimmer als alles andere lastete dies neue Unglück auf Mutter und Tochter.
Jedesmal, wenn die Flurklingel ertönte, erschraken sie, denn immer fürchteten sie, eine neue Hiobspost zu ei fahren.
Furchtbar war diese Ungewißheit.
»Mein Juug', inein armer Jung'!" janmierte dis Äte Frau in ihren Fieberphautasieu. ..Warum habe ich rhn so schlecht behandelt, daß er sich von mir obwenden mußte!"
Auch Lucie plagte sich oftmals -mit Vorbstirfen, daß sie nicht freundlich und nicht liebevoll zuletzt All ihn, ge- wesen sei.
Wenn doch nur eine Sdachricht fdme, so daß »man wenigstens wußte, woran man war! Wenn doch nur diese gräßlichen Zweifel aushörten!
Und die Nachricht kam.
Zwei Lage sväter trafen die Abschiedsbriefe ein.
Als die alte Frau das Papier in der Hand hielt, sagte sie schluchzend: „Paß auf, .das ist sein letzter Brief! Er 'hat sich etwas angetan, ich Hab es gefühlt! Ich Hab es gefühlt!"
Zitterild erbrach sie dann das Kuvert. Mit fliegen, 'der Hast las sie.das Schreiben zu Ende. Dann verließ sie die letzte Kraft. Dieser Schlag war zu stark für sie.
Ein schweres, böses Fieber packte sie. Und der Arzt schüttelte mit dam Kaps.
Lirme, obgleich selber der Schonung bedürftig, pflegte sie mit rührender Aufopferung.
