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des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 89. * Lreitag. 14. April.

1916.

(1B. Fortsetzung.)

Um Ehre und Leben.

Roman von Paul Blitz.

(Nachdruck verboten.!

Wieviel leichter dagegen machte sich Kurt das Leiben.

Bon Natur ichon ein wenig -um Leichtsinn neigend, hatte die falsche Erziehung, die er bekommen, diesen Trieb nur noch gefördert. Zwar war er ein lieber und guter Kerl, nur allzu schwach der Verführung gegen­über. Und nun der wirkliche Lebensernst an ihn heran­trat, der einen ganzen Kerl und einen Charakter er­forderte, nun stand er sch-vach und wankelmütig da, ließ sich von jeder Stimmung unterkriegen und wußte meist «selbst nicht, was er eigentlich wollte.

Vorerst war er nun wieder in bester Stimmung, denn erstens hatte er ja das Geld von Jenlen, dann aber war ihm van« Chef am Schluß des Jahres eine Grati­fikation ausaer»ihli und außendeni noch sein Monats­gehalt um 26 Mark erhöht worden. Er schwamm also in Wohlhabenheit. Zunächst ließ er sich ein paar sehr vornehme Gefellschaftsang'ige bauen. — natürlich auf Pump: denn das bare Geld konnte er ja besser brauchen und bei seinem Schneider hatte er noch immtzr Kredit genug, — dann schaffte er sich neue Wäsche und Stiesel an, kurz er machte sich das Ansehen eines kleinen Lebe­mannes zurecht. Uiid nun stürzte er sich kopfüber in den Strudel hinein und genoß an Freuden, rvas sich ihm nur darbot.

Seine reichen, jungeil Freunde, die sich eine Ehre daraus machten, mit einem ehemalig aktiven Garde- osfzier verkehren zu können, führten ihn in einen vor- nehmen Klub ein. m dem besser situierte Kaufleute, Bankiers, Spvrtsmenschen iind Künstler aus- und ein­gingen.

Natürlich wurde dort auch gefeilt und ebenso natür­lich evariff Kurt die Gelegenheit, sein kleines Kapital nach Kräften Ml vermehren, was ihm auch, da er mit Glück spielte, meist trefflich gelang.

So wurde er schnell bekannt und da er elegant und liebenswürdige Manieren hatte und sich airch recht gut anzupassen verstand, wurde er schnell bei allen Mit­gliedern beliebt.

Zu Hause war er fast gar nicht mehr. Und der be- forgten Mama redete er immer vor, daß er viel in den Familien seiner Freunds verkehre.

Auch mit Jenien kam er fast nie mehr zusammen: jetzt ging er ihm meist sogar direkt aus d-m Wege.

Die Marna glaiibte leinen Worten natürlich, doch Lucie zweifelte stark daran und wo sie es nur konnte, fah sie ihm heimlich auf die Finger, vorerst freilich ohne «Erfolg.

Indessen lebte er lustig und leichtsinnig in den Dag und in die Nacht hinein und ainüfierte sich nach besten Kräften.

Infolge feiner Beweglichkeit und Eleganz und da er ein flotter und guter Tänzer war. erfreute er sich auch bei den Damen der Gesellschaft großer Beliebtheit, und manches junge Mädchercherz schlug ihm in Heller Be­geisterung entgegen.

Er jedoch ließ alles das über sich ergehen, ohne sich für irgend eine zu erwärmen. Er war ein vorsichtiger

Rechner geworden und sagte sich: Nur nicht verplem* Peru! Das einzige, was dich retten kann, ist eine reiche Heirat. Also die Augen offen.

Bei einem Ballfest in der Philharmonie machte er eine eigenartige Bekanntschaft. In einer der Parterre­logen sah er einige Mitglieder der russischen Kolonie, — sogar ein Attache von der Botschaft >war darunter, — und int Krerse dieser Herren zwei sehr elegante distin­guiert aussehende Damen; die jüngere, «ine inter­essante, pikante Schönheit, die altere wcchl ihre Vertraute oder Gesellschafferin. Sofort erkundigte er sich lebiiaft nach dem Näheren scher die Damen und da erfuhr er, daß die jüngere die verwitwete Gräfin Riwanow sei, die große Güter von unermeßlichem Reichtuni in Podo- lieii und der Krim habe und hier die Saison verleben «wollte. — Natürlich,war "r Feirer und Flamme, und bei der erstell Gelegenheit ließ er sich vorstellen. Die Gräfin nickte ihm gnädig zu, und da sie an seiner Erscheinung Gefallen fand, zog sie ihn sogleich in eine liebenswür- dlge Unterhaltung.

Bon Minute zu Miniite wuchs seine Begeisterung für die schöne Frau, und ganz offenkundig trug et seine Verehrung zur Schau. Als der nächste Walzer kam, bat er nin eine Runde, die ihin auch sofort ge- währt wurde. Und dann tanzte er mit ihr durch den übervollen Saal, führte sie jedoch mit aller Sicherheit niiid mit solcher Eleganz und Grazie, daß sie niemals mit anderen Paaren in die leiseste Berührung kam.

Die schöne Russin «war entzückt von seiner Tanzkunst und voll ehrlicher Bewunderung spendete sie ihm Lob.

Er war ganz beglückt, und von mm an wich er nicht wehr von ihrer Seite. Man unterhielt sich auf .das reizendste: «wie im Fluge sck>«wonden die Stunden daihin; und als endlich die Gnädige nach ihrem Wagen schickt«, bekam er eine Einladung für den nächsten Tag zum Funfuhr-Tee.

Seine Freunde beglückivünschten ihn zu dieser im Sturm genommenen Eroberung und einige superkluge gratulierten bereits zur Verlobung.

Er war ganz befeligt von der neuen Bekannffchaft. Nie hatte er eine Frau von solch berückender Schönheit gesehen, die so liebenswürdig und reizvoll zu unter- halten verstand, — so viel Geist und Ebarme und Grazie und .dabei noch solch unermeßlichen Reichtum, — er schwamm in einem Meer von Seligkeit und baute sich die herrlichsten Liiftschsösser zurecht.

Natürlich würde er morgen hingehen I Zwar hatte er bis fünf im Geschäft zu tun, aber.da nähm er eben einfach Urlaub und ging «rüber fort.

So geschah es. Pünktlich um fünf Uhr war er am anderen Tag in der Bendlerstraße, wo die Gräfin ein« ganze Etage in einem palastartigen Hause bewohnte , Madanr« Leonie, die Gesellschaftsdame, einpffng ihn mit ausgesuchter Höflichkeit und führte ihn durch sine Reihe wahrer Prunkgemächer, jo daß er schon ganz he- rauscht war von all dem Glanz und der Pracht, die hier LnsiKNinenaetragen war.