Verlag Langgaffe 21
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Donnerstag, 13. April 1916.
Kbend-Ausgabe.
Nr. 176. . 64. Jahrgang.
Oie Rede 5lsquith§.
Bei den Reden der feindlichen Staatsmänner muß man stets unterscheiden zwischen dem, was für die Öffentlichkeit bestimmt ist, und der way reu Meinung, die sich unter einem Schwall von tönenden Worten verbirgt, sich aber ganz gern finden läßt. Die Rede des Herrn Asquith auf den Präsidenten Poincarä nimmt sä>einbar nichts zurück von den früheren Versicherungen, die unZ völlige Vernichtung androhten, aber wenn man genauer hinsieht, so merkt man mit einigem Erstaunen, wie dürftig das Frie- densprvgramm des leitenden britischen Staatsmanns ist, wie wenig Inhalt hinter dem Faltenwurf gehäuf- tet Phrasen steckt. Herr Asquith hat im Grunde genommen nur eine einzige Forderung aufgestellt, nämlich die der Wiederherstellung Belgiens. Sonst aber können wir schlechterdings nichts von bestimmten Forderungen in dieser, gerade wegen solcher Enthaltsamkeit so merkwürdigen Rede entdecken. Weder wird irgendwo davon gesprochen, daß Frankreich Elfaß-Lothringen wieder haben müsse, noch ereifert sich Asquith sonderlich wegen des Schicksals von Serbien und Montenegro, ja er äußert sich auch über die von unsimOsten belebten Gebiete mit sc eigentümlicher Dänrpfung des Tones, daß man nur schärfer hinzuhören braucht, um zu erfahren, wie sich die britische Regierung mit diesen Problemen des Ostens zurechtzufinden bereit wäre. Durch sein Schweigen über die Zukunft Polens und der anderen, in unsere Hand gegebenen Gebietsteile des Zarenreichs verrät der engl,:che Minister, daß ihm das Herz nicht brechen würde, wenn es dort so käme, wie es der Reichskarrzler umschrieben hat, wenn also die vom russischen Joch befreiten Völker vor der Rückkehr in die moskowitische Knechtschaft bewahrt blieben. Selbstverständlich hat das Herr Asquith nicht sagen können und lagen dürfen, indessen wenn er die russische Sache ganz zur seinen hätte machen wollen, so würde er ibie Form dafür gefunden haben. Er hat sie verschmäht, es liegt England nichts an Grenzverschiebungen im Osten, vielmehr um dieser Verschiebungen willen wird es nicht weiterkämpfen, sondern einzig um Belgien. Freilich hat Großbritannien wohl noch andere Kriegsziole, wie denn unsere wirtschaftliche Erdrosselung gewiß immer voranstcht aus der Liste der inbrünstigen englischen Fragen an das Schicksal; aber insoweit der Krieg die territorialen Verhältnisse Europas betrifft, darf man aus der Rede des Herrn Asquith mit ziemlicher Sicherheit den Schluß ziehen, daß das blöde Gerede von der Vernichtung des „p reu- ßIschen" Militarismus nur schmückendes Bei- werk sein soll, und daß es unserem Hauptseinde, da er unsere militärischen Erfolge wohl nach außen hin leugnen, ober nicht aus der Welt schaffen kann, zuerst und zuletzt darauf ankommt, sich den Br ückenkops an der Schelde zu erhalten, dessen Überqanq in unsere Hände vom Jnkelreich als die schwerste aller denkbaren Beeinträchtigungen empfunden werden würde. Es ist bemerkenswert, daß Herr Asquith, der doch zu Mitgliedern d des französischen Parlaments sprach, kein Wort für die besonderen französischen Anliegen in bezug auf Elsaß-Lothringen übrig hatte; nur Belgien liegt ihm am Herzen, und mit der „Befreiung" Belgiens sollen sich auch die Framvsen be- gnügen. Was sonst noch in Europa geschehen wird, wie es an der Weichsel und am Rigaischen Meer- busen, ja sogar am Balkan werden wird, darüber geht die Londoner Rede vorsichtig hinweg, nur Belgien und mmner wieder Belgien beschwert das Gemüt des edlen Lords. Im selben Atemzuge, mit dem uns also die Fortführung des a ll e r schä r fst en Kampfes angekündigt wird, flüstert uns der erste Minister König Georgs hinter vorqehaltener Hand verschämtevweise seine Friedensbedingungen zu. Dem Satze des Reichs- kanzlers, daß der Ktatus qnc» ante nicht wiederkehren wird, setzt er gerade den heißen Wunsch nach dieser Wiederkehr entgegen, zum mindesten- was den We st e n betrifft. In bezug auf den Osten würde er mit sich reden lassen. Verstümmelt sollen wir nicht mehr werden, nicht erdrosselt, nicht verstümmelt. nur eben sozusagen zur Vernunft gebracht sollen wir werden, und wenn wir uns das freundlicherweise gefallen lassen, dann wird alles gut sein, vergeben und vergessen. Ja, am Ende wird man in London noch ein paar Freund- lichkeiten für uns übrig haben, .wofern wir uns .dos eine kleine Zugeständnis machen wollen, daß Belgien wieder aus nuferer Gewalt entlassen und der britischen Verfügung unterworfen wird. Mit den früheren Londoner Reden verqlichen, ist die neueste in der Tat der Beginn einer Annäherung, aber Herr As- ouitch wird sich, wenn er uns weiter nichts zu sagen hat, umsonst bemüht haben. Gerade indem er vor uns zu erkennen gibt, unter welchen Bedingungen Großbritannien zum Frieden bereit wäre, wächst für uns der Wert, den die SchsKmrg „realer Garan
tien" hinsichtlich Belgiens bedeutet, genau in gleichem Schritt mit öem Werte, den Belgien für unseren Erzfeind hat. Wenn wir England ichon so weit gebracht haben, daß es seine Friedensbedingungen auf diesen einen Punkt oder doch aus ihn hauptsächlich beschränkt, dann werden untere ferneren Hammerschläge schon dafür sorgen, daß man sich in London weiter besinnt und sich zuletzt in ein unentrinnbares Schicksal fügt. Aber den leisen Anklang der Nach- gicbigkeit in Asquiths Rede wollen wir doch nicht überhören.
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Der Papst und die Reden Bethmann- Hollwegs sowie Asquiths.
Köln. 13. Aprrl. (Zeus. Bln.) Der römische Mitarbeiter der „Tijd" erfährt aus zuverlässiger Quelle, der Pap st erwäge Schritte, um auf diplomatischem Weg anläßlich der Reden Bethmann-Hollwegs und Asquiths gewisse Fragen zu stellen.
Die üanzlerrede und dar baltische Deutschtum.
Die „Stimmen aus dem Osten" schreiben: Als Herr v. Bethmann im August vorigen Jahres zum erstenmal im Reichstag von dem „befreiten Kurland" sprach, ging es wie ein Aufjauchzen durch alle baltischen Herzen. Es war noch nichts i.m einzelnen Greifbares, noch nicht die volle Gewißheit, aber wie eine Verheißung, -wie das erste schüchterne Morgenrot „nach der langen Schande Nacht" war es doch schon. Nun bat vor einer Woche der Kanzler zum andcrnmal vor den Vertretern des deutschen Volkes von den östlichen Dingen gerodet und die Linien tiefer gezogen, deutlicher schon das Bild Umrissen, das die Zukunft uns .dort zeigen soll. Diesmal ist es nicht mehr nur eine Verheißung, jetzt ist es schon ein ernstes, feierliches Geloben. Wo der Russe einmal vertrieben ward, da wird die deutsche Macht freiwillig ihm die Rückkehr nicht mehr verstatten. Sollen wir es verschweigen, >daß wir, deren Sehnsüchte vielleicht vom .ersten Kriegsdrge an in solcher Richtung sich bewegten, die Botschaft mit heißem Dank vernahmen? Gewiß, noch lastet manche Sorge auf unseren Gemütern. Je rührender die Freude über das wiedergewonnene Vaterland, das ihnen bislang nur das im Stillem angeb stete Mutterland sein durfte, bei den kuwländischen Deutschen sich äußert, um so schmerzlicher gedenken wir der anderen, die nordwärts der Düna in russischer Gewalt blieben. Wird auch ihnen die Stunde der Befreiung schlagen, werden sie einmünden .dürfen in den stolzen, großen Strom deutschen Lebens? Hier und da hat man es «dem Kanzler verdacht, daß er das Wort von der „Befreiung" von Balten, Lett>en und Litauern gebraucht hat und ihm vorgehalten: nicht aus sentimentaler Teilnahme an den Geschicken fremder Völkersplitter, sondern um unserer eigenen Sicherheit willen wünschten wir Land von Rußland abzutreuueu. Selbst aus die Gefahr hin, uns damit in Widerspruch zu Männern zu setzen, mit denen wir sonst uns durchaus verbunden fühlen: ist.das nicht eim wenig übereifrige Schulm-eisterei? Tatsache ist doch, daß der Einzug unserer Trappen in Kurland in den Städten und auf den Gdelhöfen als Befreiung aus tiefster Todesnot empfunden worden ist. Ebenso wie ihr Abzug gleichbedeutend wäre mit dem rettungslosen Untergang van Stammesgenossen, die nach 700jähriger treuer Wacht schließlich nur noch die Hoffnung auf eben diese Be- freiungsftunde aufrecht erhielt. Soll man nicht ausfprechen dürfen, was ist? Und verliert die ?lbtrennung von Land und Leuten für -die deutsche staatliche Gemeinschaft poliftfch an Wert, weil sie von den Abgetretenen als ein Glück und eine Befreiung empfunden wird?
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Ein russisches Blatt über die Reichskcrnzlerrede.
Die „Birschewija Wjedomosti" schreibt: Bethmann
hat endlich seine längst versprochene Rede gehalten, die unter den verschiedensten Ausflüchten und Vorwänden immer wieder aufgeschoben wurde, galt es doch vorher, sich mit den Leitern der einzelnen Parteien auseinanderzusetzen, um bei der Besprechung der F r i e d e n s z i c l e im Reichstag einen Skandal zu vermeiden, der dadurch in schon zu auffälliger Form den beginnenden Zusammenbruch der öffentlichen Meinung in Deutschland gekennzeichnet hätte. Die Versicherung des Kanzlers der ausreichenden Versorgung Deutschlands mit Getreide ist nichts anderes als eine ermutigende Fanfare, die ihre Bedeutung durch die Tatsache verliert, daß der Kanzler dieselbe Behauptung bereits mehre r e m a l aufstellte, es sich später aber herausstellte, daß in Deutschland der größte Mangel an Getreidevorräten war. Der Unterseebootsfrage lieh er eine mildere Fassung, da es ihm entschieden fernliegt, dem Vaterland neue Feinde zu gewinnen. Um so drohender ist der Ton den Gegnern gegenüber. Er sagt im Vergleich mit der letzten Rede nichts Neues, sondern drückt sich nur genauer aus, indem er Polen und Belgien als Einfallstore bezeichnet. Dies hatte man schon bei der letzten Rede verstanden. Hinzugekommen ist nur die törichte Frage von einer Entschädigung der deutschen Untertanen in Rußland. So
hat Bethmann seine Drohung zurückgenommen, daß mit de Dauer des Kriegs die Garantien wachsen würden. Die Red unterscheidet sich von der letzten nur durch ihren energi, scheren und hochmütigeren Ton. Die Hoffnung, einei Gegner zum Sonderfrieden zwingen zu können, schein! er aufgegeben zu haben. Da er auf die Psychologie der Geg ner nicht mehr etnwtrken kann, macht er den Versuch mit den eigenen Volk. Da ihm der Weg zur Rückkehr verschlossen ist, bleibt ihm nur Siegen und Sterben. Seien wir fest und tapfer, ungeachtet aller Schwierigkeiten. Wenn wir auch nicht an unseren Sieg glauben, so sollten wir doch bis zum Schluß in der Sprache reden, die der Sprache der Glaubenden gleicht. Vielleicht wirken auf des Kaisers Untertanen die hypnotischen Eingebungen Beth- manns, die Veroündeten täuschen und schrecken sie nicht. Wir werden die Waffen nicht eher niederlegen, bis nicht das Teutonentum in seine gerechten Grenzen zurückgewiesen ist und aufhört, eine Bedrohung für die Freiheit und die kulturelle Entwicklung der großen und kleinen Völker zu sein«
Weitere russische Pressestimmen.
(Telegramm unseres Sonderberichterstatters.)
8. Stockholm, 13. April. (Zens. April.) Aus der Re i ch s tag s rcd e des Reichskanzlers finden die Ausführungen über die D e u t s ch - B a l t e n in der russischen Presse das größte Interesse. Durchgängig ist man der Auffassung, daß das deutsche Gement die Schutzverheihung büßen wird. ,Lfirschelwia Wjedo- anosti" sagt: Der Reichskanzler euweist die Berechtigung der Enteignungspolitik. Auch Deutschland -mache keinen Unterschied zwischen der deutschrussischen und nichtdeutschen Untertanenschaft. „Nowvse Wrsrnja" sagt: Die Rede habe den Verteidigern der baltischen Loyalität öen Boden unter den Füßen wegigezogon, dadurch, daß Deutschland die Balten offiziell in Schutz nimmt. „Rjetsch" bemerkt, einen unangenehmeren Dienst konnte der Kanzler den Balten nicht erweisen. Die Freunde der Enteignung wenden sich auf des Kanzlers Worte berufen. — Das polnische Programm wird aus begreiflichen Gründen in «der russischen Presse nur wenig berührt. „Rjetsch" nennt die deutschen Versprechungen billig, das Programm unvollständig, da der Zugang zum Meere um Danzig in das zukünftige Polen mcht ein- bezagen sei. Über den allgemeinen Ton der Rede ist das Urteil voller Gegensätze. „Nowoje Wremja" bemerkt, der Reichskanzler sei gefügiger und nachgiebiger geworden, wahrscheinlich wegen des Aufhörens der V e r d u n - Erfolge. „Rjetsch" widerspricht sich selbst. , Eingangs findet er -die Forderungen des Kanzlers gemäßigt. Sie hätten nur ihre herausfordernde Ideologie erhalten, zum Schluß aber heißt es. der Kanzler bÄveist, daß in Deutschland weiter eine kollektive, nationale Psychose herrscht. Die werteren Ausführungen des Kanzlers werden überhaupt nicht in der Presse berührt, ein Beweis, wie gleichgültig Rußland das Schicksal seiner westlichen Verbündeten geworden ist.
Oer Krieg gegen England.
Der große Erfolg der letzten Zeppelinangriffe.
W. T.-B. Berlin, 13. April. (Nichtamtlich.) Der „B. L.-A." meldet aus Rotterdam: Nach Mitteilunzen von Seeleuten von im Rottrrdamer Hafen liegenden, aus England eiugetroffeuen Schiffen ist die Wirkung der letzte» Zeppelinaugriffe sehr viel schwerer gewesen, als von englischer Seite zugegeben wird. Leith, Hüll, Sunderland, Newcastle und Grtmsby boben furchtbar gelitten. In Leith verurs-achte ein Zeppelin Feuersbrünste, um bei deren Licht seinen Weg finden zu können. Er griff bann dce Hafenanlagen und den B a h n h o f au. Besonders im Hafen wurde großer Schaden angerichtet. U. a. wurde ein englischer Viermaster so gut wie gänzlich zerstört. Auf dem Bahnhof wurde ein Pecsonenzug getvoficn und viele Reisende getötet oder verwundet. Eine große Sprftfuibrik in Leith ist durch Feuer gänzlich vernichtet worden. Bei Newoastle wurde die bekannte Tynebrücke fast vollständig zerstört. Ein Augenzeuge berichtet, daß durch die Angriffe in 'der vorigen Woche besonders Grirnsby schwer heimgesucht worden ist. Am 3. April stürzten mehrere Häuser ein; eine Kaserne wurde in einen Schutthaufen verwandelt, wobei einige hundert Soldaten getötet oder verwundet wurden. Hüll wurde nur durch eine Bonrbe getroffen, die zwei Häuser vernichtete und vier Menschen tötete. In Hüll herrsche eine furchtbare Angst vor -den Zeppelinen. Die meisten Einwohner brächten di« Nacht außerhalb der Stadt in Bauernhäusern oder Landhäusch-en zu. In der letzten Zeit seien in allen möglichen Orten französische Abwehrgeschütze mit fimnzösischen Offizieren und Mannschaften aufgestellt worden. Auch andere Vorsichtsmaßregeln würde« in ganz England mit größter Strenge gchandhabt.
Reutcrfchc Heuchelei.
L. Berlin, 13. April, i. Eigene Meldung. Zeus. Bln.) „Reuter" hat in den letzten Tagen gelegentlich der Versenkung von Handelsschiffen mit bewußter Absicht Beschwerde erhoben, daß u»bewaif».elte
