morgen*Beilage des Wiesbadener Tagblatts. >- - ^ - i
Nr. 87. Mittwoch» 12. klpril. lylb.
tis. Fortsetzung.)
Um Ehre und Leben.
Roman von Paul Blitz,
lNachdruck verboten)
Als er ihren erschreckten Ton hörte und ihre erschreckten Mienen sah, wurde er doch unschlüssig, und mit ruhiger Stimme fuhr er fort: „Ja, weißt du etwa nicht, wo du heute abend warst?"
Mit wenigen Worten gab er Aufklärung.
„Ein solches Lokal meidet ein Dame, die nicht in Begleitung ihrer Angehörigen ist", fuhr er fort.
Bebend hörte sie zu.
Und er sprach weiter: „Noch dazu mit diesen: fcnno- sen Baron Leuben!"
Wiederum berichtete sie, woher sie ihn kannte. Kurt lachte hell auf. — „Das sieht ihm ähnlich, diesein Herrn! Der als Kunstbeschützer! Brillanter Witz! — Erstens ist eS mit seiner Baronschaft nicht allzuweit her. Eigent- llich heißt er nämlich Leubenberger. Aber mit seinem Geld — wo er es her hat. weiß der liebe Gott! — hat ei sich in San Marino oder soirst in einer kleinen Republik da unten den Barontitel gekauft und nun spielt er hier den Lebemann. Natürlich sieht ihn niemand sür doll an. Nirr fern Geld ebnet ihm den Weg. Und diese samose Pflegerin nebenan ist sein Geschöpf, die ihm hübsche junge Damen zusiihrt. Zuerst geht nran ins Theater oder Konzert, bann soupiert man und trinkt Sekt, vis die Sinne nicht nrehr klar sind. Natürlich hat der Baron alles bezahlt, Billetts und Wagen und Souper, alles, alles. Da hast du die Lösung des Rätsels. So sieht dre Dame nebenan aus!"
Starr und entsetzt saß sie da und hörte zu.
„Das hast du gewußt und »ns nicht gesagt?" rief sie zitternd.
„Leider erfuhr ich es auch erst vor einer halben Stunde durch einen Freund, der das edle Paar und seine Machenschaften genau kennt."
Da sank ihr Kopf ans den Tisch rrnd sie begann bitterlich zu schluchzen —• — -— „Mein Gott, mein Gott, auf welchen Weg war ich denn geraten!" — Alles, was sie an Freude und Schönheit genossen, er, er hatte es bezahlt. Gräßlich, schmachvoll war das! — Wie besudelt fühlte sie ihre reinen Hände. — Und die von .nebenan, alles Lüge und Gemeinheit, — und sie war hier ein- rrnd ausgegangen, täglich rind stündlich — gräßlich, gräßlich war das!
Doch Kurt tröstete sie: „Na, mm laß nur die Heulerer sein, daurit Mama nicht auch noch den ganzen Salat erfährt. Und laß dir das tür die Zukunft eine Warnung sein. Mit der holden Dame nebenan werde ich morgen früh klaren Tisch machen."
Versöhnt trennten sie sich.
Aber als Kurt am nächsten Morgen um halb neun bei Fräulein Welling klingelte, bekam er von der Wirtin die Nachricht, daß die Dame noch in der Nacht ein Telegramm bekommen habe, woraus sie denn schon am frühen Morgen mit Sack und Pack abqereist sei.
Kurl lächelte und dachte: Glückliche Reise >
je je
*
Lucie war durch dieses Vorkonrmnis völlig nieder- goschmettert. Erst jetzt, nun sie in Ruhe über alles Nach
denken konnte, stieg ihr die Helle Schamröte ins Gesicht. Mit vertrauender Naivität hatte sie dieser Nachbarin geglaubt, war ihr mit Liebe unb Innigkeit entgegengekommen, hatte alles für recht und wahr gehalten, und doch war alles nur Lüge und Betrug gewesen.
Die Hellen Tränen kamen ihr, wenn sie alles da? überdachte. Wie gebrochen ging sie rmrher. Der Glaube an das Gute inr Menschen war wie ausgolöscht.
Und doch mußte sie sich beherrschen, denn die Mama durfte ja von alledem nichts nrerken, »veil ihrer schwachen Gesundheit jeder neue Kummer fcrngohaltcn werden mußte.
Als aber am dritten Tage die Nachbarin auch.nicht erschien, fragte die alte Dame: „Ja, tras ist denn nur geschehen, daß Schwester Marie sich gar nicht mehr schon läßt?"
Da Avis sch Lucie mit einer Notlüge: „Ach, sie ist verreist, Mütterchen, ein Telegramm hat sie abgerufen: sie wurde nach Wien zur Pflege einer bekannten Dame beordert, mit der sie nach dem Süden gehen soll; also dürfte sie wohl vorerst nicht zurückkommen."
Frau Luise horchte auf, sie hatte ein feines Gehör. Sie ahnte, daß hier nicht alles m Ordnung war, aber sie schwieg und verhielt sich abwartend.
Mehr und emsiger denn je saß Lucie bei ihrer Arbeit, das war letzt ihre einzige Rettung. Immer nur arbeiten und schaffen, nur nicht Nachdenken, sonst kam sie über die Schniach nicht hinweg.
Nur manchmal, wenn sie nun wieder Tag für Tag so allein saß und die ganze Ode und graue Eintönigkeit ihres Lebens einpsand, kam es denn doch wie eine stille Trauer über sie, und dann packte sie eine heiße Sehnsucht nach dem Schönen lind Lichtvollen, in das sie nun einmal hineingeschaut hatte rrnd das ihr nun für immer wieder verschlössen sein sollte. Miohr denn je- imals vorher erkannte sie, welch furchtbare Strafe des Hrmmels die Armut war. Und mehr denn jenrals drückte ihr Schicksal sie nieder, so daß sie alle Freude rrnd Hoffnung verlor und nur eine getrübte Zukunft vor sich sah.
Wenn sie aber daran dachte, irm welchen Preis sie sich so ein von Fronde nmleuchtetes Dasein erkaufen sollte, — rrein! dann wurde sie von einem noch größeren Grausen rrrrd Entsetzen gehackt, — nein, nein, nur dieses Fürchterliche, Letzte nicht! — Lieber hier in Einsamkeit allein vertrauern und verkümmern, als so zu enden! lknd noch eifriger saß sie darr» rrnd arbeitete, so lange sie nur konnte.
Aber zu ihrem nicht geringen Schrecken gab es nach und nach nicht mehr viel zrr tun, denn die Bestellungen wurden kleiner und kleiner, und endlich hörten sie ganz auf.
Das verstand sie nicht ganz. Gerade jetzt, nun Weihnachten da vrar, l)atte sie erst recht aus starken Absatz gerechnet, da sie glaubte, die kleinen Sachen würden sich zu Geschenken vortrefflich eignen: und nun wurde ihr gar nichts bestellt, da? begriff sie nicht.
