Einzelbild herunterladen
 

Nr 85,

Der Roman.

Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblatts.

Sonntag, 9. 6pril.

19,6.

jfll. gcrffefetttt®}

Desto leibhafter wurde der Baron. Er War direkt begeistert von der holden Naivität Lucres, und er machte gar kein Hehl daraus.

„Nun, wie gefällt Ihnen denn die heutige Vor- stellung, mein gnädiges Fräulein?" fragte er dann schnell.

Jetzt wich die Befangeicheit, und sie antwortete freundlich: „O, ich bin ganz begeistert."

„Na, das freut mich aber nnrüich. Sie lieben Wohl hie Wagnersche Musik?"

.Manz außerordentlich!"

„Dann müssen Sie näckisten DiensKrg kommen, da ist „Tristan und Isolde" mit der Pleichinger und Krauß, da wenden sie erst staunen."

Sofort fiel Schwester Marie ein: „So, nächsten

Dienstag? Aber iratiirlich kommen wir! Gleich mor­gen werde ich für die Billetts sorgen. Es ist Ihnen doch recht, Fräulein Lucie, »vas?"

Diese erwiderte ein wenig kleinlaut: „O ja, gewiß, recht gern." — Zwar die Hoffnung auf ihre LiMings- oper erfüllte sie mit Freuden, dennoch al>er erklang es wie eine warnende Mahnung in ihr.

Sie sprachen dann noch über Alltägliches, und der Daran war unausgesetzt voll von diskreter Liebens­würdigkeit zu Lucie; lange währte das aber nicht, denn das Glockenzeichen zum neuen Akt ertönte. Als man sich trennte, sagte der Baron: „Auf Wiedersehen also am Dienstag." Worauf Schwester Marie ihm freudig zu- nickte. Lucie erwiderte mchts.

Kaum saßen die Herden Damen wieder, da fing Schwester Marie leise an: „Nun, ist er nicht wirklich ein licbenswürdiger Mann? Ach, Sie sollten ihn nur kennen, wie ich ihn kenne! Seine verstorbene Frau Hot ’ei* direkt auf den Händen getragen. Eine Seele von Mann ist er, der wirklich ideale Gatte. Und er kann mir so leid tun, der arme, reiche Mann. So ganz ein­sam lebt er. Wohl möchte er recht gern wieder heiraten, nur kann er nicht iwe Frau finden, die er sucht."

Da der Vorihang sich hob, wunde es still.

Der letzte ergreifende Akt begann. — Dannhäusers Heimkehr und Zwdesgualen am Sarge der hehren Elisabeth. — Atomlos lauschte Lucie. Alles, was eben geschehen war, es verschwand, — nur diesen Tönen, diesen himmlischen Tönen mutzte sie lauschen, — sie wunde hincmsgehoben, hinweggetvagen von dieser All- tagswelt, — sie lebte mit den (si-estalten, die Wagners Genius geschaffen hatte, in einer anderen, in einer reineren Welt. Als die Oper zu Ende war, saß sie wie traumbefangen -da, erst der laute Beifall weckte sie zum Leben.

Ms sie später im Wagen saßen und nach Hanse fuhren, wollte Schwester Marie noch einmal von dem Baron anfangen, doch sie unterließ es, 'da sie sah, daß Luoie mit allen Gedanken noch bei der Anfführung war. So sprachen sie nur wenig.

Zu Haufe angekvmmen, drückte Lucie der Nachbarin dankbar die Hand und verschwand schnell.

(Nachdruck verboten.)'

Auch -der Mama, die noch munter war, stand sie nur -kurz Nede, -daß es berauschend schön getvesen wäre. Dann sagte sie herzlich Gutenackst und schlüpfte in ihr Zirnmerchen. Allein, nur allein sein! Nichts, nichts sprechen! Das Herz war ja so voll.

In dieser Nacht lag Lucie lange wach.

Alles in ihr war in Aufregung. Die wundervolle Musik klang ihr noch immer in den Ohren. Die er­greifende Darstellung des gewaltigen Dramas fesselte unausgesetzt ihre Phantasie. Und das ganze bunte Bild des Theaterfaales, mit 'einen tausend Lichtern und mit dem eleganten Publikmn erstand immer wieder vor ihren Blicken. Sie war ganz aus ihrem grauen Alltag herausgerissen und in eine neue, Helle und lebendig« Welt hinausgesetzt worden.

Eine Fülle von Glanz und lSchönheit flirrte und slinmnerte noch immer in allen ihren Sinnen, so -daß sic sich noch gor nicht wieder in die Enge und Einsam­keit ihres Sfiibchens hineinfinden konnte.

Und zum ersten Male, seit denn Unglück ihrer Familie, empfand sie nun in aller Schwere die drückende Last der Armut. Furchtbar War es, wenn man mit reichen Anspvüchen ans Leben erzogen war und dann plötzlich in das bitterste Elend hinabgestoßen wurde!

Auch am nächsten Morgen, als sie muh kurzem, tmuinschweren Schlaf erilvachte, wollten diese Gedanken nicht von ihr Weichen, rmd sie brauchte alle Kraft, um nicht merken zu lassen, wie erdrückend eng und ävm- lich ihr honte die ganze Behausung vorkcmr.

Am Nachmittag kam Jensen.

Er brachte eine Übercafchnng für die Mama rnit, einen Korb mit neuen Weintrauben, denn er wußte, daß die alte Dame sie gern aß.

Frau Luise tvar denn auch auf das angenehniste überrascht und bedankte sich herzlich dafür.

Auch Lucie freute sich ehrlich über diese zarte Aus- merksaurkeit und mit treuherzigem Freundschaftsgruß hieß sie ihn willkonmren und sagte ihm ein paar liebens­würdige, gutgemeinte Worte, so daß Jensen ganz be­glückt war und es sogar wagte, ihr die Hand zu küssen, was sie lächelnd duldete.

Als die Mama beide so nebeneinander stehen sah, dachte sie: Wahrhaftig, Kurt hat recht. Nun, wie Gott es will. — Mer sie hütete sich, zu der Tochter etwas da­von verlauten zu lassen. Stein, sie wollte alle Entschei­dung in Lucies Hand legen.

Kaum war Jensen gegangen, als Schwester Manie erschien. Sie hatte bis jetzt wichtig zu tun gehabt und war in der Stadt gewesen.

Noch einmal wurde der gestrige Wend vor Lucie lebendig, und letzt plötzlich gedachte sie auch wieder des Barons.

Es war, als fiele mit einem Male «in häßlicher Schatten auf das schöne helle Bild, das in ihrer Seele, lebte.

Um Ehre und Leben.

Roman von Paul Blitz.