*i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. l «-- ->
Ht. 85. _ Kreitag» 7. Kpril. 19t6.
(0. Fortsetzung.)
Um Ehre und Leben.
Roman von Paul Blitz.
(Nachdruck verboten.)
Dann sich umschauend. fuhr sie fort: „Ihr wohnt ja ganz nett hier, ataar ein bißchen eng uitb Hoch und riesig weit draußen, aber bei geringen Ansprüchen kann man sich ja immerhin wohl fiihlen yrer. Zwar an die Vergangenheit darf man nicht denken, da fällt der Vergleich schlecht aus, — aber, na, reden wir lieber nicht davon."
Frau Luise war so erschrocken über diesen Wortschwall, daß sie gar nichts zu sagen wußte, aber sie fühlte, baß ihr die Tränen nahe waren.
Das merkte Lucie, deshalb erwiderte sie ziemlich herb: „Bist du nur gokommen, Tantchen, unr uns hier zu demütigen?" ^
Sofort war die Akte pikiert. „Bitte, wart' doch erst ab, weshalb ich gekommen bin, ja!" rief sie gallig. „Es würde der heutigen Jugend durchaus nichts schaden, wenn sie vor dem Mter ein bißchen wehr Ehrfurcht hätte!"
Da niemand hieraus etwas entgegnete, fuhr das liebe Tantchen, jetzt zu Frau Luise gewandt fort: „Also, ich bin hier im Aufträge unseres Frauenoereins; — es bat mir und den anderen Damen doch leid getan, daß man.euch so aus unserer Stadt hat weggichen lassen, um so den Kampf mit dem harten Leben aufzunohmen. Deshalb haben wir uns alle zusammengetan und haben an den Magistrat petitioniert, daß dir, meine liebe Luise, eine Freistelle ans Lebensdauer in unserem städtischen Vcvsorgungsftift für Damen höherer Stände eingeräumt würde. Und ich freue mich, dir sagen zu können, daß der Magistrat das bewilligt hat."
Weiter kam sie nicht. Denn Frau Luise saß da und weinte bitterlich. Das letzte bißchen Stolz ider armen, so schwer geprüften Frau war auf das Empfindlichste getroffen: sie, die ehedem die erste Rolle in der Stadt gespielt hatte, — sie, die gerade diesem Stift zahllose wohltätige Zuwendungen gemacht hatte, — sie sollte nun leider als ein Pflegling in dies bessere Armenhaus gehen? Nein, das war zu viel, diese Demütigung ertrug sie nicht! Und weinend brach sie zusammen.
Sofort war die Tochter bei ihr und sprach ihr Trost zu. Das Tantchen jedoch stand mit offenem Munde dabei lind wußte nicht, was sie ldavon denken sollte. Als ober noch immer kein Wort des Dankes für ihr so glän- zendes Anerbieten fiel, fragte sie endlich erstaunt: „Ja, was heißt das: Was habt ihr eigentlich? Sind das Freudentränen? Oder was soll ich sonst davon denken."
Da antwortete Frau Luise mit matter Sfimme: „Du und die anderen Damen sind sehr liebenswürdig, an mich zu denken, leider aber muß ich Kr euer Aner- bieten bestens danken."
Nun war das Tantchen einfach starr: sie sank in ihren Stuhl zurück, sah von einer zur anderen und fragte endlich: „Was «denn? Was heißt denn das? Du lohnst unser so selten günstiges Anerbieten ab? Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein?"
„Doch, Tantchen, es ist mir durchaus ernst damit", klang es still zurück.
,^a, fit denn das nur möglich!?" platzte jetzt die Ulte heraus. „Du bist einfach von Sinnen, Luis«! Sonst verstehe ich deine Worte nicht! Laß doch nur den dummen Stolz deiferte! So eine tadellose Versorgung wird dir nie wieder geboten!"
„Ich bitte dich, höre doch davon aus, Tantchen", rief Lucie schnell dazwischen, ,zdu siehst doch, wie weh du Mania damit tust!"
„Was, wüh tue ich euch damit!? Ja, seid ihr denn alle beide iibergefahren! ? Ich komme. um euch ein nahezu fürstliches Geschenk in den Schoß zu werfen und es fehlt nicht viel, so weist ihr mir die Tür dafür > Was soll man denn überhaupt dazu sagen!? Mir steht einfach der Verstand sfill."
Noch einmal bat Frau Luise: „Wer begreifst dir
denn nicht, daß ich euer Anerbieten nicht annehmen kann? Ich wüvde ja zugrunde gehen daran. In einer Stadt, in der ich so lange die erste Rolle gespielt habe, soll ich nun von Gnadenbrot und Almosen leben? Lieber sterbe ich doch hier, wo mich niemand kennt, in Armut und Elend."
Tantchen machte ihr spitzfindiges Gesicht und and wartete mit höhnendem Lächeln: „Ach so, ach so, — ja meine liebe Luise, wenn du die 3käse noch so hoch trägst, «dann freilich begreife ich alles. Natürlich, unter diesen Umständen kannst du nicht anders als ablohnen, das ist ja ganz klar. Dann bitte ich auch noch vielmals mm Entschuldigung, daß ich dir io was überhaupt angoboten habe. Selbstverständlich werde ich all den anderen Damen das sofort berichten, und dann können die sich auch noch bei dir entschuldigen."
,So hör doch nur auf!" rief Lucie ihr zu.
, „Du sei nur ganz still", replizierte die Alte, jetzt unmer bissiger lverdend, ,/du bist die Schlimmste von allen. Für dich hatten wir auch eine Stelle beim Telephon-Amt für 90 M. lmonatlich ausgewirkt. Aber nachdem ich dein gutes Herz können lernte, Hab' ich sie dir erst gar nicht angeboten, um mir nicht noch einen Korb zu holen."
,^ch hätte natürlich auch bostens gedankt."
„Aber gewiß, wenn man noch auf einen Grafen wartet, fit iba§ ja auch ganz erklärlich!"
Lucie erwiderte nichts, nur einen unsäglich verächtlichen Blick warf sie dom alten Klatschmaul zu.
Da nahm Tantchen Hut und Mantille, knixte zierlich und rief zum Abschied: „Nun, so wünsche ich euch denn recht viel Glück!" — Da niemand etwas entgeg- net«, rauschte sie stolz hinaus.
Frau Lucie schluchzte bitterlich-alles, waS
die letzt vergangenen Monate ihr an Weh und Leid gebracht hatten, —- alles, was sie fies im geheimen an Kummer und Schmerzen mit sich herum trug, alles war jetzt mit brutaler Hand kraß und roh anfgerissen worden, — von neuem bluteten alle die alten Wunden.
Lucie war nach Kräften um sie besorgt, ihr Linderung und Vergessen zu schaffen, aber auch sie erreichte
