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Donnerstag, 6. 6pril 1916.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 163. - 64. Jahrgang.
Der Kanter über Deutschlands ttriegsziele.
Sin großer Tag im Reichstag.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
L. Berlin, 5. April. Diese s e ch st e Rede d-es Reichs- kanZlers ist niit keinem geringeren Interesse, aber vielleicht nnt größerer Leidenschaft wie frecher erwartet Worden. Es wurde auch dem feindlichen Ausland nicht verheimlicht, daß Meinungsverschiedenheiten zwischen dem obersten Regrerungsleiter und einzelnen Parteien zu überwinden waren, aber der einzige Rückschluß, den der Feind gern ans solcher Meinungsverschiedenheit in Deutschland ziehen möchte, war ihm mcht erlaubt. .Wein Anzeichen von Kriogs- müdigkeit oder gar -Schwäche. Ina Gegenteil, Ka m p f« s- Wille,und Kraftgefühl sprechen aus dem glücklich überwundenen Streit der Ansichten. Die Kanzlerrede wird wenigstens für die ruhiger Denkenden das Schlußwort dieser Kontroverse sein können; sie ist jedenfalls das Schlußwort für die Zweifelnden im Ausland, die da erwarten, Deutschland werde im Seekrieg auf die scharfe Anwendung feiner Kcmipses- mittel verzichten.
Das äußere Bild enffpvach der Größe des politischen Geschehnisses: Gruppen Neugieriger rings um das Reichstagsgebäude, vor -dem nur ein geringer Überwachungsdienst zu.sehen war. In der iveiten Wandelhalle sehr zeitig die Abgoevdneton, umdrängt von Hoffnungsvollen, die durch einflußreiche Beziehungen noch Einlaß zu der Sitzung erlangen wollten. Man erzählte sich, daß der Senioveickondent den Parteirednern die volle Berantlvortung lasse, wenn sie über den Seekrieg auch im Plenum zu sprechen wünschten, zeigte äber nur Bedenken über Ledebours Begründung des Sonderantrags der sozialdsmokratischen Arbeitsgemeinschaft. der jedes w a r n n n g s l o s e Torpedieren von Schiffen verbieten will. Dieser Lcdebonr -bleibt uns für später Vorbehalten. Im Sitzungsisaale überfülle auf den Tribünen wie auf den Bänken, selbst in der Hofloge starker Besuch, hoher Adel und hohe Generalität, hinter den Ministern, Staatssekretären und Bundesvatsbevollmächtlgtrn, enr' gedrängt, aller Art Regierungskommifsare und Offiziere.
Mit dem üblichen Viertelstündchen akademischer Ver- pätung begann die Sitzung. Der Reichskanzler begrüßte den Präsidenten und die Minister, dann nahm er seinen Bismarckifchen Ecksitz ein, äußerlich wie stets geschäftliche unerschütterliche Ruhe. Als er -das Wort nahm, -bemerkte man wohl bei -den ersten Sätzen die innere Erregung, die aber bemerstert war, als die ersten Bravos von der Rechten wie von der Linken die wahrheitsgetreuen Schilderungen unserer ans allen Fronten lehr zufriedenstellenden militärischen Lage willkommen hießen. Freier, als bei der letzten Rede, nur von Zeit zu Zeit den Blick auf -das Konzept werfend, darum unbehinderter im Ton, überzeugender, zuweilen mit einer rhetorischen Wirkung, auf die sonst Herr v. Bethmann-Hollweg gern verzichtet, sprach der Kanzler den erneuten Dank des Vater- landes den in den Schlachten unermüdlich ausharrenden Kämpfern irnd den daheim die Entbehrung entschlossen überstehenden Familien aus. Der Feind glaubt uns ein Ende der militärischen und wirtschaftlichen Kräfte, die Schlacht um Verdun, unsere trotz Mißernte bestehen- den Kornvorräte geben ihm die Antwort. Die Aussicht, uns nrit dem Schwert oder durch Absperrung zu besiegen, besteht für die Gegner nicht mehr. Es gibt ün ganzen Reichstag und im ganzen deutschen Volk keine Stimme, die diese Tatsache in Zweifel ziehen würde.
Gegenüber den englischen Völkerrechtsverletzungen, die bis zum Verbot amerikanischer Milchsendungen für deutsche Kinder gingen und vor keiner Vergewaltigung des neutralen Handels zurückschrecken, müssen wir unsere AbwohrmittÄ zur energisch st e n Vergeltung anwen- den. Für die Rücksichten, die wir gegenüber -berechtigen Interessen des neutralen Handels üben, fordern wir Verständnis unserer Rechte und Pflichten, ,,der einfach aller Menschlichkeit hohnsprechenden Aus-Hunge- rnngspolitik unserer Feinde" zu begegnen. — In -den lebhafte:! Beifall, der hier den Kanflerworton folgte, mochte die Rechte weniger laut einsftmmen, sie Ware gern in ihrer Vergeltung innen Schritt weiter gegan- «angen und vergißt nicht, daß sie im gegenseitigen Zu- Geständnis nicht alles erreichen konnte.
Der Kanzler wandte sich dann Portugal zu, den Schiftsräubern, denen der Krieg erklärt werden mußte. Vielen Parlarnentarieren wird es nützt unerwünscht ge
wesen sein, daß die Frage des Seekrieges nicht den Kern der Kanzlerrede bildete, sondern daß er sich schnell -darüber hrnaus dem gesamten Kriegs ziel zuwandte. Man hatte von unverantwortlicher Seite die Behauptung ausgestellt, daß -die deutsä>e Regierung englische Friedenseröfsnungen zurückgewiesen habe. Wie vor einem Vierteljahr betonte Herr v. Bethmann-Hollweg, daß er stets bereit ist, in Friedens-Verhandlungen einzutreten, daß aber a n- nehmbare oder auch nur diskutierbare Friedensvorschläge noch von keiner Seite gekommen sind. Solange As q u i t h Preußens militärische Macht endgültig vernichten will, bleibt nur „die Antwort des Schwertes" übrig. <
In seiner fünften Rede hatte der Kanzler deutlich gesagt, daß mit -der uns ausgenötigten Fortdauer des Kampfes auch unsere gerechten Forderungen wachsen werden. Diesmal bekamen -die Feinde von -diesen Forderungen einen U m r i ß. „Deutschland wird die von ihm und seinen Bundesgenossen befreiten Völker zwischen dem baltischen Meer und -den wolhynischen Sümpfen freiwillig nicht wieder dem reaktionären Rußland aus liefern." „Wir werden uns reale Garantien dafür schassen, daß Belgien nicht ein englisch - französischer Vasallenstaat, nicht militärisch und wirtschaftlich als Bollwerk gegen Deutschland ansgebaut wftd " „Deutschland kann das längere Niederhalten des fläniischen Volkstums nicht dulden, es nicht wieder der Verwelschung Preisgaben." In -diesen Sätzen stehen, wie aus Metall- g u ß zum ersten Male für Freund und Feind unsere Friedensbedingungen verzeichnet. Das find die Sicherheiten unserer Grenzen, die verlangt werden und verlangt werden dürfen.
Die Rede, -die uns zürn Ende in des Kaisers Nähe führte, zu einer Zusammenkunft des Kanzlers mit dem obersten Kriegsherrn und einer stimmungs- vollen Rückschau auf das von uns-erem Heere seit Jahresfrist Errungene, übte Lenkbar starke Wirkung. Me zahlreichen, mehr törichten als ärger- lichen Zwischenrufe Liebknechts, der als Winkel- advakat des Auslandes wieder Deutschland die Kriegsschiild und Eroberungsgelnste Mscho-b, über- ging Herr v. Bethmann-Hollweg, als -bemerke er sie nicht. Sic erregten fteilich numchen der Abgeordneten sehr, die den Störenfried Hinauswersen wollten und ihn nrit «den gröbsten Schinipsworten bedachten.
Die leise vorgetragenen Ausführungen des Zen- trumsredners M. Spahn waren eine lückenlose Zustimmung zur Kanzlerpolitik. Was Belgien an- l-etrifft, ging M. Spahn allerdings, -wenn man ihn recht verstanden -hat, einen beträchtlichen Schritt weiter. Er will Belgien tvirtschaftlich, milrtärisch und politisch in unsere Macht -bekommen. Dabei -tagte er freilich auch, daß das Zentrum keine Eroberung wolle.
Der sozialdemolratische Mchrheitssprecher Ebert gestand, daß man F ried en sand eutun- gen beim Feinde mit K ricgssanfaren beant- wartet bat. Seine Erklärung wurde von allen bürgerlichen Parteien mit lebhaftem Beifall vernommen: daß die Sozialdemokratie fest für die Verteidigung unseres Volkes eintritt, solange -die feindlichen Mächte an i,hren Zerschmetterung8- Plänen festhalten und daß das Recht aus unserer Seite, wenn wir die englische Hungerblockade mit dem Unterseebootskrieg beantworten. Gegen die Spahnsche Erweiterung der Kanzlcrworte über Belgien wandte sich Ebert mit Schärfe — er ergina sich zum Schluß seiner Rede in wirffchastspolitischen Fragen und versicherte, daß die F r i e d e n s st u n d e auch die
Stunde der bürgerlichen Gleichberechtigung werden solle.
*
Sitzungsbericht.
(Eigener Drahtbericht des .Wiesbadener Tagblatts".)
# Berlin, 5. April.
Am Brrnde-Sratstifch: ReichÄanzler v. Bethma-nn-Holl- weg, v. Jagow, Dr. Helffevich, v. Capelle, Kvaetke, D-r. B-ef-cler, v. Wandel, Wackerzapp, Dr. Lisw, Dr. v. Trott zu Solz, b. Loebell, Havenstein, Frhr. v. Schovl-emer.
Haus und Tribünen sind sehr stark besucht.
Präsident Dr. Kaeinpf eröffnet -die Sitzung 3,12 Uhr. — Das Andenken der kürzlich verstorbenen Ilbgeovdueten Birke- rnayer (Zentr.) und Dr. Obkircher (natl.) wird in üblicher Weise durch Erheben vou den Sitzen goehot.
Aus der Tagesordnung steht die zweite Lesung -des Etats. Die Beratung beginnt beim
Etat für den Reichskanzler und die Reichskanzlei.
Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg:
Meine Herren! M-s ich vor einem Vierteljahr vor Ihnen sprach, habe ich mich besttebt, Ihnen auf G-rund nüchterner Tatsachen
ein Bild der militärischen Lage zu geben. Die Ereignisse haben die Zuversicht, mit der ich -damals sprechen konnte, gerechtfertigt. T-as Dar- da n elien u n ter nehm en hat mit einem Fiasko geendet. Nach d-zm siegreichen serbischen Feldzug, in dem an unserer und österreichisch-ungarischer Seite das bulgarische Heer un-verwe-lklichen Ruhm geerntet hat, sinid nun auch Montenegro und N o r -d a l b a n i e n in der Hand unserer Bundesgenossen. (-Brav-o!) Die Englän. der bemühen sich nach wie vor um di« Befreiung ihrer bei Kut-el-Amara eingeschloffenen Armee. Der: Russen ist es zwa-r gelungen, sich durch eine vierfache Übermacht Erze- rums zu bemächtigen, aber starke türkische Kräfte verbieten th»ien ein weiteres Vorgehen. (B«wo!) Wie die rufsijchen Anstürme in Oftg-alizieu, so sind auch die erneuten Anstürme der Italiener gegen die Jsonzostellun- gen an der zähen Tapferkeit der österreichtsch-ungarifchen Truppen inrmer wieder aibgeprallt. (Bravo!) Mit unerhörten Anstrengungen -haben die Russen ihre S-tuvmkolonnen auf unserer Front auch gegen unsere Linien vorgetrieben.
B-r Hiirdenburg und seinen Tapferen sind sie unter durchaus den Erwartungen entsprechend. (Begeistertes Bravo!) Von ihren Regierungen war den sein-d- lichen Völkern ei-ngeredet worden, wir gingen mit unserer militärischen Kraft dem Ende entgegen, wir hätten keine Mannschaften mehr und die Düorat unserer Truppen sei zermürbt. Nun, nieine Herren, ich denke, die Schlacht bei Verdun belehrt sie eines Besseren. (Sehr richtig!) Die mit genialer Umsicht vorbereiteten Operationen werden von heldenmütigen Truppen ausgeführt, die gegen einen mir aufopfernder Tapferkeit kämpfenden Feind Vorteile über Vorteile erringen. (Bravo!) So ist
die militärische Lage auf allen Fronten sehr gut und durchaus den Erwarturgen entsprechend.
Meine Herren, wenn wir das hier zu Hause aussprechen können, welch heißen Dank müssen wir unseren Kriegern und ihren Führern draußen hinaussenden, die nun schorr im 20. Monat draufgängerisch und todesmutig, wie am ersten Tage, mit Leib und Leben das Vaterland schirmmu (Leb- l>af-des Br-rvo!) Unsere Feinde glauben ihr Ziel, das sie mit den Waffen nicht verwirklichen können, durch Aushungerung und A b s p e r r un g zu erreichen. Ich habe es verstanden, daß unsere G-egner im .Jahre 1915 von dieser Hoffnung nicht lassen wallten, aber ich verstehe nicht, wie kühle Kopfe nach den Erfahrungen des Jahres 1915 noch an dieser Hoffnung festhalten können. (Sehr richttg!) Unsere Feinde vergessen, daß unser Staatswesen dank der organisatori- schenKraftder ganzen Bevölkerung den schwierigste-u Ausgaben der Verteilung der Lebensmittel gewachsen ist, sie vergessen, daß das deuttche Volk über eine große, gewaltig e m o r a l i s ch e Reserve verfügt, die es befähigt, feine in den letzten Jahrzehnten stark gestiegene Lebenshaltnrig ein- zuschränjen. Was würde es denn tun, wenn wir z. B. im F-leischgenuß und in anderen LebenAbsdingungen vorübergehend auf den Zustand der 7ver Fahre zurückgingM? Ich füllte -meinen unsere Gegner würden sich -erinnern, daß das damalige Geschlecht kräftig genug war, um starke Schläge anszuteilen. (Sehr gut!) Meine Herren! Die Akon-at«, die wir jetzt durchleben, ich spreche das offen aus, sind schwierig. Sie bringen Beschränkungen in manchem Haus, holt, Sorge in manche Familie, um so voller und dankbarer ist unsere Bewunderung für -den Opfermnt und die Hingabe, mit welcher sich gerade die arme Bevölkerung in die schwere Zeit schickt nrrd bereit ist, in diesem Kampfe auf Leben und Tod alles hin-zugeben. (Bravo!) So lauten die Berichte aus dem ganzen Lande, aber sie besagen zugleich, daß auch die Arbeit der zu Hause Gebliebenen Frucht bringen ivird, wenn der Himmel den Feldern seinen Segen schenkt. Einstimmch wird bekundet, daß die Wi n t e r s a a t gut steht. (Hört! Hört!) Ja,
es sind viele, viele Jahre her, daß die Saatenstandsberichte ein so hossnunzSfreudigeS Bild entwerfen konnten.
(Bravo!) Die Getreideernte des Jahres 1915 war eine der s ch l e ch t e st e n seit Jahrzehnten. Trotzdem werden wir mit uns-ererr Brotkorn nicht nur bis zur neuen Ernte aus- r eichen, sondern mit einer stattlichen Reserve in das neue Jahr hineinqehen. Di« wirtschaftliche Kraft Deutschlands wird sich aufs neue bewähren. Wir
