re— -j i Morgen-Beilage d es Wiesbadener Tagblatts.
Nrl 81. Mittwoch» 8. April. _ 1916.
CI. Fortsetzung.)
Um CEf)Vt Uttö (Wbtuj verboten.)
Roman von Paul Blitz.
Auch Frau Luise war glücklich. Aber dennoch sagte sie mit leiser Wehmut: ..Eigentlich ist unser Los doch ganz schrecklich. Erst jetzt kommt nur so recht zum Be- tvutztsein, was wir früher waren und nun letzt sind. Wenn ich bedenke. waS für eine Erziehung chr beiden
g nassen hübt; und nun müßt Ihr kür Geld arbeiten, vtz um unser Dasein zu fristen! Wahrhaftig, ein grau- sames Schicksal."
Der Tochter kamen die Tränen. An die Vergangen- beit und an ihre Hoffnungen von einst durfte sie nicht danken Nein, das durfte sie nicht! Sonst war es um ihre Kraft und ihren Halt geschehen. Nein! Nein! Das nicht! Was hinter ihr lag, mußte vergessen sein, alles, alles, mußte vollständig tot und begraben sein, damit sie für das neue Leben, das vor ihr lag. all ihre Kraft sammeln konnte. Deshalb bat sie nun: „Laß das. Monm. bitte, bitte. Erwähne das niemals mehr, ich bitte »ich darum. Wir müssen uns daran gewöhnen, mit unserem Dasein zufrieden zu sein, bis uns ein besseres Schicksal beschert wird. Also machen wir uns nicht das Leben durch nutzlose Klagen schwer."
Die Mutter nickte und schwieg bekümmert.
Wer sie dachte: Glückliche Jugend, du kannst wohl schnell vergessen und dich in neue Verhältnisse einleben. du bist kräftig und erlastftch, aber ich. ich bin eine alte schwache Person. Mr bringt die Hukunft nichts mchr. Ich bann nur von der Vergangenheit zehren urid darum ti-isft mich .dieser Wechsel vom Reichtum zu so bitterer Armut rrm so schwerer! — Ja. sie litt ganz unsäglich darunter, und das Schlimmste war. sic durfte es nicht stnal zeigen, um ihre Kinder nicht auch noch zu entmuti- gen. So ging sie kummevschwer und bedrückt eucher und verschloß unter einem gleichmäßigen, ruhigen, ge- huldigen Gesicht all ihren heimlichen Jammer.
Doch auch Lucie litt schwerer unter dvnr harten Schicksal, als sie es äußerlich zur Schau trug. Und gerade jetzt, nun sie von den Erträgnissen ihrer Arbeit zu loben anfinq. nun sie gezwungen war, mit wildfremden Menschen in geschäftliche Beziehungen zu treten, nun sie es dulden mußte, daß man sie leichthin abfertigte. ja .manchmal sogar kurz, fast schroff mit ihren Ar- beiten abwies, min erst empfand sie init krasser Härte den Wechsel ihres Schicksals. Oft schoß ihr das Blut hoch und .der Ärger und die Scham preßten ihr die Kahle zusammen, so daß sie oft nahezu daran gewesen war, auf und davon zu laufen. Aber nur der Gedanke an die alte Mutter hielt sie immer wieder aufrecht, so daß sie den Kampf von neuen» aufnahm.
Nur einmal hatte sie ihre letzte ganze Kraft daran setzen müssen, um nicht einen dummen Streich zu Machen. Das war damals gewesen, als sie eine Freundin von früher getroffen hotte, die nun reich und glücklich verheiratet war, — und da pochte ihr Herz so wild Und ungestüm, daß sie sich auf das Lager warf und in wahnsinniger Angst und Wut iestbiß in ihr Tuch, um Nicht laut auffchreien »u müssen vor Weh und Schmerz. ~ Aber auch das ging wieder. Der Mensch kann ja so
viel ertragen, viel mchr, als er glaubt, sich zumuten zu dürfen. — Unld so kam sie auch über dies Schwerste hin- weg
So empfand also Mutter und Tochter erst jetzt den Wechsel des Schicksals in ihrer ganzen Härte, ober beide ve,bargen sie dies Weh voreinander, um sich nicht gegenseitig das Leben schwer zu machen. Und Lucie war froh, tomti sie bei ihrer Arbeit sitzen konnte und den Grübeleien enthoben war.
Denn Arbeit gab es genug für sie. Jene Kunsthandlung, die ihre ersten Kleinigkeiten gekauft.hatte, schien gute Erfolge damit erzielt zu haben: denn fast jeden Tag gab es Nachbestellungen, so daß sie auf Wochen hinaus beschäftigt war. — Einmal, als sie wieder einen Teil ihrer fertiggcstellten Arbeit ins Geschäft trug, glaubte sie die Entdeckung zu machen, daß der Ehes sie nicht mehr mit so diskreter Zurückhaltung behandelte, als es zuerst geschehen war, ja, es kam ihr sogar vor, als lächle er sie hier und >da ein wenig dreist an. Das erschreckte sie dermaßen, daß sie alle Kraft zusammen rühmen mußte, rrm ihre Würde und Haltung zu be- v'aihren. Sowie die Abrechnung beendet war und sie ibr Honorar empfangen hatte, eilte sie.davon, mit dem festen Vorsatz, diesen Laden nie wieder zu betreten. Aber kaum war sie draußen, als eine neue Überraschung ihrer harrte. Jeirer Herr Baron Leuben trat ihr so bestimmt irr den Weg, daß sie ihm nicht gleich davonlaufen konnte.
„Ah, meine Gnädigste", ries er galant grüßend, „endlich einmal hob' rch wieder den Vorzug! Warum höre ich denn gar nichts von Ihnen? Vergebens habe ich alle Kunsthandlungen nach) Ihren Arbeiten abgesncht. Nichts, gar nichts fand ich. Warum denn nicht? Sie haben wähl kein rechtes Vertrauen zrr meinen Ratschlägen wie? Na, seien Sie nur bitte ganz ehrlich, ich nehme es Ihnen gar nicht übel."
Sie wollte ihn ein wenig kirrz abferligen, aber sie konnte es nicht. Unwillkürlich mußte sie über ihn lächeln und dann erwiderte sie höflich: „Sie sind im
Irrtum, Herr Baron, ich habe nichts ausgestellt, Werl ich nichts habe. Die vielen Nachbestellungen von diescnr Geschäft hier nahmen alle meine Zeit in Anspruch."
Er bat ganz harmlos. — „Qh, also nrachen Sie gute Fortschritte. Das zu hören freut mich außerordentlich."
Heiter antwortete sie: „Ja, ich wundere mich eigentlich selber darüber, daß meine kleinen Sachen so viele Liebhaber finden."
Plötzlich fah er sie an, lo fest und prüfend, als wolle er in ihrer Seele lesen. Als er aber ihr gutmütig harmloses Lächeln sah, änderte sich sein Aussehen sofort, und er sagte galant: ,/Sie schätzen eben Ui re Arbeiten nicht hoch genug ein, meine Gnädigste!"
Sie lächelte, schwieg und ging weiter.
Er blieb ganz dreist an rhrer Seite. „Ich habe heute einen neuen Vorschlag Mr Sie, mein gnädiges Fräulein, — kommen Sie mit zu Schulte, da ist seit gestern eine Böcklin-AussteLung eröffnet. So was scheu Sie sobald nicht wieder."
