r« s \ Morgen-NeUage des Wiesbadener Tagbla tts, fr—-* )
Nr. 79. Sonntag, 2. April. 1916.
(B. Fortsetzung.)
Um Ehre und Leben.
Roma» von Paul Blitz.
(Nachdruck verboten.)
Die ersten acht Tagen waren wie im Fluge vergan- oen Man war vom Morgen bis zum Abend mit dem Nuspacken der Kisten und Kasten besänftigt. Dann war es ans Einräuimen und ArMellen der Möbel
K rgen, und ähe man es noch spurte, war bereits er ne e herum.
Kurt hatte rmmer tapfer mitgoholfen. so ungewöhnt «hm diese neue Arbeit auch war. Zwar hatte die Mama chren LiMiug manchmal ein wenig schrnen wollen, doch Lucie duldete das nicht, sehr bestimmt trat Ne der Mutter entgegen, indem ste sagte: „Latz ihn nur getrost mit aniassen: er mutz sich setzt an Arbeit gewöhnen, die Tage des Nichtstuns sind vorbei."
Darauf hatte die alte Frau nichts zu erwidern ge- Wagt: denn sie mutzte ,der Tochter ja recht geben: dennoch aber nahm sie heimlich, sobald es anging, ihren Einzigen in Schutz und gewährte ihm manche Vergünstigung, die -üucie entbehren mutzte.
Eines Abends, als man zu Tisch gina, fehlte Kurt. Erstaunt sah Lucie auf. Doch Mutter entschuldigte chn: sie halbe ihn in dre Stadt geschickt, mir verschiedene Ern- fcmfe für sie zu besorgen. Die Tochter machte ein de- denkliches Gesicht dazu, sagte al'er nichts werter.
Es wuvd«e neun, zehn. eif, endlich kam wci-ar iMan Mitternacht heran, aber von dem jungen Herrn war »och immer nichts zu hören, noch zu sehen
Endlich drang Lucie in dre Mania, Latz sie sich mederlegen solle.
„Wenn der arme Jrruge nur kern Unglück gehabt hat!" stöhnte die verängstigte alte Frau.
„Beunruhige Dich nicht, nroraen früh wird er schon wieder da sein", antworte,e die Tochter, nicht ohne einen Anstug von leiser Bitterkeit.
Als sie allein war. setzte ste stch auf den Balkon hin- aus und spähte hinein in iw3 Dunkel der Hochsommer- p.ocht. — Wie still und weltoerlassen es setzt hier drau- tzen war, gar nicht, als ob man in der Weltstadt wohnt«. Doch wenn sie den Mick nach links wandte, da schimmerte es über den dunklen Dächern hell auf. Dort war der Lichtschein von Berlin. Da Nwgte das Leben noch Hi hocknohenden Fluten. Da dachten noch die Meuschau nicht an Schloß und Ruhe, dort niachte man ja die Nacht zum Taae.
Sinnend sah sie hinein in die weit schmimernden Fluten jener Lrchtwellen.
WaS wohl für sie dort drüben noch erblühen würde? 5Da9 Herz erbebte ihr doch ein wenig, nun sie daran dachte, daß sie demnächst dort drüben sich nach einer neuen Tätigkeit umisehen mutzte. Leicht war das gewiß nicht. Darüber war ste sich jetzt schon klar.
Plötzlich schlug ein« Uhr. Jetzt war es bereits eins. Sie war wütend auf Kurt. Sicher war er in lustige Gesellschaft geraten und hatte sich festgekneipt.
DaS inrrfte sie nicht dulden. Dazu war kern Geld da. — Und wenn er erst mal an so etwa- gewöhnt war, dam, wollt« er es mmver so haben. Nein, das mutzt,
ihm gleich jetzt abgelwöhnt werden. Am besten schon, er käme so bald als möglich in geregelte Tätigkeit. Gleich morgen würde sie an Jewon schreiben.
Sie grübelte noch eine halbe Stunde Wetter. Dann wurde sie müde und legte sich nieder.
Als man am anderen Morgen sich zum Kaffee setzte» war Kurt noch immer nicht da.
Don neuem begann die Maina zu jammern: „Pag
auf, sicherlich ist dem avnien Jungen etwas Schlinnn.es zugestotzen." . ,
Die Tochter sagte nichts, obichon ste nicht daran glaickte. Endlich fragte sie: „Wieviel Geld hast du ihm denn mitaegeben?" „ , , .
„Ein Zwanzigmarkstück", klang es etwas kleinlaut.
„Na. dann mach dich nur darauf gefaßt, daß du da- von nichts mehr zu sehen bekommet."
„Red' doch nicht so garstig, Mädchen!"
Lucie verbiß ihren Arger. Nun war es sicher für sie daß er die Nacht duräsiirbelt hatte. Ihre Empörung wurde immer größer. Nein, sowas durfte sich urck>e- dingt nicht wiederholen!
Mit >matzvover. doch ernster Stünme begann sie nun: „Ich bitte dich dringend. Mamachen, verzieh den Kurt nicht noch inehrl Du üarfft ihm jetzt kein Geld mehr zustecken! Er mutz sich daran gewöhnen, selbst etwas zu verdienen. Dann erst wird er den Wert deS Geldes zu schätzen wissen. Bisher hatte er das nie gewutzft west er immer aus dem vollen schöpfen konnte. Also tu' nur den Gefallen und gib ihm nichts mehr. Er lernt sonst nie zu arbeiten und sich einzuschränken."
Beinahe weinerlich antwortete die Mutter: „Aber, Kind, du bist entschieden ungerecht! Ich werde den Jungen doch nicht verwöhnen. Sein Bestes will ich doch nur!"
„Dann darfft du ihm kein Geld mehr zustecken I"
.„Da? tu' ick, doch auch gar nicht! Du hörst doch, >datz er für mich verschiedenes in der Stadt kaufen sollte, vcas es hier draußen nicht gibt."
„Aber du hättest ihm nicht so viel Geld mitgeben dürfen!"
„Mein Gott, er ist doch kein kleines Kind ni«hr, dom man aenau das Geld hinzählen mutzl"
„Nun, du wirst ja sehen, was er dir von dem Goldfuchs wiederbringt."
Die alte Frau schwieg verärgert. Zwar konnte st« der Tochter nicht so ganz unrecht geben, dennoch aber fand sie, daß daS Mädchen jetzt entschieden zu hart urteilte. Und um ihren Liebling zu entlasten, sagte st« endlich: „Vielleicht hat er einen früheren Kameraden getrosten. mit dem er zusammen gebliehen ist."
„Ader das eben soll er doch jetzt vergesten!" erwidert« Lucie, lebhafter werdend. „Er ist doch jetzt kein Laut» nant mehr, sondern auf den Verdienst seiner Hände cm« gewiesen I Was gehen ihn jetzt noch dt« Kameraden an. Er muß sich nun einen andere«, wenig« kostspieligen Umgang «chsn.* - ' '
