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Norgen-Reilage des Wiesbadener Tagblatts.
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Nr. 78.
Samstag, 1. Kpril.
1916.
Um Ehre und Leben.
Roman von Paul Blitz.
(Nachdruck verboten.)
t<> Fortsetzung.)
Frau Luise, die noch immer unter der gräßlichen Er- regung der letzwergangenen Lage tltt, horte stumm, fast apathisch zu und nickte nur. .
Lucie indessen trat zur Mutter hm energisch zu überreden, daß ße auf ihr Vermögen^Ve Sicht leiste zugunsten all der armen Leute die durch de^> Paters ehrlichen Namen sich hatten tauschen lassen.
Kurt, als er dies hörte, wurde wirtend. Ganz Men erklärte er, daß er diesen Stolz für durchaus unange- Ibrocht halte, daß die unschuldige Mama doch nicht unter Papas Irrtum, leiden dürfe, und daß man der alten Frau doch nicht den letzten Notgroschen nehmen könne.
Doch Lucie blick fest. Rnhia sprach sie werter:
Natürlich zwingen kann Mama niemand, das Geld hcrauszugöben. Aber ich meine, wir sind es unbedingt dem Namen, den wir tragen, schuldig, soviel als möglich dazu boizutragen, daß die Leute zu ihrem «de gelan- gen, das sie Papa anvertraut hatten. ^
Kurt aber riof wütend ÜNAMti-chen. wovon ion
denn Mama fortan leben?", .
Und ruhig antwortete dre Schwester: ,,^a, sind wir denn nicht da? Wir sind doch jung und gesund, wir werden oben fortan für Mama ackerten. ,
Da schwieg Kurt verleaen und sah ganz eigentümlich von einem zum anderen: er verstand nicht recht, was ^damit eigentlich gemeint sei.
Aber Lucie ließ nicht nach, bis sie, es durchgeseht hatte, daß die Mutter ihr Geld mit rn die Masse gehen zieß — Mochte man über den Papa sagen, was man wollte, jedenfalls sollte man ihnen Dreien nicht nach- reden, daß sie sich aus Konten der armen Gläubiger be- reichert hätten!
Von dom Tage an waren sie arme Leute und nur vuf den Verdienst ihrer Hände angewiesen.
Wie befreit atmete Lucie auf. Nun erst konnte ein neues, ein froheres Leben beginnen. O, sie war so Hoff- nungsstark, daß sie spielend alles das ertrug.
Nur einnral eckobte sie noch bis ins innerste Mark hinein. Das war, als Kurt ihr die Zeitung zurelchte und sie auf eine Notiz verwies.
Gie ahnte fast, was sie da lesen würde. Und richtig, e « war eine militärische Mitteilung. Der iunge Graf Schmittwitz «hatte sich für ein Jahr beurlauben lassen, mm an einer ^foricfn-ininSreif'C noen ^nibten ie^IiAnneiünren»
Das Blatt entsank ihrer zit die Zähne zusammen, um nicht -- >
— Er war ihr verloren, verloren für immer. — Dann ging sie in ihr Zimmer, schloß sich ein und wernte sttll und bitterlich. ,
Mer als sie wieder zum Vorschein kam, sah sie ruhig und gefaßt aus und mit keinem Wort erwähnte, sie des Vorfalles mehr. Selbst als am anderen Tag« ern Herz. kcheS aber doch endgültiges Slbschirdsschreiben vom Grasen kam, selbst da blick sie fest und stolz und zuckte wit keiner Wimper. Da bekam Kurt zum ersten Male ernsthaft Respekt vor seiner Schwester.
Einige Wochen waren vergangen.
Noch immer lebte die Familie still rtnd wie vergessest für sich allem.
Die beiden Damen gingen in Schwarz, «sie be* trauerten den Vater als einen Toten. Zwar hatte man die Leiche nirgends gefunden, auch die Nachforschungen, die man von seiten der Familie heimlich hatte halten lassen, blieben resultatlos. Mer dennoch, konnte man nur mit der Tatsache rechnen, daß der Unglückliche fernem Leben gewaltsam ein Ende aoinacht hatte und tief unten am Meeresboden irgendwo seine letzte Ruhestätte ge- fuuden hatte.
Nach und nach war der stumme Schmerz der Angehörigen einer ruhig wiirdevoll ernsten Haltung ge« wichen. Man mußte sich eben in das Unabänderlicht fügen, da ja die Geschehnisse des TageS und die Sorge uni die Zukunft alle drei Nachgebliebenen ernsthaft beschäftigte, so fand man sich eben allmählich wieder in das Getriebe des Lebens mit all seinen Sorgen und Kümmernissen zurück.
Die größte Schwierigkeit bereitete die Frage, was nun ails Kurt werden sollte. , Er mußte irgend einen Beruf ergreifen, der ihn in die Lage brachte, möglichst bald Geld zu verdienen. Wie das aber anstellen? Er hatte nie für anderes als Militär Interesse gehabt. Sc sann und grübelte man und kam zu keinem rechten
Resultat. . Ä . r ,
Viel leichter und froher sah Lucie ihre Zukunft vor sich. Sie würde Klavierunterricht geben. Natürlich ’ mußte man nach geregeltem Wschluß des Konkurses sofort den -Ort verlassen und nach Berlin ziehen. Dort würde sie durch Empfehlungen sicher schnell einige Schüler finden. Auch ihr Maltalent würde sie von mm an in irgend einer Art nutzbringend verwenden. Und schließlich konnte sie auch Sprachstuudon geben.
Ihr war um die Zukunft nicht Angst. Mit frohem Mut ging sie in das neue Loben hinein. Nur erst heraus aus dem Städtchen, wo ihr die Steine unter den Füßen brannten, wo sie den mitleidsvollen Blicken zu erliegen drohte! Nur erst frei auf sich selbst gestellt sein!
Wenn die Mutter sie so von der Zukunft redeir hörte, dann legte sie ihren Arm um den Hals der Tochter und -sagte voller Wehmut: „Mein armes Mädelchen, wie
leid ist es mir um dich! Du hast deinen Bräutigam verloren und sollst nun arbeiten wie ein Proletarierknid. Du, die zur Gräfin erzogen worden tvar — schrecklich ist das doch!"
Cs war das erste Mal, daß die Mutter seit der Katastrophe davon lvrach.
Lucie wurde rot. Aber sie biß die Zähne zusammen, machte sich hart und fest und dann antwortete sie: „Ems bitte ich dich, Mütterchen, svrich nicht wieder von meinem Bräutigam; übrigens war er es noch gar nicht; wir hatten uns noch nicht endgültig ausgesprochen; und das war sehr gut: denn unter den obwaltenden umstanden wäre ich niemals seine Frau geworden. Also, bitte, sprich nie mehr davon! Und was das andere, die Ackert ve-
