Der Körnen,
d Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, l-
Nr. 76.
Donnerstag, 80. Mürz,
1916.
- '( 8 . Fortsetzung.)'
Kttt UHÖ Ccbdl j lNaLdruck verboten.)
Roman von Paul Blitz.
Grau Luise saß da wie zu Stein erstarrt. Sie hielt das rotgosiegelte Weiße Kuvert in der Hand. Mit angstvollen Äugen blickte ste eS an. Es zu öffnen, wagte sie nicht.
Kurt hielt noch ein Blatt in her Hand.
Lucie sah es und bebend fragte sie: „Und jener andere Brief dort? Ist er an dich gerichtet?"
Der Bruder bejahte stiumn.
,Da sah auch die Mutter auf.
„Und was steht darin?"
„Etwas Trostloses, Mama", antwortete er leise, „etwas, das mir allen Mut und alle Hoffnung geraubt hat, es ist ein Abschied für ewig."
Mit einem wehen Aufschrei sank die alte Dame in sich zusammen.
Sofort waren Tochter und Sohn um sie bemüht.
Mer Frau Luise kani schnell wieder zu sich.. Mit ruhiger, fast energischer Stimme bat sie: „Gib mir das Blatt."
Kurt tat es. Me Mutter las:
„Mein lieber Sohnl
Dreimal war ich vergeblich bei Dir, um von Dir Abschied zu nehmen. Zum viertenmal kann ich nicht mehr Iwiederkommen. So muß ich Dir also auf diesem Wege Lebewohl sagen. Es ist ein Abschied für ewig, mein lieber Sohn. Zürne mir nicht, daß ich Dir Deine Karriere ruiniere! Ich kann nichts dafür. Ich bin das Opfer meiner Gutmütigkeit! Du weißt ja, wie lieb sch Dich gehabt ihabe. Ich tat alles, um das Unheil abzuwenden. Aber die Verhältnisse waren stärker. Nun bin ich daran gescheitert. Also verdamme wenigstens Dil mich nicht! Dein Vater."
Minutenlanges, dumpfes Schweigen. Mit tränen- fcuichten Augen starrte die alte Dame aus das Blatt, das in ihren Händen zitterte. Aber denken, das ganze Unglück zu überdenken, nein das konnte sie noch nicht; noch stürmten alle Gedanken wüst und unklar durcheinander und nur der Schmerz, beherrsch'c sie ganz und gar.
Lucie wich nicht von ihrer Seite. Mit milder Zärtlichkeit streichelte sie die Hand der Mutier und versuchte, ihr leisen Trost zuzusprechen.
Doch Frau Luise schien nichts davon zu hören. Ms sie aufsah und ihr Blick zu Kurt, der ganz zusammen- gebvochen dasaß, hinüberirrte, da nickte sie ihm wehmutsvoll zu und sagte: „Ja, mein lieber Junge, darüber Mußt du nun wegzudommen suchen; mit deiner Karriere ist's nun zu Ende; jetzt find wir arme Leute."
Kurt nickte nur stmnm: sagen konnte er nichts; denn der Schmerz preßte ihm die Kehle zusammen; er war völlig niedergebvochen. Das Unglück hatte auch ihn völlig unvorbereitet getroffen und seine schönsten Zu- kunftspläne mit einem Schlage vernichtet. Nun saß er jjfra und blickte hoffnungslos und verzweffelt in die Zu- ffunft; denn er wußte nicht, was jetzt aus ihn werden sollte.
* Endlich bat Lucie: „Sei so gut, Mama, öffne nun Mich den anderen Brief. Wir werden ims eher in das
Unabänderliche fügen können, wenn wir ganz klar sehen und alles wissen, was wir zu erwarten haben.''
Ein wenig erstaunt sah die Mutter sie an.
„Wie ruhig du das sagen kannst. Fast klang es so, als berührte es dich gar rächt tiefer."
Im Gesicht der Tochter brannte die Wut der Erregung. Schon vorhin, als sie sich, daß die Mutter wieder nur au die Zukunft ihres geliebten und verhätschele tcn Sohnes dachte, während sich niemand ihrer zu erinnern schien, schon >da glühte die stille Empörung wieder aus in ihr; doch sie zwang das Unbehagen zurück, weil ihr «der Mutter tiefer Schmerz zu nahe ging. Nun aber, als ihre so gut gemeinten Worte so mißverstanden wurden und ihr sogar noch einen leisen Vorwurf ein- trugen, da quoll die Pein über die Hintenansetzung in ihr hoch rrnd mit schlecht verhaltener Bitterkeit antloor- tete sie: „Du irrst sehr, liebe Mama. Auch mich berührt daS Unglück ebenso tief wie euch. Aber ich meine, gerade jetzt dürfen wir uns von unserem Schmerze nicht untevkriegen lassen. Gerade jetzt hängt für uns doch alles davon ab, wie wir uns zu dom traurigen Gescheh- »äs stellen und daß wir es mit stillduldender Kraft zu überwinden suchen."
Immer »roch erstaunt sah die Mutter sie an.
Wie herb, fast hart daS klang! Nie hätte ste dem Mädel solch ruhigen Lobensernst zugetraut. Doch sie widersprach jetzt nickst mehr. Mit bebender Hand faßte sie nach dem unseligen Brief, dem letzten Lebenszeichen ihres armen, unglücklichen Mannes. Ihre Finger zitierten so sehr, daß sie nicht imstande war, den Umschlag zu öffnen. Endlich reichte sie ibcr Tochter das Kuvert hin rmd bat, daß.ste vovlesen möge.
Und Lucie las:
„Meine liebe Frau. geliebte Kinder!
Etwas Furchtbares ist geschehen. Wir sind ruinierk. Seit Wochen schon habe ich es kommen sehen. Wer ich habe es solange geheim gehalten, weil ich bisher immer noch hoffte, einen Ausweg zu unserer Rettung zu finden. Nun ist auch diese letzte Hoffnung fehlgeschlagen. Und jetzt ist alles vorbei, nun bin ich zn- fammengebrochen und darf es nicht »nehr wagen. Euch vor die Augen zu treten. Denn nicht nur ein Unglücklicher, sondern auch ein Verbrecher bin ich geworden. Und nur durch den Tod kann ich meine Tat sühnen.
Durch den Fall von zwei Bankhäusern war ich de» imahen in Mitleidenschaft gezogen, daß nur ein großer glücklicher Sckstag mich retten und mir wieder auf di« Beine helfen konnte. Ich hielt besagte beide Bankhäuser für durchaus solide und gut; seid Jahren war ich mit den Inhabern -befreundet und in bester Verbindung, und nur im Vertrauen auf die ehr«nhaften Eharaktere der beiden Männer ließ ich »räch zu größeren Engagements verleitein. als ich eioentlich hätte tun dürfen. Leider Wurde meine Gutmütigkeit schleckst belohnt; denn in beiden Fällen war ich getäuscht worden.
Ms die große Schlapp? da war, gab es für mich nur eins Möglichkeit, weiter zu bestehen: ich mußte den Der-
