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i Der Roman. 5

Margen-Neilage der Wiesbadener Tagblattr. i« si

Nr. 74.

Dienstag, 28. Mörz.

1916.

Um Ehre und Leben.

Roman von Paul Blitz.

(Nachdruck verboten.)

Früher als sonst verließ Sucre den Leseklub ihrer Freundinnen. Es wollte heute kerne rechte Behaglich, reit aufkommen. Von Anfang an herrschte eine diskrete Zurückhaltung, die man in diesem kleinen Kreise sonst nie zu finden gewähnt war. Eine dumpfe Schwule lag irber dem sonst so traulichen Raum. Und jeder fühlte, idaß irgend etwas noch Unausgesprochenes. Grausiges die Gemüter bedrückte.

Am deutlichsten suhlte das Lucie.

Harmlos und fröhlich wie immer war sie hevgekom- men, m der Voraussicht, eine anregende Stunde hier zu verleben. Aber kaum war sie erngetreten und sah die bereits anwesenden Freundinnen an, da senkte sich, wie ein Schatten, etwas auf sie nieder, das ihr plötzlich den Atom nahm und ihr dann das Blut durch die Adern jagte.

Erstaunt sah sie sich um. Bon einer zur aiiberen glitt ihr Blick. Aber jede der Freundinnen wich ihr aus. Jede war freundlich und lieb zu ihr, aber keine sprach ein offenes Wort, das die Stimmung klärte.

Mit peinlicher Deutlichkeit empfand Lucie das, und vo.i dem Augenblick an war es um ihre Fassung ge- schollen, denn sie fühlte, daß ihr irgend etwas Unange- nohmes bevorstand. Nur mit Mühe hielt sie sich auf­recht. Und bei der ersten Gelegenheit suchte sie einen Grund, sich zu verabschieden.

Angstvoll, adamlos ging sie dann riach Hause, um sich Klarheit zu verschaffen.

Erschrocken sah ihre Mutter ans, als sie die Dochter zu so ungewohnt früher Stunde zurückkommen ifah, und noch mehr erstaunte sie, als sie den Grund da­für erfuhr.

„Aber, Kind, ich bitte dich, was soll uns denn bevor- stehen!? Du hist erregt und siehst Gespenster."

Twch auch der Mutter Worte wirkten ans die Tochter nicht beruhigend, lind plötzlich fragte sie: „Ist es dir nicht auch ausgefallen, daß Papa, als er sich gestern ebend vor seiner Abreise verabschiedete, anders war als sonst?" „ , r ,

Wieder erschrak die alte Dame. „Anders als sonst? Wie meinst du das? Ich habe nichts davon gemerkt."

Lucie nickte. „Als er mir di« Hand gab, fiihlte ich deutlich, daß sie zitterte."

„Aber. Kind, wie soll ich das verstehen? So sag doch klar, was du denkst. Mit deiner Erregtheit hast du mich schon angesteckt."

Und plötzlich fragte die Tochter nun: „Hast du eine Ahnung, ob Papa in finanzieller Schwierigkeit ist?"

Mit starrsragenden Augen sah die Mutter aus. „Aber Lucie, wie soll ich denn das wissen!: Darüber

hat doch Papa mit mir nie gesprochen. Überlhaupt, wie kommst du nur darauf?"

„Diese Möglichkeit wäre doch wohl nicht so ganz ausgeschlossen."

„Tos rve,ß ich nicht. Aber ich glaube daS auch nicht. Unser Bankhaus ist doch so solide und fest fundiert, daß es seit nahezu hundert Jahren allen Stürmen ge­trotzt hat."

„Und trotz alledem erkläre ich dir, daß ich an Papa schon seit längerer Zeit kleine Veränderungen wahrge­nommen habe: er hatte zweifelsohne Sorgen, die er uns verheimlichen wollte."

Die alte Dame wurde immer erstaunter, aber auch immer besorgter.

„Warum hast du mir von alledeni denn nie etwas gesagt?"

„Weil ich bisher noch immer selbst nicht so recht an die Richtigkeit meiner Beobachtung glauben niochte."

Angstvoll entgegnete die Mutter: „Das alles trifft mich völlig überraschend. Nie habe ich etwas Ähnliches gemerkt oder an derartiges auch nur gedacht."

„Auch mir kamen alle diese kleinen, unauffälligen Er­scheinungen, die ich sin Laufe der Zeit an Papa wahr­genommen habe, eigentlich erst heilte so recht ziim e- wußtsein: denn dort im Kränzchen war ein junges

Mädchen — die Paula Hellwig —, du kennst sie ja auch als ein boshaftes Geschöpf —, die sprach so obenhin von den Gefahren, denen in unserer Zeit selbst die ältesten Bankhäuser ausgesetzt feien — und diese Worte waren direkt auf mich gomünzt, das fühlte ich ganz deutlich. Von dem Augenblick an siel es ivie Schuppen von nieinen Augen, ich erkannte auf all den Gesichtern meiner Freundinnen, daß es etwas gab, was sie alle wußten, nur ich noch nicht! Und da packte mich die Un­ruhe und die heimliche Angst, und ich fing an zu beob­achten und zu grübeln: nicht das geringste entging mir viehr, bis es mir endlich zum Erschrecken klar wurde, daß inan mich heimlich bemitleidete. Nichts sagte man, kein Wort verriet etwas. Nur die Mienen sprachen. Da fühlte ich klar, daß uns etwas Furchtbares bevor- stände. Alle die anderen schienen bereits alles zu wissen, nur wir, die cmi meisten Beteiligten, wir ahnten noch nichts! Und da hielt es mich nicht länger mehr in der Gesellschaft. Ich ging, i«nd niemand hielt mich zu­rück. Nur mitleidsvolle Blicke folgten mir. Schrecklich war das! Ganz grauenvoll schrecklich! Wie Feuer brannten mir diese Blicke ins Herz! Fast geflohen bin ich! Und selbst draußen aus der Straße verfolgte mich die Angst. Jedem Gruß wich ich aus, wie menschenscheu lief ich durch die Straßen, denn in all den Blicken der mir Begegnenden glaubte ich imnrer nur das gleiche zu lesen. Sie alle, sie ahnten vielleicht schon, was uns be­vorstand, und nur wir, ivir wußten noch von nichts. So kam ich nach.Hmrsel"

„Mein Gott! Mein Gott!" jaimnerte die alte Dame nun, „iivos wird 'das nur werden!"

Da trat die Tochter zu ihr heran und sie beschwich­tigte und fragte sie dann: „Hat denn Papa nie etwas zu dir verlauten lassen, Mutting?"

„Aber nein, kein Wort, nicht das geringste: er hat ja nie von seinen Geschäften und Unternehmungen ge­sprochen, und ich häbe nie gewagt, ihn darum zu be­fragen."

„So weißt du Mo auch nicht, weshalb Papa fortge, ftchren ist?"