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r »- ->! Morgen-Neilage der Wiesbadener Tagblalts. i- - )

Nr 7t. Freitag. 24. März.' Iy!6.

(17. Fortsetzung.)

Sintjc.

Eine ErzWung cu8 &em alten Brüssel von Klara HohratH.

Machdruck verböte»»

Dort beruhigte sie sich bald, schämte sich ihrer Unge­duld und machte sich von neuem auf den Weg, und «dann kenn sie von neuem zurück, verstört und entrüstet. Und wieder und tvieder.

Märe Marie sah «besorgt diesem aufreibenden Trei­ben zu. Wie ksnge würde der junge Körper diese Hetz­jagd aushalten, zu der chn die unrul,volle, verstörte Seele zwang? Glücklich noch. LniN der Leib eher als die Seele müde znsc«nmsnbrach, wenn die Spannung sich in physische KraiM>eit löste. Die Kranke wollir sie schon pflegen!

Schnell k«n es. wie sie gedacht hatte. Langsam kam Fintjes eines Tages heinigchchlichen. zu Tode erschöpft. Sie «wollte nicht mehr kämpfen, nur ausruhen und «schlafen. Märe Marie brachte sie zu Bett und faß manche Nacht bei der fiebernden Kranken.

Aus das Fieber folgte eine todesähnlich» Schtväche, durch die Märe Maries liebkosende .Hand nicht mehr bis zu dein schlummernden Bewußtsein Fintjes durchzndrin- gen vermochte.

Und nach der langen Erschöpsungspause kehrte end­lich .das Bewußtsein mit allen seinen wieder aufftöhen- den Erinnerungen und Entpstndnngen zurück und um* drängte die Patientin «mit einer Brandung von Fragen und Anklagen und bangen Zweifeln. In diese sie um- woaende uferlose Lebensflut starrten Fintjes Augen in entsetzter Ratlosigkeit. Wie sollte sie sich aus den be- drobliclxm Wogen retten? In ihrer Verzweiflung hatte sie wohl nach dam Lichtstrahl gegriffen, den Jean de Grott ihr endgegenqehalten hatte. Aber sie hatte ihn nicht festzuhalten vermocht! Nun trieb sie wieder steuerlos in dem fcfooatßen Gewässer, müde und hilflos, und hätte rettungslos versinken müssen, wenn sie nicht Märe Maries Hand über sich a »fühlt hätte. Aber irgendwo mutzte doch die Sonne scheinen und mutzte festes Land zu finden sein, worauf sie sich retten konnte. Warum ließ Gott sie so im Dunklen tveihrlos unchertreiben, sie und oll die anderen armen Elenden? Warum Hali Christus ihr nicht, für dessen Gesetz sie doch hatte kämpfen .wollen? Sie meinte ihn Mir Rechenschaft ziehen zu müssen, warum er ihr bei ihrem mutigen Werk nicht bester bei» gestainden hätte, den erlösenden Christus, dessen Loben. Wirken und Sterben sie aus ihrem kostbaren Büchlein kannte, und den sie in ihren Fieberphantasien häufig ge­schaut hatte: «den Christus aus dom Volkshcmse!

Als Fintje, noch matt von der schweren Krankheit, endlich wieder aufstaben und ein wenig mnhergehen durfte, schlich sie mit kleinen wankenden Schritten die Hoogstraot hinunter zu dem Volkshaus, zu einer Stunde, wo sie den Portier in der Bibliothek «beschäftigt wußte und sie ungesehen in den kleinen Festsaal gelan­gen konnte. Sie wollte ernsthafte Zwiesprache halten mit dem großen Christusbilde.

Warum hast du mich nicht siegen lassen im Kampf für dich? Ich habe-doch dein Gesetz predigen wollen von ganzem Herzen und habe nur Hohn und Schmach dafür aeerntet!"

Die ernsten, traurigen Augen sahen Fintje durch­dringend an.Hcoben sie «mich nicht auch gekreuzigt?" fragten sie, und die durchlöcherte Hand hob sich warnend. Wer bist denn du, die du retten willst, wie ich, der Er­löser, gerettet habe? Weine nicht über die anderen, weine über dich selbst und «deine Sünde, Fintje!"

G»beugt schleppte sich Fintje heim.

Sie haben ihn auch gekreuzigt. Märe Marie, und wer bin.denn ich?"

Du bist eine Kranke, die der Genesung entgegen- geht, und die sein demütig stillhalten soll und warte« unö hpLen", mahnte die Trösterin.

Neuntes Kapitel.

Draußen wehten die ersten Frühlingsstürme. Bis in die engsten Gasten und dunkelsten Keller drang die feuchte, zerfetzende Vorfrühlingslust, die «den letzten Schnee aufiaute und alles Menschenblut zur Unrast auf- reizte.

Es nahte die Zeit der Unruhen in Brüssel, die Zeit der Wahlen, «die mit dam Frühling zusam«inenfallen.

Allabendlich füllte sich der Pouchenellokeller bis ans den letzten Platz. Sie brauchten keinen Cent Eintritts­geld mehr zu bezahlen, die sich hier eindrängten. Der Vorhang der Marionettenbühne ging nicht mehr in die Höhe. Die niedlichen Holzkinder Papa Toones stolzier­ten nicht mehr über die Bretter. Was ging die finsteren Vkarolliens «das bunte Puppenvolk an? Sie wußten kaum noch, wie herzlich sie noch vor kurzem über die Witze der gespreizten Herrschaften gelacht hatten.

Nicht um zu lacken kamen sie jetzt in den Pouchmelle­keller, sie kamen, um sich von der alten Hexe auswiegeln und aufreizen zu lassen.

Die Hexe stand an ihrem alten Platz, aber sie hatte die Gerte weggaworfen, sie wollte nicht länger das Ge­schäft der verhaßten Polizei versehen. Sie freute sich, je unbotmäßiger ihr Publikum austrat, je lauter sie durcheinander schrien, je wilder sie einander reizten. Die Hexe des Ponchenellerellers predigte zornig und hin­reißend wie vom Bösen besessen gegen Gott und die Qbrigkeit, gegen alles, was Macht mtd Glück auf seiner Seite hatte. Was Vandervelde mit allen klugen Worten im Bolkshause nicht zuwege gebracht hatte, das gelang «dem zornigen, alten Weibe. Was sie sprach, flog in die Herzen ihrer Hörer wie ein Feuerbrand und entzündete da einen fanatischen Tatendrang. Aus dein Pouchenelle- keller schlich sich die Revolution in die Straßen Brüssels.

.Laßt es euch ein Zeihen sein, wenn ich dahinfahre in meinem Zorn!" gellte die Stimme der Hexe noch tönend durch «den Keller. Dann sank ihr evhobener Arm schlaff «hinab, und die hochgereckte, hagere Gastalt fiel lautlos in sich zusammen.

Totenstill wurde es da für einen Augenblick im Pouchenellekeller, so lange der Flügelschlag des TodeS «die erhitzten Köpfe umwehte. Dann brach das wilde Geheul «wieder los und wurde zum Toteng ».sang für die still gewordene Alte.