I
■ •
1
- w «—* ÜH m * S- «»S^r*-® ?ar.“5| 5.;
a) Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, s
Nr. 70.
Donnerstag. 23 . März.
1916.
'( 16 . Fortsetzung.)
Zintje.
Eine Erzählung -aus Dem alten Brüssel von Klara Höhrath.
(Nachdruck verboten.»
Ohne hinznsghen Whlte Fintje, die neben dem Stich! kniete, in den Papa Toone gesunken war, ldaß es die Großmutter war, und daß ihr durchdringender Blick auf ihr richte.
Mit hypnotischer Gewalt wurden nun ihre Augen zu Lenen der Großmutter hingezogen. Die Großmutter aber sah sie so böse, so verächtlich, so erbarmungslos an, baß es Fintse einen Schauer durch den Leib jagte.
„So, da bist du wieder", sagte die Stimme der Großmutter endlich, und diese Stimme war ebenso kalt und verächtlich wie ihr Blick. „Du siehst gut aus. Dein reicher Liebhaber scheint dich gut gefüttert zu haben. Wozu denn bist du hierher gekommen? Was suchst du hier? Damit du mir nicht mit unnötigen Bitten kommst, will ich dir gleich eins sagen: Eine Enkelin
habe ich nicht mehr. Seit dem Tage, wo sie sich einem Reichen für Geld und ein gutes Leben verkauft hat, ist sie tot für mich. Wäre sie vorher gestorben, ich hätte um sie geweint. Aber das wäre dem licken Gott nicht grausame Strafe genug gewesen für das freche alte Weib, das nie vor ihm auf den Knien gerutscht hat und sich nie gescheut hat, ihn ungerecht und lieblos zu schelten. Nein, das war ihn: nicht Strafe genug. Du, meine Letzte, die du mir wider meinen Willen ans Herz gewachsen warst, du mußtest hingehen und dich von einem Neichen für Geld kaufen lassen. Haben sie mir nicht einst mein Haus auch für Geld abkaufen wollen? Ich hab's ihnen vor die Füße geworfen! Du aber hast gierig deine Hände ausgestreckt nach dom schmutzigen Schandgcld und dich mit seidenen Lappen behängt und dich vollgefressen. Dich kenne ich nicht, du hast nichts von meinem Blut, eine fromde Dirne bist du! Es lohnt nicht der Midhe, daß Oomkc dir den Lickhaber wegschoß, der törichte Junge hätte sich die Mühe sparen können. Es gibt der Reichen noch übergenug, und du bist eine d'el Trap, die kommen gut durchs Leben, die lassen sich vom Almosen der Reichen verpflegen bis an ihr Ende. So hat's dein Großvater schon gehalten. Nun sieh du zu, wo du weiterhin Aufnahme findest, wer dich ferner unterhalten will. In dieses ehrliche Haus gehörst du nicht. Fort! Hinaus!"
Aber Fintse gehorchte dem drohenden Befehle nicht. Sie lag auf den Knien, das blasse Gesicht erstarrt, die Augen wie in einem bösen Bann auf die Großmutter geheftet. Da wandte diese die Augen von der versteinerten Jammergestalt des Mädchens ab, die weißen, buschi- en Brauen zogen sich drohend zusammen. Sie sah jetzt ie Enkelin nicht mehr, beschwörend reckte sie die hageren Armen aus gegen eine unsichtbare Gewalt.
, „Nur das eine tu mir nicht an! Nicht schivach laß mich werden und nicht in wehrlose Demut verfallen vor meinen: Ende. In meinem Zorn sollst du mich stecken lassen, im Zorn will ich dahinfahren!"
Unten in der Schenkstube wurden St inmen laut. Das weckte die Hexe aus ihrer starren Verzückung. Schwankend, wie eine Trunkene, tastete sie sich die Treppe wieder hinunter.
Papa Toone saß noch imnier regungslos da, mit demselben blöden, verständnislosen Ausdruck auf seinem faltenreichen Komikergesicht. Er hatte von der Rede der Alten nichts verstanden.
Fintje -wandte die verzweifelten Augen zu ihm. „Bist du auch so erbarmungslos streng wie die Großmutter? Jagst du mich auch voller Verachtung von dir?" fragte ihr scheuer Blick. Der Grohniutter Worte klangen ihr weiter in, den Ohren, Es lohnte der Mich« nicht, daß Oonike dir den Liebhaber erschoß!
Also darum hatte Oonike den Staatsanwalt gemordet? Er hatte sich in der Persönlichkeit geirrt! Jan lGrand hatte er für ihren Liebhaber gehalten. Auf dom Blumenkovso mußte er Reich gesehen und ihn mit Jan, den er.nur in der Verkleidung gekannt hatte, verwechselt haben. Hatte sie nicht auch die Ähnlichkeit bei der ersten Begegnung gefoppt? Also trug sie die Schuld daran, daß Oonike zum Mörder geworden war! Er hatte die kleine Schwester rächen wollen, deren trau- rige Geschichte ihm wohl vom Portier des Volkshauses erzählt worden war. Sie war -schuld an Oomkes ver- brecherlscher Tat, wie durste sie ,da dem arnien Vater noch in die Augen scken?
Papa Toone stöhnte. Er sah mit wirrem Blick um sich, als erwache er aus einem Traume.
„Also kann ich mein altes Theater vcrkanfen und alle Marionetten", sagte er vor sich hin, „und in eine Stube ziehen und einsam den Tod erwarten. Ganz allein!"
Fintje liefen die Tränen über das Gesicht. Aber sie getraute sich nicht, ihn anzuflehen: „Laß mich dir eine Tochter sein, laß mich versuchen, dir durch lickckolles Sorgen ein wenig den Sohn zu ersetzen!"
Wie -hätte sie das gedurft, sie, die die Schuld au Oomkes Verbrechen trug?
Geräuschlos staud sie auf und schlich auS der Stube und die Treppe hinunter auf dis Straße.
.Im Windeugange standen viele Neugierige umher. Wie eine Veckrecherin kam sich Fintje vor. Sie wunderte sich, daß die Leute nicht mit Fingern auf sie zeigten und ihr häßliche Schimpfnamen gaben. Mühsam schleppte sie sich vorwärts. Wenn ihr nicht die Zu- flucht bei Märe Marie gewinkt hätte, die Lckensbürde wäre ihren jungen Schultern jetzt wohl zu schwer ge- worden.
* * *
Zu den Gerichtsverhandlungen gegen den Attentäter des Staatsanwalts Jean de Groot wurden viele Marol-, liens als Zeugen vorgeladen. Uilter ihnen auch Fintje. Jean de Groot, dem Oomkes Kugel nilr eine uugefähr- lrche Verletzung am Oberarm zugofügt hatte, hatte si« zu sich bestellt in sein Privatzimmer, rrm unter viex Augen mit ihr zu sprechen. Fintje getraute sich nicht, zu dem großen Staatsanwalt, der doch niemand anderes war als Jan l'Grand, ihr einstiger Freund aus dem Pouchenellekeller, die Augen aufzrchcken,. aber das
