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- " i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. « »—- -> «
Nr. 69.
Mittwoch, 22. Marz.
1916.
(15. Fortsetzung.)
Zintje.
Eine Erzählung -aus idem alten Brüssel von Klara Höhrath.
lNachdruck verboten»
In «deii wenigen Minuten aber, die sie zu warten hatte, überstürzten sich in ihrem Herzen mit den ungleichen Schlagen die anklagenden Erinnerungen. Aus ihrer frühesten Kindheit, so weit sie nur zurückdenken konnte, ficken ihr Augenblicke ein, wo sie sündhaft gesprochen und böse gehandelt hatte. Aber alles, alles «mußte sie sagen, nicht das kleinste Sündlein durfte sie verschweigen, sonst betrog sie schändlich den lieben Gott, war nicht wert, in .seinem Hause zu knien, seine Hilfe für ihr zukünftiges Leben zu erflehen und seine rettende Hand zu fassen.
Die anderen, die heute vor dein Beichtstuhl gekniet hatten, waren alle nach kurzer Zeit wieder ausgestanden, aber bei ihr würde es lange dauern.
Nun regte sich das beichtende Weiblein, und Fintje ging auf unsicheren Füßen hiniiber, half der Alten bei dem schwerfälligen Anfstehen und schmiegte sich daun selbst an die nock> warme Holzwand.
Noch ein Beichtkind? Der Priester, der schon lange geduldig in seinem engen Stuhl gesessen hatte, mußte eine Regung der Ungeduld Niederkämpfen. Es waren ihrer heute so viel gewesen. Er hatte heute einen alten Freund zu sich znm Abendessen geladen und hätte um diese Zeit schon wieder daheim sein sollen. Die Haushälterin hatte es ihm bei seinem Fortgehen noch eingeschärft, pünktlich heimznkonrmen, da der junge Puter nicht über die Zeit schmoren dürfe. Nun schlich es sich schon wie köstlicher Bratenduft in das vorahnende Gemüt des wohlbeleibten Herrn.
Noch eine! Aber er nahm sich zusammen und machte geduldig das Kreuzeszeichen auch über dieses überzählige, verspätete Beichtkind. Möchte sie es kurz machen!
Fintje aber machte es nicht kurz. Sie sah von dem Priester nichts, nur fühlte sie durch das Holzgitter seine Nähe, die ihr andächtige Schauer ins Herz jagte, als ob der liebe Gott selbst ihr sein Ohr leihe. Denn zu Gott redete sie ja. Treuherzig und ausführlich wie ein ge- Wissenhaftes Kind beichtete sie ihr gairzes bisheriges Leben herunter.
Der Beichwater hörte ihr beklommen zu. Da er die große Jugend des Mädchengesichts nicht deutlich zu erkennen vermochte durch das Gitter, befürchtete er, die Beichte werde bis in die Nacht hinein dauern, wenn die Beichtende fortfahre, ihr Leben mit dieser Ausführlichkeit weiter zu schildern. Doch jetzt war sie schon bei dem Punkte angelangt, bei dam die beichtenden Mädchen alle in ihrer flüssigen Rade stockten und leiser flüsterten: ..Weil ich ihn so lieb hatte ..."
. Die alte Geschichte. Unzähligamal hatte der Priaster die tränenreiche innige Beteuerung schon vernommen. So wollten sich die törichten kleinen Mädchen immer berausreden: Weil ich ihn so liab hatte I Als er noch jung und voll Eifer war, hatte eS ihm immer in die Gecke gegriffen, und er hatte Fragen gestellt voll brennenden Mitleids, menschlich neugierige Fragen, vetzt war er längst abgestumpft und unbestechlich ruhig
geworden, wie sich's für einen Priester geziemte. ES ist immer dieselbe Geschichte, und er hat dieselben Ant- Worten und Mahnungen immer bereit.
„Du hast, meine arme Tochter, gesündigt gegen das Gebot der Keuschheit. Du hast mit deinem Leben ein Ärgernis gegeben deinen Mitmenschen. Du hast die leitende Hand der Kirche verlassen. Du hast Gott be- leidigt und die christliche Kirche. Bereuen mußt du und gutmachen. Die Schätze, die du dir auf sündigem Wege erworben hast, sollst du znm Opfer bringen."
,,Mon pöre, ich besitze feine Schätze mehr", flüsterte Finfles gebrochene Stimme. „Nur was ich am Leibe trage und das Büchlein in meiner Tasche gehört mir zu eigen." ^
»Zeig mir >das Büchlein", verlangte der Priester Und tftntie reichte ihm das Testamentchen durch das kleine Schiebfenster hinein.
Der Prickter schüttelte den Kopf.
„Hast du viel darin gelesen?"
„Ich habe nichts darin gelesen, man pfcre, als die Namen auf dam ersten Blatt."
„Es ist gut, meine Tochter. Das Büchlein ist nicht für Laren geschrieben. Ich werde es dir gegen eins rin- serer Gebetbücher Umtauschen."
. „Mein Buch? Sie wollen mir mein Buch nicht wiedergeben?"
Fintje vergaß den Ort, an dem sie kniete, und di« ^anze Fererlrchkeit des Augenblicks. Laut, mit erregter Stimme hatte sie die Frage getan.
„Geben Sie mir mein'Buch zurück, bitte, man pfcre, es ist mir sehr lieb!"
..Warum dieser Eifer? Du bekommst das Buch nicht zurück, es ginge wider mein Gewissen, dir das Büchlein der Ketzer wieder in die Hand zu geben."
„Ich will aber mein Buch wieder haben!" rief Fintje hart und grell. Sie wußte auf einmal, wie ihrer Groß- mutter zumute gckvesen sein mußte, als sie ihr das Haus, das «doch ihr Eigentum war, abrissen „Geben Sie nur das Buch! Ich hab's in Ehren geschenkt be- kommen, es ist linetn Eigentum! Das Buch will ich wie- der haben, monsieur I« cur<5", schrie sie böse. „Alles andere können Sie dafür bchalten, meine ganze Selig- keit meinetwegen, aber mein Buch, das will ich zurück haben!"
Die weiße glatte Priestevhand reichte das Testament Durch die Lucke zurück. Die Andächtigen .waren aufmerk- sam geworden durch FintjeS rmheUiges Gekreisch und sahen newgtmg zu dem Beichtstuhl herüber. Der Priester zog die Stirn kraus.
„Geh jetzt! Verstockt lind eigensinnig bist «dir, keine Sühnende und Bereuende! Ich kann dir die Absolution nicht erteflen. Geh hin und bessere dich."
Ehe sie noch anfgestanden war, trat der Priester schon aus dam Beichtstuhl heraus und ging Mer die Stein- fliesen eiligen Schrittes in die Sakristei
er
Fintje starrte ihm mit brennenden Äugen nach, wie ko schnell auLschritt. Daß ihn die Stbla umflattert«.
