Einzelbild herunterladen
 

Nr. 68.

Dienstag, 21. Marz.

1916.

i*-- g j Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. Br '-" ->

£ 14 . Fortsetzung.)

Eine ErzMung cuS Lom alten Brüssel von »lara HohraA

Nachdruck verböte».!

Blumen verweWen und schöne Kleider verblassen, und hie Liebe verwöhnter junger Herren erkaltet schnell. Im vornehmen Brüssel sicht die Liche wohl feiner und liebenswürdiger aus als die. die m den engen Gassen >des Quartier des Marolles zu Hause ist. Aber ob diese Liebe nickst ehrlicher und treuer ist? Ob die armen IVLarolliens, dre Oomke nach seinem Buche die Elenden nannte, nicht noch bessere und glücklichere Herzen hatten als die Reichen und Vornehmen? Wie ist sie doch schon so alt und nüchtern geworden, daß sie wieder nach dem Kurückverlangt. was ihr früher wie ein düsteres Gefäng­nis erschienen ist. daß sie schon weiß: es gibt gar kein Märchenland, kein Glück und keine reine unvergängliche Liebe. O, beinahe so klug wie ihre Großmutter ist sie schon! Das verdankt sie Renä, der hat sie das alles ge­lehrt. Wenn sie ihn nicht so lieb gehabt hätte, sie müßte ihm wohl noch dankbar sein sür diese guten Lebens» lehren. Aber sie hat ihn zu lieb gehabt! Er dagegen hat wohl nur Spaß gehabt an ihrer naiven Treuherzig­keit und ihrem kindischen Entzücken an all denn Schönen, das er chr schenkte und zeigte. Denn so lange sie ihm noch neu und belustigend war. hatte er sie unermüdlich ausgeführt, überall hin, wonach chr der Sinn gestanden hatte. Und fiir das Palais b’@td war sie ihm sogar zu schade gewesen. Ach, damals war sie so jung und dumm gewesen und hatte in seine Worte einen herrlichen, solchen Sinn gelegt. Jetzt wußte sie ganz genau, daß auch da nur das eitle Selbstgefühl aus chm gesprochen hatte. Zu schade war sie ja für einen wichen Ort nur, weil sie sein Eigentum war. Nicht weil er sie mit der tiefen Liebe liebte, die schützend die Hände über die Ge­liebte breitet, deren Reinheit chm heilig ist. So hat sie nur einer geliebt, dem sie damals töricht gezürnt hot wegen seiner kühlen Zurückhaltung. Jan l'Grand, dem war sie in Wahrheit zu schade gewesen. „Ich habe-dich lieb", hatte er ihr gaaniwwrtet, und hatte sie nicht mit sich genommen, wie sie gebeten hatte, und hatte chr die verlangenden Lippen nicht geküßt. Fleur de Marie batte er sie genannt. Jetzt ist sie belesen genug, des Namens Bedeutung zu verstehen. Ja, wäre sie nur in ihrer düsteren Gortenecke geblieben, die avme Fleur de Marie, aber sie hatte in den Sonnenschein hinaus ge­wollt, und der versengt so kleine Schattenblüten. Nun Ist sie heimatlos, nichts gehört chr mehr von den Dingen um sie her, nicht der Teppich, auf dem sie liegt, nicht das Kleid an chrem Leibe und nicht der Hund, in dessen weiches Fell sie chr heißes, tränennasses Gesicht wühlt.

,^Ja, Jim, du gehörst chm auch, und eines Tages, wenn du chm lästig wirst, wird er dich verkaufen, und dann wirst du todunglücklich sein, weil du chm gut bist tn deinem treuen Hundsherzen. O. warum ist er immer gut und freundlich gegen uns gewesen, warum hat er unS nur gestreichelt? O, hätte er unS lieber geschlagen und getreten, Jim, daß wir beizeiten verlernt hätten, khn zu lieben!

Aber sie will nicht warten, bis er sÄbst kommt und ihr mit beleidigenden Vorschlägen die letzte bitterste

Schnwch antut. Sie will gehen, heute noch, Renä wird' froh sein, wenn er kommt, um: seinem Vogel die Käfig- tür zu öffnen, diesen schon entflogen zu finden. So er­spart sie chm jede Mühe und peinliche Unannehmlichkeit und gibt ihn frei für seine Frau. Für die Fremde, die rhn nicht lieben kann wie sie, die ihren Renä gar nicht kennt, und die doch fortan alle Rechte auf ihn hat. Sie aber, die ihn lieb hat, wird sich wegschleichen. Kleine Mädchen müssen stark sein, o, so stark, sagte die Groß- mirtter danials, als sie um Mieten weinte und vor Schmerz glaubte vergehen zu müssen, weil etwas so Entsetzliches im Leben Vorkommen konnte. Nun hat das Leben chr selb,st die schwerste Last auf die Schultern gelegt, und sie muß aufstehen damit und sich davonschleichen. Aber erst muß sie das seidene Kleid ausziehen. Oben auf dem Boden in einer Kiste stecken die alten Lmnpen rioch, in denen sie Rens zum erstenmal begegnet ist. Die wird sie wieder anzichen, b-enn die gehören ihr. Ja die und bö§ kleine schwarze Buch, das Jan l'Grand ihr ge­schenkt hat, das gehört chr auch.

Fintje stand mühsam auf. Gebeugt ging sie aus dem Zimmer, ohne sich umzusehen. „Kleine Mädchen müssen standhaft sein."

Siebentes.Kapitel.

Wo sollte sich Fintje hinwenden? Das Laben war noch lang. Unbewußt hatten ihre müden Schritte sie in der Richtung nach dem Quartier des Ddarolles, chrer alten Hermat, getragen.

Wer sie getraute sich nicht heim. Sie hatten nie Mitleid gchabt mit der armen Nelleke Perle Aiirour, die vom Quartier des Marolles.

„Geschieht ihr recht, der chrlosen Dirne, warum hat sie sich dem Reichen verkauft!" schrien sie.

In ihrem Buche stand der Name von Jans Mutter. „Wenn du in Not kommst, geh zu meiner Mutter, die wird dich nicht abweisen", hatte Jan ihr gesagt. Wer sic schämte sich vor Jans Mutter. Nein, zu der vor­nehmen Dame, die sie mit klugen, fragenden Augen cm- schauen würde, zu der konnte sie nicht gchen. Das konnte sie nicht.

Bor ihr lag das Volkshaus. Hoch und schmucklos. Da hinein gingen die Menden, die Unzufrisdenen, alle, die schwer am Leben trugen, alle, die einen Groll im Herzen hatten. Da drin hingen die schrecklichen Bil­der, die Menschen mit den verhungerten Gesichtern, den sterbenden Weibern und Kindern. Als Kind hatte sie voll Wscheu von ihnen weggesehen. Jetzt war sie schon klüger geworden und würde die Bilder voll verstehenden Mitleids ansehen. Und der große Christuskopf würde ihr keine Märchenerscheinung mehr bedeuten, und eS würde sie nicht länger wundernehmen, daß er mit so ernsten, traurigen Augen in die Walt sah. DaS Volks- hauS war für die Armen, di« Unterdrückten, die Hilfs­bedürftigen errichtet: wenn sie hoffen konnte, hwenfcSDO freundliches Erbarmen zu finden, fo war es gewiß hier. Und der Portier würde sich chrer erinnern, er hatte sich immer fteundlich gezeigt, wenn sie mit Oomke kam.