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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.

***. 65. Zreitag» 17. März. 1916.

111. Fortsetzung.)

Eine Erzählung ouS Siem allen

Wenn ich dir über nun morgen abend wieder Onan­ien abkaufen mochte?"

Dann otn ich ,morgen wieder zu dieser Zeit Hier am Platze!"

Gut, dann also ans Wiedersehen, kleine Hexe."

Auf.morgen, Vdossieu, und schönen Dank."

Vergnügt steckte Fintje -das Silberstück ein, er wollte eS nicht gawechsalt haben, der großmütige Herr. Kein Wunder, daß er so nobel war, wo er ja eine so ausfallende Ähnlichkeit l>atte mit 5>;m vornehmen, edlen, guten Herrn, den sie lieb gehabt hatte.

Nun konnte sie heim zur Großmutter, nun stimmte ihre Kasse mit ememiiual. Und morgen abend würde sie wieder ein prosltlrches Geschäft ablchließcn mit die­sem neuen spendablen Kunden und würde die liebe Stimnne wieder hören, Jans Stimme!

Wend für Abend traf-m sich die beiden jetzt an der- selben Stelle. Die gingen ein immer längeres Stück Wegs miteinander. Auf Fintje übte die wohltuende Stimme des Fremden immer noch denselben Zauber aus. Aber sin Fremder war er chr ja nicht mehr: er kannte ihr ganzes bisheriges Heben, all ihr Denken, Trachte!:, Hoffen, wußte, daß sie Fintje d'el Trap hieß und im Pouchenellekeller der Windengasse zu Hause war.

Und sie wußte auch viel von ihin: sie wußte, daß er Nen6 mit Vornamen hreß und »in seiner, reicher, freundlicher Herr war. der sie, die magere, unansehnliche Kellerratte, hübsch und liebenswert sand.

- * *

Es herrschte laute Aufregung im Pouchenellekeller. Fintje war am Morgen ohne ihren Orangenkorb fort- giLiXindert und nicht niehr zurückgekommen. Aus dem Lager der Großmutter aber hatte ein Zettel gelegen, mit ungelenken großen Buchstaben beschrieben:

Sorgt Euch nicht um mich, ich werde es fortan schpn und gut haben. fintje."

Die Hexe war .mit dem Zettel in Oaankes Zimmer gegangen und hatte ihn da hohnlack>enid aus den Tisch geworfen.

Und Pnppenonkelchen hatte über dem Lesen dis Farbe gewechselt und sich dann lang-sam mrfgerichtet.

Ich wende gehen und sie tuchen und wieder heim bringen", hatte er gesagt.

Da hatte dir Here ihn schallend ansgelacht.

Sie suchen m der großen Stadt? Und wenn im sie auch fändest, meinst du denn, sie würde dir gehorsam nach Hanse folgen wie ein entlaufenes Hündlem? Die sicht dich nicht an, die kennt dich ,ncht mehr, die stolze Dirne, die lacht dir ins Gesicht! Die hat sich einem Neichen verkauft, da kannsi du Gift draus nchnren, sie ist sine dml Trap! Und mich gcht sie künftig nichts mohr an, ich kenne diese ehrlose Dirne nicht länger, sie ist nicht von meinem Blut. Latz He laufen, rat ich dir!"

Aber Oomke ging still hinaus, denn ec dachte anders als die harte Fvau.

Und^wie am Abend die Vorstellung der Marionet­ten über die Bühne gchen sollte tan Pouchenellekeller,

(Nachdruck verboten.!

Brüssel von Klara Höhrath.

'War Oomke noch nicht zurück von seiner Wanderung durch Brüssels lange Straßen. Nach einer gefühlvollen, entsckMldigenldsn Ansprache Papa Toones erhielten die Komödienbssncher ihren Cent herausbrzalhlt. Sie dräng­ten sich aber gutmütig alle in die Schoirke, um bei einem Glase gemütlich, die Neuigkeit vom >geheimnisvollen Verschwinden der kleinen Kellerrate zu besprechen. Und Papa Toone machte an diesem Abend noch nnerwarte) gute Geschäfte.

* o *

Es sind keine Blumen mehr auf der GraMe Placi und keine Dixmjchen mehr im Innern der Stadt zu sehen. Blumen und Menschen sind ausgeivair.dert nach den breiten, stolzen, bäiimebestandenen Boulevards, di« als grüner Gürtel das alte Brüssel umzicchm. Hier stehen die Memchen gedrängt, Kopf an Kopf, mit ge- reckte.nr Hals und schaulustigen Augen. Stur der breit« Fahrweg ist frei gehalten. Auf ihm tummeln sich dis Blmnen, alle Blmnen der Grande Place, alle Blumen aus Brüssels gartenveichen Vororten, Blumen weit her- gereist aus südlichen Ländern, Blmnen in schwülen Treibhäusern erblüht, schlichte Wald- und Feldblumen. Da drehen sie sich, bunt wie Feuerwerk, in unablässigen stressen: das sind die Fahrräder. Nun kommen dis Wagen. Länger noch recken sich die Hälise, denn di« Wagen, die sind das Schönste des Blumenkorbs. Da ziehen schwankende Nosenlauben vorüber, »uahnüber» wucherte Strolchütten, bunte GhrysanthementempÄ. Muscheln aus weißen Narzisi-n gewoben, Baldachine von Schleiern blasser Syringen :ioeryänat, und unter den Blnniendächern und tn den Lauben Menschenolüten. Kinder und Frauen, znm großen Teil schön imd lieblich wie die Blmnen die sie unikränzvn. Und zwilchen den reichen Märchenwazen rasseln naive Bauernsuh-Werke, voll,gesteckt mit ganzen Familien, als einzigen Schmuck einen derben Blumenstrauß an den Laternen. Die rufen vergnügtes Gelächter wach in den Reihen der Schaulustigen, besonders unter den Marolliens. Denn >di« Btarollisns sind auch aekomnEn, die Blmnen, die sic bester ans den Namen ihrer elenden Gassen als ans der WnMchikeit kennen, anzustaunen. Die Marolliens schauen sich trunken an dieser duftenden Blumcnargie.

Sie geben ihrer Bewunderung in ungenierten Rufen Ausdruck.

Ah, da seht Herl Und was dort hinten kommt! Ah, die großen, roten Rosen! Und jetzt! Der weiße Wagen, der hat den ersten Preis! Seht doch!" Sie recken sich auk den Zechen in die Höhe, um den preisgekrönten, weißen Feenwagen besser zu sahen. Der ist der schönste! Der hat den Preis verdient!

Ein langschweifiger, milchweißer Araber, von einem beflügelten Amor, einem schlanken, zierlichen, blonden Knaben geritten, zieht voll tänzelnder Grazie einen gan- zen Wald sich wiegender Orchideen daher. Die zart- siirhencn Blüteudolden beben und schiwanken in der blauen Sammerluft. die goldene Junisonne lugt flim­mernd hinein in diesen zitternden BlütenwaLd. Aus

Zinlje.