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Donnerstag, 16. März 1916.
Kbenö-ausgabe.
Nr. 128. . 64. Jahrgang.
Der Rücktritt der Staatssekretärs v. Tirpitz.
, W.T.-B. Berlin, 15. März. (Amtlich.) Wie wrr hören, hat der Staatssekretär des Reichs- marincamtes, Großadmiral v. Tirpitz, seinen Abschied eingereicht. Zu seinem Nachfolger ist der Admiral v. Capelle in Aussicht genommen.
* * *
Der Name des Großadmirals v. Tirpitz wird für alle Zeit in der Geschichte unserer Flotts nä>en idemjeni- gen unseres Kaisers, der das Wort „Deutschlands Liukunst liegt auf dem Wasser" prägte, an erster Stelle stehen als der des Organisators eines systematischen deutschen Flottenbaues. Der Rücktritt dieses Mannes, der mit seiner erfolgreichsten Lebensarbeit die deutsche Marine sozusagen verkörperte, wird nicht nur in der Flotte selber, sondern überall im ganzen Lande und in allen Kreisen und Parteien das aufrichtigste Bedauern erwecken. Es ist wirklich ein ganzer Mann, eine der wenigen st a rk e n Persönlichkeiten nach Bismarck gewesen, der jetzt aus dem Amte geht, nachdem er am 24. April des vorigen Jahres sein 50jähriges Dienstjubilärmk feiern konnte und fast 19 Jahre — seit dem 15. Juni 1897 — an der Spitze des Reichsmarineamts gestanden hat! Wer hätte es diesem Manne nicht von ganzem Herzen gewünscht, daß er in dem siegreichen Frieden, den wir alle mit festester Zuversicht uns sicher wissen und an dessen Erringung die deutsche Flotte, ihren Schwesterwaffen in Leistungen und Heldentaten edertbürtig, ihren Anteil haben wird, die Krönung seines Lebenswerkes noch als verantwortlicher Leiter seines Amtes selbst hätte mitschaffen helfen können. Es ist nun leider anders gekommen. Nachdem am Montagabend die Nach- richt von der Erkrankung des Staatssekretärs v. Tirpitz von dem offiziösen Pressebure.au verbreitet wurde, ist ihr — manchem wohl schon nicht mehr als eine Überraschung und doch allzu bedauerlich — die Nachricht von dem endgültigen Rücktritt des Herrn v. Tirpitz und seiner Ersetzung durch seinen langjährigen hervorragenden Mitarbeiter, den kürzlich zur Disposition gestellten Admiral v. Capelle, gefolgt. Vorher ging die gestrige offiziöse BeruhiguilgserkLrung gegenüber der- breitetw Gerüchteil in die Welt, daß eine Verzögerung oder ein Unterlassen des Unterseebootskrieges, wie sie befürchtet wunde, nicht in Betracht komme, dieser vielmchr im vollen Gange sei. Angesichts dieser Erklärung und da ohnehin die Erörterung der eigentlichen Kernfrage außer unserem Bereiche ist, in der jedenfalls die weit überwiegende Volksstimmung hinter den Vertretern des allerschärfstenVor- g ehelis gegen England steht, haben wir uns bis zu den Erörterungen, die kommen werden, wenn die jetzigen Vorgänge Geschichte geworden sein werden, daran zir halten, daß die Ursache des Rücktritts des Herrn von Tirpitz seine Erkrankung fft. Wir alle hoffen, daß der verdiente Staatsmann sich bald erbolen wird, unb daß der nunmehr bald 67jährige an seinem Lebensabend noch recht lange des unauslöschlichen Dankes sich wird ffeuen können, der ihm gebührt.
Am 19. März 1849 als Sohn des Appellations- rates Tirpitz inKüstrin geboren, trat Alfred v.Tirpitz am 24. April 1865 als Kadett in die damals noch preußische Marine ein. Seine Beförderung zum Kapitänleutnant erfolgte zehn Jahre später, am 18. November 1875, Korvettenkapitän wurde er im September 1881, Kapitän zur See ^am 24. November 1888, Kontreaidmival im Dlaj 1896, Vizeadmiral im Dezember 1899, Admiral cm 14. November 1903 und Großadmiral zu Kaisers Geburtstag im Jahre 1911. Nachdem er bereits in den Jahren 1890 bis 1892 Ehef des Stabes des Oftiseestatron und von 1892 bis 1895 Chef des Stabes des Oberkommandos der Marine sowie 1896 und 1897 Chef der Kreuzerdivision gewesen war und dort seine glänzende Begabung in jeder Werse in den Dienst 'der Flotten- velbesierung gestellt hatte, erfolgte am 15. Juni 1897 selne Ernennung zum Staatssekretär des "-eichsmarineamts und am 28. März 1898 die rmli preußischen Staatsminister. Am 12. Juni 1900 louvde Tirpitz in den erblichen A d e l s st a n d erhoben, und er erhielt am 27. Januar 1907 den Schwarzen Adlerocden, 1912 die Brillanten zu diesem Orden. Im -vchhre 1908 wurde er ins Herrenhaus berufen.
Die Entwicklung der deutschen Flotte — und der Name -Vwpitz smd in den letzten achtzehn Jahren unzertrenn- klw miteinander verbunden gewesen. Durch die Flotten- novelle von 1897 schuf er die Grundlage zu dem Ausbau der Flotte nach einem auf eine Reihe von Jahren festgesetzten Bauplan, das Flottengesetz vom 14. Juni 1900 hat dailn diesen Bauplan erweitert und ein Programm ffir den Ausbau der Flotte bis zum Jahre 1917 festgc- ian’ wurde es inzwischen durch die Novelle von
1907, in der die Lebensdauer der Linienschiffe und Kreuzer aus 20 Jahre herabgesetzt wurde, und die>^>-
1„12,^ in der dieBildung eines dritten ÄtivenGeschwod ers vorgesehen wurde, ferner eine ansehnliche Vermehrung der Unterseeboote und die Anschaffung von LuftslWfen, die m diesem Kriege bereits wahre Wunder gewirkt haben. Durch ruhige Sachlichkeit, Gewandtheit im parlamentarischen Verkehr hat Tirpitz es verstanden, Äe umfassende Vermehrung der Flotte ohne .allzu schwierige Kämpfe durchzusetzen. Er wußte sich allenthalben, auch auf der Linken, Freunde zu erwerben und sich selbst mit der Opposition gut zu stellen. Dabei hat er nicht, mit Mitteln der Schönrederei, sondern mit eindringlichster Sachlichkeit für seine Pläne geworben.
Am 24. April v. I. war ein halbes Jahrhundert verflossen, seitdem er der deutschen Flotte angehörte. Länger als irgend ein anderer preußischer Minister oder deutscher Staatssekretär hat v. Tirpitz an der Spitze des Reichsmarineamts gestanden und er war der erste Seemann, der als aktiver Admiral sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern konrile. Unter Tirpitz ist die deutsche Flotte zur zweitgrößten der Welt empor- gewachsen und Deutschlands Seemacht hat in diesem Kriege nicht nur den Gegner in Schranken gehalten, der sie im ersten Ansilirm zu vernichten gedachte, son- dern ihm auch empfindliche Schläge versetzt. Mit Stolz blickt deshalb das deutsche Volk auf diesen Mann, der noch mitten im Weltengetümmel aus seineinl Amte scheidet, um künftig der Zurückgezogenheit zu leben. Was er für die deutsche Flotte und für Deutschlands Ansehen aus dem Meere getan hat, wird ihm Denffch- land und die Geschichte nie vergessen!
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Aus der deutschen Presse.
L- Berlin, 16. Marz. (Gig. Meldung. Zens. Mn.) Der Rücktritt des Staatssekretärs v. Tirpitz hat in Berlin, wie gewiß überall im Reiche, lebhaftes Bedauern hervor- gerufen. Die Nachricht von der Erkrankung des Staatssekretärs, den man aus Spaziergängen sehen konnte, wurde wegen ihrer Form allgemein <-*8 der Vorbote des Rücktritts aufgefaßt. Es bleibt der gufcinft Vorbehalten, über drose Verabschiedung", wie die „Germania" deu Rücktritt nennt, die Beweggründe näher auseinander zu legen. Nachdem des Staatssekretärs angebliche Wünsche eine Zeitlang von eifrigeir Politikern und Zeitungsleuten in Änem ihm selbst wohl nicht immer ganz genehmen Sinne verfochten und so vielleicht ein Mißverständnis zwischen verschiedenen Ämtern geschaffen worden war. hat heute nur die Gegenpartei das Wort. — Mit aller Dsutlichkesi schreibt Theodor Wolfs im „D. T": Es handelt sich, wie schon wiederholt gesagt wurde, bei den Forderungen der Führer schärfster Unterseebootsgegner keineswegs um Durchführung des verschärften Handelskrieges und Torpedierung der bswaffneten Handelsschiffe, die in der Denkschrift angekündigt und von jedermann in DeutMand gebilligt wurde und, wie eben erst wieder gegenüoer falschen Gerüchten eine amtliche Erklärung besagt^ keine Unterbrechung und keine Milderung erleiden soll. Diejenigen, die eine so eigenartige Agitation begannen und so viel Lärm in die Reihen brachten, verlangen etwas ganz anderes: sie wollen das unbegrenzte, uneingeschränkte, wahllose, gegen jede Neutralität und jede SchiffSart aerichtetc Torpedieren, und für diesen Plan arbeiten sie mit jedem Mittel, das ihnen zur Verfügung stand. Neben überzeugten Männern und Enthusiasten scharen sich um diesen Plan manche, die ihre frühere Haltung in der Untcrseebootfcage vergessen machen wollen. . . . Wir alauben, das; gerade in der Frage, die man mit so großer Erregtheit und oft mit unschöner Begleitmusik in die Öffentlichkeit geworfen hat, die Reichsregierung mit der Obersten Heevesführung sich einig weiß und naturgemäß ihre Beweggründe nicht aus allen Fenstern hinausrufen kann, sie das volle Vertrauen des Volkes verdient. — Dte „Deutsche Tagrsztg." schreibt: Eine ein- gehende Würdigung der Amtstätigkeit des Großadmirals von Tirpitz, dessen Scheiden von seinem gewaltigen Werk vom ganzen deutschen Volke das schmerzlichste Bedauern erregt, behalten tnir uns vor. Zu einer Besprechung serii.es Abschiedes Mlen wir ums zurzeit nicht in der Lage.
Der neue Staatssekretär Admiral v. Capelle.
I-. Berlin, 16. März. (Eig. Meldung. Zeus. Bin.) über den in Aussicht genommenen neuen Staatssekretär Admiral v. Eapelle erfahren wir. daß der Admiral, als er um November v. I. aus dem aktiven Dienst ausschicd, tatsächlich sehr leidend war und daß der damalige illücktritt tatsächlich und unbestritten aus G e s u no h e i l S r ü ck si ch t e n erfolgte. Man würde sich sehr freuen, aus der Einwilligung des Admirals, das hohe Verantwortliche Amt anzatreieii, schließen zu können, daß er seine volle Arbeitskraff wicder- gefunden hat. Die „Boss. Ztz." schreibt. Der in Aussicht genommene Staatssekretär ist der Braun, der seit vielen Jahren als die rechte Hand von Tirpitz galt und wohl nicht mit Unrecht als der Mitschöpfer der deutschen Flotte genannt wird: Admiral Eduard v. Capelle Einen 67jährigen ersetzt ein Mann von 6 0 Jahren. Fast alle Vorlagen, die mit den letzten Flottengeschen in Zusammenhang stehen, sind unter der Leitung des Herrn v. Capelle ausgöavbeitet worden. Im Reichstag galt ec als der besondere Vertraute vom Tirpitz, ohne den der Staatssekretär kaum je den parlamentarischen Verhandlungen beiwohnte. Allgemein wurde ihm beSüalb ein starker Einfluß auf die ganze neue EnLv.ickÜM
in der Murine zugeschrieben. Um so mehr überrascht w« nian, als er Anfang November v. I. au§ dem aktiven Dienj ausMed. Daß seine hervorragende Sachckenntnrs deq Vaterlande in dieser schweren Zeit nicht fehlen durfte und de, oberste Kriegsherr seinen RÄ nicht mtsien will, zeigt jetzt seine.'Berufung als Nachfolger eines Tirpitz.
Oie Lage im Westen.
Oer jüngste deutsche Erfolg.
A. u. M. In dem zähen und erbitterten Ringen, das sich aus.der Nordsroirt der Festung Verdun abspielt und an denk Infanterie und Artillerie in gleicher Weise beteiligt sind, ist nach^ längerem, erfolgreich durchgesührten Geschützkamps den deutschen Truppen ein neuer Erfolg beschieden gewesen, durch den sich ihre Stellung auf dem westlichen Maas- ufer zwischen diesem Flusse und dem Ostrand des Argonner- waldes bedeutend verstärkt und gebessert hat. Bisher hatten sich die Deutschen in mehrtäsigem erbittertem Kampfe des Waldes von Cum i er es und des Rabenwaldes bemächtigt und auch die letzten feindlichen Abteilungen, die sich noch im diesen Waldstücken gehalten hatten, vertrieben. Vom Westrand des Rabenwaldes aus brachen nun schlesische Regimenter vor und stürmten einen etwa Iss» bis 2 Kilometer westlich gelegenen Höhenzug, der als „Toter Manti" bezeichnet wird, ein .Höhenzug. der das Vorgelän-e weithin beherrscht und deshalb auch für die Weiterführung des Kamvses von enffcheidender Bedeutung ist. Von der neu eroberten Stellung senkt sich .das Gelände nach allen Seiten hin ab und kann nunmehr von den deutschen vordersten Truppen unter wirksames Feuer genommen werden. Dies gilt besonders von der Gegend der Ortschaft C u m i e r e §, die im Wdaas- tale selbst gelegen ist, und von dem nördlich gelegeiien Dorf Beihincourt, das bisher noch immer von den Franzosen gehalten ist, das aber jetzt von drei Seiten aus umfaßt und unter Feuer genommen werden kann. Das erfolgreiche Vor- gehen der deutschen Infanterie wcrr auch nur möglich, nachdem die Stellung durch das wirkungsvolle deutsche Geschütz- feuer sturmreif gemacht worden war. Mir können darin also ein weiteres erfreuliches Zeichen von der guten Wirkung erkennen, d'-e die deutsche SCrtiUecie in der vorhergegangenen Zeit gehabt hat. Daraus läßt sich schließen, daß eine ähnliche Wirkung auch auf den anderen Abschnitten erreicht wird, wo augenblicklich, wie der deutsche Heeresbericht wngrbt, die beiden Artillerien noch heftig und erbittert miteinander ringen. Msher ist .die feindliche Artillerie aber noch nicht völlig niedergekffnpst. Dies zeigt sich auch darin, daß in den andeeen Abschnitten von einem weiteren Vorgehen der deutschen Infanterie noch nicht die Rede war.
Der Vorstost auf die Höhe „Toter Mann".
Genf, 16. März. (Jens. Bln.) Das Hauptergebnis des Dienstagnarhmittags, die amtlich zugestandene Verdrängung der Franzosen durch deuffche Infanterie auf dem für die links- ufrige Gesamtaktian weitaus wichtigsten Abfchmtr zwischen Beihincourt und Mort H o m m e wird von einer Haibasnote wie folgt gedeutet: Die Deutschen zielen darauf aö. unsere Mort-Hommr- und DovrrvS-Batterien zum Schweige» zu bringen, weil da« die wichtigste Voraussetzung ihres beabsichtigten Zenträlvorstvßes von der Cöte Poivrc aus ist. deren Zugänge tarn den Geschossen der erwähnten links- usrigeu Batterien erreicht wurden. Übrigens sei auch ein konzentrischer Angriff gegen die Gesamtheit der fr-rnzüsischen Stellungen liicht ausgeschtossen. Dies bnveise, daß man in -dem französischen Hauptquartier über die ausreichende Befestigung der jüngsten deutschen GÄändcereberung an beiden DöaaSufern einschließlich des Waevre-Gebietes keiner Täuschung sich mehr'hingibt Die Ergebnisse der seit Beginn der Woche erheblich gesteigerten Verdungefahr veranbißten Senator Huinbert, im „Journal" offen .auszusprechen, daß rascheste HTfe seiten? .der Verbündeten dringend geboten sei.
W. T.-B. Paris, 16. März. (Nichtamtlich.) J:n fraaazö- si'chen Tagesbericht heißt es über den neuesten deutschen Vorstoß : Westlich der Maas verdoppel:e sich die heftige Beschießung mit großkalibrigen Granaten auf unsere Stellungen bei Beihincourt und Cumtöres. Am Nachmittag entwickelten die Deutschen einen sehr starken Angriff in diesem Abschnitt, der jedoch auf der ganzen Front unter ernsten Verlusten zurückg-wiesen >ou-aä>e. Nur an zwei Punkten unserer Gräben zwischen Dethincourt unb Mort Homme vermochte der Feind Fuß zu fassen. Östlich der Maas und in der Woevre war die Artillerietätigkeit während des übrigen Tages sehr lebhaft; kleine Jnfanterie- unternehmuugen. Nördlich St. Mihiel haben unsere Batterien wichtige Lager des Feindes im Wälde van Haudicourt beschossen und eine große Feuersbrunst auf dem Bahnhof und den Niedeolaigen von La Marche in der Woevre hervorgerufeu.
Havas über den „Toten Mann".
Rotterdam, 16. März. (Zeus. Bln.) Über die Schlacht bei Verdun verbreitet HavaS folgende Meldung: Nach drei ganzen Tagen der Ruhe wurde die Offensive vor Lerdun wieder ausgenommen mii verdoppelter Heftigkeit. Am Dienstag begann somit der dritte Mt der Schlacht. Wie die Artillerieaktionen vom Montag es vor- aussehen ließen, konzentrierte sich die ganze Anstrengung des Feindes westlich der Maas auf unsere enge Front von 4 bis 8 Kilometer, die längs der Straße von Beryüiconrt n ch CumiLr-es geht, und zwar vor dem Mort Komme. Dies«.
