Der Ho
ii ==j i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 62.
Dienstag» 14. März.
1916 .
IW. Fortsrdmrg.)
Zintje.
Cine Erzählung «ns fcem alten Brüssel von Klara Höhrath,
lRachdruck verboten.1
Der Pottckjenellekeller war bis auf ixen letzten Watz oefiiat. Papa Leone hatte Reklame gemacht wt Quar- tier des Marolles für Äe Prewrerr seines Sohnes. Denn Las Strick, das heute abend über die kleine Buhne gehen sollte, war das Werk seines Sohnes Näete.
Wie Ui ihrer Kinderzeit hockte Fintje neben der Hexe auf der kleinen Estrade. Ihre Augen schrnnnerten in gespannter EAvartring, ihr bangte, ab den Leuten OonkkeS Stück gefallen würde, denn es war anders als die Stücke, die i»n!t hier gespickt wurden. Arme, natürliche Men'chen waren Lemkes Helden. Keine Könige „nd Prinzessinnen. Und noch eine weitere kühne Nem- rnna hatte er getroffen: di? Marionetten bezeichuetm ihren Rairg nichr mehr wie bisher durch ihre körperliche Grötzenversckncdcnheit, sondern standen einander glowi in der Größe, als seien sie all« miteinander Diirch- t'chnittsmcnschen. auch der reirhe Graf, Nellekes Der- sichrer Denn Nelle Perle Aniour wir die Heidin de^ Stücks, Oomke hatte das bekannte Lied seinmi Texte zu- gründe gelegt.
Nun ging der Vorhang ans.
Da bewegten sich die Marionetten in einer engen Gasse, schlecht gekleidet wie das Publikum selbst, und sprachen im Dialekt -der Marolliens.
Ern Murren entstand int Pubkrknm. Hatten sie drr- siir ihren Cent bezahlt, ihresgleichen zu sehen? Purpur- Mäntel und wallende Soidengswander wollten fre schm, -und hochtrabende Worte wollten sie Horen fitr ihr Geld!
Fintje wurde es bang runs Herz.
„Großmutter, bring sie zur Ruhe! Laß das Murren ,i'»cht an stammen! Sie müssen Horen, sie müssen.
Sre hörten auch endlich zu. Sie lachten über ein baut derbe Witze Pilse Lamms. Der !oar dm meisten ja sthon aus dem Liede bekannt, ldiaser brave, edelmütige
^ Und Nelleke Perle Amour. was das doch für,eine schUkme Katze war, rmd verführerisch dazu mit ihrer weichen Schmeichelstmune. Aber dumm! Wie konnte sie dem Grafen nur glauben, der chr so sck-one Dünge hob der Liebe sagtet Einem Reichen glauben!
„Relleke, fall' nicht rein", schrie eine wohlmeinende Warnerstimule ans dein Priibliknin. Aber die zierliche MÄe ans der Bühne hörte nicht darauf.
Und lvie der Vorhang wieder aufging, stolzierte Nelle tu -Samt und Seide einher. Hoch trug sie den Kopf, rrnd sie grüßte ihre Mutter nicht, die bettelnd am Wege stand.
Wenn nun das starke Trahtgitter Nicht gewesen rre, lwärde die kleine Nelle von wüterrden Fäusten zer- gen worden sein.
„Wlli, schäm dich, du! Respekt vor der Mutter, f>u Dirne!"
Dw Here hob drohend die Gerte. Aber Fintje fiel Thr in dm Äpm.
„Laß sie doch schreien, Großmutter, laß sie, laß sie! Sie sollen schreien! Es ist schon so. sie sollen toben!"
Sie war erregt, als habe sie salbst das Stück verfaßt, und sie hatte dock) nur das seidene Kleid der klcinm Nell» genäht. Von Madame Gckrard hatte sie sich den schillern« den Seidönrest erbettelt.
Sie kannte das Stück >chon, Oamke hatte es chr vor« igcklos-en. Aber nun mußte, sie doch schluchzen, al-Z hört« sie es ziuii erstenmal, das traurige Schicksal der armen törichten Nelleke Perle Amonr.
Verlassen! Verlassen mit ihrem Kind sitzt sie da» Wo ist er nun, ihr reicher Graf? Ja, wo ist er? *
Das Publikum lacht intb höhnt.
„Wo steckt er, dein Reicher? Au, au, Nelleke!"
Ta kam Piste, der schöne Sergeant, mit dem Ehren, kreuz auf der Brust.
1)a t'n eukaut sü'i'ui l’monpferel
„Bravo! Hurra! Hoch Piste!"
Was will die -Stute der Hexe? Kann sie all dl» Köpfe auf einmal treffen? Kann sie ein brandende» Meer zur Ruhe zwingen? Sie jauchzen und toben, die aufgeregten Marolliens: „Piste, heraus!" „Oomke. das Puppenonkekchen, soll zu uns herauSkommen." „Unser Dichter heraus!" So schrien sie bunt durcheinander und Fintje kreischte mit: „Oonste raus! Oomke, OonÄe!"
Ta erschien, er, hoch oben in der Lust schwebend. Der große, schlanke Jan trug den kleinen Oomke au| seinen Schultern herein.
„Hoch unser Dichter!"
Sie wollten ihn in die Schenkstiibe haben, sie tvoll- ten ichn einen Fefttrank geben.
Er stand auf einoni der Tische, der kleine Stücke- schierber, imd Mann für Manil defilierte vorüber und schüttelte ihm die Hand. .
.Da höhnte sich Fintje mit Hilfe ihrer spitzen Ellbogen enten Weg durch die Leute. Mit einem Sprunge stand sie auf denn Sstchle bei dvnt Tische des Gefeierten und schlang beide Arme rnn den Hals des schmächtigen Helden und küßte ihn vor aller Atdgen.
Oomke wurde blaß und rot und sah plötzlich d,e Hände nicht mehr, die sich ihm noch entgiegenstreckten. Er stieg eklig von seinem Tische herunter, als schwindele ihn da oben. Bei -den anderen in der Reihe am Tisch« wollte er niin fitzen und sich zutrinken lassen und froh, sich sein.
Papa Toone stand hinter dmr Schenktitsche, wo er Faro verzapfte und die Schnapsgläser füllte, tlber sein timdes, rotes Gesicht liefen glitzernde Tränen, und er achtete es nicht, wie sie ihin langsaut in seine Gläser hiueintropsten. Ein Lonstic -aber, der ihn eine Weil» beobachtet halte, rief laut: „Seht, Papa Tonne versauert uns da in aller Stille sein Gebräu mit seinem salzigen Augenwasser I" ^ t
„Das wird euer Bier nicht bitter micichen , ggH der Alte schlagfertig zurück. „Das ist pure Freude, dte da hineintvvpft, süß wie Honig. Hier! Eigentlich sollt icb's euch teurer anrcchnm!"
Und lpchend holten sie ihre GWer bei dem glücklichen Theaterdirektor, dem Vater des Dichters, ab.
