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i r-- Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, st .rt i

Nr. 61. Sonntag, 12. MLrz. 1916.

17. Fortsetzung.)

Zintje.

lNachdruck Verbote«.!

Eine «Erzählung «aus dem alten Brüssel von Klara Hohratg.

Di« aber, die ihre Maschine dicht neben der Fintjes sichen hatte, war Miete, die Hübscheste, Stillste und Sanf­teste von ihnen allen, Miete, die sich Fintje znr Freun­din auserkoren hatte. , ,

Eintönig vasistten die Maschinen, die glatte Seide hangle sich an die warmen Hände der Mädchen sest. l'nd die jungen Augen, die in dem trüben Halbdunkel der Ctichlinie imverrückt folgen sollten, brannten. Oft Witterten die Finger der Arbeiterinnen vor Ungeduld. Der scharfe Eisensgeruch, der nranchmal ans der benach­barten Küche in das Atelier strömte, erregte dir jungen, immer hungrigen Geschöpfe. Doch ob sie auch das Fenster weit aufrissen, immer stand da der Kamin und verwehrte neidisch Luft und Licht den Eingang.

Oft sangen sie. Am häufigsten ein Liedchen vom Frühling und von der Liebe.

Sans amour la vie n’cst qne mlsfcre — Sans »mour — sans amour — sangen sie alle zusammen, die verhaltenen Mädchenstimmen zitterten mit scheuem Flügelschlag über dom lärmenden Treiben der gleich­gültigen geschäftigen Maschinen.

Mit ihrem trägen Gang schwankte die «dicke Madame Gäravd zwischen dam Atelier und dem Enrpfangszitmner hin und her. Sie war eine echte Marollienne, wenn­gleich eine Vornahme, reiche. Das seine Wallonenköpf­chen thronte fremdartig über dem allzu üppigen Körper der Flamländerln. Mir künstlerischem Naffinement frisiert umrahmte das schwarze Haar in gebauschten Wellen ihr junges, schönes Gesicht.

Sie ging in leichter, weißer, spitzsngarnierter Bluse und «wsißleinenem Unterroch einher, denn ihren: blühen­den Fett war inaner zu heiß, und einen Kleidcrvock trug sie nur Sonntags auf der Straße. Nachlässig bauschte sie vor ihren Kunden die schillernden Seidenstoffe zur Auswahl aus und «schrieb träge die Maße auf. Sie svußte, «daß es ihr an Bestellungen nie fehlen würde. Ihr Haus arbeitete zu gut und zu «billig, schon ihre Mutter hatte «das Geschäft zu seinem jetzigen Ruf gebracht. Und nebenan arbeiteten fleißig ihre Mädchen, die ganz jun- hen umsonst, «die älteren st'ir geringen Lohn, Und dazu verdiente arrch rroch ihr Mann, der Schlosser, «der unter Madames Räumen «seine Werkstatt hatte.

Hier rrnd da kam er einmal herauf ins Atelier. Die gebückt sitzeuderr Arbeiterinnen richteten sich unwillkür­lich gerade auf, wenn sie feine Schnitte die Treppe bevaufkommen hörten. In ihrem Weiberinstinkt fuhren sie geschwind «mit ordnender Hand über die Haare, und in «den arbeits-matten Augen glühte neues, funkelndes Leben «auf. Trat «der Schlosser unter die Tür, hoben sie glle «die Köpfe, sogar die bucklige, kleine Bellüke bemühte sich, eine gefälligere Pose, anzunohinen. Denn sie waren alle arme gefangene kleine Vögel, denen nach Sonne «und Liebe verlangte in ihrem dmnpfen Arbeitsrarim, jUnd die es schon dankbar empfanden, wenn die Tür ein­mal aufging, und ein Abgesandter des Löbens, ein Mann «unter sie trat, und wenn'S auch nur ein schwarz- berußter Schlosser War, nur der spärlich verdienend««; Gatte der viel verdienenden Patrynm. - -

„Run, immer fleißig, ihr Mädchen?" fragte rege!» mäßig der Schlosser, indem er sich «lauernd mnjah. Hatte ei sich van der Abwesenheit Mädames überzeugt, trat er hinter den Stuhl eines der Mädchen und kniff es «mit der göschwärzten Hand in die Backe oder tätschelte ihr licbevoll Hals und Avm. „Run, Kleine, hast du denn schon einen Liebhaber, he?"

Darauf gab ihm das Mädchen eine kecke Antwort, oder es kicherte oder errötete verschämt, je nach dem Temperament. Der «Schlosser machte keinen Unterschied. Er trat einmal zu dieser, dann zu jener. Wenn aber Madame hereinkam, erbot er sich tu aller Höflichkeit von ihr den Kellerschlüssel und verschwand wieder. Dann senkten sich die «sechs Köpfe, und langsam trat in «den jungen Gesichtern die frühere Müdigkeit wieder zutage. Weiter schlichen «die Stunden, «bis die rostige Wanduhr endlich «das Zeichen zum Feierabend gab. Dann packten sie zusammen, «die einen hastig, die anderen langsam, zögernd, «denn nicht alle kehrten gern aus dem düsteren Atelier in ihr Heim zurück. Für manche bedeutete «die» «ieS sitzende Arbeiten an der Maschine ein Äusruhen und Feieriaghalten.

Die letzte «von allen, die die stelle Treppe in Madam» «GLvards Harts hinunter kam, war immer Mieke. Trotz­dem «wartete «das eilige, unruhige Fintje Dag für Tag geduldig auf die stille Freundin «mit dem sanften «Madonnengosicht. Sie hatten ein und denselben Wegj, «denn Wieke wohnte auch in eitrer Jmpasse «der Hoog, siraat, in «deirr engen, übelriechendan Roten Röschengang. Die «Mädchen hatten sich nie den Kopf darüber zcr» brachen, wie der düstere Schlirpfwinkel armier Lmnpen- santinrler ztt dem lieblichen N«atnen gekomtnen fein «mochte. Sie erfreuten sich ja alle «der duftigsten, poeti­schen Bezeichnungen, die tinsauberen Höhlen und Gang« des Quartier des Marolles. Das klang wie Notschrei entbehrender, in Schmutz und Avmit versinkende» Menschheit: Palmen-, Kamelien-, Blauveiläzengangk Der Sirenengang, die Gasse des Gebets, des Hcfligen Geistes! Fintje selbst wohnte sa inr Windengvng. Wur­den aber sind leichte, feine, wehende Sommerblume.nl

Arm in Artn schleuderten die jungen Marolliennei) die Hoogstraat hinauf. Langsam: ging Meke, als eil« es ihr «nicht, heimzukommen: das s«chöue Gesicht hielt sie beharrlich gesenkt. Fitrtjes Augen «dagegen suchten hung­rig feie spärlichen Himmels«flscken, die gleich hellen Vor­hängen «die kurzer: Seitengassen «der Hoogstraat ab­schlossen. Mieke aber mochte in diese lichten Hitnjmsls- auSschnitte nicht hineinschen, weil in jeden: ein großer, dräuender Schatten stand: der Justizpalast. Wie ehr« übernatürliche, düstere Erscheinung ragte er in den farbenfrohen Aoendhimmel hinein.

Miele hatte einen großen Bruder, der viele Nacht« ausiwärts zubrachte, und wenn er enrmal heitn«k«a<tst, meist ei:re größere «Sunchne «Geldes mi!«bra«chte, ohschon >cr nirgends in Arbeit st«rnd. Der Stiefvater schrat« nicht, «woher das Geld käme, und die Mutter mich nicht, sie waren alle froh «darMer, Aber eine böse AhmM sagte es Mieken, eines Tages werde der Bruder ti#