Morgeu.Vtilage -er wierbsöener Tagblattr.
Nr. 60 . _ _ Samstag» II. Marz. 1916.
IB. FortsetzunsJ
Sin« ErMlurig «ul ®em alten Brüssel von Klara Höhrath.
INachdruck verboten.1
jSonntagnachmittag im Quartier des Marolles.
Niamanü in den Häusern. Nur Hie -Schenken sitzen gedrängt voll. Die alten Leute, «die Kränklichen und «die Weiber sonnen sich vor ihren Häusern, schmatzen «und tauchen. .
Die Burschen mit ihren Schätzen und «die jüngeren Ghepaare sind «mit Kind und Kegel ausgewogen aufs Land, vor die Stadt hinaus. Nicht mehr nach der Berte Ulleke wie in alten Zeiten, aber hinüber durch lange gepflasterte Straßen nach „Ucl?" und dem „Fort Jacot", wo gute Wirtshäuser ihnen winken, wo sie in Wald und Feld die «Modcrluft städtischer Armut aus Haar und Meldern lüsten. Paarweise und in ganzen Gruppen gjehen sie aus. Erstaunlich ist es anzusehen, wie leicht Lse «dm grauen Alltag abzuschütteln gewußt haben, wie fig plötzlich wohlhabenden Bürgern zum Verwechseln ghnlich sehen, diese armen Marolliens, ioenn sie im hellen Sonnenschein des Sonntagnachmittags auszieihwr auf die Jagd nach dem Vergnügen.
Sogar den in sich gekehrten Oonrke wollte es heute picht in der Stube dulden. Er löschte die Lampe aus, die ihm die Seiten seines Buches mit ihrem gelben, prüden Alltagslicht beleuchtet hatte. Draußen schien die Sonne, draußen Ipar es Sonntag.
Oomke stülpte seine Schülermütze auf und zählte «die wenigen Sous aus seiner Tasche.
Wenn er «das Fintje Mitnahme. was würde «das für verzückte Gesichter «schneiden! Und «das Geld reichte eben für zwei.
Auf der alten Bank vor dem .Hanse saß die Hexe aus dem Pouchenellekeller und ließ sich von der Sonne be- scheinen. Nismaud saß bei ihr. Wer von den Weibern der Windengasse hätte neben der unheiiulichen Alten fitzen.mögen, Me nichts Dom Schwatzen, nichts.vom Bergungen hielt, die gleich von Menschen und Dingen die kosen Seiten sah, keine Freude am LÄ>en «hatte und ihren starren Willen nie «beugen wollte, nicht einmal vor dem lieben Gott!
Auch Fintje hatte nicht bei «der Großmutter ansge- halben. Sie «stand an der Ecke des Wiudsngangs und der Hoogstmat und drehte den Kopf «bald nach links, bald n«ach reclsiS. .Die Kameradinnen waren alle auf und davon. Sie sprangen und tanzten wohl hinter irgendeiner MusiLbairde her, die zu erlauschen sie versäumt hatte. Eben wollte sie auf gut Glück die Hoogstvaat hinunterrennen, da hörte sie Qomkes Stimme.
,^Fintje, willst du mit?"
„Wohin?"
„dda, in «den „Jardin rompu", ins «Konzert."
,Hch in den „Jardin rompu"? Ich?"
Sie kreischte laut auf in ihronr freudigen Schreck. f „O du!" rief sie begeistert und warf beide Arme HäMke um den Hals und küßte in das blasse Kmcken- tzesicht, wo es eben hintraf.
»Laß «doch!" wehrte dieser unwillig und schob sie tzastrg von sich, wobei er mn sich schielte, «ob er auch keine
Zuschauer bei dem unecwarteien Überfall gehabt «hätte. „Benimm «dich doch anständig", mahnte er leise.
«Aber Fintjes Freu«de ließ sich so schnell nicht «dämpfen. Während sie nun strahlenden Auges neben ihm her, tänzelte, packte sie ihn Plötzlich mir Arm und sagte: „Du, Oomke, halt dich recht gerade, streck dich ein bißchen, daß du «ansistehst wie eiin Erwachsener, ich bin auch nicht «mehr so gar klein, «da «halten sie uns am Ende für Liebesleute im „Jardin rompu" und sagen: „Ach, «da kommt wieder einer mit seinem Schatz." Och!" Und Fintje kreischte wieder ebenso laut und ausgelassen ans lvie vorhin.
In «der alten Wirtschaft zum „Jardin rompu" spielte ein vollständiges Musikorchester vom Hellen Mittag bis in die halbe Nacht hinein fiic fünf Franken. Und die Dsprolliens «hießen dieses lärmende Gedudel Konzert, saßen vor ihren Gläsern und waren guter Dinge.
Oomke und Fintje -aber waren von allen wohl die wenigst geschwätzigen, die andächtig sion Zuhörer. Untz sie hielten lange aus vor ihren zwei leeren Gläsern, bis die Lampen angezündct wurden, und die Gesellschaft intimer wurde, und alles zusammenrncktü um einen großen Tisch.
Süsse Pcperkoek wollte jetzt ein Lied vortragen, er sprgng auf «den Tisch und reckte die kurze, schmächtige G-estalt. Auch Oomke und Fintje waren aufgestanden und drängten sich naher zu dem Tisch. Mit erstaunlich «kräftiger Stimme begann der Kleine auf dem Tisch sein Lied:
Pitje Lamin voyait volotiers Nelle,
Tous les dimanehes ’y z’alliont fair’un tour;
De tout’ les fill’ eile Statt la plis belle . . .
On l’appelait: Nelleke Perle Amour!
Mo l’pir ’de ca Nelleke Statt kiSre,
Pitje Lamin c’etait qu’un pouv’ gargon . . .
Y savait pas r’habiller es’ma obere,
Pou la jeuness’ c’est un’ fameus’ lecon . . .
WaS gemeint sei «mit dieser kameus' lo^on, verstanden die Hörer nicht, aber «der Name Nelleke Perle Amour gefiel und rief ein Lächeln auch aus den stumpf, sinnigsten Gesichtern wach.
Un rieb'gaillard tont proch’ dans s’voisinage,
A Perl’ Amour donnait des liards plein s’malu, Alours es’ coeur y s’a mit en voyage . . .
Eil’ voulait plis del’ pouv’Pitje Lamin Mainzell ft c’t’heur’elle Statt bien trop kiSre,
Eli’ duvait et’el ma eher’ d’in baron . . .
Eli’ oürait pas mem’ dit bonjour ä s’mere;
Pou la jeuness’ c’est un’ fameus’ Iegon . . .
Das Lächeln war erstorben. Verächtlich «sahen si« einander an: „Das ist eine, «btirfc Stolze, pfui!"
VM l’pouv’Lamin dans des tribels affaires,
Y veut s’ fair’mort, y veut toujours 9’nier,
V1Ä qui s’ r’engag’ dedans les militaires.
' Y disail: lä j’ pourrai tout r’oublier . . .
Deux ans plis tard, Nelle n’etait plis kiöre,
Parc’que s’richard. es’&zrand l"4ch’ de arbon,
Avec un p’tit la plantara dans fmiglte . . .
Pou la jeuness’ c’est un* fametfä’ lefön . t
