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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i» "-^ ai

nr, 67. Mittwoch, 8. März._1916.

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Eine Erzählung aus Dem alten Brüssel von Klara HohratT

.Mo ein Kind!" sagte Jakke, und die beiden faxten sich imter den Arm, um sich gegenseitig «men Hallt zu

^M^Musik sp teilte, die Burschen gröhlten, die Mäd­chen kreischten. Don der altersgrauen Eglt,e de la Ehapelle hallten zwei dröhnende Schlage: Haid Zehn.

Wir kommen noch reckst". sagte Jefke beruhigt.

Wir wollen siirgen", schlug Jakke vor; doch als wolle ihnen kein passendes Lied oinsallen, blrcben sie auch weiterhin stunim. So taumelten sie müde hermwartS ach ben stilleren, reineren Straßen, nach dein schweig- samen Harste des Alters mit fernem großen, unerditt- lichen Eingangstor.

Die rosa Papirernelksn batten sie eingebüßt.

Und plötzlich schluchzte der alte Loustrc auf: .^efle, das verfluchte Hospiz, ich mag nicht wieder hinein.

Du hast zuviel Faro im Leib, Jakke, nun redest du Unsinn, Ikmmn nur weiter!" sagte der gemütliche Flam­länder beruhigend. . . . »

Mer Jakkes Stimmung war, nun einmal rns Weinerliche umgeschlagen, und er jammerte werter.

Nun ist es aus mit der Kirmes, sie schlagen bas schwere Tivr hinter mir zu, und ich sitz für ünmer drin ,n dem stillen Haus und hör und sch nichts »nehr. Es ist Hort, so mit lebendigem Herzen ins Grab zu gehen, so von der Kirmes weg, Jefke!" ^

Komm nur weiter, Jakke, es rst Zeit, zu spät dür fen wir nicht kommen, es gibt noch eine warme Suppe zur Macht!"

* *

Es sollte des alten Marolliens letzter Kivmesbefnckj

bleiben. .. ^

Zwei Monate später schon trugen sie einen Sarg aus dern Greifenhospiz und hoben ihn auf den Leichenwagen. Die alten Hausgenossen gingen alle mit,'-unentgeltlich. Sie hatten zUsammengelogt, um dom lustigen Jakke des Dlarolles einen Kranz zu spenden, einen großen, mit weißen Blumen und einer Schleife mit Goldrrstchrstt:

, Heute du und morgen wir! Ihrem lieben Freunde pm Tröste die Alten des Grestenhospizes."

Mitten in der gebeugten Greisenschar schritt auch Fintje hinter dem Sarge des Großvaters her. Sie hatte ein schwarzes Tüchlein um den Kopf gchunden, das ihr schmales Kindergosicht noch bleicher machte. Sie schaute unverwandt mil großen, heißhungrigen Augen nach dem Nlefenkranze mit den schneeweißen Blumen, der auf dem Lotenwagen prangte, und grämte sich heimlich, daß der Großvater feinen Kranz mckst niehr sehen konnte. Er hatte ihr immer so große Zuckerherzan geschenkt, der schöne, lustige, alte Großvater!

Mo, nun lauf beim." befahlen die Alten dem Kinds lNaöö der kurzen Feier auf dem Kirchhof.

Und Fintje lief zurück in ihr schmutziges Viertel zu der häßlichen Großmutter, die jetzt ihre einzige Wer- wanddschaft ausmachte. Die Großnrutter aber schenkte jhr keinen Heller für die Kirmes!

Zweites Kapitel.

Fintje ging nun zwar zur Schule, doch kam sie gern zu spät zu den Unterrichtsstunden, und sehr oft kam sie gar nicht. ^ .

Auf regelmäßigen Schulbesuch wurde bei der Keinen .Kellerrate nicht streng gehalten. Und Fintze liebte das Stillsitzen auf der Schulbank nicht. Lieber noch saß sie beim Näele in dessen bunter Stube, die immer voller res>araturb'edürftiger Mar'wnetten lag. Näeles Stube tuar das Lazarett des hölzernen siomödiantenvolkeS. Aist dein Kamin, auf der Kleiderkiste, auf, der Bank lagen die Könige, die Musikanten und die Zigeuner herum. Und Näele selbst saß hinter dem Tisch und schnitt Kronen aus Gold Papier und nähte Kleider und klebte zerbrochene Glieder zusammen. Er war fünf Jahre älier als Fintje, beinahe schon eiwachsen, ober Kein, schief und blaß; sie hießen ihn Oomke, den MLarionnetten-Lomke, .das Puppenonkelchen, so wie sie Toone den Pnvpenpapa nannten. Papa Doone ließ bei den Ausführungen die männlichen Wesen sprechen, nd Qoinke, sein Söhn, die weiblichen mit hoher, feiner, rührender Stimme. Er besuchte eine Realschule, Papa Toone verdiente genügend an seineni Theater, daß er das teure Schulgeld bezahlen konnte. Er hoffte, es tvebde sich löhnen, er hegte die Überzeugung, aus diesem stillen, tiefsinnigen Jungen könnte wohl einmal ein Dichter werden, wenn er niir die nötige Bildung dazu erworben hätte. Und Oonvke selb-st glaubte heimlich auch, er könne es eininal dahin bringen, neue Stücke für seine Marionetten zil dichten.

In Oomlkes Stube, die nur ein kleines Fenster halte, das auf eine Mauer hinaussah, die dem Licht den Ein­gang verwahrte brannte auch hei Tage, sobald er Von der Schule zurück war, eine grün umschrrmtc Petroleum­lampe auf dem Tisch. Das verlieh dem kleinen 3taum etwas seltsam Trauliches.

Wenn Fintje' nach wildem Umhertollen mit den Kindern der Nachbarschaft von der schiiutzigen Gasse hereingestürint kam in die Stube, wo still die Lampe brannte und ihren warmen Lichtkranz über die Tisch­platte warf, auf der die bunten, hölzernen «Menschen- Kuder, das Flittergold und die Farbentöpfchen zerstreut umherstanden uird lagen und einen Hellen Schein auch über das ernste, kränkliche Knäbengesicht und über die mageren, vorsichtig arbeitenden Hände des Puppen­doktors breitete, da blieb sie immer erst tief aufatmend unter der Tür.flehen und ging dann auf den Zehen­spitzen zu ihrem Platz am Tisch, und das Wetterleuchten in ihren Augen wandelte sich langsam in einen stillen, träumerischen Glanz. ^ ,,

Oomke sah Frntze gern bei sich am Tisch, er fchob chr inimer die angsnohirrften Arbeiten zu. Sie durfte der Königin die goldene Papierkrone auf die. glatte weiße Stirn kleben, sie durfte tgm niedlichen Schafermädchen den Hirtenstab vergolden und Wer den kahlen Schädel des Hanswursts, desPouchenellekeller". die neu« Schellenkappe mit ben klingenden Möckchen stresten.