■ - > Morgen-Beilage des Wiesbadener Lagblatts. l
Nr. 56. Dienstag, 7. März. 1916.
18. Fortsetzung.!
Zintje.
Eine ErzaUung aus Dem alten Brüssel von Klar« Hol,rat?.
(Nachdruck verboten.!
Jakke lüftete den roten Vorhang, und alle 'drei schlüpften in den verräucherten, düstren Raum. Langsam erst erkannten sie durch den betäubenden Lärm und iKauch die kreisenden Paare und die anspruchslose Musikkapelle, die auf dem Tisch in der Ecke thronte: eine horn- ^ blasende Frau, ein geioender Mann und ein kleiner !Junge, der mit vergnügtem Grinsen seine brüllende Pauke bearbeitete.
,/Ziehst du, wie sie die Mädchen Mvenken, Jefke? Das ist großartig, da ist Schwung drin. Und der Gestank von Bier und Tabak und Staub, wie gilt das schmeckt, das verstehst du gar nicht, Jeske, du bist in der neuen Vorstadt geboren! Setzt euch daher auf die Bank, Kinder, jetzt zahl ich euch einen Krug Faro, jetzt sollt ihr vergnügt werden."
Roze-Poltjes Farobier war süß und steigerte, den Durst auf das angenehmste. Die drei ließen "sichs schmecken. Sie saßen reckt ini Dunklen auf ihrer Bank, als bescheidene Zuschauer.
Mer JMe tvar Eingckborener. Er kannte die Melodie, die die Frau in abgebrochenen Dissonanzen aus ihrein Klapphorn schmetterte, und er kannte den Schritt und Tritt des Tanzes. Faro, Rauch und die kreisende Bewegung stiegen dem alten Loustic zu Kopf. Mit den Füßen, die in glänzend gewichsten Hospizschuhen steckten, begann er den Takt zu treten. Dicht schwenkten die Ware an den Zuschauern vorüber, lautlos austretend, da sie die .Holzschuhe unter den Bänken stehen batten. Nur die Mädchen kreischten zuweilen gellend auf, und die Burschen g rohsten zur Musik.
Jakke stand auf und breitete begeistert die Anne aus. Anfänglich begniigte er sich tarnt, sich langsam einsam um sich selbst zu drehen, Wverstampsenden Trittes. Dann aber haschte er nach einen: Mädchen, das am Arm seines Burschen an ihm vorüberstrcifte, „Kamm, JÄM-ferchen, her zu mir."
DaS Mädchen kreischte lachend aus, der Bursche fluchte.
„Alter Starr, tvas sicht dich an?"
„Ich tanze besser als ihr Jungen alle", erklärte Jakke selbstbewußt und drehte stch iueiter in: Solotanz. Die Musik hatte aufgehört zu spielen, aufdringlich Kapper- len seine Msätze in die eingetretene Stille hinein.
,/Scht ihn an. den Asten, er hat Stiefel an und einen schlvarzen Tuchrock, es ist ein Mossieu! Es ist keiner der Unseren. Was will der hier? Wir tvollen unter uns sein. Eingeschmuggelt hat er sich, der Aristo, der Mossieu!"
Sogleich wurde vereinzeltes Zischen und Pfeifen laut. „Ein Mossieu! Ein Mossieu!"
Jakke stand still. Verwirrt nich empört. Nun hätte tzr sprechen und stch answeisen müssen, der alte Marol- Itcn, aber er fand die Worte nicht.
Schon riß ihm ein Slouber (Tunichtgut) die rosa Kapier t:elke aus tan Kir>op stoch, und ein anderer zog Hm das weiße Taschentuch aus dem Rockschoß, «ine ruch- lose Hand faßte sogar nach tan tadellos geftäMen Zenndk ragen.
„Hü! Hü! l'mv88ieu! l'mossieu!"
Doch da sprang Finije auf und drängte sich Zwischen den Großvater und seine Angreifer.'
„Dummheit, Dummheit!" kreischte die hohe, grells Kinderstimme. „Er ist kein Mossieu, er ist mein Großvater. Und mich kennt ihr doch, ihr Dunmieu, ich bin doch das Fintje! Das Fintje aus dom Poiichenette- keller! Das Fintje von der Hexe! Ja. wartet, der jag ichs, wenn ihr nreinen Großvater anrührt, dann schlägt sie euch die Angen aus heute obend."
„Das Fintje! Ja, das ist das Hexenjimge, da; Fintje, die Kellcrratte", bestätigten viele Stimmten.
Über den Lärm war die Wirtin berbeigekommen, «in zahnloses, häßliäjes, altes Weib. Sie sckstug die runzligen Hände über den Kopf zusammen: .„Herr Jesses, Maria und Joseph, der Jtrkke ist es! Der lustige Jakke d'cck Trap."
„Jawohl, der Jakke", bestätigte der Umringte, der endlich seine Sprache wiederfand. „Der bin ich. Ich bin gekommen, um mit euch Kinnes zu feiern, aber ihr bereitet mir einen schönen Empfang, ihr MaroMenS! Nur Noze-Poltje hat mich erkannt. Nur die kleine Rose Hat kluge Augen int Kops und ein gutes Gedächtnis." Als sähe er die häßlichen Spuren nicht, die die Zeit ihr in das einst schöne Gesicht gegraben hatte, nickte er dem alten Weibe bewundernd und vertraulich zu.
„Roze-Postje, du hast früher viel mit mir getanzt, willst du jetzt noch einmal —" es kaut plötzlich eine selt- saitne Rührung über Jakke. „Musik!" sagte er nur noch abgebrochen, und er itickie tan Orchester austnnn- ternd ztt.
Ja, Roze-Postje wollte lvohl. _
Ein großes Gelächter brach los, alle wichen zur Seite, jmt den beiden Stilen Platz ztt machen. Schmetternd setzte die Musik wieder ein mit oinsnt Übermaß von Begeisterung. Jakke d'el Trap und Roze-Postje um* faßten sich und tanztet: langsam und kunstgerecht.
Fintje war auf lden Musikantentisch geklettert, tun einen freieren Ausblick zu gewinnen. Sie saß nun neben dem paukenschlagcnden Jungen ttnd hielt sich die Seiten vor Lachen. -Schrill und nnver'chämt durchschnitt dieses Kinderlochen ben Lärm des Orchesters. Zu lustig wollte Fintje der Slnblick scheinen, tote da -der Großvater das häßliche, aste Weib hernmdrehte.
Btlld hatten die jungen Paare das Zusehen satt, sie faßten sich wieder und tanzten tut: die Alten herum und vergaßen diese über sich selbst. -Gesteigerte Wärme, trunketre Genußsucht lagerte in der dunstigen Atmosphäre der Schenke. Die Ausgelassenheit begann in Zügellosigkeit auszuarten.
Das äste Paar toiute längst nicht mehr.
Der Matniänder hatte sich in seiner fwmHeu Ecke klüglich still gehalten, ein Glas Faro un:s andere gesunken und war dann friedlich eingeschlpimmert.
,Sollen wir nicht endlich gehen, Großvater? Bei uns im Pouchenellekeller ist doch Frohe Mstvorstellung. heute, Großvater?'^
