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Dienstag, 7. März 1916.

Morgen - Ausgabe.

Nr. IN. . 64. Jahrgang.

Oer Krieg.

Fast völlig unterbrochene Kampftätigkeit an der italienischen Front.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht,

W.T.-B. Wien, 6. März. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 6. März, mittags:

Russischer und südöstlicher Kriegsschauplatz.

Nichts Neues.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Kampftätrgkeit ist seit mehreren Tagen durch außergewöhnlich starke Niederschläge, im Gebirge auch durch Lawinengefahr, fast völlig aufgehoben.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Oie Kriegslage bei Verdun.

Von General d. Inf. z. D. v. Blume.

Berlin, 4. März.

Am 22. v. M. griffen starke 'deutsche Kräfte .den Teil der großen französischen Verteidigungsstellung an, -der nördlich der Festung Verdun, etwa 15 Kilometer von deren Kern entfernt, auf dem rechten Maasufer von Confenvoye. ostwärts nach Azannes verlief. Der von unserer Obersten Heeresleitung am folgenden Tage bekanntgegebene Zweck des Angriffs war, eine für uns unbequeme Einwirkung des Feindes auf unsere Ver- bindungen im nördlichen Teile der Woevre zu «be­seitigen. Der Erfolg des Angriffs war so durch­schlagend, daß er schon am zweiten Tage über dieses Ziel hinaus, am vierten Tage aber bis in die nur etwa 7 Kilometer von den: Festungskern entfernte Linie E hampneuvrlle- Lo uv emo n t-Fort D o uau- mvnt führte. Das letztgenannte Festungsfvrt wurde von den unaufhaltsam vorwärtsstürmenden Märkern erdbert. 'Daran schloß sich am folgenden Tage die Er­stürmung der östlich jenes Forts liegenden ausgedchn- tcn Befestigungsanlagen von Hardaumont, auf dom rechten Flügel die Vertreibung der Franzosen von der Cüte de Talu. In diesen Kämpfen gelangten mehr als 15 000 unverwundete Gefangene (inzwifchen hat sich die Zahl der unvevwundeten Gefangenen bekanntlich be­reits auf 20 000 erhöht. Schristl.) sowie 78 Geschütze und zahlreiches Material des Feindes in die Hände un- lerer siegreichen Trirppvn. Auch in der Woev r e find inzwischen die llnsrigen gegen die auf «der Qstseite von Verdun befindliche Verteidigungslinie der Franzosen ?mn Angriff geschritten. Sie haben den Feind dort gleichfalls aus feinen. Stellungen geworfen, ihn gegen die Cötes Lorrmnes in den letzten Dagieu zurückgetrie­ben und den Fuß des Bergkanmies an einzelnen Stel­len bereits erreicht.

Dom Angriff auf der Nord feite von Verdun mußte jedoch, nachdem er am 26. d. M. bis in die vor­der angegebene Linie gelangt war, seitens >dcr Ober­leitung zunächst Halt geboten werden. -Man war in den Feuerbereich einer der stärksten Festungen ge­raten, die von mindestens einer Armee verteidigt wurde und jederzeit. Verstärkungen erhalten kann. Das Ge­wonnene zusichern, die zahlreich erfolgenden Gegen­angriffe des Feindes abzuwchven und Fürsorge für die durch fünftägige, fchwcre Käinpse ermüdenden Trup­pen zu treffen, war die nächst lieqeiwe Aubfgabe. Wäh­renddessen hatte die 'Oberleitung sich schMssig zu machen, ob sie sich mit dem erzielten Erfolge begnügen solle, oder wie er weiter auszunutzen sei. So nahe vor der Festung ab wartend stehen zu bleiben, wird ihr nicht verlockend erschienen sein, vor einer Festung, deren Besitz zweifellos begehrenswert ist, da er die Kriegslage sowohl in strategischer wie taktischer Hinsicht wesentlich verbessern würde. Aus demselben Grunde ist freilich anzunehmen, -daß der Gegner alles aufbieten wird, um die Festung zu behaupten. Es liegt auf der Hand, -daß ein Angriff auf Verdun, zumal' unter den obwaltenden Verhältnissen, nicht mit so einfachen Mitteln und nicht so schnell zum Ziele sichren kann, wie die melsten unserer Festungsairgreffe in diesem Kriege, lonioern Ä- es a)<lZu «gründlicher Vorbereitung und 1 chrittwei.se n Vorgehens bedürfen roilÄ.

AnderersNts dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß unsere bewährte Oberste Heeresleitung, wenn sie sich auch zunaevst ein bescheideneres Ziel gefetzt hatte, doch durch die jetzt eingetretene Lage nicht überrascht se:n, l^wern mit deren iNöglichkeit, vielleicht sogar mit chrer WaHrschelnllchkctt gerechnet und die ihr ent- sprechenden Vorbereitungen getroffen lxcken wird Die jetzt eingetretene Kampfpause widerspricht dieser Ästrmchme nicht. Sie ist vÄMchr unerläßlich zur

Heranziehung des erforderlichen schweren An­griffsmatertals und zur Vorbereitung seines Gebrauchs. Schon die nächsten Tage werden uns ver­mutlich hierüber Gewißheit 'verschaffen.

Wenn hiernach der Angriff auf Berdun erfolgen sollte, so ist mit.der W.chrschetnlichte:t zu rechnen, «bafe die Geg n c r die Gelegenheit zu einem Angriffsversuch großen Stiles an anderer Stelle benutzen werden. Kleine Unternehmungen, die ihrerseits in diesen letzten Tagen stattgefunden hitben, sollten vielleicht beretts deinselben Zwecke dienen. Aber wenn jener Fall ein- treten sollte, so dürfen wir uns dadurch im: so w e rr i- g e r beunruhigen lassen, als auch mffere Heeresleitung ihn sicherlich im 'voraus erwogen und die Zuversicht hat, daß unsere Kräfte auch für ihn ausreichen.

*

Der wert französischer Nachrichten.

W. T.-B. Berlin, 6. März. (Amtlich.) Der amtliche Be­richt der deutschen Obersten Heeresleitung sagt über die Kämpfe, die am 3. März bei Verdun ftattfanden, folgendes:

Beiderseits der Maas verstärkten die Franzosen ihre Artillerietätigkeit und griffen nach bedeutender Steigerung ihres Feuers das Dorf Douaumont und unsere an­schließenden Linien an. Sie wurden, teilweise im Nahkampf, unter großen Verlusten zurückgeschlagcn und verloren außer­dem wieder über 1000 unverwundete Gefangene." Au der Zuverlässigkeit der amtlichen deutschen Berichterstattung zwei­feln wohl auch die Franzosen nicht. Trotzdem oder vielleicht deshalb werden die deutschen Berichte dem französischen Volk vorenthalten.

Anstatt dessen schildert der offiziöse französische Nachrichtendienst die gleichen Ereignisse in einem am 4. März von Lyon aus verbreiteten Funkspruch, der für das französische Volk und die neutrale Welt bestimmt ist, der man auch die amtliche deutsche Berichterstattung strn zu halten trachtet, mit folgenden Worten:

Das Bestreben der Deutschen, Verdun um jeden Preis erobern zu wollen, kostete ihnen gestern wieder außergewöhn­lich h o h e V e r l u st e. Die Presse stellt fest, daß sie 7 5 0 0 0 Mann Verluste zugeben, dies gibt eine Idee ihrer tat­sächlichen Verluste. Der feindliche Plan, welcher darin besteht, die im Norden der Stadt geschlagene Bresche zu erweitern, um den siegreichen Truppen den Durchzug zu gestatten, scheiterte gestern wiederum gänzlich. 300 bis 400 Meter vor­läufigen Geländegewinns bilden das einzige Ergebnis der letz­ten Tage der Schlacht vor Vcstdun. DerPetit Parisien" schreibt: Bis jetzt ist vom Feind noch kein taktisches Resultat erzielt worden. Der Kampf wird fortgesetzt. Es handelt sich tatsächlich um eine große Schlacht, in der w i r erst einen schwachen Teil unserer Reserven eingesetzt haben. DemMatin" zufolge ergeben sich wertvolle Feststellungen aus dem Verlauf der verflosseuen Tage: 1. hielten wir dem furchtbaren. Feuer stand, das gegen unsere Werke gerichtet wurde, unter Berücksichtigung wechselnden Vorgehens und Zu- rückweichens, das bei einem so heftigen Gefecht stattfindet. Wir behaupteten unsere Linie, ohne zu wanken und ohne dem Feind gegen uns den geringsten Vorteil zu bewahren; 2. ist es unbestreitbar, daß die Deutschen gestern wiederum bedeu­tend höhere Verluste erlitten haben als wir. Auf den bluti­gen Schneefcldern der Höhen von Douaumont wurde die Elite ihrer Bataillone nicdergemetzelt. An gewissen Stellen befanden sich die Leichen so dicht nebeneinander, daß ihnen Platz fehlte, um zu Boden zu sinken. So sind sie aufrecht stehen geblieben, eine grausige Phalanx bildend.

Diese Darstellung überschreitet selbst das bisher üblich gewesene Maß der von dieser Stelle verbreiteten Lügen. Der 3. März war ein Schlachttag, an dem die wütenden Allgriffe der Franzosen unter den schwersten Verlusten und Einbuße von über 1000 unverwundeten Gcfange- n e n zerschellten, während die Deutschen planmäßig keinen Fuß rührten und das Eroberte unter durch­aus erträglichen Verlusten fest behaupteten.

Ein norwegisches vierverbandsfreundliches Urteil über die Lage vor Verdun.

Ehristiania, 6. März. Das vierverbandsfreund­liche BlattTidens Tegn", das bisher die deutschen Erfolge vor Verdun möglichst zu verkleinern versucht hat und vorvorgestern noch schrieb, die Franzosen seien auf einen neuen Angriff vorbereitet, da sic glaubten, die Deutschen wür­den sich nicht mit einer halben Niederlage begnügen, sag: heute in einem Leitartikel über die Ergebnisse der Kämpfe bei Verdun: Daß der-Sieg den Deutschen ge­hört, läßt sich unserer Meinung nach nicht bestreiten, ebenso­wenig wie die Tatsache eines deutschen Geländegewinns von etwa 170 Quadratkilometer, was in Anbetracht der Verhält­nisse an der Wesffront ein ganz bedeutendes Ergeb­nis darstellt. Ebenso ist zweifellos, daß die Deutschen sich durch ihren Vorstoß die Möglichkeit verschafft haben, ein ver­nichtendes Feuer auf die permanenten Be­festig u n g s w e r k c Verduns zu richten, was sich vermut­lich bald zeigen dürfte. Daß sich die Lage, rein taktisch ge­sehen, für die Franzosen gebessert hätte, läßt sich deshalb kaum von jemand behaupten, der das Ganze mit den unbe­einflußten Augen eines Unbeteiligten betrachtet.

Oer vertagte Konflikt.

Nach einer Meldung aus Washington erließ der Präsident eine Erklärung, in der er betonte, daß Pflicht und Interesse des Landes gebieten, in «diesem Kampfe eine unparteiische Stellung ein- zunehmen, wenn auch die A u f r e ch t e r >h a 1 1 u -rr g der Neutralität durch die Halttmg Englands außerordentlich erschwert werde. ^Vorstehende Mel­dung .datiert freilich vom 22. April 1793. Es -handelte sich damals -um «den Krieg zwischen England und Frank- reich, den beiden jetzigen Bundesgenossen. . Präsident Wilson weicht von den Anschauungen fernes Vor­gängers, -des berühmten Präsidenten Washington, ganz mchäblich ab. Zwar hat auch ec offiziell' die Neu­tralität verkündet, aber er legt sie nach seiner Weise aus, «will die Nation zwingen, seiner Auslegung zu fol­gen, und daß es England ist, tvelches in Wahrheit die Äufreckterhaltung der amerikanischen Nentralttät , er­schwert, «will er schon -gar nicht zug-eben. Er behauptet sogar, daß d:e Union kern Recht 'habe, die Waffen- und Munitionsaiusfichr für den Lierverband _ zu verbieten, obwohl gerade die Geschichte der Union die Anschauung Wilsons widerlegt, denn .der anierikanffchei Kongreß bat schon einmal, an: 22. Dezember 1807. unter Präsi­dent Thomas Jefferson, ein solches Ausfuhrverbot in Gestalt der sogenannten Emibargoakte erlassen.

»Heute sind von dein amerikamschen Kongreß solche Beschlüsse schwerlich zu erwarten, wenn es auch an- dererserts trotz allerReuter"-Fälsckungen durchaus noch nicht gesagt ist, 'daß der Kongreß unter Umständen lbereit Lpäre, Herrn Wilson «durch drck und dünn zu fol­gen. Der lffnstand, daß die Beohandlung der Resolu­tion, die sich für den Erlaß einer Warnung vor -der Benutzung bewaffneter Handelsschiffe aus­sprach, auf iinbestinMtte .Zeit vertagt wunde, beweist keineswegs etwas für diese Auffassung, und es ist eine recht durchsichtige Mache, wennReuter" das für einen entscheidenden Sieg des Präsidenten ansgibt. Es wäre librigens ein Pyrvhussteg geiwesen, denn seMtReuter" mutz zugeiben, daß Wilson ihn nur durch die Rück­tritt s ü r o «h u n g erreicht habe. Iliber in Wahr­heit hmrdelt es sich nicht um Sieg oder Nioderlage, son- dern um eine Vertagung -der Entscheidung, und so­gar anrenikanrsche Meldungen stellen fest, daß durch die Bertugung die Streitfrage selbst eher noch mehr ver­wirrt als geklärt wurde. Andererseits müssen wir es auch als unberechtigten Optimismus an­seheu. wenn die Vertagung der Entscheidung in einer von derMln. Ztg." verbreiteten Darstellung als eine Niederlage des Präsidenten hingestellt wird. Tatsache ist jedenfalls, >daß Wilson «dadurch, das der Kongreß jetzt vertagt wurde, zunächst wemgltens ,freie Haud für seine Politik bekamnuen hat, denn der Kongreß ist bis auf weiteres ausgeschaltet. Allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze. Denn wenn die Verfassung der Union dem Präsidenten auch weiten Spielraum bei .der Be­handlung auswärtiger Fragen gewährt, ein Spielraum, der sogar bis zu de,m wiederholt angedrohten Abbruch «der «diplomatischen Bez im singen geht, so hat idoch ü«ber die Frage Krieg oder Frieden, die bisher schrigens nur vomReuter-Bureau" auf die Tagesordnung gefetzt wird, lediglich der Kongreß zu entscheiden.

Ü«ber die Stimmung im: Kongreß, der aus dinu Re- piäsentantenhanse und den: Senat besteht, über sind wir ganz überwiegend durchReuter", also unzureichend, unterrichtet. In Senat stehen den 56 Demokraten der Partei Wilson? 39 Republikaner und ein Prvgressist gegenüber. Im Repräffntantenhaufc ist die Mchvheit -«der Demokraten schwächer; sie Milt 232 Mann, denen 194 Republikaner, 7 Progressisten, 1 Wilder nnd 1 Sozialist gegen übersiehen. Die Dinge liegen aber so. «daß ein Test der DemokMien nicht mehr mit WUon geht, während attdererseits ein Teil der RePuvliLmec sich zu seiner eigenartigen Neutralitätspolitik «bekennt. Uber die wirkliche Verteilung der Kräfte sind wir ganz unzureichend unterrichtet, denn die Angaben sind außer­ordentlich verschieden, je nachdenn sie von den Anhän- gern Wilsons oder der Gegenpartei ausgehen.

Jedenfalls liegen die Dinge io, -daß die Vertagung des Konfliktes praktisch insofern als ein Erfolg im Sinne der Friedenspolitik -anzufoyen ist, da nicht nur die amerikanischen Staatsmänner, sondern auch die öffentliche Meinung der Union, sotvett sie nicht durch eine bestochene Presse gefälscht wird, in die Lage ver­setzt werden, die Beweisstücke der deuffchen Regierung sür die Angriffstaktik der bewaffneten englischen Han- delsfchfffe zu prüfen. Was die britische Regierung als Gegenbeweis ausgibt, ist so dürftig und auch alsbald von feiten der, -deutschen Regierung widerlegt worden, daß es eigentlich als eine Beleidigung der neutralen Mächte erscheint, wenn man sie in einem io durchsichti- gen Lngennetz fangen z» können meint. Trotz alledem wollen wir uns darin keinen Sülhsttäuschmngen hin- geben, «daß wir bei «der fürs erste huMuLgefchabeuen Entcheidimg des Konfliktes mit der Unirm jenfrfoq.