Die Scbulö der §rau Wieöengert.
Eine einfache Gerichte von ISsVwig Rebmann.
(.Nachdruck verboten.)
innenö erhob sich Frau Wiedengert von ihrem einsamen Morgenfrühstuck. -ihre feinen, leicht abwärt- gebogenen Mundwinkel zuckten, um ihre schönen, schmalen Brauen wetterleuchtete es, aber ihre Augen blickten starr, gleich denen einer Nacht-.
i Tastend griff sie ins Slanbwchkorbchen,
das unter der Zeitungsmappe Hing, und begann 'hrwerk in dieser kleinbürgerlich-altmodischen -tukn, vierten Stock einer großstädtischen Mietskaserne wunderlick, genug anmuten mochte.
h batte Zeiten in Frau Wiedengerts Leben gegeben wo sie es sich nicht hätte träuinen lassen, dag sre noch einmal wie eine vermögliche Frau >m netten Morgenrock con amore würde Staubwische,i können, und da'ck barlich empfand sie diese Tätigkeit als wurde. Manchmal schoß ihr die Freude darüber, wie ein blitzendes Fischlein an den lichten Wasserspiegel in das Bereich klaren Denkens. Dann kam etwas Zärtliches m dn unzerstörbare Aninut ihrer Bewegungen, über die sich der selige wiedengart noch nu Bilde aus seinem ovalen Rahmen heraus zu freuen schien, als wolle er wie so oft zu Lebzeiten sagen: „Meine liebe Guste, wenn meine Schülerinnen tm ganzen Lorpus soviel Grazie hatten, wie Du iii einer Fußspitze, wäre ich zufrieden.
Auch heute erwachte sie bei ihrer Hantierung aus dem schweren Grübeln. Das Rascheln des dürren L«r- beerkranzes, den „seine dankbaren Schüler dem guten Wiedengert einst verehrt hatten, gab den Anstoß dazu, wie stolz er ihn heimbrachte! Sr hatte die ^fh^sals- mächte nie gekannt! Frau Wiedengert war als geistig bewegliche Ratur ihrem Gatten stets überlegen gewesen, fc ld, sonst war sie, die Tochter emes alten Grganisteiigeschlechtes, herabgestiegen, als^n Tanz- 4echt- und Anstandslehrer heiratete. Bis zur Tollheit liebte er das bildhübsche, feine Mädchen, das fern vom Llternhause als geschätzte Klavierlehrerm allem nn Leben stand. Und sie erblickte darin einen Wink des Schicksals. Zu gleicher Zeit hielt ein junger Kaufmann um sie an, den sie bevorzugte. Dennoch ,rahm sie den feingescheitelten Taiizlehrer. Sie hatte das Gefühl, daß er durch sein Metier ein Außenseiter sei, der im Notfälle eher Nachsicht üben könne und werde als einer, der einen bürgerlickjen Beruf ausübt. Lm Tanzmeifter hüpft sicherlich leicht über etwas hurweg, ryoruber ein anderer stolpert, vielleicht hatte er gar eine wunde Stelle in seinem Lebeir, oder bedurfte des Haltes einer linden Frauenhand. Aber siehe! der gute, beschrankte Wiedengert war in seinem Denken und Tun so korrekt wie sein leuchtend weißer schmaler Diplomatenscheitel
und feinen etwas steifen pas. Und die junge Frau verlor mehr und mehr den Mut, sich durch ein Bekenntnis von ihrer Angst zu befreien, die je mächtiger wurcc,
je mehr sie sich von der Unantastbarkeit ihres Gatten überzeugte, der sich manchmal artistenmaßig leichtfertig geberdete und doch liicht den geringsten faux-xms Mwegc brachte. Manchmal glaubte sie gar, >h" zu hassen, wie der unter einer Bürde Seufzende den haßt, der frohen Mutes, jeder Last ledig, seine Straße zieht. Und öfter wenn bei eiiiem unbekannten schritt auf der Treppe, bei deni Klang einer fremden Stimme m Korridor, oder wenn ein Brief von ungewöhnlichem Aussehen einlief, die Angst vor Entdeckung die junge | MU innerlich schüttelte, hatte sie gerade den Wunsch, ihren Gatten einer Schuld zeihen zu können. Dann, nach drei labten, kam das erste Kind, die Liese, zwei Jahre spater der Zunge. Zn Frau wiedengert wuchs mächtig das Verantwortlichkeitsgefühl empor. Nun dankte sie Gott für den unanfechtbaren Lharakter des Vaters ihrer Kleinen und nahm ihre Schuld mit allen Folgeerscheinungen als Anlaß zur eignen Verinnerlichung und Heranbildung ihrer Kinder zu fest in sich beruhende,i und doch liebevollen Menseln. Wenn dies Werk emst vollendet sein würde, dann sollte es für sie bei Gatten und Kinder um Absolution bitten, dann wollte sie wahrhaft glücklich in der Zhreu Liebe sein, die sie fortan ohne Luge wurde
genießen dürfen. ^
Das war Frau Wiedengerts große Hoffnung.
Aber auf halbem Wege zum Ziel starb ihr der Gatte. Nun zeigte sich, was an ihr war. Die Witwe mußte wieder Stunden geben. Zn der blühenden provlnzstadt, wo man wiedengert sehr geschätzt hatte, fand sie auch bald einen Wirkungskreis. Aber kümmerlich, sehr kummer- lieb blieb's immer, die Stunde zu funfundsiebz.g Pfennig bis eine Mark! Damals gab's kein gemütliches Staub- wischen wie heute. Da ging alles prestissilno. Früh heraus, husch, husch, die Kinder auf den Trab gebracht, «riefe zur Modistin, Hellmut, den künftigen Feinmeckjaniker, in die Werkstatt, schnell die bescheidene Wohnung mit den alten, großväterlich wiedengert'schen Rtobel» geordnet und dann flink an's verdiene».
Mit den Kindern verband sie eine immer größere Liebe, je ,nehr sie die Tapferkeit der Mutter begr.f en. Bei Liese, der das Verständnis für Frauenmut im Blute lag, gesellte sich bald der Stolz auf das „Aparte im Äußeren der Mutter hinzu, Hellmut, der ein still« Träumergeist war, fühlte sich ihr mmg 'vesenvetwandtt
Dann kam der Ruf der m ihrem Fach genialen Liese als Vutzdirektrice in die Großstadt, wo auch Hellmut, der ungemein Tüchtige und Zdee,weiche, rasch Beschäftigung fand.
