Einzelbild herunterladen
 

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, f - » i

lir 56.

Sonntag, 5. Marz.

1916.

(1. Fortsetzung.!

Zintje.

Ein« Erzählung aus alten Brüssel von Klara Höhrath

(Nachdruck verboten.!

Die beiden Men aus dem Greisenhospiz, Jakke de! Tw-p und sein Freund Jefke Blaes, gingen zur Kirmes.

Der alte öei Trap, den sie mi Hospiz Jakke des Marolles heißen, weil er aus dom Quartier des Marolles stammte und jedem, der es deren wollte, von diesem interessanten Heimatviertel vorschwärmte, der sprach schon seit Woä>en von der Kirmes, bei der er nicht Pchlen dürfe. Die anderen Alten zogen ihn auf mit seiner Kirmes, er ich er schmunzelte verschmitzt: die waren jo nur neidisch!

Jefke, der stille, bedächtige Flamländer, hatte ihn nie onf-gezogen, sondern hatte seinen bunten Beschreib trugen immer rn wortloser Andacht zugehört, rmd nun sollte Jefke zur Beloynung mitgeirammen werden arrf die Kirmes vom lustigen Jakke des Marolles.

Der große Augenblick war endlich da.

Die sckyvere Haustür fiel zu yinter den beiden ver­gnügungssüchtigen Alten, die in ihren bestem schwarzen Anzügen steckten, auf dem Kopte die spiegelnden, etwas zerbeulten Zylinderhüte und eine geschwollene, scharfrosa Papiernelke im Knopfloch. Diese rosa Papiernelke ver­lieb ihnen ein herausfordernd leichtsinniges Ansehen. Ans den .blanken Fenstern des Hospizes sahem viele weiß­haarige Köpfe den zwei Bergnügungsrittern nach. Wie Hochzeiter kommen sie daher!"Ein Mer Starr, dieser Jakke mit seiner Kirmes!" Doch es >war Wohl nur Neid, was ans diesen höhnenden alten Stimmen sprach.

Du, Jefke, wenn ich mal meine Spcndierbuxen arvhab, gvb ich's auch nobel. Laufen können wir noch genug, heute fahren wir." Und Jakke klimperte mit dem Geld in seiner Hosentasche. Die hing schwer hin­unter. Noch am Tage vorher waren die schwarzen An­züge und die glänzenden Zylinderhüte gelüftet worden. Einem Reichen war der einzige Sohn gestorben, und die schlottrigen Alten des Greisenhospizes hatten das blühende Leben höflich zu Grabe geleitet, und der ichnierzverwirrte Vater hatte ihnen, die seinem Sohne die letzte Ehre erwiesen, ein überreiches Trinkgeld ge­geben. Nun klimperte es hell in der Tasche von Jakke des Marolles, und der Tag versprach lustig zu werden für die Alten aus dem stillen Hospiz.

Heda, Kutscher!"

Jakke winkte eine leere Droschke heran.

In die Hoogstraat!" befahl er wichtig.

Gleich nahm das joviale Kutscheraesicht da eine sauertöpfische Miene an. In das Kanaillenviertel frchr er nicht gern.Aber nur bis zur Ecke der Hoogstraat?" fragte er bedingend.

,-Soweit es mir paßt, du Esel", rief Jakke.Du wirft bezahlt und hast uns zu fahren, wohin es uns beliebt. Verstanden? Sv eine Unverschämtheit!"

Jakke schimpfte wacker drauf los, halbvergessene Schimpfwörter aus dom Quartier des Marolles stellten sich zur rechten Zeit wieder zum Gebrauch im Gedächt­nis des Hospizlers ein.

Der Kuticher ichlug ans fern Pferd ein und ließ den Alten hinter sich schimpfen. Er lächelte gemütlich dazu. Dre haben schon Überfracht, feste, die zwei alten Sünder, dachte er. Die rosa Papiernslken und die glänzenden Gesichter der beiden waren ihm gleich bedenklich vorge­kommen.

Und Jakke »chimpfte kort, bis er blaurot, im Gesicht frw. # Jefke starrte ihn währenddem aufmerksam imib neugierig an. Im nächsten Augenblick kann den der Schlag treffen, sagte er sich. Doch das veranlaßt? den phlegmatischen Flamänder nicht, durch ein begütigendes Wort den Freund zu beruhigen.

Jakkes Zorn legte sich denn auch von selbst wieder. Es war ihm sehr warm geworden, aber auch sehr lebens­froh über dom -schimpfen.

Juli war's. Die Sonne schien warm ans das schön» Brüssel herab. Breit und hell lagen die Straßen, di» Wagen rmd die Bahnen fuhren kreuz und gucr, dirrch und nebeneinander her, schick gekleidete Menschen schoben sich auf den breiten Trottoirs langsam an den bunten Ladenauslagen vorüber, vorüber, an den Stühlen und Tischen all der Restaurants lind Caftls. Die hohen vor- nehmen Steinhäuser sahen ivohlwollend auf das flutende Leben herab. Sonne und Schönheit und gefällig» Wohlhabenheit überall.

Die beiden Alten lagen breit zurückgelehnt in ihrer Droschke und schauten überlegen hinunter ans die Meng« zu Fuß.

Jefke hatte die runden blauen Angen weit aufge­rissen. Jakke des Marolles aber bewunderte nichts. Ver­ächtlich schüttelte er die knöcherne Hand, wie sie über den lebhaften Boulevard Anspach und den noch lebhafteren Börsenplatz sichren.

Das ist noch alles nichts. Das ist Brüssel nicht. Da- ist irgendeine langweilige neue Stadt. Laß dir das Gerassel und das Gefahre nicht iiuponicrcn, Jefke. Das ist nicht das rechte Leben, sag ich dir. Bei uns zuhause ist Leben, bei uns in, alten Brüssel. Da weiß man noch was Vergnügen heißt. Da gibt's noch Menschen, dickt gedrängt wie die Ameisen, so wie sich's gehört zur Ge- mütlrchkeit. Nein, Jefke, das hier ist nichts, alles Blendwerk I"

Die Straßen wurden schmaler, nun fuhr der Wagen die alte Steenport hinauf, vorüber an der altersgrauen Eglise de la Ehapelle und in die Hoogstraat hinein.

Sielist du wohl! Sichst du wohl!" triumphierte Jakke, und er stieß dabei den geduldigen Frenud nnans- gesetzt in die Rippen. ,Jetzt bist du bei den Marolles, sieh dich um. Jefke, wie bunt das hier Hernmwiinimelt. Keine Wagen nud Bahnen, alles Menschen, Merl Sieh dich unr."

Ja, Menschen sah Joste, wohin er schaute: es wuselte wie in einem Ameisenhaufen in all den kurzen Sack­gassen, die auf die Hoogstraat mündeten. Die Menschen schienen hier auf der Straße zu leben. Da wurde schmutzige Wäsche gewaschen und Gemüse geputzt, da wurde gestrickt und gehämmert, wurden Kinder gebadeL,

QL

_