i .- -■« Morgen.Beilage des Wiesbadener Tagblatts. .~=»i
Hr. 53.' Sreltag. 5. März. 1916. ~
tSchluk.)
Knne-Marie.
Vtoman von Jlse-Dore Tanner.
(Nachdruck brrboten-t
„Vater" — Dr. Thomas Hellevsort stand hochauf- aerichtet vor seinenr Vater, mit ernstem Gesicht, an dem jede Muskel gespannt erschien: „Vater, dafür, daß m Anne-Maries Vergangenheit nichts rst, .dessen sie sich SU schänren braucht, dafür lege ich meine Hand ins Heuer.
„Sehr schön gesagt, mein Sohn, glaube das auch beinah salbst, aber es genügt für mich schon, wenn dre Familie nicht ganz proper ist. Durch mich ist der Name Hellerfort zu Ansehen. zn^Macht gelangt, du w rs auf diesen Namen, auf den du doch selbst stolz bist, nicht diirch eine unüberlegte Heirat einen Schatten fallen lassen. Bedenke, das; du nicht allein für, dich verant- wörtlich List, wir sind eine Macht un wirtschaftlichen Leben Deutschlands, Hunderte von Menschen sind von
"'^.Bater'h Dr. Thomas Hellerfort trat dicht vor feinen Water hin, legte ihnr die Hand auf die Schulter und iah ihm in die Äugen. „Vater, du List mir seit ich cr- wachsen, der beste Freimd gewaseir, cs ist mein Stolz, dir nie Lewusit einen Kummer bereitet zu haben - glaubst dn denn, ich würde dir eine Tochter Anfuhren wollen, auf der auch nrir der allergeringste Makel ruht? Aber wenn eine unschuldige, reine Frau vielleicht für idi-e Sünden anderer düsst? Wirst.dir dann «auch uner* sittlich sein? Ist der Name, die Familie Hellevfort nicht starck geniig, solch einer Frau ein Schutz zu sein, rar den sich Verleimidnng und Lcisideutung nicht heran-
Der Geh eim rat vermied den Blick des Sohnes. ,,N>m, wir werden ja scheu", brummte er unsicher, „jedenfalls mich Frälllein Miiller uns beiden morgen ganz reinen Wein einschenken. Bringe sie zu mir, so bald sie kommt 11 __ _ _ .
Als Anne-Marie ani nächsten Morgen die Treppen zur Bibliothek in die Höhe stieg, muhte sie daran denken, daß unter nornmlen Verhältnissen Thomas Hellerfort lsie hätte von ihrem Vater erbitten iind dann dem sorni- ,gen zikf.ühreii müssen, iind nun war sie ans dem Wege zit ihm, imr ihm das Geständnis abzulegen, dah sie irnter falschem Namen in sein Haus gekommen. — — —
Sie lmttc gestern abend einen Augenblick überlegt, ob sie nicht Professor Weber damit betrauen solle, den Kommerzienrat ilber sie aufzuklären, aber sie hatte diesen Gedanken dann zurückgewiesen: nern, sie wollte siir sich selbst einstöheii. Und niin war heute morgen etwa-^ geschehen, das sie mit neuem Mut erfüllte, das ihr ein so ziiversichtliches Gefühl aab. als miisse nim auch ihr alles glücken, als dürften sich ihr feine neuen Hrnder- nisse mehr in ihren Lebensweg stellen.
' Sie hatte einen Brief des geliebten Bruders, evhal- len, in dam er ihr mitteilte. das; er und Christine sich gefunden hätten. Damit war Anne-Maries stiller, inniger Herzenswunsch erfüllt: diese beiden liebsten Menschen vereint, cs war fast zu schön, um wahr zu fein. Und diese beiden würden zu ihr halten, was auch kommen möge, sie trat nun nicht mehr von dm Ihren der- fassen, verstoßen vor die Hellerforts. - —»•
Als sie in die Bibliothek eintrat, kam Thomas Heller« fort ihr imit schnellen Schritten entgegen. Cr ergriff ihre Hände und zog sie an sich, sie einen Augenolick innig an seine Brust pressend. Dann loste er mit zarter Be- hutsamkeit dm Hiit von ihrem Haar und half ihr ans
idem Jackett. r w
„Mein Vater wartet aus uns , sagte er lese. „Und Anne-Marie, es gibt nichts, nichts, das nnS trenne!*
Der Kommerzienrat erhob sich hastig von seinem Schreibtisch beim Offnen der Tüp auf feinem Gesicht lag eine gewisse Verlegenheit und Spannung. Cr streckte AnneMarie die Hand hin und druckte sie fest, wie e» seine Gewohnheit war. ,
,/Fränlein Müller, mein Schn sagt mir — begann er in mrgewchnterHast, aberAnneMarie unterbrach ihn.
,^Herr Kommerzienrat, bevor ich Sie bitten aann, mich als Ihre Tochter anzunchmen, muh ich Jbneir mt Geständnis macksen >—■" ihre Stimme «ichwank^e le>ast und sie spürte plötzlich ein Zittern in dm Kmen und nähint dankbar den Klubsessel, den Dhont.is ihr hlNschob. Sein Gesicht war sehr bleich geworden und seine Angen richten fest auf ihrem Gesicht, svährend er neben ihr sichen blieb, ihre Hand in der feinen haltend.
' „Ich bin nicht Anne-Marie Müller, als.die ich mich hier bei Ihnen emfichrte, oder vielmehr — ich war nicht immer Anne-Marie Müller -- ■ • ich bin Prinzessin Anne-MIarie von Jllburg-Wiesenhemi, sagte Anne- Marie mit halberstickter Stimme. ,
Thomas lieh ihre Hand fallen und grrfi, einen. Halt suchend, nach einem Stuhl, auf den er sich schwer nieder- fallen lieh. Sein Water fuhr mehrmals mit der Hand durch sein dichtes, graues Haar, sein Gesicht war sihr rot geworden. . . ^ r r . r . r
„Wie ist mir denn — diesen Namen habe ich doch kürzlich erst in der Ze-tung gelesen", sagte er m^das voll- ständige Schweigen, das einen Augenblick herrschte.
„.Ja, Herr Kommerzienrat, Sie werden gelesen haben, dah Prinzessin Anne-Marie von ^;llonrg-Wwsen. heim nervenkrank ist .und sich in einer Hei.anstalt oer Schweiz befindet", sagte Anne-Marie bitter. „Ich habe diese Notiz auch gelesen, hier in Berlin — ich bin diese Prinzessin Anne-Marie, und daß ich weder nerventrem bin, noch mich in der Schweiz auifhalte, wissen so gut wie ich selbst." ..
Und sie begann zu erzählen, von ihrer .Jugendzeit, ihren Kämpfen, ihrer Flucht, ihrer entsetzlichen Furcht vor der Entdeckung und deren Folgen und endlich von der Anwesenheit Karl-Friedrichs in Berlui und seinem Versprechen, ihr Schutz und Stütze sein zn wollen. ^ Der alte Hellerfort schüttelte den Kops: „Das ist ja wie ein Märchen — wie ein Nonmn —" sagte er schwer.
Anne-Marie schnellte in die Höhe: „Wenn das heißen 5oll, daß Sie nrir nicht glauben. Herr Koamierzienrc^ Herr Professor Weber svird alle meine Angaben
faßte begütigend nach ihrer Hand: »Mein liebeS.
