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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, n—u

nt, 52. _ Donnerstag, 2. März. # I9!6.

(17. Fortsetzung.?

Bltne-HTarfe. (Nachdruck verboten.!

Roman von Jlse-Dore Tannrr»

Mt dankbaren Gefühlen trat nach fast schlaflos ver­brachter Nacht Anne-Dtarie ihren gewohnten Gang zu Grer täglichm Arbeit an. Es war ihr lote ein Wunder, «die zitternde Angst vor der Entdeckung Lurch Dr. Schwarz, vor dem Schicksal, das ihr durch den Zorn des Vaters drohte, die Erregung des Wiedersehens mit dem Bruder, in dessen treue Hände sie ihr Schicksal legte, der Erfolg seiner Unterredung mit Dr. Schwarz —• die Ent- sp.annung nach all der Dual, nach all den bedrückenden Wirrnissen der letzten Zeit. Nun wußte wenigstens ihr Karl-Friedrich, tvo sie war, daß sie, wenn auch nicht mehr als Prinzessin, ihrem Weg ging, aber daß sie ihn gehen würde hocherhobenen Hauptes als eine Frau, die sich selbst iihr Schicksal sckiafft. Wenn das -vorläufig dom Erbprinzen Karl-Friedrich noch unverständlich war, der Bruder war auf dem Wege, es verständlich zu findm. Und über alles, was sonst noch unklar war, würde ihr ldie große, tveue Freundin helfen, die sie sich erkirrn: die Arbeit, der chr ganzes Herz gehörte.

Niemand hatte, so meinte sie, etwas von ihren !Sor.gen geahnt. Sdisnrand würde merken, daß sie jetzt mit etwas erleichtertem .Herzen dam, noch etwas wie ein Abglanz der Freude über das Wiedersehen mit dem Bruder über ihrem Wesen lag.

Und doch: einer sah e§. Thomas Hellevfort mit den von brennendem Interesse für diese Mädchenerscheinnng geschärften Augen. Er hatte oft in der letzten Zeit da­gegen kämpfen müssen, sie zu fragen: Was fchlt Ihnen, Anne-Marie? — sagen Sie es mir — ich möchte Ihnen helfen — in schlaflosen Nächten peinigten ihn die Ge­danken, daß sie nie von daheim sprach, daß sie immer so allein war — und die angstvolle Gewißheit, daß ein Geheimnis sie umschwebe.

Als er heilte — sie war schon mehrere Stunden fleißig gewesen — sie begrüßt hatte, hatte er plötzlich die Empfindung, daß sie anders war, freier, als ob eine schwere Last von ihr genommen sei. Nicht Glück stand in diesen grauen, ernsten Augen, aber es lag heut mehr, viel mehr Rrche darin als sonst. Ob — ja, ob sie sich woihl verlobt hatte — ob die Ungewißheit einer Steigung -ihr Wesen so traurig gemacht hatte?

Sein Blick ging Über ihre schönen Hände, aber «außer den beiden Ringen, die sie sonst trug, von denen der eine ein kostbarer Schlangenrmg mit Rrchin ilnd kDiamant, der andere ein einfacher Reif mit einem Tüvkissteiu war, war kein dritter zu erblicken. Und hoch! Es war doch ganz undenkbar, daß Anne-Marie Müller nicht Eindruck machen, Liebe erlvecken sollte. Wie glücklich mußte der sein, dessen Liebe sie erwiderte.

Es stieg ihm heiß zum Herzen empört Gewißheit wollte er haben auf jeden Fall, schon desllialb Gewiß­heit, weil -sein Vater ihm schon Andeutungen gemacht hatte, daß er eine baldige Verlobung mit Mila Hof- mann gern sehen wüvde — Gewißheit, ehe er wieder auf die Reise ging, die letzte vor Antritt seiner Direktor- stellung in den Werken seines Vaters, die ihn wach Kairo Lüh«n sollt».

-Wie müßig war es doch gewesen, wenn er manch­mal gelegentlich freundschaftlichen Verkehrs in befreun­deten Familien oder aus Reisen oder auf großen, bun­ten, lauten Festen sich gedacht: Möchtest du diese oder jene wähl zilr Frau haben — hier di? elegante Tochter des reichen Banldirektors oder dort die rotblonde Tochter des modernen Malers, oder da die trotz aller Resenvierlheit liebenswürdige Tochter des ländlichen Edelmannes ans der alten Schule mit dam verblaßten Schimlnrer der Tradition der sechzehn Ahnen int Hinter­gründe oder jenes forsche Offizierstöchterleirt, das im Stall so gut Bescheid weiß wie im Salon, das mit sicherer Hand ein Pferd meistert, und wenn'S darum ginge — sogar ein Rennen mitreiten würde. Oder die fast überschlanke Gelehrtentochtcr, die selbst eine halbe Gelehrte war und die alles andere als die Wissenschaft ering achtete — er wußte wohl — so leicht hätte keine en Dr. Thomas Hellerfort mit einem Korbe nach Hause geschickt — aber nein — allen diesen gegenüber war sein Herz rtchig und kühl geblieben, und hin und int .der hatte sein Vater ihm einen Vorwurf daraus gemacht. „Wenn du noch keine gefunden hast, die du liebst, dann wirst dit glücklich den Anschluß verpassen, Thomas, du bist 35 Jahre alt, Zeit, daß ein Mann von deiner Stel­lung und deinem Vermögen sich ein eigenes HanS schafft." Mila Hofmann schielt der letzte Versuch.

Und lächelnd hatte Thomas seines Vaters Vorwurf ausgenommen, -hm sogar recht gegeben. „Dann find? ich wohl die nicht, die mir die Wahre, Rechte, die wirk­lich Erwählte wäre, dann — ja, dann wird mich die Konvention schließlich in des Ehebandes Fesseln schlagen, ich werde eine stille, hübsche Frau suchen, die mein Haus repräsentiert und wir wcrdeil ruhig und zufrie­den nebeneinander leben und lins das Läden nicht in* nütz schwer machen" — und nun war sie über ihn ge- kommen mit aller Gewalt, die Liebe des Mannes zu deut Weibe seiner Wahl.

Als er sie heule wiedersah nach dein Tage des Fern­bleibens, da war es entschieden, da wußte er, wo er das große Glück seines Lebens, das ihm des Vaters Rcich- tümer nicht bedeuteten, zu finden hatte.

Als der Diener den Kunstsaal verlassen hatte, machte er sick> in der Bibliothek zu tun, er holte ein Kunst- geschichtswerk ans dem Schranke und blätterte -daritt, während sein Blick den über die Hefte geneigten Kopf Anne-Maries verfolgte.

Als sie, mit einer Eintragung fertig geworden, sie von sich schob und ausstand, um ein neues Buch zu holen, stand er -ihr mit einem Male gegenüber.

„Darf ich Sie etwas fragen, mein gändiges Frön-, lein?"

Sie nickte befremdet mit dem Kopf, dann kam ein kühles: „Bitte" über ihre Lippen.

„Sie haben sich gestern verlobt, Fräulein Müller?"

Sie wollte staunen über diese Frage, aber sie konnte nicht, denn ihr Ohr hörte «inen Unterton heraus, der ihr mehr zu sagen schien — der sie vorznbereilen schien