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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i °- ..^b )

Nr. 51. Mittwoch» 1. Marz. 1916.

(16. Fortsetzung.)

slnne-Marie.

Roman von Jlse-Dore Lanner,

(Nachdruck verboten.)

Erbprinz Karl-Friedvich hatte, als er Anne-Maries dringende Depesche erhielt, aus der er nicht erschen konnte, wie lange Zeit er in Berlin bleiben müsse, vier Lage Urlartb genominen. Zwei freie Lage lagen noch vor ihm, als er sich von Anne-Marie trennte, und er war froh darüber. Sonst ohne jode Spur von ,-Nerven", hatte ihn dock) die große gowaltige Über­raschung, nach so langer Ungewißheit direkt von der Schwester zu hören, dos Wiedersehen und das Hinein» Lenken in ihr verändertes Lüben so erregt, daß er vom Dienst und namentlich von dem Umgang mit den Kame­raden inr Augenblick noch nichts wissen mochte. Er mutzte erst ganz damit tertig lern — mit denn Gedan­ken, daß Anne-Marie trotz alledem den selbstgewählten Weg des eigenen Könnens und der Kraft ging. Und dann noch eins: er hatte damals in tiefstem Schmerze über Anne-Maries geheimnisvolles und spurloses Ver- fchwinden mit ihrer einzigen Freundin ein Schutz- und

Trutzbündnis geschlossen, ihr üeizustehen-nun

wohl, diese treue Verbündete hatte doch die erste An­wartschaft darauf, daß er ihr mttteilte, daß er Anne- IMarie gefunden und wie er sie gefunden und das .Schlimmste von 'hr abqowen-det habe.

So bestellte er telephonisch sein Automobil an die Raupach zunächst belegene Station und fuhr, unbe­kümmert darlvnl. daß er Zivil-Reiseanzug trug, nach Schloß Raupach. Der Haushofmeister zog die Augen­brauen fast bis zur Stirn vor Erstaunen, als er den Erbprinzen in Zivil vor sich sah. und Fürstin Ehriftine, als sie in den kleinen Salon trat, wo er auf sie war­tete, wußte mit einem Male, daß ihn etwas ganz Be­sonderes zu ihr führte.

„Verzeihen Durchlaucht, daß ich im Neiseanzug heut erscheine —"

Sie hatte ihm 'die Hand gereicht, die er küßte, ihre großen, leicht verschleierten Augen waren mit dem Aus­druck größter Spannung auf ihn gerichtet, und die Worte: „Anne-Marie — Erbprinz Jllburg —> Sie

hoben Nachricht von Anne-Marie!" kamen schnell und flöhend von ihren Lippen.

„Ich habe Anne-Marie gesehen und gesprochen-

und ehe ich Ihnen erzähle, Durchlaucht, wie und wo, möchte ich erst meiner Schwester treueste Grüße brin­gen. Sie denkt Ihrer in alter Zuneigung in dein neuen Leben, >das sie sich geschaffen hat."

Ehriftine war in einen Sessel gesunken und schwere, glänzende Tränen standen in ihren Augen. „Und sie kommt nicht wieder, sie will niemals wieder Prinzessin Anne-Marie sein?"

Der Erbprinz setzte sich der Fürstin gegenüber nn begann er zu erzählen — von dem Augenblick an, man ihm Anne-Maries Depesche gebracht hatte — ihren Ruf nach Hilfe aus der Gefahr, die ihr drohte, von dem Glück des Wiedersehens, von Dr. Schwarz und fernem Sieg über ihn und über seinen Vater. Immer klarer, ininner lichtvoller, immer verständlicher erstand das Bild der Freundin vor Christines Seele, und sie

fand wieder die Worie, die sie damals gesagt, oJ4 Karl-Friedrich und sie ratlos sich gegenüberstanden: „Ich könnte sie beneiden-"

„Nicht doch. Durchlaucht — ein Leben außerhalb der Tradition in Selbständigkeit und Arbeit, wie meine Schwester es sich jetzt aufgebaut hat, wiirde Ihnen nicht zusagen — um das alles zu überwinden. dazu gehört eine Natur, wie Anne-Marie sie bat. Diese herbe Art, die ihr Wohl angeboren, aber durch die freudlose Jugend erstarkt und gewachsen ist — dieses, nun sie es einmal, durch die Verhältnisse gezwungen, .damit gewagt hat, .dieses unbekümmerte Darüberstchen, ohne nach der Meinung der Welt zu fragen — die ist nicht die Ihrige, soll es auch nicht sein."

„Sie haben recht, Erbprinz Jllburg — es ist ja doch müßig über dem Einst zu grübeln, das uns in das Leben so stellte, wie wir mm darin stehen — aber, wenn man daran denkt, daß man doch noch wahrscheinlich ein langes Leben vor sich 'hat und —• trotzdem man gelernt hat, mehr man selbst zu sein — nie so wird tun dürfen, wie man gern will — selbst tu Kleinigkeiten und — im Großen auch, z. B. in Lorenz' Erziehung, die schon jetzt sckwierig ist, so steht dieses Leben doch wie ein unersteig­barer Berg, und dunkel, ohne Licht vor rms."

Karl-Friedrich erschrak, sein treues, tapferes Herz, !das die einsame, süvstliche Frau mit so inniger Zu­neigung liebte, begehrte auf gegen diese fast tragische Resignation der jungen Frau, die dock» noch nicht ein- mal die Höhe des Lebens erreicht hatte. — Was er ihr hatte schreiben wollen — morgen — übermorgen oder wenn er noch mehr Anne-Maries Schicksal überwunden hatte, das kam jetzt über ihn.

Er sprang auf und trat dicht vor sie hin: „Fürstin Christine, -— ich kann das nicht hören, daß Ihr Loben dunkel und lichilos sein wird — ich — ich flehe Sie an, lassen Sie mich versuchen, ob ich es Ihnen lichtvoll und freundlich gestalten kann."

Sie sah ihn befremdet an — und dann kam ihr jäh und überraschend die Gewißheit, was Kart-Friedrich meinte. Und das — bas war ja unmöglich. Erbprinz Karl-Friedrich von Jllburg-Wiesenheim wollte Hr Leben licht machen, 'der doch jedes junge fürstliche Mäd­chen zur Braut begehren konnte — der stand hier wer­bend vor ihr, der Witwe mit den traurigen Erfahrun­gen einer jammervollen Ehe, vor der Mutter eines un- geberdigen Fürstensohnes, vor der unselbständigen, erst von den: Vormund, dann von der Schwiegermutter ge­leiteten Frau?

Sie wollte etwas sagen ober fragen, sie konnte eS nicht — sie saß wie versteinert in dem Sessel und wie ein Rauschen gingen seine Liebesworte -Mer sie hin: „Christine, ich habe Sie lieben gelernt in dieser ernsten Zeit unseres Bündnisses für Anne-Marie — nicht im Strudel oberflächlichen Kennens und heiteren Lebens­genusses -glauben Sie denn nicht, daß Sie an

meiner Seite noch eine glückliche Frau werden können — glaiiben Sie mir nicht, wenn ich Ihnen sage, dgß ich