Nr. 50.
Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Dienstag» 29. Februar.
(15. Fortsetzung.!
Knne-Marie.
Roman von Jlse-Dore Tauner.
(Nachdruck verboten.!
Anne-Marie schritt in halber Betäubung auf dem Bahnsteig ans und ab. Sie dachte nicht mehr daran, einen Zug zu besteigen unb zu Webers zu fahren.
Da war es nun, das Furchtbare, das ihr st eben zu zerstören drohte. Dieser Doktor Schwarz war ein Aw gesandter ihres Vaters, vielleicht gar ein Detektiv, ein Mensch, dazu anseksehen, sie in des Fürsten Gewalt zu liefern, damit sie ihr Loben in Einsamkeit und unter ständiger Aufsicht verbringe, lind nur noch um Stunden, bestenfalls um Tage konnte es sich handeln, bis er seiner Sache ganz sicher war.
Ein Schairder nberkam sie — nein, wenn kern A us- weg mehr blieb, dann wollte sie lieber ihr Lebcii von sich werfen, als es als Lobendigtotc durch trostlose Jahre zu schleppen. „ , _
Aber noch gab sie sich mcht Perloren, noch wollte sie kämpfen. Es war ja des Kampfes wert, dieses Leben, das ihr jetzt erst so recht lobenswert erschien. Das Bild Thomas Hellerforts erschien vor ihrem geistigen Auge, und ihr Herz klopfte schmerzhajt stark.
Was er wohl denken würde. wenn sie so plötzlich ver- schwände, wenn er niomals hörte, was aus Fräulein Müller geworden? Und sie mußte an jenen tiefen Blick denken, unit dom er sie neulich bei ihrem letzten Zrr- sammensein angesehen hatte. , ^ ^ ,
Sie atmete tief auf — ja, das Loben bot noch Glückesmöglichkeiten für sic hier in der Freiheit — diese Freiheit allein war ja schon Glück.
Wie eine Erleuchtung kam ihr plötzlich der Gedanke an Karl-Friedrich. Er »var der einzige, der hier Helfen konnte. Mit schnellem Schritt verliest sie den Bahnsteig. Sie erfragte das nächste Postamt und gab dort ein Telegramm an den Erbprinzen von Jllburg-Wiesen- heim auf: .
„Bin in großer Gefahr. Branche Derne Hule. Er- warte Dich morgen früh 8 Uhr 35 Bahnhof Friedrich- straße. Anne-Marie."
Anne-Marie ging schon seit acht Uhr morgens auf denn Bahnhof Friedrichstraße auf und ab. Es war ein kühler Borfrühl-ingsmorgen und sie fror bis ins innerste Mark, mehr wohl noch vor Aufregung als vor Kälte. LH Karl-Friedrich ihr Telegramm erhalten Hatto irnd ob er wohl kommen wände? Es konnte ja auch sein, daß ‘er gar nicht in seiner Garnison gewesen, und was sollte dann werden? . _ „
Der Zug fuhr brauseid in die Halle — alle Srnne angespannt, in bebender Erwartung liest Anne-Marie die Wagenfenster an sich vorüber gleiten. Da •— ein leiser Freudenschrei entfuhr ihr, da blickte des Bruders geliebtes Gesicht blaß und gespannt aus einem Fenster der ersten Klasse.
Jetzt hatte er sie gesehen, jähe Röte führ chm bis unter die Stirn und karrm, -daß der Zug hielt, war er
r : entstiegen. Und dann hielten die Geschwister sich den Armen, und während Anne-MariesAugen un- aufhaltsam die Tränen entströmten, strich Karl-Friedrich fhr zärtlich beruhigend über Wange rrnd Schulter, aber seine Augen waren ebenfalls feucht.
„Meine böse, alte Anne-Marie, was .hast du nur für Kummer und Sorgen gemacht", sagte er weich.
„Ach. Karl-Friedrich, wenn meine Schul ircht nach dir, nach Christine nicht gewesen wäre, so wäre ich fast ' vollkommen glücklich hier gewesen. Jetzt gerade hat sich mein Leben so günstig gestaltet, ich habe einen Berus, der mir Freude und Befriedigung gibt, liebe Freunde, und da must nun jetzt dieser Doktor Schwarz hier auf* tauchen-" , t ,
„Doktor Schwarz-also hat er dich doch gefun
den —" Karl-Friedrich war blaß geworden.
„Ist er ein Abgesandter unseres Vaters? Ein Detektiv? Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen — — doch komm, Karl-Friedrich, die Leute werden schon aufmerksam. Nicht weit von hier ist eine kleine, feine Konditorei, iwti diese Zeit ganz leer, da können wir ungestört sprechen." , ^ , , .
Während die Geschwister Arm in Arm den Bahnhof verließen und in die Konditorei eintraten, folgte ihnen Doktor Schwarz in geringer Entfernung und liest sich dann in dom gegenüberliegenden Bierlokal am Fenster nieder.
Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, es dauerte über zwei Stunden, bis das Paar wieder ans die Straße trat, der Herr ein Auto herbeiwinkte und sie dann gemeinsam einstiegen. In angemessener Entfernung folgte ihnen ein zweites Auto, in dein Herr Dr. Schwarz säst. ,
Die Ähnlichkeit des Erbprinzen mit seinem Vater war eine so große, daß Dr. Schwarz in ihm sofort den nähen Verwandten des Jllburgschen Hauses erkannt hatte, aber die weiteren Zusammenhänge waren ihm cwnz unklar. Nur daß Fräulein Miiller wirklich Prinzessin Anne-Marie war, das wußte er jetzt. Auf jeden Fall nrußte er eine Unterredung mit diesem Herrn, der wahrscheinlich der Erbprinz war, nachsnchen.
Wer er kam nicht dazu. Als er wenige Minuten nach dom jungen Paare in der Pension Medingcr an- langte, teilte ihm der Portier sofort mit, daß der Bruder von Fräulein Müller angekommen sei und Herrn Dr. Schwarz bäte, ihn zwecks einer wichtigen Rücksprache im Salon der Pension anfzmuchen.
Da standen sich nun wenige Augenblicke später die beiden Männer gegenüber. Herr Dr. SckKvarz verneigte
sich tief. r . ,,
„Ich habe Durchlaucht sofort an der Ähnlnhkert mit Ihrem Herrn Vater erkannt."
„Ja, das war kein Kunststück, aber daß Sie nrerne .unglückliche Sckwester wirklich ailfgefunden haben, das macht Ihrem Scharfsinn alle Ehre." Der Erbprinz bot Dr. Schwarz liebenswürdig dis Hand und forderte chn zum Sitzen auf.
„Niln, wenn ich ehrlich sein soll, Durchlaucht, ganz sicher war ich meiner 'Sache erst, als ich Sie heute auf. dem Bahnhof gaschen-" der Erbprinz blickte überrascht auf-„immerhin hätte ich morgen eine Be
stätigung meines Verdachtes in Händen gehalten, denn ich habe Ihren Herrn Vater -um Übersendung einep
