-■' Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblai ts. i «—
nv. 49. Sonntag» 27. Februar.___ 1916.
114. Fortsetzung.)
Anne-Marie.
Roman von Jlse-Dore Tannrr.
(Nachdruck verboten.!
- In der Pension Medinger war ein neuer Gast er- schienen, Dr. Sckwarz aus Danzig, -er sich Prwat- studiert halber, wie er Frau Jnstrzrat erzählt 'Hatte, einige Zeit in Berlin authalten wollte. Er hatte ein^ der besten Ziinnier genommen, ohne &it handeln den Pensionspreis twmrilltflt und hatte «seiner Liebenswürdigkeit, die er schon bei den Unterhandlungen bewiesen, die Krone aufgesetzt, indem er, als er den ersten Tag spät sein erstes Frühstück iin Speisezmrmer nahm, Frail Justizrat Medingers Rat wegen einiger guter Berliner Firmen in Anspruch nahm. Ganz gewandt lenkte er dann das Gespräch auf das Berliner Leiben tut allgemeinen, ans eine Fremdenpension int besonderen ttnd fragte, ob die Pension Medinger gut besetzt sei,
Dieise teilnehmende Frage war für Frau Justizrat Medinger Anlatz, sofort über die Licht- und Schattenseiten ihres Berufs zu sprechen, wobei sic natürlich — in Gegenwart eines so noblen Gastes — die Lichtseiten überwiegen lietz und da ivar cs nur noch ein kurzer Sprung bis zur Beschreibung und Nennung ihrer
Pensionäre. ... „ ..
Dr. Schwarz hörte aufnterbiam zu, erwog die Nauren und Berufe schnell in feinen Gedanken.
Es war Sonntag mittags, als er, zum ersten Male mitspeifeud, den Herrsck-aftcn der Pension Medinger kwmvstellt wurde. Fräulein Müller - Herr Dr,
«Schwarz-- das Schicksal hatte Dr. Schwarz zu
Anne-Maries Diffchnachbar gonracht. Sie neigte, als er sich tadellos vor ihr verbeugend seinen Platz ent- nchiiien wollte, in einer solchen kühl reservierten, fast abweisenden Art den blonden Kopf, Netz einen so ent- schiedcn gleichgültigen Blick über ihn hu,gehen, das; er stutzte Mer als Mann von Welt wutzte er dieser Art von Behandlung zu begegnen. Bescheiden und zurückhaltend, hatte er nur Aufmerksamkeit, wie sie au ge- meinfamer Taffel wohl erwiesen werdcit — rind Annc- Marie, die cinscch, datz sic hier in ihrer abweisenden Art iwohl zu weit gegangen, lieh sich herbei, hier und da vin Wort in .die Unterhaltung zu geben. Aber als die Wrige Gesellschaft noch beim gleich nach Tisch servrer- ten Kafffee ein Weilchen zusammenblickb, empfahl sich Anne-Marie.
„Mer bestes Fräulein Müller", rief die Jnstizrätin, „schenken Sie uns wieder nicht ein Stündchen Ihrer
Gegeutvart?" t .
„Ich fahre nach Zohlcudorf, Frau Justizrat, und da ich frühzeitig zurück sein nröchtc, ist cs höchste Zeit fnr wich."
Sie reichte der Justizrätin die Hand liitd verbeugte sich leicht gegen die Zurückbleibeuden.
„Immer wie eine Prinzessin!" sagte der Kasiell- dneister Ohnesovge, der lcberleidend und stets etwas galliger Laune war, wenn er nicht den Mittelpimkt der Gesellschaft bildete. .....
„Prinzessin!" Dr. Schwarz stlitzte. Merkwürdig, Hatz gerade dieses Wort fiel. Mer wenn auch — der Auftrag, die Prinzessin Anne-Marie ausfindig zu
»rachen, war natürlich stets der Hauptgedanke, um den sich seine übrigen Gedankeii drohten.
Es wäre ja eigentlich kaum denkbar, datz er, nach- dom er nun vierzehn Tage, ohne jeden kleinsten An- Ixilt zu finden, in Berliner Pensionen zilgebracht Hatte, hier auf den ersten Schlag zuin Ziele, koiuinen lollte! Und so linanches stimmte doch auch nicht. Von inner starken Nervenroizung seiner Tochter, sogar von Ncwen- krankheit hatte Fürst Karl Max von ^llburg-Wieien- heim gesprochen — und das — das traf keinesfalls aus Fräulein Müller zu. Dr. Sckwarz wutzte, lvas cs be- deutet, mit nervösen Menschen z» tun zu «haben, an diesonr Fräulein Müller war alles Ruhe geweseii, Diszipliniertheit sin Wesen uud Spreck^n — iiud wtz sie alleinstand und keine Angehörigen hatte, nun, das kalin dock) wohl öfter vor.
Ilnd «dann — Bibliothekarin — er kannte ja Anne- Marie nicht, und des Fürsten sonst ganz genaue An- gaben hatten doch ein anderes Bild von ihr gegeben — die Prinzessin Jllburg-Wiesenheim wurde sich dock) Muk als Bibliothekarin von einem reichen Wcann engagieren lassen.
Es war nicht zu leugnen, datz Dr. Sckwarz sich all- goineilter Beliebtheit in der Pension Medinger erfreut^ dank seiner sich allen Gästen gegenüber stets gleich bleibenden Liebenswürdigkeit und tadellos hoslichen Manieren.
„Sie haben cirtschieden eine Eroberung an ihm ge- macht, Fräulein Müller", meinte Fräulein von Kainler scherzend zu Anne-Marie. „er sieht Sic oft ganz vcr- suiikeii an, so als studiere.er Ihr Gesicht, sibrrgens merkwürdig wenig zu tun scheint der gute Mann zu haben, er ist doch der erste -bei allen Mahlzeiten niid der letzte, der aufiteht."
„Mir ist er nicht gerade sympathisch", sagte Anne- Marte, und das war eigentlich noch milde ansgedruckt, sie hatte, sie wutzte eigentlich selbst nicht, warum, .eure direkte Abneigung gegen ihn. U»> doch war er »enres- iallS ailsdrinqlich, wie Herr Fclbctffohn „nangeneynten Angedenkens, utid hatte tadellose Pkanreren, aber Latz er sich anscheinend so ganz besonders interessiert mrt ihr beschäftigte,' verursachte ihr ein »»behagliches Gefühl.
Es trzar beim Miltagesse.it desselben Tages, als Herr Dr. Schwarz davon erzählte, datz er der 'Sohn eines Landwirtes -sei und das Landleben über alles liebe.
„Und Sie, gnädiges Fräulein. stammelt auch vorn Lande, wie ich gehört habe. Wird es Ahneir da nlcht schwer, sich in den: grotzen Berlin cinzuleben? Oder waren Sie zwischeitdnrch schon in einer grötzeren Stadt?
Anne-Marie überhörte scheinbar die letzte Frage und sagte ruhig: „Ich habe mich sehr gut hier in Berlin ein-, gelebt und -ntächte nicht wieder aufs Land zurück." „
„Sie kamen doch aber aus Dresden hierher, Frau- lein Miller, tricht wahr?" meinte Frau Justizrat Medinger, die sich an die diesbezügliche Eintragung in ihrem Frcknwenbnch erinnerte.
